Der historische Hintergrund des "Chanson de Roland" und des "Chanson de Guillaume"


Hausarbeit, 2008
12 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vom historischen Ereignis zum Chanson de geste

3 Die historische Grundlage
3.1 Chanson de Roland
3.2 Chanson de Guillaume

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den realen Ereignissen, denen die das Chanson de Roland sowie das Chanson de Guillaume zugrunde liegen. Es soll anhand unterschiedlichster arabischer und lateinischer Quellenaussagen analysiert werden, auf welchen historischen Ereignissen die beiden Chansons de geste basieren und wie diese in den Werken umgesetzt werden.

Die arabischen und lateinischen Quellen beschreiben, besonders im Rolandslied, teilweise unterschiedliche Seiten ein und derselben Sache, schließen sich jedoch deshalb nicht gegenseitig aus. Die Hausarbeit wird sich vorwiegend nur echten, geschichtlich fundierten Quellen widmen; nicht nachweisbare Vermutungen oder Möglichkeiten über den historischen Verlauf eines Ereignisses werden überwiegend vernachlässigt.

Die Anfertigung einer Hausarbeit zu diesem Thema setzt die Annahme voraus, dass Literatur über ihre ästhetische Funktion hinaus Aufschluss über historische Begebenheiten gibt. Bezüglich dessen ist allerdings zu beachten, dass das vollendete literarische Werk auch immer „als das Ergebnis einer Auswahl und eines Bewusstseinsprozesses des schöpferischen Autors anzusehen ist.“1In diesem Zusammenhang muss man sich bewusst sein, dass ein literarischer Text im Gegensatz zu historiographischen Quellen immer auch einen hohen Grad an Fiktionalität aufweist, der den der Historizität vermutlich weit überschreitet.

2 Vom historischen Ereignis zum Chanson de geste

Die französischen Heldenepen handeln zumeist von den Kriegszügen Karls des Großen und den Helden, die in den blutigen Schlachten ihr Leben ließen, und werden deshalb auch oft als der Karlszyklus bezeichnet. Nun ist es trotz der vielen Ausschmückungen in den Chansons de geste möglich, deren Inhalte relativ genau in das Leben Karls des Großen einzuordnen. So wurden die tapferen Krieger der fränkischen Armee, von denen, die die Schlachten miterlebten, besungen und deren Tapferkeit gehuldigt. Jene „episch-lyrisch getönten Kantilenen“2wurden über Generationen hinweg mündlich überliefert und galten als „Beispiele überwundener Krisensituationen zur Erbauung in Friedenszeiten und zur Stärkung des Kampfeswillens vor den Schlachten“2. Gaston Paris zufolge „geben genau diese Volksgesänge der Franzosen das Material für ihr Heldenepos ab“3. Seiner Meinung nach wurden die Volkgesänge im elften Jahrhundert vollständig vom Heldenepos verdrängt, welche von denJongleursgeschaffen und vor dem einfachen Volk vorgetragen wurden.

Dass die in den Chansons de geste dargestellten Ereignisse nur noch in Bruchteilen den realen Begebenheiten entsprechen, hat zum einen den Grund, dass die künstlerische Freiheit der Schreiber unbeschränkt Ausschmückungen zuließ, zum anderen, dass für die Jongleurs das königliche Geschlecht aus drei Personen bestand: Karl dem Großen selbst, seinem Vater Pippin sowie seinem Sohn Ludwig. Da Ereignisse aus allen drei Generationen in die Heldenepen mit einflossen, kam es oftmals zu gravierenden Abwandlungen und Vermischung von Tatsachen, wobei zum Beispiel die chronologische Abfolge von Ereignissen verändert wurde oder die Orte, an denen die Schlachten stattfanden, sich im Epos räumlich verschoben fanden.

So wurden unterschiedlichste Erzählungen mit Details aus anderen Begebenheiten ausgeschmückt.

Auffällig an den Chansons de geste und vor allem auch an den hier behandelten, ist die Zuordnung der Feinde zu einem bestimmten Typus und somit die Vereinheitlichung der feindlichen Charaktere. Als einziges Unterscheidungskriterium kannten die Jongleurs die Religion, weshalb die ungläubigen Feinde, besonders nach dem Spanienfeldzug, oft in ihrer Grausamkeit und Hässlichkeit von den christlichen Franken abgegrenzt wurden.

