Sprachanalytische Betrachtungen zu "Définitionnel" aus Raymond Queneaus "Exercices de style"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

1 Einleitung

In kaum einem zweiten Werk kommt die sprachliche Experimentierfreudigkeit eines Autors deutlicher zum Tragen, als in Raymond Queneaus Exercices de style. Die triviale Geschichte eines jungen Mannes im Bus, der zwei Stunden später vor dem Bahnhof Saint-Lazare wieder gesehen wird, wo ihm ein Freund rät, einen zusätzlichen Knopf an seinen Überzieher zu nähen, wird in unzähligen Versionen neu bearbeitet und macht Queneaus Leser zu „témoins d’un acte de création littéraire; à travers différents genres et styles littéraires, diverses voix narratives et de simples jeux langagiers […].“[1]

Im Fokus der Betrachtungen bezüglich Queneaus Werk steht fast immer sein außerordentlicher Sinn für die Sprachentheorie. Ohne Zweifel ist er ein „hervorragender Kenner der französischen Gegenwartssprache […].“[2] In seinen 98 Varianten von Notations experimentiert Queneau mit Fachsprachen und Jargons, verwendet unterschiedliche rhetorische Figuren und variiert mithilfe wechselnder Vers- und Zeitformen.

Der Autor selbst rechtfertigt seine Vorliebe für sprachtheoretische Betrachtungen in Bâtons, chiffres et lettres. Hier schreibt er: „[…] [L]es formes subsistent éternellement.“[3] Außerdem seien in der Literatur alle möglichen Themen zur Genüge ausgeschöpft und „alles Sagbare [sei] schon gesagt.“[4] Aufgrund dessen könne man nur innovatorisch arbeiten, wenn die formale Komponente im Vordergrund stehe.

Queneau ist interessiert „à toutes les questions […] du langage en tant que jeu avec des règles, disons un jeu de raisonnement, ou un jeu de hasard avec un maximum de raisonnement.“[5] Sein ausgeprägter Sinn für regelhafte, von formalen Zwängen geprägte Literatur führt 1960 zur Gründung des Autorenkreises Ou vroir de Li ttérature Po tentielle, kurz OuLiPo. Die Gruppe macht es sich zur Aufgabe, neue literarische Strukturen mathematischer Natur, mehr noch künstliche oder mechanische Verfahren, zu entwickeln, die die Inspiration der Schriftsteller sowie deren Kreativität fördern sollen.[6] Sie widmet sich der sogenannten littérature potentielle, deren Vielfältigkeit in den Exercices de style in vollem Maße zur Geltung kommt.

Ein Beispiel hierfür ist die Variante Définitionnel, die in unseren weiteren Ausführungen näher analysiert werden soll. Sie gehört neben Tanka, Ensembliste, Géometrique, Lipogramme und Translation zu jenen Exercices, die Queneau erst 1973, nach ausführlichen Überarbeitungen und Korrekturen, in den Band aufnahm.

Um den Text ausführlich zu analysieren, ist es notwendig, das von OuLiPo proklamierte Prinzip der littérature potentielle intensiv zu betrachten. Wir werden uns insbesondere tiefgreifend mit der littérature définitionnelle auseinandersetzen, welche die Kriterien für jene Art von Literatur, wie sie Définitionnel liefert, näher erläutert. Um den Definitionscharakter des Textes weiter zu analysieren, werden ferner die von Queneau verwendeten Begriffsbestimmungen und deren charakteristische Merkmale untersucht, bevor wir uns der eigentlichen sprachlichen Analyse des Textes zuwenden. Als Basiswerk für die Definitionsanalyse dient uns Walter Dubislavs Die Definition, in dem die Definitionslehre besonders ausführlich und detailliert dargelegt wird. Natürlich können die von Queneau verwendeten Definitionen nicht vollständig und anhand aller von Dubislav aufgestellten Kriterien analysiert werden. Aufgrund dessen beschränken wir uns darauf, herauszufinden, ob Queneau bestimmten Definitionsarten beziehungsweise -regeln folgt und wenn ja, welchen.

