Licht vs. Dunkelheit und unsichtbare Mächte

Eine Strukturanalyse von Eliza Orzeszkowas Erzählung „A…B…C…“ anhand der Erzählstrukturelemente Licht sowie Augen und Sehen


Hausarbeit, 2009

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Vorab: Die Raumstruktur
2.1. Die Stadt - offizieller und ziviler Raum
2.1.1. Der offizielle Raum vs. dem zivilen Raum
2.1.2. Das Gerichtsgebäude als Extremraum des offiziellen Raums
2.1.3. Die Teilräume des zivilen Raums
2.1.3.1. Die Wohnung der Geschwister Lipski
2.1.3.2. Das Zimmer der Joanna Lipska und seine Gegenräume
2.1.3.3. DDV =LPPHU GHV 0LHF]\VáDZ /LSVNL
2.1.4. Der ideale vs. dem realen Raum
2.1.5. Weitere Räume

3. Licht vs. Dunkelheit und unsichtbare Mächte
3.1. Das Licht als Bote des idealen Raums
3.1.1. Licht vs. Dunkelheit
3.1.1.1. Aus der Dunkelheit ins Licht
3.1.2. Licht vs. unsichtbare Kräfte
3.1.2.1. Aus dem Licht in die Dunkelheit

4. Augen und Sehen als Spiegel der Seele und Instrument der Erkenntnis
4.1. Die Augen als Spiegel der Seele
4.2. Das Sehen als Instrument der Erkenntnis
4.2.1. Joanna als Betrachtungsobjekt - Blicke als Wendepunkte
4.2.1.1. .RVWXĞ
4.2.1.2. 0LHF]\VáDZ
4.2.1.3. Der Gerichtsvorsitzende

5. Fazit: Licht, Sehen, Augen - Zusammenhänge im Text

6. Der kulturelle Hintergrund

7. Zusammenfassung und weiterführende Fragestellungen

8. Literaturverzeichnis
8.1. Primärliteratur
8.2. Sekundärliteratur
8.3. Nachschlagewerke

9. Abbildungen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit liefert eine Strukturanalyse von Eliza Orzeszkowas Erzählung Ä$«%«&«³ DXV GHP -DKU1 anhand der Erzählstrukturelemente2 Licht sowie Augen und Sehen. Die Arbeit zeigt, dass diese für den behandelten Text von zentraler Bedeutung sind. Betrachtet werden in diesem Zusammenhang die Raumstruktur der Erzählung sowie die Figurencharakterisierung und die Bewegung der Figuren im Raum. Der ausführlichen, textimmanenten Analyse ist eine kurze Einordnung des Erzähltextes in den kulturellen Kontext seiner Entstehungszeit nachgestellt. Dies erscheint sinnvoll, da kein Text im luftleeren Raum existiert und eine Betrachtung seines Kontextes zu einem besseren Verständnis der herausgearbeiteten Strukturen beiträgt.

2. Vorab: Die Raumstruktur

Die Raumstruktur von „A...B...C..." ist sehr komplex. Sie verfugt uber zahlreiche, vorwiegend semantisierte topographische Raume und Teilraume, die uber ein verzweig-tes Beziehungsgeflecht miteinander verknupft sind. (Vgl. Abb. 1.)

2.1. Die Stadt - offizieller und ziviler Raum

Der augenfälligste Raum der dargestellten Welt ist der Großraum Stadt. Dieser zerfällt in zwei oppositionelle Teilräume: Zum einen kann innerhalb seiner ein offizieller Raum festgemacht werden, zu dem die Institutionen Jungenschule, Gymnasium, Landratsamt und vor allem das Gerichtsgebäude gehören. Zum anderen ist vom offiziellen Raum ein ziviler Gegenraum abzugrenzen, in welchem die Figuren der Diegese ihrem täglichen Leben nachgehen. Dieser umfasst das Mietshaus, in dem Joanna und MieczysáDZ /LSVNL wohnen und dessen Innenhof. Auch die Wohnung, die die Geschwister mit ihrem Vater teilten bevor dieser starb,3 muss zum zivilen Raum gerechnet werden.

