Im Gespräch mit elf deutschen Managern in China – Gesicht, Sinn für Scham und weitere Besonderheiten der chinesischen Geschäftskultur


Diplomarbeit, 2010

129 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Deutsches Management in China
1.1 Die Rolle des deutschen Managers in China
1.2 Das Management-Umfeld
1.3 Konflikte

2 Gesicht und Sinn für Scham
2.1 Begriffe
2.1.1 Gesicht
2.1.2 Die Scham und das Selbst
2.2 Die Bestandteile von Gesicht
2.3 Die Verquickung von Gesicht und Scham
2.4 Konfuzianismus und Scham
2.4.1 Die historischen Lehren
2.4.2 Gesicht in Japan und Korea gestern und heute
2.5 Die öffentliche Beschämung
2.6 Scham, Macht und Status

3 Forschungsprozess
3.1 Ziel der empirischen Untersuchung
3.2 Teilnehmer der empirischen Untersuchung
3.3 Interviews
3.3.1 Interviewvorbereitung
3.3.2 Interviewinhalt
3.3.3 Interviewdurchführung
3.4 Auswertung der Daten

4 Ergebnisdarstellung
4.1 Gesicht und Sinn für Scham
4.1.1 Gesichtsverlust und Scham
4.1.2 Beabsichtigte Beschämung / Gesicht nehmen
4.1.3 Gesicht wahren / öffentliche Scham vermeiden
4.1.4 Gesicht geben und Gesicht gewinnen
4.2 Weitere Besonderheiten der chinesischen Geschäftskultur
4.2.1 Indirektes Denken und Kommunizieren
4.2.2 Indirekte Konflikte
4.2.3 Motivieren von Mitarbeitern
4.2.4 Sanktionieren von Mitarbeitern
4.2.5 Aversion Verantwortung zu übernehmen
4.2.6 Anderes Priorisieren
4.2.7 Serielles Abarbeiten von Aufgaben
4.2.8 Flexibilität
4.2.9 Umgang mit Problemen
4.2.10 Resistenz gegen Veränderungen
4.2.11 Unterbrechungen
4.2.12 Hierarchie- und Rollendenken
4.2.13 Abteilungsorientierung
4.2.14 Guanxi
4.2.15 Notwendigkeit von Vorgaben und Richtlinien
4.2.16 Als deutsche Führungskraft in China
4.2.17 Geschäftskultur im Wandel
4.2.18 Die andere Kulturrealität

5 Zusammenfassung und Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang
A1 Transkriptionsrichtlinien und Anonymisierung

Danksagung

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Das verknüpfte und das unabhängige Selbst

Tabelle 1: Die vier chinesischen Hauptschamarten

Tabelle 2: Die Interviewpartner

Tabelle 3: Die Bestandteile von Gesicht

Tabelle 4: Möglicher Umgang mit der chinesischen Geschäftskultur

Einleitung

Ich erinnere mich, wie ich im Spätsommer vor zwei Jahren mit dem Zug von Moskau nach Irkutsk unterwegs war, um dann irgendwann später in die Volksrepublik China einzureisen. Ich stand im Gang des Zuges, um mir eine Pause von den mitreisenden Russen in meinem Abteil zu gönnen, und wurde auf drei Chinesen aufmerksam. Die- se gingen zügig durch den Gang, an mir vorbei, öffneten die Tür zum nächsten Wag- gon, traten hindurch, aber schlossen nicht die Waggontür hinter sich. Mir kam das Verhalten seltsam entrückt vor. Am nächsten Tag sah ich die drei Chinesen wieder schnellen Schritts durch den Zug streifen, wieder schlossen sie nicht hinter sich die Waggontür, die Tür klaffte, das metallerne Rattern des Zuges wurde laut. Diesmal stand ein russischer Passagier in der Nähe und rief ihnen einen kurzen He-Laut hin- terher, er winkte einen der Chinesen heran und gab ihm zu verstehen, dass die Tür zu schließen sei. Der Chinese schloss sie ohne irgendeinen Gefühlsausdruck preis- zugeben. Was man über den Vorgang sagen konnte, war, dass er die Tür schloss. Nicht mehr und nicht weniger.

Die chinesische Kultur bietet dem Gast etwas, was bei dem Aufenthalt in anderen Ländern lediglich ein Nichtverstehen sein kann und dann mitunter in eine Abneigung oder ein Mögen mündet. Das Äquivalent dazu in China ist ein kontinuierliches Ver- blüfftsein: Der Lernprozess über die chinesische Kultur vollzieht sich im besten Fall über Monate, im Normalfall über Jahre. Gesicht. Es gibt einfachere Konzepte eine Kultur zu beschreiben: China wird ein kollektivistischer Charakter zugeschrieben, eine große Machtdistanz und ähnliches. Solche Konzepte erforderten nicht viel Vor- stellungsgabe. Gesicht blieb ein Mysterium.

Dabei waren viele Situationen, wie die im Zug in Sibirien, mit einer einfachen Erklä- rung abzutun, nicht mehr als eine Faustformel zum chinesischen Gesicht. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Das Lernen über Gesicht hatte systemische Mängel. In der deutschsprachigen Lite- ratur zu China kursieren zwei Standardsituationen: Einmal reisen westliche Gäste zur Verhandlung nach China, verhalten sich nach chinesischen Maßstäben unangemes- sen, und fliegen unverrichteter Dinge, gesichtslos, zurück in die Heimat. In der ande- ren Situation erklärt der deutsche Manager seinem chinesischen Mitarbeiter ohne Umschweife, dass er fehlerhaft gearbeitet hat, die Offenheit habe den Gesichtsver- lust zur Folge, der westliche Manager habe in der Situation versagt. Wie realistisch solche Begebenheiten sind, ist eine Frage dieser Forschungsarbeit.

Die deutschsprachige Literatur zum Thema weist jedoch noch einen weiteren, schwerer wiegenden Mangel auf. Eine Gesichtssituation kann nicht mit Gesicht allein erklärt werden. Gesicht ist der Ausdruck dahinter wirkender psychologischer Kräfte. Einen Blitz bei einem Gewitter auf das augenscheinliche Lichtflackern zu reduzieren, kann das Resultat des durch den Blitz gespaltenen Baums nur unzureichend erklä- ren. Die treibende Kraft hinter Gesicht ist der Sinn für Scham – ohne dem Sinn für Scham wäre Gesicht nur ein dürres wissenschaftliches Konzept und hätte nicht die umfassende Kraft, die es in Ostasien innehält. Jede Erklärung von Gesicht ohne den dahinter liegenden chinesischen Sinn für Scham und ohne eine Beschäftigung mit dem damit verbundenen chinesischen Selbstbild, kümmert sich um die Erscheinung von Dingen, nicht um ihr Wesen.

Das Anliegen dieser Forschungsarbeit besteht darin, den Ausprägungen von Gesicht und dem Sinn für Scham im professionellen Umfeld Gestalt zu geben. Die Ausprä- gungen werden dann in den weiteren kulturellen Kontext, in die Besonderheiten der chinesischen Geschäftskultur eingebettet.

Ich beginne damit, im ersten Kapitel auf deutsche Manager in China einzugehen, das heißt, die Person des Managers, sein fremdkulturelles, chinesisches Umfeld und auf die Thematik von Konflikten.

