"Europe has become part of the daily life, and yet remains lonesome."
Die Europäische Union wurde in jüngster Vergangenheit von mehreren politischen Ereignissen
eingeholt, die ihre Entwicklung negativ beeinflusst bzw. zumindest zu einem
Stillstand derselben geführt haben. Dazu zählen u.a. die EU-Osterweiterung, die
gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden zum Verfassungsvertrag sowie
die anhaltende öffentliche Diskussion über den Beitrittskandidaten Türkei. Daher benötigt die
Europäische Union mehr denn je die Unterstützung der europäischen Öffentlichkeit.
Vor allem braucht sie aber die politische Legitimation der europäischen Bevölkerung.
Nichtsdestotrotz forcieren führende PolitikerInnen europäischer Nationalstaaten den Gedanken,
dass eine Identifikation mit Europa schon längst stattgefunden hat und dass dieses
auch automatisch zu einer gemeinsamen europäischen Identität führen wird, aber "Europe
remains lonesome as long as people who are considered to be European are asked whether
or not they define themselves as such, and reply either with a definite ‘no’ or rank it far behind
other modes of belonging."
Eine gemeinsame europäische Identität stellt somit ein zentrales Thema für die künftige
Entwicklung und das Bestehen der Union dar. Deshalb stellt diese Hausarbeit die Frage, ob
sich Europa auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität befindet und wie stark die Identifikation
mit Europa verankert ist. Hierfür wird der Begriff Identität eingeführt und erläutert.
Dazu ist es erforderlich, zwischen personaler und kollektiver Identität zu unterscheiden und
um den Terminus der multiplen Identitäten zu erweitern, um schließlich auf europäische
Identität und ihre Relevanz im europäischen Kontext einzugehen. In Addition dazu muss der
Zusammenhang zwischen Identität und Identifikation erläutert werden. Schließlich stellt sich
die Frage, ob eine Identifikation mit der Europäischen Union überhaupt notwendig und durch
welche Faktoren ein Zusammengehörigkeitsgefühl herstellbar ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Identität
1.1 Kollektive Identität
2. Identität im Kontext pluralistischer Gesellschaften
2.1 Formen und Beeinflussungsfaktoren von Identität
2.2 Identifikation mit Europa
3. Antrieb und Hemmnisse europäischer Identität
3.1 Hemmnisse einer kollektiven europäischen Identität
3.2 Anreizmechanismen für eine kollektive europäische Identität
4. Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob sich Europa gegenwärtig auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität befindet und wie stark die Identifikation mit der Europäischen Union in der Bevölkerung verankert ist. Dabei wird analysiert, welche Faktoren diesen Prozess fördern oder hemmen und welche Rolle eine solche Identität für die politische Legitimation der Union spielt.
- Grundlagen und Definitionen von personaler sowie kollektiver Identität
- Identität im Kontext von Multikulturalität und pluralistischen Gesellschaften
- Nutzenorientierte Komponenten der Identifikation mit der Europäischen Union
- Herausforderungen durch Komplexität, Transparenzdefizite und Sprachenvielfalt
- Anreizmechanismen zur Stärkung eines europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls
Auszug aus dem Buch
3.1 Hemmnisse einer kollektiven europäischen Identität
Hemmnisse und Probleme stellen zugleich auch immer Chancen dar. Es sollte hierbei also stets beachtet werden, ob die beschriebenen Hemmnisse nicht auch Katalysatoren der europäischen Identitätsbildung sind.
Ein Problem, das im Rahmen der europäischen Identitätsbildung beschrieben werden soll, betrifft die Konzeption und Existenz der EU selbst. Identifikation benötigt immer einen festen und vorstellbaren Bezugsrahmen, an dem sich die Individuen orientieren können. Diesen Bezugsrahmen kann die EU nur bedingt erfüllen, da ihr das Dauerhafte und die Transparenz fehlt. Die EU ist ein komplexes System, das einem ständigen Wandel unterliegt, dieser zeichnet sich auch bei den Grenzen der EU ab. So gibt es zwar den Kontinent Europa, dieser entspricht aber nicht dem Herrschaftsgebiet der EU. Dieses Gebiet wird seit 1973 stetig erweitert und wuchs im Laufe der Jahre von zwölf auf 27 Mitgliedstaaten an. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Erweiterungen einen unterschiedlichen Stellenwert genießen. Die Abwesenheit eines geographisch eindeutig definierten Raumes, der es erlaubt, sich gegenüber anderen Staaten abzugrenzen, ist ein Hemmnis der Identitätsbildung. Die in der Begriffserklärung bereits angesprochene Trennung zwischen "wir" und "sie" wird somit erschwert. Neben dem Bezugsrahmen Herrschaftsgebiet tun sich außerdem Schwierigkeiten mit der Stabilität des politischen und rechtlichen Rahmens auf, der ebenso einer ständigen Weiterentwicklung und Evolution unterliegt.