2.1.1. Der offizielle Raum vs. dem zivilen Raum

Der Raum Stadt ist in seiner Gesamtheit mit dem Merkmal deutsch korreliert: ,,W wiel-kim miescie wielkich Niemiec [...]4.Dieses manifestiert sich jedoch vor allem in den Institutionen des offiziellen Teilraums: Das Gerichtsgebaude ist durch Deutschland er-richtet worden: „Wielkie bylo to panstwo [niemieckie; D. S.] i wielki zbudowany przez nie gmach s^dowy [...]"5 'LH Die Institutionsbezeichnungen „gimnazi[um]6 und „landra-tur7 entstammen der deutschen Sprache. Der zivile Teilraum hingegen ist zunachst weitestgehend frei von diesem Merkmal. Er ist in erster Linie der Lebensraum von Fi-guren, denen auf Grund ihrer Namen - Joanna Lipska, Roznowska, Kostus - das Merkmal polnisch zuzuschreiben istt.

Der offizielle Raum zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm die als polnisch ge-kennzeichneten Figuren der Diegese zu ihren Ungunsten fremd8bestimmt werden: Der alte Lipski wird von seiner Stellung als Lehrer an der Jungenschule entlassen; Mieczyslaw muss das Gymnasium verlassen und eine Arbeit im Landratsamt aufneh-men, wo er offensichtlich ausgebeutet wird; Joanna wird im Gerichtsgebaude wegen dem privaten Unterrichten von Kindern angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Gegensatz dazu ist der zivile Raum zunachst ein Ort der Selbstbestimmung. Die hier situierten Figuren organisieren aus eigener Initiative Joannas Schule, welche in Opposition zum institutionellen Schulsystem des offiziellen Raums steht.

Dem offiziellen und dem zivilen Teilraum konnen unterschiedliche Wertesyste-me zugeordnet werden: Die durch den alten Lipski favorisierten Unterrichtsinhalte be-ziehungsweise Methoden werden im offiziellen Raum nicht anerkannt: ,,W sile wieku uslyszal, ze nie ma prawa pracowac takjak chcial i umial, ani spozywac owocow swojej pracy." Der von Joanna abgehaltene Unterricht wird hier als Vergehen eingestuft: ,,[...] Joann[a] Lipsk[a], obwinion[a] o utrzymywanie szkoly bez pozwolenia wladz."9Vor allem diese letzte Wertung wird von den Figuren des zivilen Raums nicht geteilt. So lautet die Stellungnahme Joannas zu ihrer Anklage: „Uczylam dzieci [...] Mysl?, ze dobrze czynilam."10

2.1.2. Das Gerichtsgebäude als Extremraum des offiziellen Raums

Im Gerichtsgebaude, wo Joanna verurteilt wird, manifestieren sich das abweichende Wertesystem des offiziellen Raums sowie die Fremdbestimmung von Figuren, die als polnisch gekennzeichnet sind, am starksten. Das Gericht wird im Text daruberhinaus am deutlichsten von allen institutionellen Gebauden mit dem Merkmal deutsch verbun-den: „Wielkie bylo to panstwo [niemieckie; D. S.] i wielki zbudowany przez nie gmach s^dowy [...]"³11 Es muss daher als Extremraum des offiziellen, deutschen Raums ange-sehen werden. Zusatzlich ist festzuhalten, dass das Gerichtsgebaude der einzige offent-liche, vollkommen frei zugangliche Raum des Textes ist: „Jak mnostwo ludzi innych, [doktor Adam; D. S.] przybyl tu dzis dla wysluchania ciekawej sprawy s^dowej [.. .]"12

2.1.3. Die Teilräume des zivilen Raums

Der zivile Raum ist, wie im Folgenden klar wird, in sich stark ausdifferenziert.

2.1.3.1. Die Wohnung der Geschwister Lipski

Einen Teilraum des zivilen Raums stellt die Wohnung der Geschwister Lipski dar. Diese zeichnet sich in erster Linie durch Armlichkeit aus. Dadurch steht die Behausung in Opposition zu dem Raum, den die Geschwistern zusammen mit dem Vater bewohn-ten: „Dopoki zy! stary ojciec [Joanna; D. S.] [...] nie znala n^dzy.13 D Die Wohnung ver-fugt uber zwei Zimmer, die sich in ihren Merkmalen unterscheiden, das Zimmer Joannas und das Zimmer Mieczystwas.