Nachdem der relevante Bezugspunkt bestimmt ist, gehe ich in Kapitel 2 auf die zen- tralen Begriffe Gesicht und Sinn für Scham und auf das Selbstbild ein. Diese Be- griffsbestimmungen dienen als Basis, um eine tiefere Beschäftigung von Gesicht so- wie die Verwobenheit von Gesicht und Scham daran anschließen zu können. Um den chinesischen Sinn für Scham besser verstehen zu können, macht es Sinn, den Ursprung dieses moralischen Wertes im Konfuzianismus zu suchen. Ich gehe dabei summarisch auf die konfuzianische Lehre in diesem Zusammenhang ein und zeige die Charakteristik in den konfuzianisch geprägten Ländern Japan und Korea auf. Nachdem der ostasiatische Bezugsrahmen gesetzt wurde, gehe ich auf das instru- mentalisierte Gesichtnehmen und auf Scham, Macht und Status ein.

Im dritten Kapitel beschreibe ich den Forschungsprozess. Ich erkläre das Ziel der empirischen Untersuchung und stelle die Teilnehmer vor. Im Anschluss gehe ich auf die Vorbereitung, den Inhalt und die Durchführung der Gespräche mit den Managern ein und beschreibe die Auswertung der Daten.

In Kapitel 4 erfolgt die Darstellung der Forschungsergebnisse. In Kapitel 5 werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst, es wird kritisch Bezug genommen und die Möglichkeit weiterer Forschung besprochen.

1 Deutsches Management in China

1.1 Die Rolle des deutschen Managers in China

Ein Manager hält aller Regel nach eine ganze Anzahl von Rollen inne, so ist er Re- präsentator, Mitarbeiterführer, Beobachter, Informationsverteiler, Sprecher, Unter- nehmer, Störungsregler, Ressourcenzuordner, Verhandler und nicht zuletzt Kontak- teknüpfer.1 Diese Rollen lassen sich verdichtend in drei Rollenbereiche einteilen: die informationsbezogenen, die interpersonellen und die entscheidungsbezogenen Rol- len. Im informationsbezogenen Rollenbereich beschafft der Manager Informationen, er sammelt Daten über Kunden, über Lieferanten und Konkurrenten, er nimmt Über- wachungs-, Vorbereitungs-, und Steuerungsrollen wahr. Im interpersonellen Rollen- bereich ist der Manager für Personalauswahl und -einstellung verantwortlich, ebenso für die Motivation von Mitarbeitern, für Weiterbildungen und Schulungen, für die Ver- tretung des Unternehmens nach Außen und für die Kontaktpflege. Im dritten Rollen- bereich, den entscheidungsbezogenen Rollen, ist der Manager für die Planung, die Durchführung, die Beaufsichtigung und die Koordinierung von Projekten, für die Ziel- setzung, die Prozessgestaltung, für Entscheidungsfindungen, für das Konfliktmana- gement und für Allokations- und Verhandlungsrollen zuständig.2 Sein Arbeitsalltag ist durch viele kleine, episodenhaften Vorgänge gekennzeichnet, es kommt häufig zu Unterbrechungen und Situationswechseln.3 Das wichtigste Arbeitswerkzeug des Ma- nagers ist die Kommunikation, sie ist das zentrale Medium der Beschaffung und Wei- tergabe von Informationen.4

Der hohe Anspruch an die Rolle des Managers wird bei der Arbeit in einer fremden Kultur noch weiter erhöht. Die Kommunikation wird durch den Gebrauch von Fremd- sprachen verkompliziert, Bedeutungsinhalte von Wörtern, von Gesten, von Hand- lungsweisen werden von dem fremdkulturellen Manager-Umfeld anders gedeutet. Der Manager befindet sich nun in einer Gesellschaft, deren Mitglieder über ein ande- res Orientierungssystem verfügen. Dieses fremde Orientierungssystem beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten, Empfinden und Handeln der Mitglieder dieser Kultur.5 Das verbindliche Symbol- und Zeichensystem des Deutschen weicht von dem des chinesischen Umfeldes ab, es kommt zu erwartungswidrigen Reaktionen, zu Fehlwahrnehmungen und Fehlinterpretationen, zu Missverständnissen und Kon- flikten.6 Die auftretenden Probleme werden nun mithilfe einer Strategie bewältigt: dem Kulturlernen. Die entstehenden Dissonanzen werden durch Beobachtung analy- siert, Wissen über die Kultur wird sich angeeignet und die Handlungsweise wird an- gepasst.7

1.2 Das Management-Umfeld

Das chinesische Umfeld ist dem deutschen Manager grundsätzlich wohlgesonnen. Er führt die Beliebtheitsskala nicht-chinesischer Vorgesetzter an, gefolgt von deutschsprachigen Europäern, EU-Europäern, Amerikanern und Australiern. Unbe- liebter als japanische und koreanische Vorgesetzte sind Übersee-Chinesen, Taiwa- nesen, Hongkonger, Inder, Lateinamerikaner und Afrikaner.8 Die Ausgangsbedingun- gen sind somit für den Manager aus Deutschland ideal.

Die Kultur, die den Manager nun umgibt, läuft jedoch nach anderen Gesetzen, die In- teraktionen folgen anderen Regeln, das Umfeld orientiert sich an anderen Werten, die Welt wird anders gedeutet.9 „Der bisher sozial und fachlich äußerst kompetente Vorgesetzte erlebt plötzlich Unzulänglichkeiten in Bereichen der Mitarbeiterführung, die er noch nicht einmal potenziell als problematisch wahrgenommen hat. Simpelste Verhaltensweisen wie ein nettes Lächeln, ein Lob, ein Scherz, eine kleine Ermunte- rung, werden missverstanden oder führen zu unerwarteten Reaktionen.“10 Das frem- de Orientierungssystem der Mitarbeiter kann beschrieben werden, indem man sich Kulturstandards bedient: diese sind zentrale Beschreibungsparameter einer Kultur. Thomas, Schenk & Heisel (2008) geben mit Blick auf die Geschäftskultur in China eine Reihe von Kulturstandards an, auf welche nachfolgend in Anlehnung eingegan- gen wird:

Hierarchie

In China sind Hierarchien stärker ausgeprägt als in Deutschland. Der hierarchisch Höherstehende hat traditionell die Pflicht zu Fürsorge für den Rangniedrigeren, der Rangniedrigere wiederum hat die Pflicht zur Loyalität und Treue.11

Gesicht

Gesicht bezieht sich auf die persönliche Integrität in moralischer und in sozialer Hin- sicht, Gesicht umfasst dabei nicht nur das eigene Gesicht, sondern das von Grup- pen, wie das der Familie, der Arbeitsgruppe oder der Nation.

Soziale Harmonie

Soziale Harmonie ist gleichbedeutend mit sozialer Ordnung. Sie steht sowohl im Zu- sammenhang mit den klaren Rollenzuweisungen, einer ausgeprägten Hierarchie, als auch mit dem Gesichtskonzept.

Das Guanxi-System

Das Guanxi-System ist ein Netzwerk, dem eine Person aufgrund von Familie, glei- cher Herkunft, gleichem Dialekt, gleicher Schule und ähnlichem angehört. Diese Netzwerke werden nach dem Reziprozitätsprinzips zum Erreichen verschiedener Zie- le genutzt.

Strategie und Taktik

Strategisches und taktisches Verhalten werden als intellektuelle Herausforderung an- gesehen. Das Ideal ist das Erreichen des Ziels ohne einen offenen Konflikt auszulö- sen.

Regelrelativismus

Regeln werden je nach Kontext interpretiert. Kontexte sind beispielsweise die Akteu- re der jeweiligen Situationen, deren hierarchische Stellungen und deren Beziehun- gen miteinander. Diese Beziehungsethik steht im Widerspruch zum westlichen Mo- ralverständnis. Regeln werden in China häufig als moralische Richtschnur angese- hen.

