Stilmittel der musikalischen Romantik - nachgewiesen an ausgewählten Liedern aus Schuberts Zyklus "Winterreise"


Hausarbeit, 2009
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Epoche der musikalischen Romantik-typische Stilmittel und historische Kontextualisierung

3. „Winterreise“ allgemein
3.1 Werkgenese
3.2 Darstellung der Handlung

4. Analyse und Interpretation
4.1 Analyse und Interpretation des Liedes „Gute Nacht“
4.2 Analyse und Interpretation des Liedes „Der Leiermann“

5. Fazit

6. Anhang
6.1 Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher herrscht in der musikalischen Fachwelt ein unermüdlicher Diskurs die Abgrenzung romantischer und klassischer Musik betreffend, auf den bereits mit dem Titel dieser Arbeit hingewiesen werden soll.

Die verschiedenen Standpunkte reichen von unterschiedlichen zeitlichen Ansätzen bis hin zu einer Zusammenlegung beider Epochen. Doch mit der Zeit und in Hinblick auf nachfolgende musikalische Strömungen bildeten sich dennoch zahlreiche Merkmale heraus, die als charakteristisch für das romantische Komponieren angesehen werden können.

Wenngleich diese Merkmale keinen normativen Charakter haben, da sie sowohl vereinzelt in zeitlich früheren Werken vorkommen als auch über die Epoche der Romantik hinweg tradiert werden. So lässt sich aufgrund einer verstärkten Frequentierung bestimmter kompositorischer Praktiken in parallel entstehenden Arbeiten dennoch eine hinreichende Evidenz für die zeitliche Gebundenheit solcher Wesenheiten ausmachen, die dann retrospektiv zum „Typischen“ eines bestimmten Epochenkonstruktes erhoben werden.

In einem ersten Schritt sollen in dieser Arbeit die wesentlichen dieser Charakteristika herausgearbeitet werden und im Anschluss auf ihr Vorhandensein in einem bedeutenden Werk dieser Zeit geprüft werden.

Als exemplarische Komposition soll in diesem Fall Franz Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ dienen, da dieser –zumindest der Majorität der Epochenkonstrukte nachfolgend- zu einem recht frühen Zeitpunkt des musikalisch Romantischen entstanden ist. Somit steht er an der Schnittstelle der beiden diskutierten Epochen, was eine Analyse nochmals interessanter erscheinen lässt.

Durch die Analyse und Interpretation des einleitenden Liedes „Gute Nacht“, sowie des abschließenden Stückes „Der Leiermann“ soll, beispielhaft für den ganzen Zyklus, geprüft werden, welche Thematiken, Bilder und Stimmungen bedient und schließlich von Schubert in Musik gesetzt werden.

In einem Fazit soll schließlich erörtert werden, ob die Ergebnisse der Analyse mit den zuvor herausgearbeiteten epochentypischen Merkmalen übereinstimmen.

2. Die Epoche der musikalischen Romantik-typische Stilmittel und historische Kontextualisierung

Ebenso wie der Epochenbegriff als solcher, wird auch die zeitliche Eingrenzung der musikalischen Romantik kontrovers diskutiert. Sie soll einen Rahmen aufspannen zwischen der „Wiener Klassik“ und der Musik der Moderne, der so genannten „Neuen Musik“. Doch eine „definitorische Festlegung“[1], bezüglich der Datierung scheint nahezu unmöglich, da, wie bereits in der Einleitung erwähnt, die Werke der Komponisten, die allgemeinhin als Inbegriff der Klassik gelten, vereinzelt jene Merkmale aufweisen, die rückblickend als typisch romantisch klassifiziert werden. Somit wird deutlich, dass die Grenzen zwischen klassischen und romantischen Epochenbegriff fließend sind. Dennoch existieren verschiedene Ansätze der Periodisierung, die oftmals eine dreiteilige Gliederung dieses Zeitraumes vorsehen. Demnach ergeben sich eine frühromantische (ca. 1800-1830), eine hochromantische (ca.1830-1850) und eine spätromantische Phase (ca. 1850-1890).

Das bereits lange zuvor verwendete Adjektiv „romantisch“ leitet sich ab von „romanisch“ (wie in einem Roman) und soll das „phantasiehaft Unwirkliche und (…) Gegenweltliche“[2] zum Ausdruck bringen. Besonders durch E.T.A Hoffmanns Rezension der Fünften Symphonie Beethovens (1810) erhält dieser Terminus „ästhetischen Rang“[3], obwohl er auch schon im Vorfeld in Bezug auf Musik angewendet wird.

Die Romantik steht für eine Abkehr von nüchterner Rationalität und Formvollendung, vielmehr dominieren Gefühl, Subjektivität und Fantasie. Themen wie Fremde, Ferne, Tod, Nacht, Traum, Liebe und Sehnsucht spiegeln dies wieder. Eine besondere Bedeutung kommt auch der Natur zu, die das Nicht-Kontrollierbare repräsentiert.

Während die klassischen Komponisten die „von der Natur der Tongesetze gegebenen Bedingungen“[4] respektierten, werden diese normativen Muster nun zusehends aufgeweicht.