2.1.3.2. Das Zimmer der Joanna Lipska und seine Gegenräume

Im strukturellen Gefuge der Erzahlung ist das Zimmer von Joanna Lipska ein Raum von zentraler Bedeutung. Neben Armlichkeit ist es vor allem gekennzeichnet durch Beengt-heit und eine dunstige Atmosphare: „[Joanna; D. S.] [s]tala na podlodze z desek grubych i stercz^cych czarnymi glowami gwozdzi; nad ni^ zwisal sufit niski, belkowany, ciemny od pylu i dymu [^]"14 Damit steht es in direkter Opposition zum Extremraum des offiziellen Raums, dem Gerichtsgebäude. Dieses wird im Text als riesig, weit ausgedehnt und vornehm dargestellt:

Byla to najwi^ksza z sal wielkiego gmachu [s^dowego; D. S.]. Prawie koscielna wysokosc nadawala jej pozor imponujXcy; uroczyste wrazenie sprawialy kobierce i okrycia dlugiego stolu, za ktorym siedzieli s^dziowie.15

Der Gegensatz von Klein und Grofi wird im Text jedoch relativiert. So bereits durch die Ausdrucke „pozor" (Anschein) und „wrazenie" (Eindruck) im obigen Zitat, daruberhi-naus aber auch explizit durch Erzahlerkommentare: „Jednak malosc i wielkosc s^ poj^ciami nadzwyczaj wzgl^dnymi.16

berdies ist Joannas Zimmer gekennzeichnet durch die Merkmale Fleifi sowie Reinlichkeit: „[Joanna; D. S.] [d]uzego Kostusia nieraz do swej kuchenki przyprowadzala i rozczochran^jego glow? zanurzala w wodzie i szorowala my diem17 uzego Kostusia nieraz do swej kuchenki przyprowadzala i rozczochran^jego glow? zanurzala w wodzie i szorowala my diem[...]" und Keuschheit: „Dziki ten halas [szynku; D. S.] unosil si? nad bial^ posciel18 Da Joannas Unterricht hier stattfindet, ist die Wohnküche vor allen Dingen auch ein Ort des Lernens und der Bildung. Damit steht sie in Opposition zum Raum Schenke, die sich durch Schmutz, Müßiggang und unreflektierte Zügellosigkeit auszeic]hnet:

Moze [w szynku; D. S.] czlowiek na czlowieka podniosl pi?sc tak siln^, ze go obalil na ziemi?, okryt^ smieciem i zalan^ trunkiem? Moze to takim stukiem i krzykiem zawrzala tam bezrozumna, bezecna zabawa?19

Diese positiv/negativ Opposition wird durch eine klassische oben/unten Situierung der Räume verstärkt: Joannas Zimmer befindet sich in der Dachetage, die Schenke im Erd- geschoss des Mietshauses. Die übrigen Teile des Hauses, so etwa der Innenhof und die Waschküche, liegen mehr oder minder neutral zwischen diesen beiden Extrempolen.

2.1.3.3. Das Zimmer des Mieczyslaw Lipskis

Mieczyslaws Zimmer nimmt unter den Teilraumen des zivilen Raums eine Sonderstel-lung ein. Neben einem Schlaf- ist es vor allen Dingen ein Arbeitszimmer. Es ist mit aus dem Landratsamt stammenden Unterlagen angefullt. Durch sie wird es mit dem Merk-mal deutsch aufgeladen, welches ja eigentlich dem offiziellen Raum zugehorig ist. Um das vom Landratsamt vorgegebene Pensum zu bewaltigen, muss der Kanzlist nach Feie-rabend in seinem Zimmer bis spat in die Nacht arbeiten. Dadurch wird der Raum zu-satzlich mit dem Merkmal Fremdbestimmung in Verbindung gebracht. Auch diese ist in erster Linie mit dem offiziellen Raum korreliert. Es ist also festzustellen, dass Mieczyslaws Zimmer, obwohl dem zivilen Raum zugehorig, sehr stark vom offiziellen Raum eingenommen ist.

2.1.4. Der ideale vs. dem realen Raum

Ein weiterer wichtiger Raum der Diegese ist ein idealer Raum, der durch Joannas Träume und Phantasien aufgemacht wird. Der ideale Raum ist vor allen Dingen gekennzeichnet durch Glück und Reichtum im weitesten Sinne:

to wielkie szcz?scie, o ktorego zdobyciu [Joanna; D. S.] ani marzyla, wydawalo jej si? wtedy t?cz^ idealn^, w niedoscignionej oddali zawieszon^ nad szar^ ziemi^ [...] Ludzie tam dzwigali i kuli marmury drogocenne, sci^gali z nieba promienie slonca, szukali klejnotow, swiat i siebie stroili w blaski20

Er ist auch mit dem Merkmal Hoffnung verbunden, dass klassisch durch einen Regenbogen21 symbolisiert wird:

