Die Bedeutung des Salutogenese-Modells nach Antonovsky in der Beratungspraxis bei Klienten mit Übergewicht und Adipositas


Examensarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Das Modell der Salutogenese nach Antonovsky
Begriffsklärung Salutogenese
Kohärenzgefühl
Salutogenese und Stress

Übergewicht und Adipositas
Definition
Risikogruppen für Übergewicht
Faktoren, die die Entstehung von Übergewicht begünstigen

Übergewicht und das Salutogenese-Modell
Salutogenese und Prävention
Kohärenzgefühl und Gesundheitsverhalten
Kohärenzgefühl und Übergewicht

Konsequenzen für die Praxis der Gesundheits- und Ernährungsberatung
Im Beratungsgespräch
Bei der Ernährungsumstellung
In Bezug auf Sport und Bewegung
Entspannungsmethoden
Spaß, Genuss und Freude

Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Einleitung

37 Millionen Erwachsene in Deutschland sind übergewichtig, (BMI > 25 kg/m2), das sind 68% der Männer und 50,6% der Frauen. Dabei halten 12% eine Diät ein (vgl. NVS II 2008).

Die deutsche Adipositas - Gesellschaft schreibt auf ihrer Website: „Übergewicht und Adipositas sind in der Bevölkerung epidemisch verbreitet“. In den Industrieländern werden knapp 5% aller Gesundheitsausgaben für die Behandlung von Adipositas und ihren Folgen ausgegeben. Hinzu kommen große Summen, die die betroffenen Menschen privat für Diät- und Fastenprogramme, Schlankheitsmittel und Druckwerke ausgeben, um das Problem Übergewicht in den Griff zu bekommen. Leider haben alle diese Versuche und auch die meisten medizinisch begleiteten Programme zur Gewichtsreduktion langfristig nur geringe Erfolge aufzuweisen. Diätetische Maßnahmen über Kurzzeitprogramme haben eine Rezidivquote von 85%. (Ayyad & Andersen, 2000, S. 113-119). Hier Verbesserungen zu erreichen ist eine zentrale gesundheitspolitische Aufgabe.

Die geringe Erfolgsquote legt nahe, dass die bisher in der Prävention hauptsächlich beschrittenen Wege von Diäten und Kalorientabellen nicht zu einer nachhaltigen Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten führen. Neuere gesundheitspolitische und ernährungsmedizinische Ansätze berücksichtigen daher auch Erkenntnisse der Gesundheitspsychologie. Essen und Psyche, Essen und soziale Interaktion, Essen und Genuss sind untrennbar verbunden. Daher birgt jede Diät auch Einschränkungen im Hinblick auf Lebensqualität und Lebenslust. Gleichermaßen beeinträchtigt jedoch Übergewicht das Selbstwertgefühl erheblich. Aus diesen Gründen erscheint ein ganzheitlicherer Ansatz in der Beratung erforderlich. Die Situation des Klienten in seinem Umfeld, seine Motivation, Veränderung herbeizuführen und ähnliche Faktoren treten dabei in den Vordergrund. Das Salutogenese-Modell nach Antonovsky bietet hier interessante Ansätze, wie Prävention, Beratung und Begleitung bei Gewichtsproblemen auch gestaltet werden kann. Diese Möglichkeiten auszuloten, und konkrete Erfahrungen damit zusammenzutragen soll hier versucht werden.

I/1

Das Modell der Salutogenese nach Antonovsky

Begriffsklärung Salutogenese. Das Modell der Salutogenese wurde von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky 1979 in seinem Buch „Health, Stress and Coping“ als neues, ergänzendes Modell zur herkömmlichen pathogenetischen Betrachtungsweise von Krankheit und Gesundheit publiziert.

Im Gegensatz zum pathogenetischen Ansatz, der sich mit der Frage „warum wird der Mensch krank?“ befasst, stellte Antonovsky die Frage „was erhält den Menschen gesund?“ in den Mittelpunkt.

In seinem Buch „Salutogenese – Zur Entmystifizierung der Gesundheit“ erklärt Antonovsky die unterschiedlichen Ansätze mit einer Metapher. Er setzt das Leben gleich einem reißenden Fluss, mit gefährlichen Stromschnellen und Strömungen und fragt: „Wie wird man ein guter Schwimmer?“ (Vgl. Antonovsky, 1997, Seite 92)

Während die Pathogenese Gesundheit als Normalzustand betrachtet und die Krankheit als Abweichung davon, betrachtet die Salutogenese jeden Menschen als sowohl zu einem Teil krank, wie auch zu einem Teil gesund. Das Individuum bewegt sich demnach auf einem so genannten Gesundheits-Krankheits-Kontinuum zwischen den beiden Polen Krankheit und Gesundheit in die eine oder andere Richtung. Ausschlaggebend für die Richtung, in die sich der Einzelne bewegen wird, ist der so genannte „sense of coherence“, kurz SOC“, oder Kohärenzgefühl.

