Intermediale Bezüge zwischen Literatur und Bildender Kunst


Essay, 2010
14 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Autor und Werk

3. Was heißt intermedial?

4. Bezüge auf die Malerei
4.1 Formale Bezüge
4.2 Thematische Bezüge
4.2.1 Der Maler Gustav
4.2.2 Das Motiv der Liebe und das „Zusammen malen“

5. Strategien des Erzählens
5.1 Die Blickregie
5.2 Von Bildern erzählen

6. Schlussfolgerung

7. Bibliografie

1. Einleitung

Das Verhältnis zwischen Literatur und Bildender Kunst hat sich unterschiedlich entwickelt. Auch wenn in klassizistischen und neoklassizistischen Ästhetiken Symbiosen als ‚künstlich’ abgelehnt wurden, finden sich bereits in der Spätantike verschiedene Mischformen von Malerei und Literatur.[1]

Vor allem Lessing ist derjenige, der auf eine strikte Trennung der Schwerkünste dringt. Er schreibt im Laokoon (1766):

„Die Malerei kann in ihren koexistierenden Kompositionen nur einen einzigen Augenblick der Handlung nutzen, und muß daher den prägnantesten wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am begreiflichsten wird (...) Es bleibt dabei: die Zeitfolge ist das Gebiet des Dichters, so wie der Raum das Gebiet des Malers.“[2]

Dennoch werden heutzutage in der Forschung Termini wie „Hybridisierung“[3] des Diskurses oder „crossover“[4] oft erwähnt. Eine Tendenz der Auflösung von Gattungsbarrieren tritt immer deutlicher in den Vordergrund.

Ziel meines Essays ist es, Adalbert Stifters Erzählung Der Condor einer intermedialen Analyse unterzuziehen. Intermediale Bezüge sollen textnah verdeutlicht werden, indem ich auf das Thema, auf die Form und auf die Strategien des Erzählens schrittweise eingehe.

Wieso hat der Autor seine Thematik aus dem Bereich der Bildenden Kunst ausgewählt, wie vollzieht er den Zusammenhang zwischen Malerei und Literatur – das sind die Fragen, auf denen ich meine Arbeit aufbauen möchte.

Um den Begriff „intermedial“ ausführlich zu klären, orientiere ich mich an Irina O. Rajewskys Arbeit Intermedialität. Daneben werde ich mich mit Aufsätzen von Dominik Müller, Isolde Schiffermüller und Michael Wild auseinandersetzen, um ein umfangreiches Bild des Condors darzulegen.

Zunächst möchte ich auf den Autor Adalbert Stifter selbst und seine Erfahrung mit Malerei eingehen und erst danach die intermedialen Bezüge textnah bearbeiten.

2. Autor und Werk

„Adalbert Stifter, Maler zu Wien, ein jetzt lebender Künstler. Er widmet sich dem Genrefache und ist auch als belletristischer Schriftsteller bekannt. Seine Erzählungen sind von großem Gehalte“[5]

Das wäre ein Vermerk, der 1847 in das Neue allgemeine Künstlerlexikon in Wien erscheint, zu einer Zeit, in der bereits Erzählungen wie Der Condor, Feldblumen, Das Heidedorf, Der Hochwald, Die Narrenburg oder Brigitte von Stifter vorlagen. „Das Malen ist mir lieber als die ganze Welt; es gibt gar nichts auf der Erde, was mich tiefer ergreifen könnte als das Malen“[6], meint Stifter, und macht damit aufmerksam, dass er sich selbst, vorwiegend als Maler und nicht als Schriftsteller empfindet.[7]

In Stifters Malerei handelt es sich primär um Landschaften, die sich auf eine präzise Wiedergabe der Wirklichkeit beziehen. Ab der Romantik wird Landschaft zum Gegenstand der Malerei, da innere Stimmungen dadurch am besten ausgedrückt werden. Landschaften stellen die schöne und erhabene Natur dar und fungieren als Zufluchtsort der menschlichen Existenz. Romantik erhebt Natur zum Indikator des Ästhetischen.[8]