Trotz aller Abweichungen stellt Gaston Paris in seinem Aufsatz über den Ursprung des Heldenepos fest, „daß das französische Epos seinem Wesen nach historisch ist, daß die Mythen, die vielleicht in das Epos eingeflossen sind, ihm ursprünglich fremd waren, und daß es alles in allem das getreue Abbild der Art und Weise darstellt, in der das französische Volk einer bestimmten Epoche sich die Geschichte seines Landes vergegenwärtigte.“4

Die Tendenz zur Schilderung wunderbarer Ereignisse sei somit erst später, als „das natürliche Ergebnis des von jedem Erzähler verspürten Wunsches nach Ergänzung, Vervollständigung, Ausmalung [...]“5entstanden. Übertreibung macht sprichwörtlich anschaulich und um denjenigen, die bei der Schlacht nicht dabei waren, einen lebhaften Eindruck zu vermitteln, bedarf es wohl einer gewissen Anzahl an Ausschmückungen. Der individuellen Phantasie der späteren Bearbeiter der Chansons waren keine Grenzen gesetzt. Hinzu kommt der uneingeschränkte Glauben der Franken an den allmächtigen Gott und der damit verbundene Glauben an das helfende oder strafende Eingreifen Gottes in Bezug auf menschliche Angelegenheiten.

Trotz all dieser eingestreuten fiktiven Elemente in den französischen Heldenepen, lässt sich der historische Hintergrund rekonstruieren, wenn man durch die Illusion hindurch auf das eigentliche historische Geschehen zu blicken vermag. Die historische Basis des Chanson de Roland und des Chanson de Guillaume soll im Folgenden aufgezeigt werden.

3 Die historische Grundlage

3.1 Chanson de Roland

Das wohl vorbildlichste und einflussreichste Heldenepos ist das Chanson de Roland. Den Rahmen zu diesem altfranzösischen Chanson de geste bildet der Spanienfeldzug Karls des Großen, worüber es viele Theorien gibt. Um diese Expedition existieren zahlreiche karolingische und arabische Quellen, die einerseits die Wahrnehmung der Franken, andererseits Ansichten der in Spanien lebenden Araber bezüglich der Geschehnisse auf der Iberischen Halbinsel aufzeigen. Die wichtigsten karolingischen Quellen sind wohl die „Annales royales“ und die „Annales Mettenses“, die beide oft erneuert wurden. 829 wurden die Annalen um die Darstellung des erlittenen Leids der fränkischen Nachhut erweitert, die später auch im Rolandslied zu finden ist. Auffällig hierbei ist die Tatsache, dass diese Episode erst nach dem Tod Karls des Großen in die Annalen aufgenommen worden ist. Es existieren noch weitere Annalen zu Karls Erlebnissen in Spanien, die im Großen und Ganzen mit den Annales royales und den Annales Mettenses übereinstimmen. Der einzige wesentliche Unterschied ist der, dass die Annales royales und die Annales Mettenses die Basken als hauptsächliches Kampfziel der Franken sehen, während andere Quellen (die „Annales brèves“) sich auf die Sarazenen als Feinde konzentrieren und die Basken vollständig ignorieren.

Die arabischen Quellen schildern zum Teil andere Geschehnisse als die karolingischen. Grund dafür sind die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Intentionen der Quellenschreiber, die sich aus der Feindschaft zwischen Arabern und Franken ergibt. Die Wahrnehmung von Geschichte bedeutet immer auch subjektive Interpretation und individuelle Selektion, weshalb sich die fränkischen und arabischen Quellen nicht unbedingt ausschließen sondern gegebenenfalls sogar ergänzen. Die arabischen Quellen setzen das Interesse vorrangig auf die Bewegungen der Rebellion in Saragossa gegen Abd ar-Rahman I, während die karolingischen Quellen vor allem die Ankunft Karls des Großen in Spanien betrachten.