1.3 Konflikte

Der Begriff Konflikt leitet sich vom lateinischen Wort confligere, zusammenstoßen, streiten, ab. Ein Konflikt wird als Spannungszustand verstanden, welcher abweichen- den oder nicht vereinbaren Werten, Normen und Interessen entspringt.12 In Interak- tionen, bei welchen Personen verschiedene kulturelle Orientierungssysteme nutzen, sind zwei Arten von Konflikten von Interesse: intrapersonelle und interpersonelle Konflikte, also Konflikte, die innerhalb des Individuums entstehen, und Konflikte, die zwischen Individuen auftreten.

Der intrapersonelle wie auch der interpersonelle Konflikt können die ökonomische Ef- fizienz des Unternehmens negativ beeinflussen, nämlich dann, wenn Kosten verur- sacht werden. So können beim Entstehen eines intrapersonellen Konflikts, Kosten durch Motivationsverlust entstehen. Beim Auftreten von interpersonellen Konflikten führt der zeitliche Aufwand, welcher für das Management notwendig ist, den Konflikt zu lösen, zu Kosten.13

Konflikte werden deshalb als unangenehm empfunden, weil „potenziell eine Gefähr- dung des Selbstbildes droht, wenn die eigenen Interessen nicht angemessen berück- sichtigt werden.“14 Das in Bedrängnis gebrachte eigene Interesse muss sich nicht an Abläufen innerhalb des Unternehmens festmachen, sondern kann sich intrapersonell als ein subtil gefühlter Angriff auf die eigenen Wertorientierungen und Empfindlichkei- ten äußern.

In unterschiedlichen Kulturen wird mit Konflikten auf eigene Weise umgegangen. Kammhuber (2005) weist auf den indirekten Kommunikationsstil in kollektivistischen Kulturen hin, bei welchem die Aussagen der Gesprächspartner vielseitig gedeutet werden können. Ziel sei es, Flexibilität beim Sinn des Gemeinten zu bewahren und Konflikte zu vermeiden. Ist der Konflikt unvermeidbar, so werde durch Themenwech- sel und Schweigen die Situation entschärft.15 Liu, Nauta, Spector & Li (2008) weisen hingegen darauf hin, dass Konflikte in China anders geführt werden. Aufgrund der angestrebten Harmonie in der kollektivistischen Kultur und dem konfuzianischen Prinzip, Gesicht zu wahren und Scham zu vermeiden, ist es gesellschaftlich nicht ak- zeptabel, am Arbeitsplatz Konflikte offen auszutragen. So zeigt die Studie, dass Chi- nesen häufiger als Amerikaner über indirekte Konflikte klagen, und diese stärker mit negativen Emotionen wie Ärger, Traurigkeit und Angst verbinden. Ein solcher indirek- ter Konflikt kann dann entstehen, wenn sich jemand durch einen Mitarbeiter heraus- gefordert fühlt. Das direkte Intervenieren, durch offenen Streit beispielsweise, ist nicht anerkannt, also verhält sich die Person in der konfliktgeladenen Situation ab- wartend und führt den Konflikt später indirekt, beispielsweise durch das Streuen von Gerüchten, fort.16 Das indirekte Führen von Konflikten wird durch den chinesischen Kulturstandard Strategie und Taktik gestützt.

Chen, Tjosvold & Fang (2005) kommen in einer Studie über das Konfliktmanagement in Unternehmen in China zu dem Ergebnis, dass das Vermeiden von interpersonel- len Konflikten die Beziehung zwischen ausländischer Führungskraft und chinesi- schem Mitarbeiter schwächt und das darüber hinaus auch die Produktivität des Un- ternehmens sinkt. Harmonie könne nicht erzwungen werden, vielmehr ergebe sich Harmonie durch offene Diskussionen und einvernehmliches Beilegen des Konflikts.

2 Gesicht und Sinn für Scham

2.1 Begriffe

2.1.1 Gesicht

In der westlichen Sozialpsychologie wird Gesicht als die situationsbezogene Identität des Individuums konzeptualisiert. In der konfuzianischen Kultur hingegen wird Ge- sicht zum einen als das bedingte Selbstwertgefühl einer Person verstanden, bedingt bedeutet hier, dass Versagen einen niedrigeren gefühlten Selbstwert und Erfolg einen höheren gefühlten Selbstwert zur Folge hat, zum anderen kann Gesicht als die kognitive Antwort auf die Bewertung des eigenen Verhaltens durch das soziale Um- feld definiert werden.17 Im Westen wird Gesicht somit mit Identität verbunden, in Ost- asien an die Bewertung der eigenen Person geknüpft. Identität stellt die Frage nach dem: „Wer bin ich?“, das bedingte Selbstwertgefühl bewirkt die heiklere Frage nach dem: „Wie bin ich?“.

Der entscheidende Mechanismus, welcher das chinesische Konzept Gesicht erst zum Laufen bringt, ist der Sinn für Scham.18 Die Aufrechterhaltung des eigenen Ge- sichts hat ihre Quelle in dem als unlustvoll und bedrückend erlebten Gefühl der Scham.

Without a sense of shame an individual would not be capable of losing face.19

In einer gesichtsbezogenen Kultur, einer Kultur in welcher das bedingte Selbstwert- gefühl geschützt werden muss, entsteht dann Scham, wenn Gesicht verloren wird, also die Vorstellung von der eigenen Person einer neuerlichen negativeren Bewer- tung unterzogen wird. Ohne dem Sinn für Scham ist es nicht möglich Gesicht zu ver- lieren.

2.1.2 Die Scham und das Selbst

Die Mechanismen der Scham müssen näher betrachtet werden. Zu Scham kommt es, wenn das Selbst in Bezug auf eine Norm, eine Regel oder Ziel versagt hat.20 Die- se Definition würde auch Schuld definieren. Der bedeutende Unterschied zwischen Scham und Schuld ist der, dass bei Schuld ein Teilversagen: „Meine Leistung war schlecht“, bei Scham hingeben ein Vollversagen erlebt wird: „Ich bin schlecht“.21 Le- wis' Definition ist ihrer Natur nach psychologisch. Damit der Wirkungskreis ihrer An- wendbarkeit erhöht wird, sollte ihr eine soziologische Note verliehen werden: Scham bedarf eines Zuschauers oder eines Zeugen22, eines Publikums, der Fantasie eines Publikums, ja selbst ein vorgestellter Blick kann genügen.23 Überdies ist die Definition aufgrund der entscheidenden Bedeutung der sozialen Rolle, die der Einzelne in der konfuzianischen Kultur zu spielen hat,24 um eben dieses Element der erwünschten sozialen Rolle zu erweitern. Die Definition im chinesischen Kontext lautet also: Zu Scham kommt es, wenn das Selbst unter dem realen oder vorgestellten Blick eines Beobachters bezüglich einer Norm, einer Regel, der zu spielenden sozialen Rolle oder beim Nichterreichen eines Ziels ein Vollversagen erlebt.

Eine Definition von Scham muss, um vollständig zu sein, eine Definition des Selbst mit sich bringen. Nun gibt es bereits innerhalb einzelner sozialwissenschaftlicher oder geisteswissenschaftlicher Fachdisziplinen verschiedene Ansätze das Selbst zu definieren. Diese werden aber nicht notwendigerweise außerwestlichen Formen des Selbst gerecht. Denn Menschen in Europa und Nordamerika betrachten sich als ein- zigartige, räumlich begrenzte, unabhängige Einheiten. Dieses Selbst-Konzept ist so einzigartig, wie die Selbst-Konzepte anderer Kulturen. Dort kann das Selbst weitaus fragmentierter sein.25

Zur besseren Erklärung des Verhaltens von Nordamerikanern und Ostasiaten führten Markus & Kitayama (1991) die Begriffe des unabhängigen und des verknüpften Selbstkonstrukts ein.26 Das unabhängige Selbst hat in ihrem Zentrum eine Person, deren Verhalten durch den Bezug zu dem eigenen Repertoire an Gedanken, Gefüh- len und Handlungen organisiert wird. Wohingegen die Person im Zentrum des ver- knüpften Selbst sich als Teil einer umfassenden sozialen Beziehung versteht. Hier stellt die Person ihr Verhalten darauf ein, was sie als die Gedanken, Gefühle und Handlungen der anderen innerhalb der sozialen Beziehung wahrnimmt.27 Das chine- sische verknüpfte Selbstkonstrukt wurde von Li, Zhang, Bhatt & Yum (2006) in einer Studie mit Chinesen, Kanadiern und Indern nachgewiesen. Demnach stehen in sechs von sieben Kategorien von Beziehungen Chinesen näher an der Person oder Personengruppe als Kanadier, ein gleichhohe Verknüpftheit wurde nur bei der Bezie- hung zu guten Freunden erreicht.