Die Ruine Wittigenhausen, Der Königssee mit dem Watzmann, Blick in die Beatrixgasse, Mondlandschaft mit bewölktem Himmel, sind nur ein paar Titel von Stifters Gemälden, die menschliche Gefühle wie „Schwermut, Sehnsucht, Einsamkeit, Ruhe“[9] thematisieren. Stifters malerischer Weg führt ihn von ortsbezogenen Landschaftsansichten zu Landschaftsgemälden, deren Titel den Seelenlandschaftscharakter vermitteln. Dadurch, dass er mit seinen Bildern sowohl zurück auf die romantische Landschaftsmalerei, als auch voraus auf die „symbolistischen Motivwelten“[10] hinweist, schafft er eine Brücke von der vor- zu der nachrealistischen Kunst.[11]

Dass Stifter auf das Malen selbst verfügt, bestimmt ein erster Grund, davon zu erzählen. Die Malerfigur spielt eine wichtige Rolle sowohl in seinen frühen Erzählungen, als auch in seinem Spätwerk, wie es der umfangreiche Roman Nachsommer beweist.

3. Was heißt intermedial?

Bevor ich meine Analyse beginne, möchte ich den Begriff intermedial ausführlich erklären.

Mindestens zwei als distinkt wahrgenommene Medien/Künste, die die Mediengrenze überschrieten, werden in der Forschung mit Termini, wie Medienkombination, Medienwechsel oder intermediale Bezüge bezeichnet.[12]

Medienkombination bestimmt die Herausbildung einer eigenständigen Kunst oder Mediengattungen durch die Kombination unterschiedlicher Medien. Die Spannbreite dieser Kategorie verläuft von einem bloßen Nebeneinander bei dem keines von beiden Medien privilegiert wird. Mit Medienwechsel bezeichnet man die Transformation eines medienspezifisch fixierten Prätextes in ein anderes Medium.

Letzlich beschreibt Rajewsky das Phänomen der intermedialen Bezüge. Die Qualität des Intermedialen betrifft in diesem Fall ein Verfahren der Bedeutungskonstitution, nähmlich den Bezug, den ein mediales Produkt zu einem Produkt eines anderen Mediums herstellt. Es werden nicht konventionell als distinkt wahrgenommene Medien und deren spezifische Verfahren der Bedeutungskonstitution miteinander kombiniert, sondern es werden Strukturen eines anderen, konventionell als distinkt wahrgenommenen Mediums mit den eigenen, medienspezifischen Mitteln thematisiert, simuliert oder reproduziert.[13]

Nachdem ich mich mit Rajewskys Gliederung auseinandergesetzt habe, kann ich den Condor erstens dem Medienwechsel zuordnen. Stifters Wiedergabe der Bilder mit literarischen Mitteln gilt als Narativisierung der Malerei.

Das erste war eine große Stadt von oben gesehen, mit einem Gewimmel von Häusern, Thürmen, Kathedralen, im Mondlichte schwimmend – das zweite eine Flußpartie in einer schwülen, elektrischen, wolkigen Sommermondnacht[14]

Zweitens sind die intermedialen Bezüge in der Erzählung deutlich, auf denen ich weiterhin in meiner Arbeit eingehen werde. Stifters Erzählkunst ist für „ihre ausufernden Beschreibungen“[15] berühmt, man hat darin „einen Verstoß gegen das Gebot des Gattungsgemäßen sehen wollen.“[16]

Intermedialität heißt nicht nur die Untersuchung der Interferenzen oder Wechselwirkungen verschiedener Medien, sondern auch die Frage nach der Funktion der

Zusammenführung unterschiedlicher medialen Systeme. Hiermit lässt sich erkundigen inwiefern das Zusammenspiel von Malerei und Literatur eine neue Dimension eröffnet, die mit den Mitteln eines dieser Medien allein nicht zu erzielen wäre?

Die als intermedial anerkannten Werke, sollen eine Befindlichkeit, die zwischen den Sinnen ist, bewirken. Man soll ein „Dazwischen“ erfahren, zugleich sehen, hören und fühlen.

4. Bezüge auf die Malerei

4.1 Formale Bezüge

Vom 2. bis 9. April 1840 konnte man in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode den Condor, Stifters erste Erzählung, lesen.