Konkretisiert werden unsere Ausführungen mittels einer Textanalyse, welche es uns ermöglicht, Queneaus verwendeten Sprachstil zu untersuchen und mögliche Intentionen abzuleiten. Hierbei soll schlussendlich auch das von Queneau propagierte „néo-français“ in unsere Betrachtungen einbezogen werden.

2 Queneau und die littérature potentielle

Raymond Queneau begann frühzeitig, sich für regelhafte Literatur zu interessieren. Im Zwiegespräch mit Georges Charbonnier äußert er: „J’ai toujours pensé qu’une œuvre littéraire devait avoir une structure et une forme, et dans le premier roman que j’ai écrit, je me suis appliqué à ce que cette structure soit extrêmement stricte […].“[7] Sein Sinn für literarische Formen prägte schon in frühster Zeit sein Schaffen und wurde zum wichtigsten Bestandteil seiner Arbeit.

Queneaus Werke sowie sein außerordentlicher Sinn für Formalität und Wissenschaftlichkeit fanden viele Bewunderer. Der Mathematiker François Le Lionnais, der Queneau vor allem ob dessen mathematischer Affinität würdigte und seine Leidenschaft für mathematische Zeitschriften und Artikel teilte, trat Ende des Zweiten Weltkrieges an ihn heran. Über den Beginn ihrer Freundschaft äußert er: „A mon retour de déportation, nous prîmes goût à nous rencontrer de plus en plus souvent et ce pour aucune autre raison que de nous vautrer en commun dans ce qui nous passionnait.“[8] Im Laufe ihrer Bekanntschaft wurden Pläne zur Gründung eines „séminaire de littérature expérimentale abordant de manière scientifique“[9] immer deutlicher und es fanden sich weitere Sympathisanten. Am 24. November 1960 kam es schließlich zur Gründung der Gruppe S.L.E. (Séminaire de littérature expérimentale) durch die Mitglieder Queval, Lescure, Bens, Berge, Duchateau, Le Lionnais und Queneau selbst. Erst im November 1960 wurde der Gruppenname in Ouvroir de littérature potentielle (=Ou.Li.Po) geändert.[10] Das Team machte es sich zum Ziel, einerseits bereits bestehende literarische Regeln zu studieren sowie neu zu bearbeiten, andererseits, neue mathematische Strukturen und Methoden für die Produktion von Literatur zu entwickeln.

2.1 Spracherweiterung durch formale Zwänge

Bereits der Name der Arbeitsgruppe macht auf die Hauptaufgabe von OuLiPo aufmerksam. Es handelt sich um die Schaffung „potentieller Literatur“. Laskowski-Caujolle hat sich intensiv mit der Bedeutung dieses Terminus’ auseinandergesetzt. Sie sieht zwei Ansätze zu dessen Erläuterung: die Schaffung des Werkes und dessen Rezeption für den Leser. Mit dem Bezug auf Jean Lescure hält sie fest, dass literarische Werke bereits hinsichtlich ihrer Rezeption vielfältige Interpretationsmöglichkeiten für den Leser bieten. Queneau ist sich der bedeutenden Rolle des Lesers durchaus bewusst. „Pour Queneau (je dis bien : pour lui), il n’y a pas, ou peu, de littérature sans lecteur. […] L’important, c’est que le texte existe, s’impose par sa présence et résiste au lecteur.“[11]

Die eigentliche Absicht von OuLiPo sei jedoch die Produktion von Literatur mit potentiellem Charakter.[12] Hierfür werden bestimmte contraintes, also Regeln, mehr noch Zwänge, vorgegeben, anhand deren ein literarisches Kunstwerk entsteht. Mathematische Regelhaftigkeit und literarische Strukturen werden in Beziehung gebracht, wodurch, so Consenstein, eine „künstliche literarische Bewusstheit“ entsteht: „The ‚artificial’ nature of their contribution to ‚l’activité littéraire’ refers to the relationship between mathematics and literary structures. Such a relationship necessitates an abstract and well-tuned consciousness of literature, one that depends on past knowledge.”[13]