Nach arabischen Quellen herrscht in Spanien zur Zeit der Ankunft Karls des Großen (778) Abd ar-Rahman I, nachdem die Muslime 60 Jahre zuvor die Iberische Halbinsel erobert haben. Jener gehört den Umayyaden an, einer Dynastie von Kalifen, die um Abd ar-Rahman im „Emirat von Cordoba“ regieren. Die islamischen Stadthalter streben nach Unabhängigkeit vom Prinz von Cordoba, weshalb sie sich verbünden und gemeinsam rebellieren. Zu den wichtigsten Stadthaltern gehören u.a. Sulayman al-Arabi und Al-Husayn ben Yahya, deren Namen explizit in den arabischen Quellen genannt werden.

Weiter heißt es in den arabischen Quellen, Abd ar-Rahman schicke seinen Gouverneur

Thalaba, um die Gefangenen zu belagern. Diese nehmen ihn allerdings gefangen.

Im weiteren Verlauf fahren Al-Arabi und andere muslimische Spanier nach Paderborn zu Karl dem Großen und beten um Hilfe gegen den Prinzen von Cordoba. Man bietet Karl die Stadt Saragossa sowie Thalaba als Geisel an, weshalb sich der fränkische König auf den Komplott gegen Abd ar-Rahman einlässt. Die spanischen Stadthalter stehen somit unter seinem Schutz. Der Gefangene Thalaba wird an König Karl übergeben und in einer französischen Festung eingesperrt.

Karl bricht mit der fränkischen Armee von Aquitanien aus zu seiner Spanienexpedition auf. Seine Armee besteht nicht nur aus Franken aus Neustrien und der Bretagne, sondern u.a. auch aus Aquitaniern, Bayern, Austrasiern und Lombarden. Das Heer bilden zwei Marschgruppen. Gemeinsam mit der ersten Armee marschiert Karl der Große über die westlichen Pyrenäen bis nach Spanien, während die zweite Truppe den östlichen Teil des Gebirges überquert.

Zu der Frage, ob der Einmarsch Karls des Großen religiöse oder politische Gründe hat, gibt es unterschiedliche Meinungen. Der Historiker Ramon de Abadal glaubt an ein politisches Ziel des Frankenkönigs, nämlich die Verteidigung des Frankenreiches gegenüber den Sarazenen (wobei die unterlegenen Heiden folglich zum Christentum konvertieren mussten). Andere Stimmen behaupten, Karl wollte das Christentum verbreiten. Diese These unterstützen die Annales Mettenses, nach denen der König der Franken von unterdrückten spanischen Christen um Hilfe gebeten wird. Karl habe demzufolge die christliche Kirche in Spanien retten wollen. Ähnliches berichtet auch ein Antwortbrief des Papstes Hadrian I. an Karl den Großen vom Mai 778, nachdem dessen Brief an den Papst verloren ging.

Zu den Geschehnissen in Spanien gibt es höchst unterschiedliche Schilderungen. So sind die Muslime laut Dozy äußerst wohlwollend und tolerant gegenüber den Christen während die Chronique de Moissac berichtet, das Abd ar-Rahman die Christen verspottetet und beraubt. Er wird hier als grausamster Sarazenenkönig dargestellt, der christliche Bischöfe und Äbte unterdrückt. Demnach sehen die Mozaraben die fränkischen Heere als Retter an, die sie aus der muslimischen Abhängigkeit befreien sollen.

In Spanien angekommen, erobert Karl der Große mit seiner Armee zunächst friedlich Pamplona. Die Annales brèves berichten, dass der Frankenkönig hier von Al-Arabi, dem Emir von Barcelona, empfangen wird, der Karl nach Thalaba weitere Sklaven liefert. Demnach schickte der Emir von Huesca Karl seinen Sohn und seinen Bruder als Geiseln, um seine Loyalität ihm gegenüber zu garantieren.

