Vergleich der fontaneschen Figuren Lene Nimptsch und Mathilde Möhring

Von der Liebenswürdigkeit zur Rechenkunst


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALT

1. Einführung

2. Lene Nimptsch und Mathilde Möhring im Vergleich
2.1 Soziale Herkunft
2.2 Äußeres
2.3 Realitätssinn und Rationalität
2.4 Aufstiegsgedanke
2.5 Glückskonzeption
2.6 Beziehung zu Männern

3. Mathilde als moderne Lene

4. Zusammenfassung und Ausblick

5. Literatur

1. Einführung

Das literaturwissenschaftliche Untersuchungsverfahren des Vergleichs setzt wenigstens zwei Objekte voraus, die sich sinnvoll miteinander vergleichen lassen, also Gemeinsamkeiten und ebenso Unterschiede aufweisen sollten. Im Rahmen dieser Arbeit sind es die Figuren Lene Nimptsch aus Theodor Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen1 und Mathilde Möhring2 aus dem gleichnamigen Werk Fontanes.

Was aber macht den Vergleich gerade dieser Figuren interessant? Es ist die Frage, wie sich die Protagonistinnen mit der gesellschaftlichen Ordnung arrangieren. Welche Charaktereigenschaften kennzeichnen ihr Wesen? Weiterführend ergibt sich Fragestellung, ob in Mathilde Möhring eine Weiterentwicklung Lene Nimptschs zu sehen ist. Dazu sollen zunächst Lene und Mathilde verglichen werden. Hierbei dienen ihre gesellschaftliche Stellung, ihr Äußeres, Realitätssinn und Aufstiegsgedanke sowie ihre Glückskonzeption und ihre Beziehung zu Männern als Vergleichspunkte. Obwohl sich Lene und Mathilde vielfach ähneln, gehen sie mit ihrem Schicksal gänzlich anders um. Nachfolgend soll darauf aufbauend die These erörtert werden, ob Mathilde Möhring eine moderne Lene Nimptsch ist. Lassen sich doch bei Mathilde Möhring Tendenzen entdecken, nach denen sie als emanzipierte Frau „wilhelminische Denkmuster und Normvorstellungen auf den Kopf stell[t] und in diesem Sinn ins 20. Jahrhundert“3 aufbricht. Mit einer Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse und einem Ausblick auf weitere mögliche Themen soll die Arbeit schließen.

Als Bearbeitungsgrundlage dienen, neben den Textausgaben, Handbuchartikel, Monografien, Artikel aus den Fontane Blättern sowie die Erkenntnisse aus dem Seminar.

2. Lene Nimptsch und Mathilde Möhring im Vergleich

2.1 Soziale Herkunft

Sowohl Lene Nimptsch als auch Mathilde Möhring stammen aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die von Fontane ausführlich geschildert werden. Allerdings unterhält Lene, mit der Fontane erstmals eine Protagonistin aus dem Kleinbürgertum einführt, mit dem adligen preußischen Offizier Baron Botho von Rienäcker enge Kontakte zur aristokratischen Oberschicht, was den Spannung erzeugenden Konflikt des Romans Irrungen, Wirrungen ausmacht.4 Mathilde M ö hring hingegen kommt ohne derartige Konflikte aus. Das gesellschaftliche Spannungsverhältnis zwischen Adel und Bürgertum wird in diesem Roman nicht thematisiert. Der Umstand, dass die Hauptfiguren Frauen aus kleinbürgerlichem Milieu sind, „verstärkt das gesellschaftskritische Potential dieser Romane“5. Mit dem Stand des Kleinbürgertums verbinden sich einige maßgebliche Eigenschaften der Handelnden: „Fleiß, Entbehrungsfähigkeit, Ehrgeiz, Strebsamkeit, Zuverlässigkeit, Pflichttreue“.6

Lene wuchs zur Pflege bei der alten Frau Nimptsch auf und wohnt mit ihrer Pflegemutter bis zu ihrer Hochzeit mit dem Fabrikanten Gideon Franke in einem kleinen Haus vor Berlin nahe Tiergarten und Zoologischen Garten. Das Haus gehört jedoch nicht den Nimptschs, sondern dem Gärtnerehepaar Dörr. Als Näherin geht sie einer typisch kleinbürgerlichen Tätigkeit nach und weistüberhaupt Eigenschaften auf, die standestypisch sind. Sie ist, wie die Gärtnerin Dörr sagt, „propper und fleißig un kann alles und is für Ordnung un fürs Reelle“ (6). Auch lässt sich noch eine weitere Eigenschaft dem Kleinbürgertum zuschreiben: die Angst vor dem sozialen Abstieg. Das Kleinbürgertum ist stets bemüht, sich vom Proletariat, der Arbeiterklasse, abzugrenzen. Lene zeigt sich darüber hinaus als eine Person, die sich mit Redensarten schwer tut. Sie lehnt floskelhafte Phrasen ab, „bleibt im Reden und auch im Schweigen wahrhaftig“7, wie im Gespräch mit Botho deutlich wird: „[W]enn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich, daß [sic!] ihr solche Gesellschaften mitmacht.“ (25) Stattdessen hatte alles, was sie sagte, „Charakter und Tiefe des Gemüts“ (159). Auch die alte Frau Nimptsch bestätigt dies in ihrem Verhalten als kleinbürgerliche Tugend, wenn sie zu Lene sagt: „Ja Kind, jeder spricht, woran er denkt.“ (63)