Die literarischen Zwänge stehen also bezüglich der Arbeit OuLiPos eindeutig im Vordergrund. Dazu gehören, laut Le Lionnais „tous les aspects formels de la littérature: […] programmes ou structures alphabétiques, consonantiques, vocaliques, syllabiques, phonétiques, graphiques, prosodiques, rimiques, rythmiques et numériques.“[14]

OuLiPo distanziert sich mithilfe der contraintes von der aleatorischen, also jeglicher auf dem Zufallsprinzip beruhender Dichtung und „wendet sich […] insbesondere gegen den Schaffensprozess literarischer Strömungen wie den Dadaismus oder Surrealismus und somit gegen die von diesen Richtungen propagierte Freiheit in der künstlerischen Produktion.“[15]

Als beispielhaftes Exempel der littérature potentielle gilt Queneaus Cent milles milliards de poèmes, bei dem man die 14 Verse der insgesamt zehn Sonette auf 1014 verschiedene Arten kombinieren kann, wodurch sich eine Gesamtsonettzahl von 100 000 000 000 000 ergibt. In diesem Werk kommt Queneaus Affinität für Kombinatorik deutlich zum Ausdruck.

Der Einsatz von contraintes ist keineswegs eine Erfindung Queneaus oder OuLiPos. Vielmehr „[haben] Formzwänge in der Literatur, aber auch in Kunst oder Musik […] stets existiert.“[16] So greifen die Oulipiens nicht selten historische Formen auf, wie beispielsweise das Leipogramm, dessen Ursprung auf die Antike zurückgeht. Le Lionnais unterscheidet in seinem Artikel „La LiPo (Le premier Manifeste)“ zwischen tendance analytique und synthétique und erläutert diese wie folgt:

La tendance analytique travaille sur les œuvres du passé pour y rechercher des possibilités qui dépassent souvent ce que les auteurs avaient soupçonné. […]

La tendance synthétique est plus ambitieuse; elle constitue la vocation essentielle de l’OuLiPo. Il s’agit d’ouvrir de nouvelles voies inconnues de nos prédécesseurs.[17]

Es wird hier deutlich, dass die Mitglieder von OuLiPo bereits bestehende Regeln produktiv umzuwandeln gewollt sind, das Hauptaugenmerk jedoch auf der Entwicklung eigener, noch unbekannter Prinzipien und deren Verarbeitung in neuen Werken legen.

In seinen Gesprächen mit Georges Charbonnier bringt Queneau die analytische Arbeit auf den Punkt: „On manipule et on traite des textes déjà existants. […] D’autre part, créant, ou inventant, ou découvrant, ou essayant à priori de voir quelle est la valeur de structures, on les applique à des textes déjà existants, simplement parce qu’on sait que ce sont des textes qui ont une valeur littéraire […].[18] Es geht hauptsächlich darum, die Potentialität bereits existierender literarischer Werke für die eigene Arbeit nutzbar zu machen, wie es beispielsweise in Cent milles milliards de poèmes der Fall ist. Gleichzeitig sollen den Literaten auf diese Weise neue Inspirationsansätze für ihr Schaffen gegeben werden.

2.2 Die Verbindung von Spieltrieb und contraintes

Queneau hält in seinen Aufzeichnungen einen wichtigen Ausgangspunkt zur Arbeit von

OuLiPo fest:

J’insisterai cependant sur le qualitatif d»amusant». Il est certain que certains de nos travaux peuvent paraître, du domaine de la simple plaisanterie ou encore de simples «jeux d’esprit», analogues à certains «jeux de société».