I/2.

Kohärenzgefühl, (SOC). Dieses bezeichnet die Fähigkeiten eines Individuums, mit den Stressoren des Lebens umgehen zu können und wird geprägt durch ein bestimmtes Muster an Lebenserfahrungen. Es setzt sich zusammen aus den drei Teilkomponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit.

Verstehbarkeit meint, dass ein Mensch „seine Umwelt als kognitiv verstehbar einschätzt, sie für geordnet, strukturiert, konsistent und erklärbar hält.“ Unter Handhabbarkeit, oder Bewältigbarkeit wird das Ausmaß erfasst, „in dem ein Mensch annimmt, dass die Anforderungen, die die Umwelt an ihn stellt, durch Ressourcen bewältigt werden können, die ihm zur Verfügung stehen oder durch sein soziales Umfeld geleistet werden können“.

(Renneberg und Hammelstein, S. 16)

Die Bedeutsamkeit als dritte Komponente des Kohärenzgefühls besagt, dass die Person „glaubt, wichtige Aspekte des eigenen Lebens sind sinnvoll, wenigstens einige der vom Leben gestellten Probleme und Anforderungen sind Anstrengung und Engagement wert.“ (Antonovsky, 1997, S. 36)

Zusammenfassend wird das Kohärenzgefühl definiert als eine allgemeine Einstellung, „die das Maß ausdrückt, in dem man ein durchdringendes, andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die eigene interne und externe Umwelt vorhersagbar ist und dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann. (Antonovsky,1997, S.16) Die Stärke bzw. Schwäche des SOC wird mit Hilfe eines von Antonovsky selbst entworfenen „Fragebogens zur Lebensorientierung“ mit 29 Fragen ermittelt, für größere Studien und Telefonumfragen wurden auch auf bis zu drei Items verkürzte entworfen.

Nach Antonovsky entwickelt sich das Kohärenzgefühl in der Kindheit und Jugend und wird von Erfahrungen und Erlebnissen beeinflusst. Die Entwicklung sei mit circa 30 Jahren abgeschlossen und bliebe danach relativ stabil. In Untersuchungen finden sich jedoch Hinweise, dass die Stärke des SOC mit dem Lebensalter zunimmt und auch beeinflusst werden kann. (Vgl. BZgA, 2001, S. 150).

Die Partizipation an Entscheidungsprozessen betrachtet Antonovsky als entscheidend für die Entwicklung bzw. Aufrechterhaltung des SOC. Ob sich ein schwaches oder starkes SOC entwickelt, hängt zudem von gesellschaftlichen Gegebenheiten ab, wie der Verfügbarkeit von generellen Widerstandsressourcen. (Siehe unten).(Vgl. BZgA, 2001, S. 31)

I/3

Salutogenese und Stress.

Eine hohe Ausprägung des Kohärenzgefühls als grundlegende Lebenseinstellung ist gebunden an die Verfügbarkeit genereller Widerstandsressourcen, oder „generalised resistance resources“, kurz GRR. (vgl. Renneberg und Hammelstein, 2006, S. 15)

GRR sind Faktoren, die es dem Menschen ermöglichen, sich mit Belastungen effektiv auseinander zu setzen. Zum einen

- „interne Ressourcen“, wie körperliche Konstitution, Ich-Stärke und die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse, Wünsche und Ängste, wahrzunehmen, sowie
- „externe Ressourcen“, wie materielle und soziale Unterstützung, beruflicher und sozialer Status, und die soziale Integration. (vgl. Renneberg und Hammelstein, 2006, S. 15)

Antonovsky geht davon aus, dass Stressoren im Leben jedes Menschen unausweichlich und unvermeidbar vorhanden, also omnipräsent, sind. Ob sie in ihrer Konsequenz pathogen oder gesunderhaltend wirken, hängt von den vorhandenen Copingressourcen des Einzelnen ab. (vgl. Antonovsky 1997, S. 30)

„Ein starkes Kohärenzgefühl befähigt einen Menschen dazu, seine Bewältigungsstile flexibel an die momentanen Umstände anzupassen, also seine Ressourcen optimal auszuschöpfen.“ Renneberg und Hammelstein, 2006, S.17)

Zur Veranschaulichung bemüht Antonovsky nochmals das Bild vom Fluss des Lebens: Nicht die Rettung des Ertrinkenden ans Ufer, sondern seine Befähigung, Strömungen und Strudel zu durchschwimmen, erreichen eine Bewegung auf dem Gesundheits-Krankheitskontinuum hin zum gesunden Pol.

II.

