Rituale für Kinder: Ein pädagogisch wertvolles Hilfsmittel


Facharbeit (Schule), 2010
50 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

I. Teil

1 Einleitung

Alle Kulturen verfügen über verschiedene Rituale, welche alle die selbe Funktion haben, auch wenn die Abläufe unterschiedlich sind. Rituale begleiten Menschen durch die Übergangsphasen des Alltages und helfen ebenso die Anforderungen des Alltages zu meistern. Dabei werden Rituale oftmals gar nicht mehr wahrgenommen. Viele Menschen meinen sogar, sie benötigen Rituale gar nicht, sie wären unnötig und veraltet, obwohl diese sie schon lange still und leise begleiten. Diese Meinung ändert sich aber vor allem, wenn Kinder kommen, denn gerade diese bestehen auf lieb gewonnene Gewohnheiten wie Gutenachtgeschichte, Osterfest usw. und beharren darauf, dass sie durchgeführt werden.

Rituale können in einer sich ständig verändernden Gesellschaft Halt und Stabilität bieten. Sie schaffen in der Familie Gemeinsamkeiten, die im Alltag sonst untergehen und sie können den Zusammenhalt der Familie stärken. Sie werden in der Familie entwickelt und gepflegt, stehen jedoch im Kontext mit der Kultur und Gesellschaft, in der die Familie lebt. Familienrituale können vielfältig sein und sich auf die kleinsten Handlungen oder Gefühle beziehen. Besonders Kinder brauchen Rituale, um sich in der Welt wohl zu fühlen und in ihr Orientierung zu finden. In einer Zeit, in der der familiäre Alltag auseinander zu laufen droht, geben Rituale Kindern ein Gefühl von Sicherheit, Dazugehörigkeit und Geborgenheit. In meiner Facharbeit möchte ich mich diesbezüglich mit Kindern und Ritualen auseinandersetzen. Von zentralem Interesse ist, warum Rituale gerade für Kinder sinnvoll und wichtig sind und welche Bedeutung diese für sie für haben. Herausfinden möchte ich dabei, ob meine These - „Rituale für Kinder - ein wertvolles pädagogisches Hilfsmittel“ - stimmt. Ein persönliches Interesse an der Thematik Rituale entstand durch ein Freiwilliges Soziales Jahr, wo ich viele verschiedene, wunderschöne Rituale kennen lernen und erleben durfte. Ich habe nicht vermutet, dass das Thema Rituale so umfangreich ist und vielfältige wissenschaftliche Aspekte aufwirft. Ich habe Rituale vor dieser Arbeit in Verbindung mit Festen, wie Ostern oder Weihnachten, gebracht. Selbst als ich nach Literatur über Rituale im Buchhandel fragte, bekam ich von der Verkäuferin zur Antwort, dass sie mir nur etwas über Hexen anbieten könne. Ich denke dass viele Menschen meinen, dass sich hinter Ritualen mystische Elemente verbergen. Doch Rituale sind mehr als Mystik und Feste. Ich möchte gerade jene Leser für das Thema sensibilisieren und informieren, die häufig mit Kindern Umgang haben, wie Eltern, Erzieher oder Pädagogen, denn durch Rituale können kindliche Krisen bewältigt werden, was diese Arbeit zeigen soll.

Im Theorieteil meiner Arbeit werde ich zuerst auf den Begriff Ritual eingehen, bevor ich anschließend darauf zu sprechen komme, was Rituale für eine Funktion haben und wie sie entstehen können. Im Anschluss wird deutlich, warum für Kinder Rituale von Bedeutung sind und es werden einige Beispiele diesbezüglich aufgeführt. Zum Schluss werde ich kurz auf die Grenzen von Ritualen eingehen bevor ich mein Thema mit dem Methodenteil, der Zusammenfassung und dem Fazit beende.

2 Rituale - Definition und Funktionen

Zu Beginn möchte ich den Begriff „Ritual“ klären, da er Hauptbestandteil meiner Arbeit ist und die Grundlage bildet. Bei dem Begriff Regeln bietet es sich an, diese erst im weiteren Verlauf zu definieren.