Andererseits ist es auch genau diese Dynamik des Systems EU, die ein konstitutives Merkmal derselben darstellt. Die Europäische Union ist ein offener und dynamischer Verbund von Nationalstaaten, der es versteht, eine flexible Antwort auf Probleme von außen zu geben, wobei dies in Hinsicht auf die Identitätsbildung - wie gesagt - eher einen Nachteil darzustellen scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Identität: Dieses Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen ein und unterscheidet zwischen personaler sowie kollektiver Identität, wobei letztere für den weiteren Kontext der Arbeit von zentraler Bedeutung ist.
2. Identität im Kontext pluralistischer Gesellschaften: Hier wird die Rolle der Identität in modernen Gesellschaften unter Einbeziehung des Leitkultur-Begriffs beleuchtet und die Bedeutung einer nutzenorientierten Identifikation mit der EU analysiert.
3. Antrieb und Hemmnisse europäischer Identität: Dieses Kapitel untersucht die strukturellen Barrieren, wie etwa das Demokratiedefizit oder die Sprachenvielfalt, sowie Ansätze zur aktiven Förderung eines europäischen Zugehörigkeitsgefühls.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, dass europäische Identität vorhanden, aber schwach ausgeprägt ist, und betont die Notwendigkeit von Partizipation und lebensweltlicher Verankerung.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Kollektive Identität, Politische Legitimation, Identifikation, Europäische Integration, Demokratiedefizit, Soziale Gerechtigkeit, Multikulturalität, Leitkultur, Partizipation, Identitätsbildung, Eurobarometer, Multiple Identitäten, Lebenswelt, Europäische Symbole.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Identitätsbildung im Kontext der Europäischen Union und analysiert, inwieweit eine gemeinsame Identität bei den Bürgern existiert und wie diese gestärkt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Herleitung von Identität, die Unterscheidung zwischen nationaler und europäischer Identität, die Analyse von Hindernissen sowie Möglichkeiten zur Förderung der Identifikation mit Europa.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, ob sich Europa auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität befindet und welche Faktoren maßgeblich für die Verankerung dieser Identität bei den Unionsbürgern sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (wie die von Easton oder Tibi) mit empirischen Daten des Eurobarometers verknüpft, um den Status quo der europäischen Identität zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Identitätskonzepte definiert, anschließend wird das Identifikationspotential unter Berücksichtigung von Multikulturalität und Nutzenkalkülen geprüft, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Hemmnisse und Antriebsfaktoren innerhalb der EU.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie europäische Integration, kollektive Identität, politische Legitimation und Partizipationsmöglichkeiten charakterisiert.
Welche Bedeutung hat das "permissive consensus" für die Arbeit?
Der "permissive consensus" beschreibt die Phase einer unhinterfragten Unterstützung der europäischen Politik durch die Bürger, die jedoch mit dem Fokus auf finanzielle Aufwände in den 1990er Jahren endete.
Warum wird soziale Gerechtigkeit als Faktor für die Identitätsbildung hervorgehoben?
Soziale Gerechtigkeit wird als ein Thema identifiziert, das in allen EU-Staaten eine hohe Aufmerksamkeit genießt und daher als potenzielles identitätsstiftendes Merkmal fungieren kann, das die Bürger an die EU binden würde.
Inwiefern stellt die Sprachenvielfalt ein Hemmnis dar?
Die Sprachenvielfalt wird zwiespältig betrachtet: Einerseits dient sie dem kulturellen Erbe, andererseits erschwert sie die Etablierung eines einheitlichen Bezugsrahmens für die Kommunikation und das Zugehörigkeitsgefühl.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Schmelzer (Autor:in), 2010, In Vielfalt geeint - ein europäischer Traum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162784