Mathilde geht ebenfalls einem kleinbürgerlichen Beruf nach. Sie betreibt mit ihrer Mutter gemeinsam eine Zimmervermietung. Dazu untervermieten sie ein Zimmer in ihrer Mietwohnung in der Berliner Georgenstraße. Auch Mathilde lebt mit nur mit ihrer Mutter zusammen, denn ihr Vater, ein Buchhalter, starb im Alter ihrer Konfirmation. Auch bei den Möhrings zeigt sich die immerwährende Angst vor dem sozialen Fall. Jene Angst vor dem finanziellen Ruin führt zur „Reduktion des gesamten Lebens auf seine reine Berechenbarkeit“8 und eben diese Rechenkunst die wichtigste Größe Mathildes Charaktereigenschaften. Dies führt ihnen immer wieder die Figur der Runtschen vor Augen, eine alte, einfache und unansehnliche Frau, die gelegentlich zu ihnen putzen kommt. Auch Mathilde weist die typischen Tugenden des Kleinbürgertums auf. Sie ist „quick, findig, praktisch“ (42) und stellt „in allen ihren Reaktionen, Motivationen und Einstellungen die vollkommene Kleinbürgerin [dar], die etwas ist und wenig hat“.9

Mathilde und Lene eint demnach das gleiche Wertesystem, das ihrer sozialen Herkunft aus dem kleinbürgerlichen Milieu immanent ist. In dieses Bild passt auch der Umstand der Berufstätigkeit. Nur Töchter der niederen Stände gingen der Erwerbsarbeit nach. Höheren Töchtern war dies verwährt.10

[...]


1 Alle Zitate aus dem Text Irrungen, Wirrungen beziehen sich auf folgende Ausgabe: Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. Anmerkungen von Friedrich Betz. Stuttgart 1994. (RUB 8971) Fontane arbeitete von 1882 bis 1887 immer wieder an dem Manuskript, zuletzt intensiver, und autorisierte es 1887 zum Druck. Vgl. Christian Grawe, Helmuth Nürnberger: Fontane- Handbuch. Stuttgart 2000, S 577f.

2 Alle Zitate aus dem Text Mathilde M ö hring beziehen sich auf folgende Ausgabe: Theodor Fontane: Mathilde Möhring. Nachwort von Maria Lypp. Stuttgart 2001. (RUB 9487) Fontane begann seine Arbeit an dem Roman 1891 und führte sie 1896 weiter, gab das inüberarbeitung befindliche Manuskript jedoch nicht zum Druck, sodass es postum erschien. Dabei wurden erhebliche Veränderungen an dem Fragment vorgenommen, die erst 1969 von Gotthard Erler bei einer neuerlichen Revision rückgängig gemacht wurden. Eben dieser Ausgabe folgt auch die in dieser Arbeit zitierte Ausgabe. Vgl. S. 115. Zum besseren Verständnis sei erwähnt, dass auf Grund der Namensdopplung von Protagonistin und Werk das Werk stets kursiv geschrieben wird.

3 Sabina Becker: Aufbruch ins 20. Jahrhundert: Theodor Fontanes Roman ,Mathilde Möhring’. Versuch einer Neubewertung. In: Zeitschrift für Germanistik. N.F. 10 (2000) 2, S. 298.

4 Vgl. Ekkard Verchau: Theodor Fontane. Individuum und Gesellschaft. Mit dreizehn Abbildungen. Frankfurt a. M.; Berlin; Wien 1983, S. 576.

5 Verchau (1983), S. 577.

6 Eda Sagarra: Mathilde Möhring. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. v. Christian Grawe, Helmuth Nürnberger. Stuttgart 2000, S. 686.

7 Eda Sagarra: Irrungen, Wirrungen. In: Fontane-Handbuch. Hrsg. v. Christian Grawe, Helmuth Nürnberger. Stuttgart 2000, S. 579.

8 Harald Tanzer: Theodor Fontanes Berliner Doppelroman: ,Die Poggenpuhls’ und,Mathilde Möhring’. Ein Erzählwerk zwischen Tradition und Moderne. Paderborn 1997, S. 186f.

9 Dietrich Sommer: Kritisch-realistische Problem- und Charakteranalyse in Fontanes ,Mathilde Möhring’. In: Fontane Blätter 35 (1983) H. 3, S. 332.

10 Sagarra. Mathilde Möhring (2000), S. 686.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vergleich der fontaneschen Figuren Lene Nimptsch und Mathilde Möhring
Untertitel
Von der Liebenswürdigkeit zur Rechenkunst
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V162816
ISBN (eBook)
9783640766857
ISBN (Buch)
9783640766505
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theodor Fontane, Ehebruchroman, Gesellschaftsroman, Mathilde Möhring, Irrungen Wirrungen, Lene Nimpsch, Realismus, Berlin;
Arbeit zitieren
Thomas von Pluto-Prondzinski (Autor), 2008, Vergleich der fontaneschen Figuren Lene Nimptsch und Mathilde Möhring, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162816

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