2.1 Begrifflichkeit

Der Begriff Ritual hat in unserer heutigen Zeit eine vielschichtige Bedeutung, oftmals wird es mit „…sinnentleerten Traditionen und überholten kirchlichen oder volkstümlichen Bräuchen gleichgesetzt …“. 1

Andere denken an „…Stämme die in Afrika leben und um Lagerfeuer tanzen und ihren Gott huldigen, wieder andere an eigenartige religiöse Riten oder schwarze Magie…“. 2

Im Allgemeinen kann man Rituale aber wie folgt definieren:

„Ein Ritual (von lateinisch ritualis = „den Ritus betreffend“) ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder westlicher Art sein (z.B. Gottesdienst, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahmefeier usw.).“ 3

Rituale folgen grundsätzlich einem festen Ablauf, bei dem ein bestimmtes Schema gewahrt wird. Von wem der Ablauf und die Form dabei festgelegt werden, ist erst einmal zweitrangig. Rituale selber werden auch oft unbewusst im Alltag integriert und dabei fast immer nach einer Anfangsphase fest im Tagesablauf eingebunden und vertraut gemacht. In jedem Fall schöpfen Rituale ihre Kraft aus der Wiederholung.

Welche Funktionen Rituale genauer haben, werde ich im Anschluss erläutern.

2.2 Funktionen von Ritualen

Das Bemerkenswerte an Ritualen ist vermutlich ihre Vielseitigkeit. Sie stärken die Identität des Menschen, geben Sicherheit, strukturieren das Leben und den Tagesablauf. So ist z.B. bereits der Morgen mit festen Ritualen verbunden. Man steht zur selben Zeit auf, verrichtet seine Morgentoilette nach demselben Muster wie am Vortag, zieht sich seine Kleidung an, frühstückt eventuell und macht sich zur selben Zeit auf zu seiner Tagestätigkeit. Wenn man all dies jeden Tag aufs Neue überlegen und strukturieren würde - wie viel Zeit und Energie würde das kosten. So könnte man sich im Leben gar nicht weiter entwickeln. Genauso helfen Rituale aber auch beim Lernen und Bewältigen von Krisen. 4

Aber nicht nur für den Einzelnen, auch für die Gruppe - vor allem für eine Gesellschaft - sind Rituale wichtig. Selbstverständliches wie Händeschütteln bei der Begrüßung oder das miteinander reden in gemeinsamer Sprache sind letztendlich nichts anderes als Rituale, welche das Zusammenleben erleichtern und strukturieren. 5

„Auch bei den Kindern unterstützen Rituale die gesunde Entwicklung beachtlich. Sie fördern die Selbstständigkeit, schulen das Denkvermögen und den Ordnungssinn, helfen Krisen zu bewältigen und sich an bestimmten Werten zu orientieren, sie vermitteln Vertrauen und Sicherheit. Darüber hinaus helfen Rituale einem Kind, sich seiner Identität bewusst zu werden.“ 6 Rituale haben also eine sehr breite Funktionalität und es hilft jedem Menschen diese in seinem Leben einzubauen sowie zu nutzen.

Die Entstehung von Ritualen ist sehr unterschiedlich und von jedem persönlich abhängig, worauf ich jetzt genauer eingehen möchte.

2.3 Entstehung von Ritualen

Rituale können ganz unterschiedlich entstehen. So können sie zum einem aus Traditionen übernommen werden, welche aus der eigenen Familie weitergegeben werden und seit Generationen gute Dienste leisten. Sie können aber auch neu ausgedacht werden, z.B. mit der ganzen Familie. Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass diese das Zusammenleben schöner und harmonischer machen sollten. Auch Kinder haben viel Freude daran, neue Rituale zu erfinden, was wiederum auch gleichzeitig ihr Selbstbewusstsein fördert und stärkt. Genauso entstehen Rituale oft zufällig, aus dem Bedürfnis heraus eine schöne Situation immer wieder zu erleben und werden dann übernommen, es sind also in diesem Falle Zufallsprodukte. Wichtig ist es bestehende Rituale regelmäßig zu überdenken und sie bei Bedarf auszubessern, damit sie zusammen mit der Familie mitwachsen können. Ungeliebte Rituale können so auch durch kleine Veränderungen im Ablauf oftmals zu einem akzeptierten, schönen Ritual werden.

