Regionale Führungsmacht

Problematisierung eines Konzeptes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Macht
2.1 Machte als Akteur verstanden
2.2 Machtfaktoren
2.2.1 Militarische Macht
2.2.2 Latente militarische Macht
2.2.3 Wirtschaftliche Macht
2.2.4 Ideologische Macht und ,,softt power“
2.2.5 Diplomatische Macht

3.Fuhrung
3.1 Konzepte von Fuhrungsstilen
3.2 Anspruch des Akteurs
3.3 Anerkennung des Anspruchs
3.4 Sozialisation

4 Region
4.1 Problematische Konzepte
4.2 Problematische Losung

5. Schlussfolgerungen

6.. Literatur

1. Einleitung

1.1 Arbeitsansatz

Gegenstand meiner Arbeit ist das Konzept der Regionalen Flihrungsmacht. Besonders mochte ich es auf Schwierigkeiten hin untersuchen.

Was soil eigentlich unter einer regionalen Fuhrungsmacht verstanden werden? Die For - schung gibt auf diese Frage eine ganze Vielzahl von Antworten. Ich mochte dieser Viel- zahl den Entwurf einer anderen Konzeption hinzufugen, der sich kritisch mit den bisherigen auseinandersetzt. Insbesondere ist meine Vorgehensweise eine andere, als die ubliche. Schauen wir uns etwa Flemes (2007) oder Prys (2008) an, die hier nur exempla- risch genannt werden sollen, dann erkennen wir, dass die Konzepte der "Regionale Fuh- rungsmacht" in erster Linie entwickelt werden, indem man ein bestimmtes Land oder eine Gruppe von Landern im Sinn hat, die darunter fallen sollen.

Diese Ausrichtung am empirischen Befund hindert naturlich nicht daran, ein gutes Kon- zept zu entwickeln. Jedoch lauft diese Vorgehensweise Gefahr, fur einen Teil auftretender Phanomene „blind“ zu werden. Auch eine normative Aufladung eines solchen Konzeptes kann dadurch verursacht werden, ohne dass sie eigentlich intendiert war. Destradi (2008: 5) weifit darauf hin, dass in Konzepten zur "Regionale Fuhrungsmacht" zumeist Zivil- machtaspekte betont werden, wahrend sie selbst feststellt, dass die Strategien wesentlich vielschichtiger sein konnen.[1]

1.2 Vorgehensweise

Ich dagegen mochte versuchen, mein Konzept in einer Art begrifflichen Erorterung zu er- arbeiten. Ein Vorgehen dieser Art hat seine eigenen Probleme. Es lauft Gefahr, empirisch irrelevant zu sein - also etwas zu beschreiben, das in der Realitat nicht vorkommt. Ich denke aber, dass diese Gefahr aller Typenbildung inharent ist. Blindheit des am empiri­schen Befund ausgerichteten Konzepts fur bestimmte Phanomene zeigt bereits, dass auch beijener Vorgehensweise so etwas auftritt.

Wenn man sich dem Konzept der "Regionale Fuhrungsmacht" auf begriffliche Weise na- hert, so findet man drei semantische Bestandteile vor: Region, Fuhrung und Macht. Den grammatischen Regeln folgend bestimmt im Kompositum Fuhrungsmacht das Bestim- mungswort Fuhrung das Grundwort Macht naher. Beides wird wiederum durch das voran- gestellte Adjektiv regional naher bestimmt. So werde ich vorgehen, von Macht uber Fuh- rung zu Region das Konzept zu beschreiben.

Fur diese Arbeit verzichte ich dabei auf eine Abgrenzung des Begriffs der Regionalen Fuhrungsmacht von anderen, wie etwa „Grofimacht“, „Mittelmacht“, „Kernstaat“ oder „Regionalmacht“ (Nolte, Huntigton 1997: 247). Ich glaube dies tun zu konnen, da diese Konzepte in der Literatur vielfaltige Uberlappungen mit dem hier genutzten Begriff auf- weisen oder ihrerseits wenig eindeutig bestimmt sind.

2. Macht

2.1 Machte als Akteur verstanden

Staaten als Akteure

Es gibt eine ganze Reihe von Machtkonzepten und es scheint beinahe, als wurde jeder Au- tor Macht anders definieren. Da ich das Konzept hier seinen Begriffen nach erortere, muss ich erst einmal festhalten, dass im Rahmen dieses Konzeptes "Regionale Fuhrungsmacht" der Begriff der Macht nicht dasselbe bedeutet, wie etwa in einer soziologischen Untersu- chung. In Anschluss an Weber wird Macht dort als Fahigkeit beschrieben, das eigene In - teresse gegen Widerstande durchsetzen zu konnen (Weber, 1922: 28 §16). Diese Definition verbindet aus meiner Sicht die Ansatze, den Begriff „Macht“ sowohl im Sinne von Machtausubung als auch von Machtfaktoren zu verstehen (Nolte, 2006: 11).