Rappelons-nous que la topologie ou la théorie des nombres sont nées en partie de ce qu’on appelait autrefois les «mathématiques amusantes», les «récréations mathématiques».[19]

Er weist eindeutig darauf hin, dass der Begriff „amusant“ nicht mit einfacher „plaisanterie“ gleichzusetzen ist, sondern vielmehr ernstzunehmenden mathematischen Spielereien entspricht: „[…] il y a un côté jeu; c’est un jeu dont on invente les règles et auquel on obéit.“[20] Es handelt sich, wie Kemmner sagt, um „ein durchdachtes Spiel mit der Sprache […].“[21] Dementsprechend handelt es sich bei oulipotischen Werken um seriöse, wissenschaftliche Arbeiten. Die Erfindung beziehungsweise Verarbeitung von Regeln und deren striktes Befolgen macht den spielerischen Charakter der oulipotischen Literatur aus. Der Einsatz dieser „Spielregeln“ verkörpert, wie Laskowski-Caujolle festhält, „eine Möglichkeit, Kreativität zu fördern und Mittel für eine zukünftige Literaturproduktion bereitzustellen.“[22] Die Lust, Regeln und Methoden durch eigene Experimente zu erproben, ist hierfür ein wesentlicher Bestandteil.

Jacques Roubaud, ein weiteres Mitglied von OuLiPo, beschäftigt sich in seinem Artikel „La Mathématique dans la méthode de Raymond Queneau“ tiefgründig mit dessen oulipotischen Prinzipien. Er hält fest, dass die Arbeiten der Oulipiens mit bereits vorhandenen mathematischen Gesetzen experimentieren, dabei aber nicht den Anspruch erheben, wichtige mathematische Fragen wie „[Ça] sert à quoi? qui est garant? quel problème ça résout?“[23] zu beantworten, weshalb sie lediglich als Spiel angesehen werden dürfen. Damit ein Werk gelingt, müssen Kreativität und Technik miteinander harmonieren.

Besonders die Exercices de style ähneln in ihrer Vielfältigkeit und ihrem experimentellen Charakter einem Spiel mit der Sprache. „Es gebärdet sich ganz munter, als ein bloßer Zeitvertreib, der so harmlos scheint wie die Pausenbetätigung von Gymnasiasten.“[24] Dass eine derart banale, nicht einmal völlig kohärente Handlung auf solch kreative, sprachkünstlerische Weise aufgearbeitet wird, wirkt auf den Leser höchst satirisch und belustigend.

3 Sprachliche Analyse von Définitionnel

3.1 La littérature définitionnelle

Die Gruppe OuLiPo und deren Prinzip der littérature potentielle ist wohl einer der Gründe, die Queneau 1973 dazu bewegen, seine Exercices de style zu überarbeiten. Er ersetzt einige Varianten seiner Geschichte durch solche, die die entwickelten Verfahren von OuLiPo repräsentieren. In Définitionnel handelt es sich um jenes der littérature définitionnelle, das er in seinem Artikel im gleichnamigen Werk folgendermaßen erklärt:

Étant donné un texte, on substitue à chaque mot signifiant (verbe, substantif, adjectif, adverbe en –ment), sa définition dans «le» dictionnaire, puis on itère l’opération. Une phrase de six mots ainsi traitée donne un texte de près de 180 mots au troisième traitement.[25]

Auch diese Art von Literatur ist keine Erfindung Queneaus, sondern ursprünglich die Idee von Stefan Themerson, dessen semantische Poesie bereits die gleichen Strukturen aufwies.

Das Einfügen von Definitionen zu bestimmten Wörtern führt natürlich, wie Queneau selbst angibt, dazu, dass ein ursprünglich kurzer Text seine Länge unter Umständen verdreißigfachen kann, je nach dem, wie lang die im Wörterbuch angegebene Definition zu den betreffenden Wörtern ist.

Für den einfachen Satz „Le chat a bu le lait“ gibt Queneau beispielsweise folgende Transformationsmöglichkeiten an:

Le mammifère carnivore digitigrade domestique A AVALÉ un liquide blanc, d’une saveur douce fournie par des femelles des mammifères.

Celui qui a des mamelles, mange de la viande, marche sur l’extrémité de ses doigts et concerne la maison A FAIT DESCENDRE PAR LE GOSIER DANS L’ESTOMAC un état de la matière sans forme propre, de la couleur du lait, d’une impression agréable sur l’organe du goût et procuré par les animaux du sexe féminin qui ont des mamelles. […][26]

Die Auswahl der entsprechenden Definition liegt stets beim Autor und kann nach dessen Belieben abgewandelt werden. So wird im zweiten Beispiel die Definition des Substantivs chat verlängert, indem die Wörter mammifère, digitigrade und domestique zusätzlich definiert werden. Der Kreativität des Dichters sind keine Grenzen gesetzt.