Durch die Hinzuziehung chromatischer und enharmonischer Wendungen, wird der

harmonische Bereich erweitert. Somit entstehen vermehrt Klänge, die nicht teleologisch einem Abschluss entgegenstreben, sondern sich „ins Nichts“[5] zu verlieren scheinen. Diese Erweiterung des harmonisch-tonalen Rahmens bildet hier bereits den Grundstein für die spätere Entwicklung der Harmonik, die sich während des Impressionismus weiter von der „klassischen“ Tonalität entfernt und sich im Expressionismus in vollkommene Losgelöstheit entfaltet. Außerdem lassen sich neben den Quintverwandtschaften von Akkorden, Terzverwandtschaften, so genannte Medianten ausmachen. Neben den harmonischen Neuerungen, sind auch Rhythmik und Dynamik im Wandel. In den Kompositionen findet sich nun häufiger eine „Polyrhythmie“[6], unterschiedliche, teils komplexe Rhythmen, die gleichzeitig oder nacheinander auftreten. Die Verwendung von Synkopen und Überbindungen, sorgt für eine Verschleierung des Taktschwerpunktes. Darüber hinaus verfügen die Werke nun über eine differenziertere Dynamik.

Wenngleich die Romantik die Gattungen der Klassik übernimmt, erhalten diese nun einen, mehr oder weniger, veränderten Charakter. Vor allem die Dimensionen der Werke variieren im Laufe der Epoche stark. Denn während Wagner gegen Ende des musikalisch Romantischen für monumentale Tonkunst steht, ist anfänglich eher eine Tendenz zur „kleineren Form“ auszumachen. Besonders ausgeprägt ist die Gattung „Lied“. Sie transportiert durch eine „poetisierende Begleitung“[7] die enge Verbindung von Text und Musik.

Während des 19. Jahrhunderts nimmt die Bildung einer öffentlichen Musikszene weiter zu, Konzertveranstaltungen und Opernaufführungen werden zunehmend besucht. Musik wird aber auch in den aufkommenden Salons rezipiert, oder innerhalb des eigenen Hauses (Hausmusik) dargebracht. Die Zeit ist geprägt durch das Metternichsche System und der angestrebten Restauration nach dem Wiener Kongress, was sich durch die strenge Zensur auch auf die Künstler auswirkt. Dies erklärt die Flucht aus der „biederen“ Realität, in das Traumhafte oder Thematiken aus ferner Vergangenheit. Ebenso findet auch eine Hinwendung zu volkstümlichen oder national gefärbten Stilen statt, die oftmals Ausdruck der unterdrückten liberalen und nationalen Gedanken sind.

3. „Winterreise“ allgemein

3.1 Werkgenese

Der 1827 von Franz Schubert komponierte Liederzyklus „Winterreise“, ist die Vertonung von 24 Gedichten Wilhelm Müllers und gliedert sich in zwei Abteilungen. Die ersten zwölf Gedichte erscheinen in Leipzig in „Urania, Taschenbuch auf das Jahr 1823“. Nachdem ein weiterer Teil der Texte im Breslauer Periodikum „Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater“ erscheint, der durch die nachträgliche Hinzufügung von „Die Post“ und „Täuschung“ ebenfalls zwölf Texte umfasst, werden 1824 schließlich beide Teile als Gesamtband veröffentlicht. Dieser trägt den Titel „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Zweites Bändchen“. Als sich Schubert mit diesem Stoff zu beschäftigen beginnt und die Komposition der „Winterreise“ aufnimmt, weiß er nur um die erste Abteilung der Müller-Texte, denn eine erste Vertonung endet nach dem zwölften Lied „Einsamkeit“. Erst im Herbst des Jahres 1827 stößt er auf den Gedichtband, der die verschiedenen Teile vereint. Da Schubert seine bisherige Komposition als abgeschlossenen Zyklus konzipiert hat, ergeben sich bei der weiteren Verarbeitung Probleme. Müller positioniert seine neuen Erzeugnisse teilweise zwischen dem bereits Bestehenden und sorgt somit für eine Abänderung der Reihenfolge. Schubert hingegen, fügt die neuen Lieder an die zuvor vertonten an. Eine weitere Abweichung von der Gedichtband-Vorlage ergibt sich,

indem er „Die Nebensonnen“, an vorletzter Stelle, zwischen „Mut“ und „Der Leiermann“, in sein Werk integriert.

Durch diese Neuordnung, geht jedoch die von Müller intendierte fortlaufende Handlung verloren. Das sich somit ergebende Springen zwischen den Stationen, kann aber auch als Reflexion des Vergangenen bzw. Vorschau auf den noch zu bestreitenden Weg gedeutet werden.

Neben der fortlaufenden Handlung, zerbricht durch die weiteren Lieder auch ein tonartliches Konzept Schuberts. Eigentlich hatte er durch die Vertonung des ersten („Gute Nacht“) und letzten („Einsamkeit“) Liedes in d-moll einen Rahmen kreiert, den er nun erweitern muss. „Einsamkeit“, das vom Ende des Zyklus in die Mitte rückt, notiert er von nun an in h-moll, der Tonart, die laut Autograph auch dem abschließenden Lied „Der Leiermann“ zugedacht ist.