Die erste, nachfolgende Graphik zeigt die Darstellung des verknüpften Selbst. Die sich näher an der Kreismitte befindenden Kugeln zeigen, dass Personen die zur Fa- milie gehören, aber auch Freunde und Kollegen, mehr Bedeutung für die Identität der Person im Modus des verknüpften Selbst haben als für die Person im Modus des un- abhängigen Selbst. Die weißen Punkte verdeutlichen, dass die Person mit verknüpf- ten Selbst auch gleichzeitig stärker in die Identität der relevanten Personen einge- bunden ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das verknüpfte und das unabhängige Selbst nach Markus und Kitayama (2003)

Wird nun noch einmal die Definition von Scham herangezogen, so wird deutlich, dass Personen im Modus des verknüpften Selbst anfälliger für Scham sind, da ihr Selbst umfassender, einschließender ist.28 Für sie ist es also von höherem Interesse, ob die mit ihnen verknüpften Personen ihrer sozialen Rolle oder Normen gerecht werden.

Die unterschiedliche Qualität von Scham

Ikegami (2003) weist darauf hin, dass kulturvergleichende Studien zu Scham eine der schwierigsten Studien überhaupt seien, da sie unser fundamentales Verständnis von Selbst und Gesellschaft in Frage stellen würden. Lässt man die interkulturelle Sicht auf den Sinn für Scham beiseite, so eröffnen sich da bereits erste Unebenhei- ten. Denn obwohl der Sinn für Scham nicht nur in der chinesischen Kultur eine grö- ßere Rolle spielt, sondern auch in der Subkultur der US-Bürger ostasiatischer Ab- stammung,29 sollte beachtet werden, dass Scham in derselben Kultur individuell un- terschiedlich stark empfunden werden kann30 und dass Scham im persönlichen Wer- degang eine wechselhaft starke Rolle spielt, sie im Jugendalter zunimmt und im Er- wachsenenalter wieder abnimmt.31 Der Psychologe Lewis (1995) kommt in seiner psychologischen Praxis zu der Feststellung, dass Mädchen und Frauen bei Versa- gen öfter global attribuieren und daher öfter Scham empfinden als Jungen und Män- ner.32 Der Anthropologe Schoenhals (1993) kommt bei seinen Studien in China zu ei- nem ähnlichen Ergebnis: Frauen sind eher beschämbar und sensibler hinsichtlich Gesicht.33

Diese unterschiedlichen Qualitäten und Ausprägungen von Scham müssen zu dem Schluss führen, dass Gesichtssituationen relativ sind: Während die eine Person einen starken Gesichtsverlust erlebt, muss eine andere Person nicht notwendiger- weise genauso empfinden. Vielmehr wird in einer gegebenen Gesichtssituation jede einzelne Person unterschiedlich stark Scham und einen individuellen Gesichtsverlust erleben. Diese Relativität von Gesicht und Scham sollte sämtliche Situationsanaly- sen begleiten. Pauschalaussagen darüber, ob ein Chinese in einer Situation Gesicht verliert oder nicht, können grundsätzlich nicht getroffen werden.

2.2 Die Bestandteile von Gesicht

Das Konzept Gesicht bezieht sich auf die persönliche Integrität, den guten Charakter und das Vertrauen sowohl der Gesellschaft als auch der Person selbst in die eigenen Fähigkeiten, die erwartete soziale Rolle zu spielen. Misslingt es der Person die von ihr selbst oder anderen Personen gesteckten Erwartungen zu erfüllen, so verliert sie Gesicht.34 Demnach bewahrt oder gewinnt die Person Gesicht, wenn sie den eigenen und fremden Erwartungen gerecht wird oder sie übertrifft. Der Person wird Gesicht genommen, wenn ihr demonstriert wird, dass sie der übereingekommenen Rolle nicht entspricht und die eigenen und fremden Erwartungen nicht erfüllen kann. Die quasi körperliche Antwort auf den Gesichtsverlust und das aktive Gesichtnehmen ist Scham. Durch dieses Gefühl, an welchem die ganze Person „teilnimmt“35, wird die abstrakte Übereinkunft Gesicht gegenständlich. Die beschämte Person möchte sich am liebsten in einem Mauseloch verstecken, weglaufen oder sterben.36 Hingegen fühlt sich die Person bei einem Übertreffen oder einer Steigerung der eigenen sozia- len Rolle, dem Gesichtsgewinn, größer und erhöht, das entgegengesetzte Gefühl zu Scham ist Hybris,37 die Selbstüberhöhung.

Wie viel Gesicht man innerhalb der Gesellschaft hat, hängt nach Ho (1994) von einer ganzen Liste von Bestandteilen ab: von biographischen Variablen, wie Alter, Ge- schlecht, und Geburtenrang; von relationalen Attributen, also Verbindungen durch Geburt oder Heirat; vom sozialen Status durch eigenes Zutun, wie Ausbildung und Einkommen; vom sozialen Status ohne eigenes Zutun, zum Beispiel den Reichtum durch Heirat; vom Titel und Rang durch eigene Leistungen; vom Titel und Rang der Familie; vom Ansehen durch eigene Fähigkeiten; vom Ansehen durch moralisches Verhalten und von der Integrität als soziales Wesen, beispielsweise der Freiheit von Stigmata.

Diese neun Bestandteile bricht Hsu (1996)38 auf vier herunter: moralische Integrität, Fähigkeiten, sozialer Status und Kultiviertheit. Einer weitergehenden Genauigkeit halber greife ich Rappes (2009) Kategorisierung der moralischen und ethischen Scham auf und ersetze moralische Integrität durch moralisches Verhalten und Kulti- viertheit durch ethisches Verhalten. Auf diese vier Aspekte möchte ich näher einge- hen.

Fähigkeiten

Fähigkeiten beinhaltet, inwieweit sich eine Person in einer gegebenen Situation fähig oder unfähig erweist. Guan, Hee & Lee (2009) weisen in einer Studie darauf hin, dass Ausländer als kommunikativ unfähig angesehen werden können, wenn sie sich nicht gemäß der kulturadäquaten Entschuldigungsregeln des Gastgeberlandes ver- halten. Erfährt der Ausländer von der eigenen Unfähigkeit, ist ihm die Meinung der Person oder Personen, in Präsenz welcher die Unfähigkeit aufgetreten ist, wichtig, und ist er des Weiteren genügend assimiliert und in das Gesichtssystem integriert, so ist die eigene Zuordnung von weniger Gesicht die Folge.

Sozialer Status

Der soziale Status umfasst nach Ho (1994) Bildung, Einkommen, Rang im Unterneh- men, soziale Verbindungen, Einfluss, Mitgliedschaft in Vereinen und ähnliches. Schoenhals (1993) weißt auf die große Bedeutung von Verdienst bei der Festlegung des sozialen Status der Person hin.