Der im Konzept „Regionale Fuhrungsmacht" benutzte Begriff der Macht ist hiervon ver- schieden, wiewohl man ihn aber davon nicht vollig gelost betrachten kann. Hier ist damit ein Akteur gemeint. Eingeschlossen dabei ist aber, dass dieser Akteur Macht im Sinne We - bers innerhalb der Internationalen Beziehungen hat und dass fur diese Macht bestimmte Ressourcen und Strukturen eine Rolle spielen.

"Regionale Fuhrungsmacht" ist also eine Bezeichnung fur einen Akteur, der in den Inter - nationalen Beziehungen die Fahigkeit besitzt, seine Interessen durchzusetzen. Der Begriff der Internationalen Beziehungen bereits deutet darauf hin, dass es sich bei solchen Akteu- ren in erster Linie um Nationen - hier im Sinne von „Staaten“ - handelt. Staaten spielen vor allem durch ihre Fahigkeit zur Bundelung verschiedener Machtfaktoren und -kompo- nenten traditionell eine besondere Rolle als Akteure, auch wenn ihre Bedeutung eventuell seit einiger Zeit zuruck geht (Maull, 2000: 369). Dazu gleich mehr.

Betrachtet man Staaten nun also als Machte, so mussen diese in der Lage sein, ihre eige- nen Interessen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Man erkennt schnell, dass diese De- finition etwas simplifiziert, denn in der Politik heifit „Interessen durchsetzen“ nicht selten auch Kompromisse eingehen. Etwas schwacher kann also die Macht eines Staates nach seinen Moglichkeiten beurteilt werden, auf die international Politik im Sinne von agenda setting und rule making Einfluss nehmen konnen.

Zu den Interessen, die ein Staat in den Internationalen Beziehungen haben kann, gehoren vor allem Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen, wobei hier beides sehr weit gefasst wer- den kann. So konnen hierunter auch MaBnahmen des Umweltschutzes, beispielsweise im Bereich der Gewasserreinhaltung, und ahnliches gezahlt werden. Man kann nun zwei Ebe - nen in den Internationale Beziehungen unterscheiden, in denen solche Interessen von Staa- ten vertreten werden konnen. Da gerade die Sicherheit zuerst das Staatsterritorium betrifft, ist die nahere Umgebung des Staates, also die regionale Ebene, zuerst zu nennen. Zweitens kommt die globale Ebene hinzu.

Man kann an dieser Stelle die Frage aufwerfen, ob die allgemeine Durchsetzung der Inter - essen einer Regionalen Fuhrungsmacht tatsachlich globale Dimensionen annehmen muss. Vielleicht genugt es, wenn dieser Akteur nur in seiner Region dominant und wirksam ist. Es ist zu Recht darauf hingewiesen worden, dass sich auch die „spheres of influence" von „leading states" in ihrer geographischen Ausdehnung unterscheiden (Flemes, 2007: 7).

Nicht-staatliche Akt eure?

Bisher habe ich von Staaten als Akteuren gesprochen. Nimmt man aber eine bloB regiona- le Interessenverfolgung als MaBstab, so fuhrt der alleinige Bezug auf Staaten die Betrach- tung eng. Munkler (2002: 173) spricht sogar beim Krieg von einer „Entstaat-lichung und Privatisierung", bei einem Bereich also, der bisher als genuin staatlich angesehen wurde.

Neben (para-)militarischer Gewalt gibt es eine ganze Reihe von Machtfaktoren, die auch bei nicht-staatlichen Akteuren zusammenfallen konnen. Verschiebungen in der Bedeutung verschiedener Machtfaktoren und die Entwicklung vollig neuer begunstigen nicht-staatli­che Akteure (Treverton & Jones, 2004). Auch neben Staaten existieren demnach Akteure, die im Sinne von „agenda setting" und „rule making" aktiv werden konnen.

Dabei muss man nicht nur den internationalen Terrorismus im Sinn haben, sondern min - destens ebenso landerubergreifend agierendes, organisiertes Verbrechen oder - positiver angesehen - transnationale Konzerne und Organisationen, in denen sich Machtfaktoren konzentrieren. In absehbarer Zukunft konnten hier auch virtuelle Netzwerke, wie etwa Hacker-Gruppierungen, vielleicht dazu gezahlt werden (a.a.O.: 15).

Man kann daruber streiten, wie viele Machtfaktoren sich in den einzelnen Bereichen kon- zentrieren konnen. Wenn man sich aber klar macht, dass in manchen Bereichen, wie etwa dem organisierten Verbrechen und dem Terrorismus, durchaus Verflechtungen auch mit

Regierungen anzunehmen sind, sollte man auch solchen Akteuren Aufmerksamkeit schen- ken und sie wenigstens in die Untersuchung mit einbeziehen. Im Folgenden mochte ich daher nicht von Staaten sprechen, sondern viel mehr allgemeiner von Akteuren.