3 Wichtigkeit der Rituale für Kinder

„Es wirkt auf Kinder außerordentlich wohltuend, ja heilsam, wenn der Tagesablauf nicht chaotisch ist, sondern rhythmisch gegliedert einer bestimmten Ordnung folgend. Rituale spielen hier eine große Rolle, besonders an den Schnittstellen von Tag und Nacht: Sie helfen dem Kind, am Morgen aus der Unbewusstheit des Schlafes besonnen in den Tag hineinzufinden, und am Abend, aus den Aufregungen des Tages in die Ruhe des Schlafes zu gelangen. Sei es durch eine Gute-Nacht-Geschichte, ein Lied, ein Gebet oder alles zusammen. Auch die Form, in der gemeinsame Mahlzeiten gestaltet werden, kann viel bedeuten, nicht nur in rhythmischer Hinsicht, sondern auch in sozialen u. ernährungsphysiologischer Hinsicht. Auch Kinder im Vorschulalter finden es keineswegs langweilig, wenn sich bekannte Ereignisse wiederholen, sondern freuen sich im Gegenteil auf die Wiederkehr des Bekannten und leben darauf zu.“ 7

In all ihren Entwicklungsjahren erleben Kinder unter anderem den Übergang von zu Hause sein in den Kindergarten und dem Kindergarten in die Schulzeit. Besonders in den ersten Wochen in der fremden Umgebung ist es wichtig, den Kindern eine Stütze zu geben, welche ihnen Sicherheit vermittelt. Dabei können Rituale eine große Hilfe sein. Im weiteren Verlauf meiner Arbeit werde ich nun auf einige davon näher eingehen.

3.1 Das Morgenritual

Der Morgen ist eine Übergangsphase in den Tag. Die Nacht endet und ein neuer Tag beginnt. Besonders hier sind zuverlässige Rituale wichtig.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten hierfür, Rituale zu finden. Manche lassen sich gern mit sanfter Musik wecken, andere kuscheln lieber und werden langsam wach dabei. Viele Kinder lieben es auch, vor dem Aufstehen noch einmal in Mamas und Papas Bett zu krabbeln. Wichtig hierbei ist, dass es nicht die aufwendigsten, originellsten Rituale sein müssen, sondern, dass sie regelmäßig, verlässlich und ohne Hektik eingesetzt werden.

3.2 Das Frühstücksritual

Für viele Familien ist das Frühstück das erste Zusammentreffen des Tages. Besonders hier kann man viele Rituale einbauen, die auch für die Eltern sehr nützlich sein können. Jeder darf z.B. aus seiner Lieblingstasse trinken und dabei erzählen, was er die Nacht geträumt hat. Auch kann gemeinsam geplant werden, was am heutigen Tag alles ansteht. So erfahren die Eltern, was ihr Kind momentan beschäftigt und interessiert. 8

Besonders für die Kinder ist es schön, so einen ruhigen Start in den Tag zu haben und alle Familienmitglieder zu sehen, vor allem weil die Väter meist erst abends von Arbeit nach Hause kommen und nicht viel Zeit für gemeinsame Aktivitäten übrig bleibt. 9

3.3 Abschiedsrituale

Vielen Kindern in der Krippe und dem Kindergarten fällt es schwer, sich von der Mutter zu trennen. Hier ist es wichtig, das Kind zu unterstützen und das Verabschieden leichter zu machen. Ein schönes Ritual kann z.B. das Winken an einem bestimmten Fenster sein, oder wenn die Eltern und das Kind einen Gegenstand tauschen. Die Mutter/der Vater gibt ihm das getragene Halstuch und das Kind stattdessen das geliebte Kuscheltier und beide passen nun gegenseitig darauf auf, bis sie sich wieder sehen. Das Trauern an dieser Stelle ist vollkommen normal und man sollte den Kindern die Gelegenheit geben, diese Traurigkeit zu zeigen und damit umzugehen. Hierbei helfen die Abschiedsrituale, denn sie geben eine innere Ordnung und Selbstständigkeit. 10