Moralisches Verhalten

Moralisch verhält sich eine Person, wenn sie die schwer wiegenden Regeln der Ge- sellschaft einhält, also nicht stiehlt, betrügt oder lügt.

Ethisches Verhalten39

Die ethische Dimension umfasst leichter wiegende Regeln, wie das Tragen als sozial angemessen empfundener Kleidung40 und weitere allgemeine Etiketteregeln. Aber auch allgemeine Verhaltensnormen sind in der ethischen Dimension des Verhaltens zusammengefasst.

Eine wahrgenommene neuerliche höhere Bewertung41 einer dieser vier Gesichtsbe- standteile durch die Bezugsgruppe, führt bei der Person zu einem Gesichtsgewinn, eine wahrgenommene neuerliche niedrigere Bewertung durch die Bezugsgruppe führt zu einem Gesichtsverlust.

2.3 Die Verquickung von Gesicht und Scham

Li, Wang & Fischer (2003) fanden in der Chinesischen Sprache 113 Wörter und Phrasen, die sich auf Scham beziehen. Diese Phrasen ließen sich in drei Stufen glie- dern: Zunächst Situationen, in welchen die Person fürchtet, Gesicht zu verlieren, dies schließt die Furcht vor Scham und die Anstrengung eben diese zu vermeiden ein. Auf der zweiten Stufe findet sich das einsetzende Gefühl von Scham, welches ent- steht, wenn die Person Gesicht verloren hat. Die dritte Stufe umfasst Schuld- und Schamgefühle, welche die Person danach entwickelt. Der bedeutendste Scham-Zu- stand ist die Furcht vor dem Gesichtsverlust, für diesen Zustand wurden 31 Wörter und Phrasen gefunden.

Ein vorausgeahnter Gesichtsverlust lässt die Person sich fürchten. Durch besonne- nes Agieren kann der Gesichtsverlust abgewendet werden und damit zerläuft sich das Gefühl der Furcht vor der Scham, der heimlichen vorausgefühlten Scham, wie- der. Das heißt, nicht jedem Gefühl von Scham läuft ein Gesichtsverlust voraus, wohl aber folgt auf jeden Gesichtsverlust das Gefühl von Scham.

Bedford (2004) strukturiert die Scham in folgender Weise, er findet und beschreibt vier Hauptschamarten:

Diulian

Diulian, Gesicht verlieren, wird als eine der vier wichtigsten Schamarten genannt. Lian bezieht sich auf die Würde, den Selbstrespekt, soziale Bedenken und gesell- schaftliche Pflichten. Diulian kann durch eigenes oder fremdes Verhalten verursacht werden, wobei für das Wirksamwerden des Gesichtsverlustes ein Beobachter oder ein Publikum notwendig ist. Je größer der eigene Sinn für Scham, desto stärker wird der Gesichtsverlust wahrgenommen. Traditionell war Diulian ein langanhaltendes, brennendes, schmerzhaftes Gefühl von Scham.

Cánkuì

Cánkuì hingegen ist kein schmerzhaftes Gefühl, sondern eine Mischung aus Scham und Bedauern, weil man sein eigenes Ideal nicht erreicht hat. Sie ist die einzige die- ser vier Schamarten, welche nur durch die Person selbst ausgelöst werden kann, das heißt, niemand kann etwas tun oder veranlassen, um irgendeine andere Person Cánkuì empfinden zu lassen. Das Gefühl wird durch das eigene Verhalten oder Un- terlassen, meist in Zusammenhang stehend mit fehlender Zeit, mit fehlenden Res- sourcen oder fehlendem Interesse ausgelöst.

Xiukuì

Xiukuì kann ein starkes Gefühl von Scham sein. Die Person hat einen negativen Aspekt bei sich selbst entdeckt, und was auch immer sie an sich entdeckt hat, ver-

sucht sie vor dem sozialen Umfeld zu verbergen. Das Gefühl tritt auf, wenn eine Per- son wahrnimmt, dass sie nicht die ist, die sie zu sein glaubt, es geht einher mit dem Gedanken: Ich bin ein Versager und bin deshalb eine Gefahr für andere. Beispiels- weise kann ein Angestellter Xiukuì empfinden, weil er denkt, dass er seine Arbeit nicht gut genug macht. Eine weitere Möglichkeit des Aufkommens des Gefühls Xiu- kuì ist, jemand anderen in Xiuchi, in tiefe Scham, zu versetzen.

Xiuchi

Xiuchi ist das stärkste Gefühl von Scham. Eine Person, welche dieses tiefe Gefühl von Scham erlebt, wird versuchen alle Kontakte zu meiden und sich zu Hause zu verstecken. Sie fühlt sich schmutzig und inadäquat als menschliches Wesen. Es ist eine Bedrohung der eigenen Identität und der Identität, die sich mit anderen Men- schen überschneidet. Bei Xiuchi fühlt die Person sehr stark, wie die anderen über sie denken, und je mehr sie darauf achtet, was andere denken, desto stärker wird sie Xiuchi fühlen. Dieses tiefe Gefühl von Scham kann entstehen, wenn unbeabsichtigt ein Gesetz oder eine soziale Regel übertreten wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Die vier chinesischen Hauptschamarten nach Bedford (2004, 36)

Die große Vielfalt von Scham legt die Frage nahe, inwieweit man diese „schamarti- gen Gefühle“42 überhaupt nachfühlen kann, wenn man in einer individualistischeren Gesellschaft sozialisiert wurde, in welcher die Bewertung der eigenen Person weni- ger stark externalisiert ist.

2.4 Konfuzianismus und Scham

2.4.1 Die historischen Lehren

Gemäß konfuzianischer Lehren ist es das höchste Ziel des Menschen, Selbstperfek- tion zu erreichen, repräsentiert durch das Konzept Rén ( fi ), was heißt, die unver- fälschteste, aufrichtigste und menschlichste Person zu werden, die man unter gege- benen Voraussetzungen werden kann. Da der Konfuzianismus die harmonischen so- zialen Beziehungen betont, ist es von zentraler Bedeutung, die eigenen Handlungen und die eigenen moralischen Einstellungen konstant zu überprüfen. Die Scham wird innerhalb der Lehre als Emotion konzeptualisiert, welche die Person zur innerer Selbstreflektion anregt und sie zu einer gewünschten sozialen oder moralischen Ver- änderung motiviert.43

Ungleich zur christlichen Tradition, in welcher Scham zunächst mit Fleischlichkeit und Sünde assoziiert wird44 und ungleich zu der Tendenz in der modernen westlichen Welt, in welcher Scham eine negative Konnotation trägt,45 ist die Scham und der Sinn für Scham in der konfuzianischen Kultur eine moralische Tugend.46

Die konfuzianischen Gelehrten Mengzi und Xunzi benennen wiederholt, dass die Scham die Eigenschaft ist, welche den Menschen vom Tier unterscheidet.47 Noch heute wird dieses Merkmal in einer Studie zu Scham in Korea genannt: Der Sinn für Scham mache den Menschen aus. Es liegt ein großes Beschämungspotential darin, als Tier benannt zu werden, ein Tiervater würde versagen, ein Vorbild für den Sohn zu sein, ein Tierkind würde versagen, für seine Eltern angemessen zu sorgen und sie zu ehren.48

Lee (1999) und Yang & Rosenblatt (2001) weisen darauf hin, dass in Korea dann Scham entsteht, wenn die konfuzianischen Rolleneinteilungen verletzt werden. Ge- mäß Konfuzianismus gibt es fünf menschliche Beziehungen: die Nähe zwischen Va- ter und Sohn, der Unterschied zwischen Ehemann und Ehefrau, der Respekt zwi- schen König und Dienern, die Stellung zwischen Jung und Alt, das Vertrauen zwi- schen Freunden.49 Es erwächst die größte Scham aus der Illoyalität gegenüber dem Herrscher, der mangelnden Hingabe der Kinder an die Eltern, dem Ungehorsam der Ehefrau gegenüber dem Ehemann und der Respektlosigkeit von Jungen gegenüber Alten.50 Um die Konzepte Gesicht und Sinn für Scham besser materialisieren zu kön- nen, erscheint es sinnvoll, geschichtliche und gesellschaftliche Phänomene in den Nachbarländern Japan und Korea, welche heute konfuzianischer geprägt sind als China, zu betrachten.51