Für den Frankenkönig gilt es nun, auch Saragossa für sich zu gewinnen. Dies wird zum Problem, als sich Al-Husayn, der sich zuvor ebenfalls mit Karl verschworen hatte, im letzten Moment weigert, Karl die Stadt zu überlassen und sich in Saragossa verschanzt. Laut arabischer Quellen kommt es zur Schlacht zwischen der fränkischen Armee und den Verteidigern von Saragossa, bei der die Truppen Karls unterliegen. Als Erklärung für die schnelle Kapitulation Karls des Großen führt Abadal Versorgungsprobleme der fränkischen Armee an sowie die Tatsache, dass sich die Truppen inmitten einer feindlichen Umgebung befanden. In den lateinischen Quellen findet man nichts über eine Niederlage der fränkischen Armee vor Saragossa. Allerdings gibt die Chronique de Moissac einen anderen Grund für den Rückzug Karls des Großen und seiner Streitmacht: die Sachsen. Demzufolge entschließt sich Karl der Große schnellstens zur Abreise, als er hört, dass die Sachsen das Gebiet östlich des Rheins verwüsten. Der frühzeitige Aufbruch wird hier also damit begründet, dass Karl die Sachsenrevolte in dem Moment die überwiegende Bedeutsamkeit beimaß und die Klärung dieser Angelegenheit der Eroberung Saragossas vorzog. Andere lateinische Quellen, wie die Annales royales, berichten demgegenüber, Karl sei abgereist, nachdem er in Saragossa erfolgreich war. Allen Quellen gleich ist hingegen der Bericht darüber, dass Karl auf seiner Rückreise die von den arabischen Stadthaltern empfangenen Geiseln mitnimmt und Al-Arabi selbst als Geisel nimmt, da er ihn eines Komplotts verdächtigt. Die Annales brèves stützen die simplere These, dass diese Geiselnahme lediglich den Grund hat, dass Karl nicht in der Lage ist, nach Saragossa einzudringen. Sicher ist nur, dass die gemeinsame Unternehmung von Franken und Muslimen ab dem Zeitpunkt des Rückzugs Karls des Großen als beendet gilt. Indem der König der Franken allerdings arabische Geiseln behält, bewahrt er sich auch ein Druckmittel gegenüber den Muslimen.

Auf seinem Rückweg ins Frankenreich kommt Karl laut den Quellen abermals an Pamplona vorbei und zerstört die Stadt. Die Annales Mettenses berichten weiter, die Stadt wurde nach der Zerschlagung militärisch besetzt.

Von der Schlacht von Roncesvalles berichten die lateinischen Quellen, wie bereits erwähnt, erst nach dem Tod Karls des Großen. Alle Aufzeichnungen über die Spanienexpedition, die zu Lebzeiten des Frankenkönigs angefertigt wurden, lassen das Katastrophe aus.

Karl begibt sich auf seinem Rückzug wieder in die Wälder der Pyrenäen. Die Armee ist gezwungen, in einer langen Reihe zu marschieren, weil die Wege, die sie benutzen, für einen formierten Marsch zu eng sind. Obwohl sie ihnen rüstungstechnisch überlegen sind, unterliegen die Franken den plötzlich angreifenden Basken, die der fränkischen Armee auflauern. Die Streitmächte Karls werden bei dieser Schlacht komplett überrascht und sind deswegen nicht in der Lage, sich angemessen zu wehren.

[...]


1Andreas Bomba: Chansons de geste und französisches Nationalbewusstsein im Mittelalter, hrsg. v. Klaus W. Hempfer, Stuttgart 1987, S. 54

2Henning Krauß: Einleitung. In: Altfranzösische Epik, hrg. von Henning Krauß, Darmstadt, 1978, S. 1-12, S. 2

3Gaston Paris: Der Ursprung des französischen Heldenepos. In. Altfranzösische Epik, hrsg. von Henning Krauß, Darmstadt 1978, S. 13- 31, S. 13

4Gaston Paris: Der Ursprung des französischen Heldenepos. S.16

5Gaston Paris: Der Ursprung des französischen Heldenepos. S.17

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der historische Hintergrund des "Chanson de Roland" und des "Chanson de Guillaume"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Französische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Französische Heldendichtung des Mittelalters. Chanson de Roland und Chanson de Guillaume
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V162717
ISBN (eBook)
9783640765904
ISBN (Buch)
9783640766277
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hintergrund, Chanson, Roland, Guillaume
Arbeit zitieren
Susann Schrödter (Autor), 2008, Der historische Hintergrund des "Chanson de Roland" und des "Chanson de Guillaume" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162717

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