Im Vergleich zu anderen Texten Stifters, die sich durch einen breiten Erzählfluss beschreiben, wird im Falle des Condors die Geschichte auf das Minimum reduziert –elliptisches Erzählen. Dadurch dass die Kapitel nur einzige Szenen schildern, konfrontiert uns Der Condor „mit einer fragmentarisierten (…) Darstellungsform“[17]. Indem Stifter reichliche Details ausschließt, setzt er eine Erzählstrategie ein, die mit dem zentralperspetivischen Malerauge der Zeit übereinstimmt. Stifter versucht die Malerei durch die Art des Erzählens zu imitieren. Dadurch dass er im ›Blumenstück‹ die Namen der Figuren nicht nennt, knüpft er seine Erzählstrategie mit den bildlichen Darstellungen von Porträtierten zusammen. Der Verzicht auf Namen soll die Konzentration auf Äußerlichkeiten markieren.[18]

Auf formaler Ebene wird die Künstlerthematik auch dadurch hervorgehoben, dass der Autor die Titel der vier Kapitel aus dem Gebiet der Bildenden Kunst auswählt. Bei den vier Kapiteltiteln „Ein Nachtstück“ ‚“Tagstück“, „Blumenstück“, „Fruchtstück“ ist der Begriff „-stück“ auffällig. Ursprünglich wurde dieses Wort für die Bezeichnung von Gemälden verwendet, jedoch führten es Jean Paul und E.T.A Hoffmann auch auf literarische Texte ein.[19] „Nachtstück“ bezeichnet eine Bildgattung die mit dem Hell-Dunkel-Kontrast spielt und die anderen drei Überschriften greifen auf den Titel von Jean Pauls Blumen- Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs zurück.[20]

Aus der bildenden Kunst bezieht Stifter auch den Titel der Erzählsammlung, zu der Condor gehört: Studien. Diese Auswahl der Überschriften soll auf eine „tableauartige“[21] Darstellungsweise hinweisen.[22]

Die stifterische Erzählweise macht den Eindruck „der gebremsten Zeit, von Verzögerungen, Pausen und Zoombewegungen herausgearbeitet.“[23] Hiermit erreicht man einen Stillstand der Bewegung durch ein langsames Tempo. Stifter minimalisiert das musikalische zugunsten des plastischen. Die Verlangsamung des Tempos gelingt ihm durch die Absatzgliederung. Ein Absatz lässt keine Pause zu, wenn es um Schilderungen von Landschaften geht. Stifter reduziert die Idee auf kurze Absätze um den Zeitfluss zu unterbrechen, die Bewegung zu stocken und demzufolge die statische Erzählung zu fördern als Einspruch gegen das musikalische Nacheinander der Töne und als Orientierung der Literatur an der Ruhe von Plastik.[24]

[...]


[1] Weisstein, Ulrich (1992): Literatur und bildende Kunst. Berlin. S. 11-34.

[2] Lessing in Holländer, Hans: Litertur, Malerei und Graphil. Wechselwirkungen, Funktionen und Konkurrenzen. in Literatur intermedial (hrsg.) von Zima, Peter, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995. S. 129

[3] Rajewsky, Irina O. (2002): Intermedialität. Tübingen: A.Francke Verlag. S. 1.

[4] Ebd.

[5] G. K. Naglers in Franz Baumer (1979): Adalbert Stifter der Zeichner und Maler. Passau: Passavia Verlag. S. 7.

[6] Stifter in Naglers 1979: S. 2.

[7] Vgl. Naglers in Franz Baumer 1979.

[8] Vgl. dazu Tuxhorn 2007: S. 52.

[9] Novotny in Naglers 1979: S. 14.

[10] Etzstrofer in Müller 2009: S. 184.

[11] Müller 2009: S. 184

[12] Vgl. Rajewsky, Irina O. (2002): Intermedialität. Tübingen: Francke Verlag, S. 16-17.

[13] Ebd.

[14] Stifter 1840: S. 39.

[15] Müller 2009: S. 188.

[16] Bluch in Müller 2009: S. 188.

[17] Müller 2009: S. 190.

[18] Vgl. Müller 2009: S. 189-190.

[19] Vgl. dazu Müller 2009: S. 189.

[20] Vgl dazu Wild 2000: S. 21.

[21] Müller 2009: S. 189.

[22] Vgl. Müller 2009: S. 189.

[23] Ludwig Eichinger in Mayer 209.

[24] Vgl. Dazu Mayer S. 209 - 210

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Intermediale Bezüge zwischen Literatur und Bildender Kunst
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Intermedialitat
Note
1.3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V162750
ISBN (eBook)
9783640779369
ISBN (Buch)
9783640779611
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intermediale, Bezüge, Literatur, Bildender, Kunst
Arbeit zitieren
Claudia Spiridon (Autor), 2010, Intermediale Bezüge zwischen Literatur und Bildender Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162750

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