2.4.2 Gesicht in Japan und Korea gestern und heute

Zur Zeit der japanischen Restauration schreibt der Samurai Yoshida Shoin: „Scham ist wichtigste Wort im Vokabular der Samurai. Nichts ist beschämender, als Scham nicht zu verstehen“.52 Shoin, der beim Versuch Japan zu verlassen, um westliche Wissenschaften zu erlernen und in den Dienst Japans zu stellen, gefasst und später hingerichtet wird, schreibt im Gefängnis über seine Beweggründe. In den Schriften offenbart sich, dass das Vermeiden von Scham nicht durch ein externes Außen auf- oktroyiert wurde, sondern durch die Konversationen mit dem inneren Selbst.53 Das Publikum, welches für das Entstehen von Scham nötig ist, war bei Shoin kein in der Außenwelt existierendes, sondern ein internalisiert, abstraktes. Der Referenzrahmen war nicht die herrschende Aristokratie, sondern eine abstrakt versammelte Elite. Sei- ne Ehre54 zwang ihn so und nicht anders zu handeln.

Zu jener Zeit war es in Korea in den höheren Gesellschaftsschichten üblich, dass eine Dame einen Silberdolch bei sich trägt. Diesen würde sie bei einem Übergriff dazu benutzen, sich selbst zu erstechen. Geschlechtliche Beziehungen außerhalb der Ehe, Vergewaltigung eingeschlossen, waren das Beschämendste für die koreani- sche Familie überhaupt.55 Der Ehrbegriff der Samurai hingegeben war weniger mit sexueller Ehre verbunden; der Samurai hätte beim Ehebruch durch seine Frau durchaus Gesicht verloren, es wäre jedoch nicht der entehrendste Vorfall gewesen.56

Zum Ende des 19. Jahrhunderts besetzten US-Marine-Einheiten die koreanische In- sel Kang Hwa Do und als sich die Lage zu Ungunsten der Koreaner entwickelte, stürzten sich die 100 Überlebenden ins Meer oder schnitten sich selbst die Kehle durch, überlebende Gefangengenommene flehten darum, getötet zu werden. Die drohende Entehrung durch die westlichen Barbaren wog schwerer als der eigene Tod.57

Im größeren Maßstab lässt sich eine ähnliche Variante des konfuzianischen Gesichts im Zweiten Weltkrieg beobachten. Unter Militärexperten gilt die Regel, dass eine Ar- mee-Einheit nicht mehr als ein Viertel bis ein Drittel an gefallenen Soldaten verkraftet und dann aufgibt. Als in West-Neuguinea sich erstmals eine größere Anzahl von ja- panischen Soldaten ergab, kamen auf einen kapitulierenden japanischen Soldaten fünf Gefallene. Das Verhältnis hatte sich umgedreht. In dem früheren Kriegsschau- platz Nordburma war das Verhältnis noch verzerrter, auf 17166 Gefallene kamen nur 142 Kriegsgefangene. Die meisten dieser 142 Kriegsgefangenen waren bei ihrer Ge- fangennahme entweder nicht bei Bewusstsein oder verletzt, sie hatten ihrer Kapitula- tion nichts entgegenzusetzen.58 Auf der anderen Seite löste das Verhalten amerikani- scher Kriegsgefangener Entsetzen und Verachtung bei japanischen Soldaten aus, dann nämlich wenn sie darum baten, dass ihre Namen an die amerikanische Regie- rung übermittelt würden, damit die Familien wussten, dass sie noch am Leben wa- ren.59 Nicht bis zum Tod zu kämpfen hätte für japanische Soldaten und deren Famili- en größte Scham und Schande bedeutet.

Japan gilt noch heute als Land, in welchem der Sinn für Scham eine besondere Rolle dabei spielt, soziale Konformität, soziale Harmonie und das Pflichtgefühl gegenüber Gruppen und hierarchisch Höhergestellten zu motivieren. In einer Studie mit Studen- ten zeigte sich, dass Japaner scham- und schuldanfälliger sind als die Vergleichs- gruppe amerikanischer Studenten.60 Bei der Vermeidung von gesichtsgefährdenden Aktionen61 in Kommunikationssituationen, in welchen der Kommunikationsstil nicht geteilt wird, also im Gespräch mit Ausländern, zeigte sich in einer Studie folgendes Dilemma: Kommunizierten Japaner indirekt, also vermieden sie jegliches gesichtsge- fährdendes Verhalten, wurde das Verhalten von Ausländern als distanziert beschrie- ben, kommunizierten Japaner hingegen direkter, um dem Gast Offenheit zu demons- trieren und um Distanziertheit zu vermeiden, wurde das Verhalten mitunter als belei- digend wahrgenommen.62

Scham wird in Korea als negatives Gefühl beschrieben, es geht einher mit gefühlter Kleinheit, mit Rückzug und Minderwertigkeitsgefühlen. Wenn Koreaner existierenden Normen nicht folgen, fühlen sie Scham und werden von der Gesellschaft beschämt. Es wird von Koreanern nicht nur erwartet, in vielen Situationen konform mit dem Um- feld zu sein, sondern darüber hinaus wird auch erwartet, die zu beschämen, die von der Norm abweichen. Im koreanischen Sozialleben, und speziell im Familienleben, ist das kollektive Wir wichtig, die persönliche Scham ist normalerweise gleichzeitig die Scham der Familie.63

In koreanischen Unternehmen muss unter Umständen der Chef selbst kündigen, wenn der Untergebene eine beschämende Handlung vollzogen hat. Jegliches Abwei- chen von der sozialen Rolle bewirkt Scham. Können Eltern das Geld für das Studium des Kindes nicht aufbringen, so fühlt das Kind Scham, da seine Eltern ihrer Rolle nicht gerecht werden. Scheitert das Kind am Eingangsexamen der Hochschule, so fühlen die Eltern Scham, da sich das Kind als unfähig erwiesen hat.64 Lee (1999) weist darauf hin, dass im Zuge der Modernisierung Koreas vor allem zwei Dinge hochgradig beschämend geworden sind: Inkompetenz und materielle Armut.