[P]rzed [Joanny; D. S.] wyobrazni^ przyszlosc stawala si? si? pogodna, pelna i nawet z owej gornej t?czy [...] nie spadala na wargi jej zadna kropla goryczy, tylko splywalo czasem troch? t?sknoty i smutk22

Daruberhinaus ist der ideale Raum mit einem riesigen Bauwerk korreliert: „[Joanna; D. S.] [c]zasem tez wyobrazala sobie, ze jest drobnym robaczkiem [...] u podstaw wynioslej, az niebotycznej budowy."23 Dieses Merkmal teilt er mit dem offi- ziellen Raum, dessen Extremraum das übergroße Gerichtsgebäude darstellt. Im Gegen- satz zum Gerichtsgebäude wird die im idealen Raum herrschende Größe jedoch nicht relativiert. Da sich ihre wichtigsten Merkmale - Glück beziehungsweise Fremdbestim- mung - gegenseitig ausschließen, stehen der ideale Raum und der offizielle Raum in direkter Opposition zu einander.24

Eine weitergefasste Opposition besteht außerdem zwischen dem idealen Raum und dem gesamten Großraum Stadt. Dieser ist in diesem Zusammenhang als ein realer Raum zu sehen, der sich im Gegensatz zum idealen Raum durch Tristesse, Traurigkeit, Sorgen und Pragmatismus auszeichnet:

[...]


1Die zitierte Fassung der Erzahlung ist erstmalig im Jahr 1886 als Fortsetzungsgeschichte in der Gazeta Warszawska erschienen; vgl. Gacowa, Halina, Eliza Orzeszkowa. Warschau usw. 1999 (= Bibliografia literatury polskiej: Nowy Korbut, 2), S. 32. Die der Arbeit zugrundeliegende Ausgabe: Orzeszkowa, Eliza, „A...B...C...", in: Dies. Nowele. Warschau 2004, S. 89-116.

2 Als Erzählstrukturelement wird hier die kleinste, nicht weiter zerlegbare Einheit des Erzähltextes als semantisches Strukturgefüge bezeichnet. Zu den Begriffen Element vgl. Krah, Hans, Einf ü hrung in die Literaturwissenschaft. Textanalyse. Kiel 2006, S. 48 ff.

3 Diese wird nur indirekt erwahnt, durch die Andeutung, dass Joanna und Mieczyslaw nach dem Tod des Vaters in ein schlechteres Quartier umziehen mussten: „Takie gome trojkqty domkow miejskich zawieraj^ w sobie najtansze mieszkania; dlatego Lipscy zaj^li je po smierci ojca." S. Orzeszkowa, „A...B...C...", S. 94.

4 Ebd., S. 91.

5 Ebd.

6 Ebd., S. 95.

7 Ebd.

8 Ebd., S. 93

9 Ebd., S. 103.

10 Ebd., S. 106.

11 Ebd., S. 91.

12 Ebd., S. 108.

13 Ebd., S. 92.

14 Ebd., S. 94.

15 Ebd., S. 103.

16 Ebd., S. 107.

17 Ebd., S. 97.

18 Ebd., S. 102.

19 Ebd., S.115.

20 Ebd., S. 102.

21 9Vgl. Redling, Erik, „Regenbogen", in: Butzer, Gunter / Jacob, Joachim (Hg.), Metzler Lexikon literari-scher Symbole. Stuttgart usw. 2008, S. 291 ff.

22 rzeszkowa, „A...B...C...",S.102.

23 Ebd.

24 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird klar werden, dass der ideale Raum mit dem zivilen Raum in Verbindung steht, der ja ein Gegenraum des offiziellen Raums ist.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Licht vs. Dunkelheit und unsichtbare Mächte
Untertitel
Eine Strukturanalyse von Eliza Orzeszkowas Erzählung „A…B…C…“ anhand der Erzählstrukturelemente Licht sowie Augen und Sehen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Slavistik)
Veranstaltung
Polnische Frauenprosa vom Positivismus bis zur unmittelbaren Gegenwart
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V162793
ISBN (eBook)
9783640768509
ISBN (Buch)
9783640768905
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Licht, Dunkelheit, Mächte, Eine, Strukturanalyse, Eliza, Orzeszkowas, Erzählung, Er-zählstrukturelemente, Augen, Sehen
Arbeit zitieren
Dominika Sobecki (Autor), 2009, Licht vs. Dunkelheit und unsichtbare Mächte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162793

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