Marcel Bénabou und Georges Perec erweitern Queneaus Methode und arbeiten mit „deux énoncés aussi différents que possible […].“[27] Die Definitionen zu den einzelnen Wörtern sind oft weit hergeholt, nicht allgemeingültig und erfordern zumeist spezielles Vorwissen seitens des Lesers. Bénabou und Perec nennen ihre Methode La littérature sémo-définitionnelle, kurz L.S.D. Diese wird hier lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt und soll nicht näher erläutert werden.

Ähnlich wie im oben genannten Beispiel aus Queneaus Aufsatz, findet sich auch in Définitionnel eine Definition innerhalb einer Definition. Diese erscheint im ersten Satz:

Dans un grand véhicule automobile public de transport urbain désigné par la dix-neufième lettre de l’alphabet, […][28]

Die hier doppelt unterstrichene, zusätzliche Definition des Buchstabens „S“ muss hier stattfinden, um kenntlich zu machen, dass es sich um ein spezielles öffentliches Verkehrsmittel handelt, nämlich um die Busfahrlinie S. Wir haben es hier also nicht mit einer allgemeingültigen Definition, wie man sie im Wörterbuch findet zu tun. Wie wir im Weiteren noch verdeutlichen werden, definiert Queneau hier ein spezielles, real existierendes Pariser Verkehrsmittel anstatt eines Prototypen desselben.

3.2 Queneaus Definitionsweise

Der Begriff „Definition“ ist deshalb so schwer zu definieren, weil es so viele verschiedene Auffassungen darüber gibt, was denn eine Definition sei. So wird der Begriff in den unterschiedlichen Fachbereichen auch verschiedenartig verwendet. Mathematische Definitionen unterscheiden sich dementsprechend stark von juristischen oder physikalischen und selbst innerhalb einer Wissenschaft können Differenzen bezüglich der Auffassung des Begriffs auftreten.[29]

Dubislav hält in seinem Werk zur Definitionslehre folgende aufgestellte Lehren zur Definition fest:

A. Eine Definition besteht in der Hauptsache aus einer Wesensbestimmung (Sacherklärung).
B. Eine Definition besteht in der Hauptsache aus einer Begriffsbestimmung. (Begriffskonstruktion bzw. –zergliederung).
C. Eine Definition besteht in der Hauptsache aus einer Feststellung (nicht Festsetzung) der Bedeutung, die ein Zeichen besitzt, bzw. der Verwendung, die es findet.
D. Eine Definition besteht in der Hauptsache aus einer Festsetzung (nicht Feststellung) über die Bedeutung eines (neu einzuführenden) Zeichens bzw. über die Verwendung, die es finden soll.[30]

Es soll nicht unsere Aufgabe sein, Quenaus Definitionsweise konkret und ausschließlich einer dieser Lehren zuzuordnen. Im Folgenden soll jedoch seine Herangehensweise beim Definieren näher beleuchtet werden.