2.5 Die öffentliche Beschämung

Ein mit anderen Personen stärker verknüpftes Selbst ist anfälliger für Geschehnisse relevanter Personen. Eine Person kann dann Gesicht verlieren, wenn ein Freund in- nerhalb dieser Verknüpfung durch ein beispielsweise moralisches Defizit Gesicht ver- loren hat. Es resultiert eine Situation in welcher beide Personen kein Gesicht haben. Darüber hinaus kann die Person, die nach westlichem Ermessen nichts mit dem De- fizit zu tun hat, von der Gesellschaft genauso verächtlich behandelt und beschuldigt werden wie der Freund selbst.65 Der richtigstellende Fingerzeig der Gesellschaft wird als öffentliche Beschämung66 bezeichnet, diese erfolgt durch Worte oder aktiv herbei- geführten Vorgänge, aber auch durch das Starren und Lachen einer Bezugsgruppe.67

Chinesische Kinder erlernen das Konzept Scham bereits im frühen Kindesalter. So berichtet eine Studie, dass 95 % der befragten chinesischen Mütter angaben, dass ihr dreijähriges Kind Scham verstanden habe, hingegen nur 10 % der befragten nord- amerikanischen Mütter selbiges von ihren Kindern behaupteten.68 Dieses Erlernen von Scham kann wie folgt aussehen: Wenn das Kind etwas Falsches tut, antwortet die Mutter im scharfen Ton darauf. Sie wird sich vielleicht umsehen, ob andere Leute gesehen haben, was das Kind tat, diese Beobachter werden dann das Kind und die Mutter in verächtlicher Art anschauen. Das Verhalten des Kindes wird dadurch ge- stoppt.69 Eine andere mögliche Situation ist folgende: Wenn ein dreijähriges Kind den Nachbarn nach Süßigkeiten fragt, wird die Mutter das Kind konfrontieren, das Ge- sicht kratzen und ausrufen: „Scham, Scham, Scham!“ (Xiu, Xiu, Xiu! , , !) Das physische Kratzen im Gesicht zeigt metaphorisch den Schaden, den das Gesicht er- leidet.70

Im Erwachsenenalter kann die Situation wie folgt aussehen: Ein Kunde, der in einem Geschäft betrogen wurde, droht nun dem Ladeninhaber, eine Menschenmenge an- zuziehen, um ihn als Betrüger bloßzustellen. Gewöhnlich wird der Händler klein bei- geben, um die öffentliche Beschämung abzuwenden.71

Die öffentliche Beschämung ist ein Instrument der Sozialisierung und eine potente Sanktion. Die Beschämung durch öffentliche Erniedrigung ist eine gängige Praxis in konfuzianischen Gesellschaften. So werden zum Beispiel Kriminelle manchmal durch die Straßen geführt und so den richtenden Augen der Massen ausgesetzt, eine weni- ger beschämende Variante ist es, den Kriminellen zu gestatten, Papiertüten über den Kopf zu ziehen.72 Die öffentliche Beschämung hat nicht nur den Zweck, die Person, die sich einer Übertretung schuldig gemacht hat, zu sanktionieren und zu erziehen, sondern auch den an der Beschämung teilnehmenden Beobachtern eine Lehre zu erteilen.73

2.6 Scham, Macht und Status

Neckel (1991) schreibt: „Insofern Scham mit der Unterwerfung unter die Gewalt einer fremden Bewertung verbunden ist, ist sie Resultat wie Ausgangspunkt der Anwen- 68 Nach Fung (2006, 182) dung von Macht.“74 Diese Voraussetzung der Unterwerfung unter die Gewalt einer fremden Bewertung ist bei Gesichtssituationen gegeben: Der Gesichtsverlust und das Einsetzen von Scham sind die kognitive Antwort auf die negative Bewertung durch das Umfeld.

Gesichtssituationen sind somit auch immer Ereignisse, bei welchen eine Seite Macht anwendet und über die Gegenseite Macht ausgeübt wird. Landweer (1999) weist auf den interessanten Aspekt hin, dass durch Schamsituationen eine Hierarchie herge- stellt oder gar umgedreht werden kann.75 Dann nämlich, wenn der Rangniedrigere den Ranghöheren auf eine Unzulänglichkeit hinweist, ein Abweichen von der ad- äquaten Rolle oder Norm. Der vormals Rangniedrigere nimmt dem vormals Ranghö- heren gegenüber nun eine überlegene Stellung ein. Schoenhals (1993) macht im chi- nesischen Kontext eine ähnliche Feststellung. Der Untergebene, welcher seinen Vor- gesetzten richtet, weil er versagt hat, schaut nun auf ihn hinunter, stellt sich mit ihm auf dieselbe Stufe oder sogar auf eine höhere Stufe.76 Herbeigeführte Schamsituatio- nen können somit auch oft durch Status- oder Gesichtskämpfe begründet sein.

In China schmälert es den Status von Höhergestellten, wenn sie mit Rangniedrigeren argumentieren oder streiten. Die Aggressoren in solchen Debatten sind die Rangniedrigeren.77 Das heißt, der Ranghöhere ist in einer für ihn nachteiligeren Si- tuation. Gemäß seiner Rolle hat er nicht zurückzuargumentieren, das verbietet der hohe Status, somit kann der Rangniedrigere sich in der Diskussion durchsetzen. Hält der Ranghöhere jedoch dagegen und legt seine Sicht der Dinge dar, schmälert er durch diesen Akt seinen eigenen Status und erhöht den seines Gegenüber, somit ge- winnt der Rangniedrige in dieser Situationsvariante Gesicht, der Statusabstand ver- ringert sich, der Ranghöhere verliert Gesicht. Ob sich der ausländische Gast bei At- tacken nun still und ignorant gibt und den statusniedrigen Aggressor vogelfrei schal- ten und walten lässt, sich damit aber im Einklang mit seinem hohen Status verhält, oder ob er dagegenhält und spürt wie sich der Gesichtskämpfer einen Gesichtsge- winn zuschreibt, beide Alternativen dürften aus mitteleuropäischer Sicht als störend wahrgenommen werden.

3 Forschungsprozess

3.1 Ziel der empirischen Untersuchung

Das Ziel der empirischen Untersuchung ist es, die Ausprägungen der chinesischen Konzepte Gesicht und Sinn für Scham anhand von konkreten Situationen im Unter- nehmensbereich in China plastisch zu machen. Damit diese Ereignisse im Kontext der Kommunikation als ganzheitlicher Komplex im Alltag des Managers verstanden werden können, ist es von Interesse, welche Situationen darüber hinaus ungewohnt sind oder Dissonanzen auslösen können, also Verhalten- und Kommunikationsstan- dards, die von Managern als seltsam oder irritierend wahrgenommen werden. Diese weiteren Besonderheiten der chinesischen Geschäftskultur haben die Aufgabe, das Bild vom deutschen Manager in China zu komplettieren und die Konzepte Gesicht und Sinn für Scham in Relation zu setzen.

3.2 Teilnehmer der empirischen Untersuchung

Befragt werden elf deutsche Manager, die in China tätig sind. Die Arbeitsorte befin- den sich in der Region des Perlflußdeltas, in Guangzhou, Zhuhai und Dongguan, ein Manager arbeitet in Shanghai, zwei in Peking. Das gemeinsame Ursprungsland der Befragten und die somit relativ homogene kulturelle Gruppe der Befragten erübrigt eine Klärung der verschiedenen Sichtweisen, die bei Managern auftreten könnten, die nur einen gemeinsamen europäischen oder westlichen Bezugsrahmen haben. Zweifellos gibt es kulturelle Unterschiede zwischen Menschen, die in Flensburg und Freiburg, in Köln oder Görlitz sozialisiert wurden. Diese sind in globaler Perspektive zu vernachlässigen. Die Kulturstandards sind nahezu identisch. Die persönlichen Da- ten der Manager wurden anonymisiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Die Interviewpartner

3.3 Interviews

3.3.1 Interviewvorbereitung

Das geeignete Interviewformat für die beschriebenen Belange ist das Interview mit einem groben Leitfaden. Die zunächst angeschrieben und dann mit einem Interview einverstandenen Manager werden vorab darüber informiert, dass die drei Schwer- punkte, Gesicht, Sinn für Scham und alle seltsamen Kommunikationssituationen in- nerhalb des Unternehmens von Interesse sind. Diese weiteren möglichen Kommuni- kationssituationen werden unter Fremdheitsannahme zunächst nicht weiter spezifi- ziert, weder im Anschreiben noch im Interview selbst. Es gehe darum, dass die Ma- nager von ihrem Alltag frei erzählen. Interessant sei nicht, was in Fachbüchern zu dem Thema steht, sondern was die Manager selbst erleben, selbst wahrnehmen. Eine Übernahme von Schwerpunkten und Strukturen aus der Literatur soll vermieden werden, die Manager sollen ihre wahrgenommenen Schwerpunkte und ihre selbst entworfenen Strukturen und Erklärungsmöglichkeiten zwanglos offenbaren.