2.2 Machtfaktoren

2.2.1 Militarische Macht

Macht auszuuben ist nicht moglich, wenn nicht bestimmte Voraussetzungen dafur erfullt sind. Im Anschluss mochte ich daher einige solcher Machtkomponenten oder -faktoren na- her betrachten. Macht wurde in den Internationalen Beziehungen im Prinzip seit Hobbes fast ausschlieBlich als militarische Macht verstanden (Albrecht, 1999: 123ff). Die typische Interessendurchsetzung erfolgte demnach durch Anwendung von militarischer Gewalt oder wenigstens der Drohung damit. Czempiel (1981: 217) nennt den Krieg „das haufigste Prozessmuster der internationalen Politik“ und bemerkt, dass er dies bis heute geblieben sei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es eine Zeit lang, als sei diese Moglichkeit wegen ih- rer Achtung seitens der Vereinten Nationen immer weniger zu nutzen. Gerade die jungere Vergangenheit aber zeigt, dass eine solche Moglichkeit noch immer genutzt werden kann -jedoch nicht von jeder Nation im gleichen MaBe.

Aber woran erkennt man eigentlich, dass ein Staat militarische Macht hat? In der Literatur gibt es typische Kennzahlen, die versuchen, diesen Machtfaktor quantifizierbar zu ma- chen. Hierzu gehoren etwa das Rustungsbudget, die Statistiken uber zur Verfugung stehen- de Waffensysteme und die Zahl der standig unter Waffen stehenden Menschen (Nolte, 2006: 16). Kindermann (1991: 121) spricht allgemeiner von der Quantitat, Qualitat und Verwundbarkeit der militarischen Gewaltmittel, sowie eine gewisse Unabhangigkeit von Drittstaaten, was die Verfugbarkeit dieser Systeme anbelangt. Letzteres kann man auch als Autarkie im militarischen Bereich bezeichnen.

2.2.2 Latente militarische Macht

Militarische Macht ist insgesamt nicht so voraussetzungslos, wie einige der genannten Kennzahlen vielleicht nahelegen. Flemes (2007: 12) und Nolte (2008: 10) sprechen von der „latenten Macht“ eines Staates. Darunter kann man bestimmte Faktoren verstehen, die Einfluss darauf haben, wie effektiv eine Nation militarisch aktiv werden kann, ohne sich selbst aufs Spiel zu setzen.

Sowohl wirtschaftliche als auch demographische Faktoren zahlen darunter. Hinzu kommt die geographische Ausdehnung und ebenso die strategische Lage, wie etwa der Zugang zum Meer und ahnliches (Fuller & Arquilla, 1996). Aber auch organisatorische Faktoren, die nicht nur im militarischen sich nutzlich erweisen, muss man hier mit einbeziehen (Schirm, 2005:111).

In militarische Dimensionen ubersetzt, bedeutet das zum Beispiel, dass wahrend einer mi­litarischen Auseinandersetzung der Nachschub und die Versorgung der Bevolkerung si- chergestellt, sowie eine schnelle Mobilmachung und ahnliches gewahrleistet ist. Hier spielt auch die gerade angesprochene mogliche Autarkie eine Rolle, die nicht nur Waffen- systeme selbst betrifft, sondern daneben auch ebenso Rohstoffe und Lebensmittel. Techni- scher Fortschritt und ein gutes Bildungssystem (etwa ein hoher Alphabetisierungsgrad) sind Faktoren, die sich positiv auf die militarische Macht auswirken konnen, da beispiels - weise eine Rekrutierung, Ausbildung und Mobilisierung von neuen Soldaten schneller er- folgen kann.

Aber auch der Ruckhalt, den ein militarisches Vorgehen in der eigenen Bevolkerung hat, kann entscheidend sein. Der interne Zusammenhalt oder die „Koharenz“ einer Gesell- schaft kann als eine Grundvoraussetzung angesehen werden, die neben die materiellen Machtfaktoren treten muss, damit der Staat effektiv agieren kann (Hurrell, 2006: 1, Kin- dermann, 1991: 122). Schoeman (2003: 353) spricht von internen Dynamiken eines Staa- tes, die stimmen mussen, damit er die Rolle einer "Regionalen Fuhrungsmacht" einnehmen kann. Dies gilt nicht nur fur militarische Aktivitaten, sondern auch ganz allge- mein.

Godehardt und Lembcke (2010: 6) fassen am Beispiel des Irak-Krieges zusammen, dass militarische Aktionen weiterhin moglich sind, aber mit grofien „okonomischen, sozialen und politischen Folgekosten“ verbunden sind.

[...]


[1] Siehe hierzu weiter unten: Kapitel 3.1 Fuhrungsstile

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Regionale Führungsmacht
Untertitel
Problematisierung eines Konzeptes
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
HS Neue Regionale Führungsmächte
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V162803
ISBN (eBook)
9783640768615
ISBN (Buch)
9783640768998
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regionale Führungsmacht, regional great powers, Internationale Beziehungen, emergin powers, Macht, Führung, Region, power
Arbeit zitieren
Stefan Enke (Autor), 2010, Regionale Führungsmacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162803

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