3.2 Darstellung der Handlung

Das lyrische Ich, in Gestalt eines jungen Wanderers, macht sich auf eine 24 Stationen umfassende Reise durch eine winterliche Szenerie. Vor dem Beginn dieser Wanderung steht das Ende einer unglücklichen Liebe, die den Protagonisten dazu antreibt seine Heimat, das Dorf, zu verlassen. An zahlreichen Punkten taucht diese Liebe wieder auf und ist, neben dem Wandern, Hauptmotiv des Zyklus. Der „drei Tagesreisen“[8] andauernde Irrweg führt den Reisenden hauptsächlich durch die Abgeschiedenheit der Natur. Wenn er sich zwischenzeitig zurück in die Zivilisation begibt, scheut er den Kontakt zu anderen Menschen. Ausnahmen sind lediglich seine „ Rast “ (Lied 10) im Haus eines Köhlers und das Aufeinandertreffen mit dem „Leiermann“, das allerdings „hinterm Dorfe“, also außerhalb der eigentlichen Zivilisation stattfindet. Die Fremdheit, die sich bereits durch das erste Lied „Gute Nacht“ andeutet, begleitet ihn also während des kompletten Zyklus. Diverse Tiere und Naturphänomene, die vereinzelt neue Hoffnungen wecken, oder anderseits zu gesteigerten Orientierungslosigkeit und Entfremdung beitragen, sind allgegenwärtig. So trifft der Wanderer auf „ bunte Blumen “ und „ grünes Gras “, Vorboten des Frühlings, oder auf „ knurrende Hunde “, eine „Krähe“, die ihn als „ Beute fassen “ möchte und ein „Irrlicht“, das ihn in „ tiefste Felsengründe lockt “. Doch allen Umständen zum Trotz, setzt er stets seine Reise fort, bis er schließlich auf den „Leiermann“ trifft. Dieses Aufeinandertreffen stellt den Höhepunkt der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dar. Hier kommt es schließlich zum Stillstand. Die Frage „ willst zu meinen Liedern deine Leier drehen“, die der Protagonist an den „Leiermann“ richtet, beendet die „Winterreise“.

4. Analyse

4.1 Analyse und Interpretation des Liedes „Gute Nacht“

Das einleitende Lied der „Winterreise“, „Gute Nacht“, stellt den Ausgangspunkt der nun folgenden Wanderung dar und erläutert wie es zu dieser kommt. Nach einigen glücklichen Tagen, die der Protagonist mit seiner Liebsten verbracht hat, ist diese Liebe nun nicht länger von Bestand. Eines Nachts, während die Geliebte schläft, schleicht er sich aus dem Haus und bricht auf in die „Dunkelheit“. Es scheint allerdings, als ob dies nicht freiwillig geschieht, da er „nicht wählen [kann] mit der Zeit“ und er aus dem Haus „getrieben“ wird. Bevor er sich jedoch endgültig in die winterliche Kälte aufmacht, hinterlässt er auf dem Tor einen Abschiedsgruß an seine Geliebte.

[...]


[1] Eggebrecht, Hans Heinrich: Romantisch, Romantik, in: Handwörterbuch der musikalischen Terminologie, hrsg. von Albrecht Riethmüller, Stuttgart 1997, S.1

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] Eggebrecht, Hans Heinrich: Romantisch, Romantik, in: Handwörterbuch der musikalischen Terminologie, hrsg. von Albrecht Riethmüller, Stuttgart 1997, S.5

[5] Romantik, in: Schubert-Lexikon, hrsg. von Ernst Hilmar und Margret Jestremski, Graz 1997, S.375

[6] Romantik, in: Schubert-Lexikon, hrsg. von Ernst Hilmar und Margret Jestremski, Graz 1997, S.375

[7] ebd.

[8] Dürr,Walther: Winterreise. Gedanken zur Struktur des Zyklus, in: Meisterwerke neu gehört. Ein kleiner Kanon der Musik, hrsg. von Hans-Joachim Hinrichsen und Laurenz Lütteken, Kassel 2004, S.134

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Stilmittel der musikalischen Romantik - nachgewiesen an ausgewählten Liedern aus Schuberts Zyklus "Winterreise"
Hochschule
Universität zu Köln  (Musikwissenschaftliches Institut )
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V162801
ISBN (eBook)
9783640768608
ISBN (Buch)
9783640769094
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit liefert eine umfassende Einführung in Thematik, Bildlichkeit und den Epochengeist der Romantik und zeigt exemplarisch an Schubert "Winterreise" auf, wie sich diese in der Musik artikulieren.
Schlagworte
Winterreise, Schubert, Romantik, Klassik, Stilmittel, Epoche, Bildlichkeit, Leiermann, Gute Nacht, Epochendiskurs
Arbeit zitieren
Jan Wellnitz (Autor), 2009, Stilmittel der musikalischen Romantik - nachgewiesen an ausgewählten Liedern aus Schuberts Zyklus "Winterreise", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162801

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