[...]


1 Stumpf 2003, 245)

2 Strunz & Dorsch (2009, 22 f.)

3 Stumpf (2003, 245 f.)

4 Strunz & Dorsch (2009, 27); Stumpf (2003, 246)

5 Thomas (2005, 96)

6 Ebd. (97)

7 Stumpf (2003, 250)

8 Waldkirch (2009, 83)

9 Kornardt (2007, 285)

10 Thomas, Schenk & Heisel (2008, 17)

11 Zu den in China stark ausgeprägten Hierarchien sei angemerkt, dass eine Partizipation der Mitar- beiter an Unternehmensentscheidungen von Mitarbeitern dahingehend interpretiert werden kann, dass das Management nicht mehr weiter weiß (Stumpf 2005, 329). Eine Übertragung von Ent- scheidungsbefugnissen kann bei den Mitarbeitern zu Orientierungslosigkeit und zu Zweifeln an der Kompetenz der Führungskraft führen (Kühlmann 2005, 180). Vor diesem Hintergrund lässt sich er- klären, warum fast die Hälfte aller ausländischen Geschäftsführer in China die Angestellten autori- tär führt und sich ein Drittel der Manager paternalistisch verhält (Waldkirch 2009, 81). Kühlmann (2005) empfiehlt eine Dominanzstrategie, wenn die Machtposition des Managers hoch ist und wenn die Mitarbeiter wenig qualifiziert sind.

12 Gilbert (1998, 33)

13 Ebd. (39)

14 Kammhuber (2005, 299)

15 Kammhuber (2005, 300)

16 Liu, Nauta, Spector & Li (2008, 296)

17 Hwangs (2006, 277) Definition gibt zu bedenken. Könnte tatsächlich das Verhalten von der Person getrennt werden, dann träfe Lewis' (1995, 29) Definition von Schuld, also ein Teilversagen, zu. (Siehe dazu Kapitel 2.1.2 Die Scham und das Selbst)

18 Zhai (1995) nach Fung (2006, 182 f.)

19 Schoenhals (1993, 81)

20 Lewis (1995, 28)

21 Lewis (1995, 29); Silfver (2007, 169)

22 Williams (2000, 195)

23 Thonney, Kanachi, Sasaki & Hatayama (2006, 95)

24 Li, Wang & Fischer (2004); Yang & Rosenblatt (2001)

25 Lewis (1995, 317 ff.)

26 Independent self-construal, interdependent self-construal

27 Markus & Kitayama (2003, 280)

28 Offenbar nicht nur anfälliger für Scham. Neumann, Steinhäuser & Röder (2009) stellen in einer Vergleichsstudie mit deutschen und chinesischen Studenten fest, dass Chinesen stärker Stolz empfinden als Deutsche, wenn Personen aus ihrer Innengruppe (Landsleute, Personen aus dem gleichen Heimatort, Angehörige der gleichen Universität) sozial erfolgreich sind.

29 Zhong, Wang, Qian, Zhang, Gao, Yang, Li & Chen (2008)

30 Silfver (2007, 169)

31 Friedlmeier & Matsumoto (2007, 253)

32 Lewis (1995, 29)

33 Schoenhals (1993, 68)

34 Li, Wang & Fischer (2004, 785)

35 Heller (2003, 1018)

36 Yang & Rosenblatt (2001, 363)

37 Lewis (1995, 114)

38 Nach Weidemann (2004, 91 ff.)

39 Hsus (1996) ursprünglicher Gesichtsbestandteil der Kultiviertheit, anstatt des hier aufgenommenen ethischen Verhaltens, mag in Kulturen zutreffen, in welchen Kultiviertheit und ethisches Verhalten synonym sind. In China ist Kultiviertheit nur ein Teilaspekt des ethischen Verhaltens. So kann es nicht als kultiviert bezeichnet werden, einer unbekannten Person beim Treten durch eine Tür nicht Platz zu machen, ebenso wenig ist es nicht kultiviert in der U-Bahn zu drängeln. Dennoch ist die- ses Verhalten, wie Schoenhals (1993, 74) feststellt, diese Unkultiviertheit nötig, Gesicht zu wahren. Einer unbekannten Person Platz zu machen, würde bedeuten Gesicht zu verlieren, da einem be- zugslosen Fremden Bedeutung zugeordnet wird.

40 Nach Rappe (2009)

41 Die Zuordnung von Wert und Selbstwert ist in China breiter und pragmatischer angelegt als in Deutschland. Das ausladendere Spektrum der Wertzuschreibung einer Person erhält weitere Signi- fikanz durch die „evaluative nature of Chinese culture“ (Schoenhals 1993, 21).

42 Fessler (2004, 210)

43 Li, Wang & Fischer (2004, 769)

44 Bologne (2001, 84)

45 Ikegami (2003, 1351); Konstan (2003, 1031)

46 Zhong, Wang, Qian, Zhang, Gao, Yang, Li & Cheng (2008, 451); Fung (2006, 181)

47 Geaney (2004, 120 f.)

48 Yang & Rosenblatt (2001, 365)

49 Yang & Rosenblatt (2001, 365)

50 Lee (1999, 187)

51 Vgl. dazu Ess (2003)

52 Eigene Übersetzung nach Ikegami (2003, 1358)

53 Ikegami (2003, 1357)

54 Siehe Nietzsche (2006, 98) für die Differenzierung zwischen Ehre, Stolz und Eitelkeit. Das Wort Ehre findet demnach Anwendung, wenn eine Tugend kultiviert und öffentlich gemacht wird. Hat die Tugend kein Publikum nötig, sprich man von Stolz. Wird etwas in die Öffentlichkeit getragen, was nicht als Tugend bezeichnet werden kann, so findet das Wort Eitelkeit seine Anwendung.

55 Lee (1999, 190); Yang & Rosenblatt (2001, 367)

56 Ikegami (2003, 1377)

57 Lee (1999, 189)

58 Benedict (2007, 42)

59 Ebd. (43)

60 Baer, Uribe-Zarain, Manning & Shiomi (2009, 231)

61 Face threatening act avoidance

62 Shigemasu (2006, 453)

63 Yang & Rosenblatt (2001, 364)

64 Ebd. (366 f.)

65 Hwang (2006, 278); Li, Wang & Fischer (2004, 770)

66 Public shaming

67 Vgl. dazu auch Schoenhals (1993, 81-82, 97)

68 Nach Fung (2006, 182)

69 Yang & Rosenblatt (2001, 369)

70 Li, Wang & Fischer (2004, 789)

71 Bedford (2004, 37)

72 Ho, Fu & Ng (2004, 67); siehe Brooks (2008) zu Schamstrafen in den USA

73 Schoenhals (1993, 67)

74 Neckel (1991, 183)

75 Landweer (1999, 95)

76 Schoenhals (1993, 201)

77 Ebd. (166)

Ende der Leseprobe aus 129 Seiten

Details

Titel
Im Gespräch mit elf deutschen Managern in China – Gesicht, Sinn für Scham und weitere Besonderheiten der chinesischen Geschäftskultur
Hochschule
Westsächsische Hochschule Zwickau, Standort Zwickau
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
129
Katalognummer
V162628
ISBN (eBook)
9783640771837
Dateigröße
1278 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
China, Gesicht, Sinn, Scham, Geschäftskultur, Manager, deutsches Management, business culture
Arbeit zitieren
Raymond Scholz (Autor), 2010, Im Gespräch mit elf deutschen Managern in China – Gesicht, Sinn für Scham und weitere Besonderheiten der chinesischen Geschäftskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162628

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