3.4 Der Morgenkreis

In vielen Einrichtungen ist es üblich, dass die Erzieherin mit den Kindern einen gemeinsamen Morgenkreis erlebt. Hierbei können die Kinder erzählen, was sie am vorherigen Tag erlebt haben, was besonders nach dem Wochenende viel Gesprächsstoff bereit stellt und gleichzeitig für die Erzieherin eine gute Informationsquelle sein kann. Auch kann man mit den Kindern gemeinsam planen, was am Tag gemacht werden möchte und ob sie eigene Ideen haben. Das gibt den Kindern nicht nur Sicherheit, weil sie wissen was auf sie zukommt, sondern fördert auch ihr Selbstbewusstsein, da sie sich selber aktiv mit einbringen können. Als gemeinsamer Abschluss des Morgenkreises kann man ein Buch vorlesen, ein Lied oder Fingerspiel gestalten ehe es ins gemeinsame Freispiel oder zu den Angeboten übergeht.

3.5 Das Aufräumritual

Kinder vertiefen sich nur allzu gern in ihr Spiel und mögen es nicht, wenn sie herausgerissen werden. Oft fällt es ihnen schwer aufzuräumen und sie haben keine Lust dazu, was auch sehr oft zu Streitereien führt, wer mit welchem Spielzeug gespielt hat und wer es daher aufräumen soll. Auch hier gibt es ein paar schöne Rituale, welche helfen können. So kann z.B. das Signal „Aufräumzeit es ist soweit“ als kurzer Sprechgesang zum gemeinsamen Aufräumen überleiten. Ratsam ist es, wenn die Erzieherin beim Aufräumen unterstützt, das schützt vor Überforderung der Kinder. Die Erzieherin kann z.B. durch kleine Hilfestellungen auf spielerische Weise helfen z.B. in dem sie sagt „Die Puppenkinder sind nun auch müde, wer legt sie ins Bett und deckt sie zu?“. In der Bauecke wiederum können Bagger und Lastwagen helfen die Bausteine in die Kisten zu transportieren. So bekommt man eine Struktur in das Chaos und die Kinder wissen leichter, wo sie anfangen können mit aufzuräumen. Auf diese Weise kann jedes Kind seinen Teil dazu beitragen und das Aufräumen wird eine gemeinsame Gruppenaktion, die auch noch Spaß machen kann.

3.6 Rituale am Esstisch

„Mahlzeiten haben innerhalb des Tagesablaufes im Kindergarten eine große Bedeutung. Mahlzeiten sind immer ein soziales und kulturelles Ereignis, gemeinsam zu essen macht Spaß und ist unterhaltsam. Sich zu verabreden, neben einem Freund beim Essen zu sitzen und sich über alles Mögliche zu unterhalten - die soziale Komponente des gemeinsamen Essens ist für Kinder besonders wichtig. Sie essen mit größerem Appetit und genießen die gemütliche Atmosphäre am einladend gedeckten Tisch mit appetitlich angerichteten Speisen.“. 11

Mit den Kindern entwickelte Rituale geben den Mahlzeiten die nötige Ruhe. Beispiele dafür können ein gemeinsamer Tischspruch sein, alle essen mit dem Besteck und jeder darf erzählen. Auch das gemeinsame Tischdecken und Abräumen ist ein schönes Ritual. Die Kinder beteiligen sich aktiv und lernen gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen.

[...]


1 Kunze, 2008, S.8

2 Kunze, 2008, S.8

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Ritual (14.10.2010) 5

4 Kunze, 2008, S.11

5 Kunze, 2008, S.11

6 Kunze, 2008, S.11 6

7 Patzlaff,2005, S.23 7

8 Kunze, 2008, S.20

9 Kunze, 2008, S.26

10 Helbig, 2010, S.17 8

11 Helbig, 2010, S.98 10

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Rituale für Kinder: Ein pädagogisch wertvolles Hilfsmittel
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
50
Katalognummer
V162671
ISBN (eBook)
9783640891764
ISBN (Buch)
9783640892167
Dateigröße
4328 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rituale, Kinder, Facharbeit
Arbeit zitieren
Nicole Wuttke (Autor), 2010, Rituale für Kinder: Ein pädagogisch wertvolles Hilfsmittel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162671

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