Zunächst sei festzuhalten, dass die zu definierenden Begriffe, also die Definienda, in Definitionnel nicht genannt werden. Es handelt sich also nicht um adäquate Definitionen, sondern das Definiendum wird stets durch das Definiens ersetzt. Dies beeinträchtigt allerdings nicht die Verständlichkeit, da dem Leser die Begriffe zum einen aus Notations, zum anderen aus der eigenen Erfahrungswelt bekannt sind. Queneaus umständliche Umschreibungen erläutern die Begriffe detaillierter und eindringlicher, als es erforderlich wäre. Besonders durch die Länge der ineinander verschachtelten Sätze wird eine satirische Wirkung erzielt. Queneau definiert, wie bereits erwähnt, in seiner Kurzgeschichte unter anderem Wörter, die keine allgemeingültige Bedeutung haben. Es handelt sich zumeist um real existierende Dinge oder Personen, die in ihrer Einzigartigkeit spezielle Eigenschaften besitzen, welche nicht auf allgemeingültige Termini übertragbar sind. Ein Beispiel hierfür ist die Definition des jungen Mannes, dem der Ich-Erzähler im Bus begegnet und die folgendermaßen lautet: „[…] un jeune excentrique portant un surnom donné à Paris en 1942, ayant la partie du corps qui joint la tête aux épaules s’étendant sur une certaine distance et portant sur l’extrémité supérieure du corps une coiffure de forme variable entourée d’un ruban épais entrelacé en forme de natte […].“[31] Es handelt sich hierbei um eine Wesensbestimmung im aristotelischen Sinne, bei der die „Gesamtheit der […] grundwesentlichen Merkmale des zu Definierenden angegeben wird.“[32] In diesem Fall sind dies bezeichnende Eigenschaften, die die Besonderheit des Mannes verdeutlichen. Dazu gehören beispielsweise der auffallend lange Hals und die eigentümliche Kopfbedeckung. Indem die ursprüngliche Bezeichnung „un type“[33] durch „un jeune excentrique“[34] ausgetauscht wird, wird die Besonderheit des jungen Mannes zusätzlich verdeutlicht. Diese Transformation wirkt außerdem als Attribut, welche die Person näher bestimmt.

[...]


[1] Sanders 1994, S. 91.

[2] Langenbacher 1981, S. 1.

[3] Queneau: Bâtons, chiffres et lettres, S. 33.

[4] Pöckl 1987, S. 163.

[5] Queneau: Entretiens avec Georges Charbonnier, S. 56.

[6] Vgl.: Bâtons, chiffres et lettres, S. 321.

[7] Entretiens avec Georges Charbonnier, S. 47.

[8] Le Lionnais: „Raymond Queneau et l’Amalgame des Mathématiques et de la Littérature“, S. 34.

[9] Ebd., S. 39.

[10] Vgl.: Laskowski-Caujolle 1999, S. 121 f.

[11] Bens: „Queneau ouplien“, S. 24.

[12] Vgl.: Laskowski-Caujolle, S. 123f.

[13] Consenstein 2002, S. 16 f.

[14] Le Lionnais: „Le second manifeste“, S. 19f.

[15] Laskowski-Caujolle, S. 130.

[16] Ebd., S. 131.

[17] Le Lionnais: „La LiPo (Le premier Manifeste)“, S. 17.

[18] Entretiens avec Georges Charbonnier, S. 144.

[19] Bâtons, chiffres et lettres, S. 322 f.

[20] Entretiens avec Georges Charbonnier, S. 56.

[21] Kemmner 1972, S. 4.

[22] Laskowski-Caujolle, S. 133.

[23] Roubaud: „La Mathématique dans la méthode de Raymond Queneau“, S. 52.

[23] Vgl.: Laskowski-Caujolle, S. 123f.

[24] Zeltner-Neukomm 1960, S. 60.

[25] Queneau: „La littérature définitionnelle“, S. 115.

[26] „La littérature définitionnelle“, S. 115f.

[27] Bénabou und Perec: „La littérature sémo-definitionnelle“, S. 119.

[28] Queneau: Exercices de style, S. 105. (Hervorhebungen von uns angebracht)

[29] Vgl.: Dubislav 1931, S. 1.

[30] Ebd., S. 2.

[31] Exercices de style, S. 105.

[32] Dubislav, S. 3f.

[33] Exercices de style, S. 7.

[34] Ebd., S. 105.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Sprachanalytische Betrachtungen zu "Définitionnel" aus Raymond Queneaus "Exercices de style"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Raymond Queneaus "Exercices de style" - Sprachwissenschaftliche Interpretationen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V162716
ISBN (eBook)
9783640774982
ISBN (Buch)
9783640774913
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachanalytische, Betrachtungen, Définitionnel, Raymond, Queneaus, Exercices
Arbeit zitieren
Susann Schrödter (Autor), 2009, Sprachanalytische Betrachtungen zu "Définitionnel" aus Raymond Queneaus "Exercices de style", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162716

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