Übergewicht und Adipositas

II/1 Definition von Übergewicht und Adipositas. Personen mit einem Body Mass Index von über 25 kg/m2 werden allgemein als übergewichtig oder präadipös bezeichnet, mit einem BMI ab 30 als adipös, zu deutsch fettleibig. Adipositas wird nach Schweregrad I-III eingeteilt. In Wikipedia heißt es dazu: „Bei der Adipositas handelt es sich um ein starkes Übergewicht, das durch eine über das normale Maß hinausgehende Vermehrung des Körperfettes mit krankhaften Auswirkungen gekennzeichnet ist.“

II/2 Risikogruppen für Übergewicht. Eine genetische Veranlagung ist für die Fettverteilung und die Menge des gespeicherten Körperfettes mitverantwortlich. (Mayoclinic proceedings). Zusätzlich wirken ähnliche Essgewohnheiten, Lebensstil und körperliche Aktivität in der Familie prägend. Wenn beide Eltern übergewichtig sind, steigt das Risiko für die Kinder deutlich, ebenfalls übergewichtig zu werden.

Mit zunehmendem Alter wächst das Risiko übergewichtig zu werden ebenso. Eine verminderte körperliche Aktivität gepaart mit der mit zunehmenden Alter schwindenden Muskelmasse bedingt eine Verlangsamung des Stoffwechsels und somit einen geringeren Kalorienbedarf.

Auch soziale und wirtschaftliche Probleme und Übergewicht zeigen eine auffallende Korrelation. „Je höher der Schulabschluss desto geringer ist der BMI bei Männern und Frauen. Mit steigendem Pro-Kopf-Nettoeinkommen zeigt sich bei Männern und Frauen ein Absinken des BMI. (NVS II, 2008) Dies können Hinweise für einen Zusammenhang zwischen SOC und der Entstehung von Übergewicht sein. ( siehe auch I/3, GRR, externe Ressourcen).

II/3 Faktoren, die die Entstehung von Übergewicht und Adipositas begünstigen sind vielfältig.

II/3.1 Überernährung. An erster Stelle steht sicherlich die Angebotsfülle an Nahrungsmitteln mit hoher Energie- und gleichzeitig geringer Nährstoffdichte. Schnell verfügbare Kohlenhydrate in stark verarbeiteten Lebensmitteln (Convenience-Produkte), Süßigkeiten und vor allem stark gesüßte Getränke, werden mengenmäßig zuviel, ballaststoffhaltige Rohkost in zu geringem Anteil verzehrt. Die Folge bedingt eine hormonelle Konstellation, die ein schnell wieder einsetzendes Hungergefühl nach sich zieht.

Entwicklungsgeschichtlich betrachtet ist eine überwiegend pflanzliche Ernährung mit geringem Verarbeitungsgrad für den Menschen als artgerecht zu bezeichnen. Erst im Zuge der Industrialisierung trat an deren Stelle in den letzten 200 Jahren eine energiedichte Ernährung mit hohem Anteil an tierischen Lebensmitteln, stark verarbeitet und fettreich. (Vgl. Körber, Männle, Leitzmann, 2004, S. 32) Zwar haben Aufklärungskampagnen Wirkung gezeigt und der Obst- und Gemüseverbrauch ist in den letzten Jahren wieder deutlich angestiegen, der hohe Fleisch- und damit verbundene Fettkonsum blieb jedoch erhalten. Zudem ist eine stetige Zunahme des Verzehrs von Mono- und Disacchariden, wie beispielsweise in alkoholfreien Erfrischungsgetränken, zu beobachten. (Vgl. NVS II, DGE, Ernährungsbericht 2008)

Verschärfend wirkt sich in diesem Zusammenhang ein weit verbreiteter

II/3.2 Bewegungsmangel aus . Das Ungleichgewicht zwischen Energieaufnahme und Energieverbrauch begründet ursächlich eine unkontrollierte Gewichtszunahme. Unser heutiger Lebensstil befördert körperliche Inaktivität. Viele Berufe beinhalten vorwiegend sitzende Tätigkeit, bereits der Schulalltag verlangt stundenlanges Stillsitzen, Wege werden vorwiegend im Auto zurückgelegt. Fernsehen und Computerspielen als Freizeitbeschäftigung Nummer eins, bieten keinen Ausgleich. Hinzu kommt, dass schwergewichtige Personen oft in einem Teufelskreis stecken- je schwerer, desto unbeweglicher- Bewegungseinschränkungen stellen sich ein. Das seelische Wohlbefinden und das Selbstbild leiden.

II/ IV Essen und Psyche

Essen hat, neben der reinen Nahrungsaufnahme, noch andere Funktionen erhalten. So ist das soziale Miteinander beim Essen von großer Bedeutung. Tischgespräche, Tischkultur, Tischsitten, diese Begriffe zeigen die Bedeutung des Essens für die soziale Interaktion. Eine regelrechte Inflation von Kochsendungen im Fernsehen, unzählige Neuerscheinungen bei Kochbüchern, zeigt die Bedeutung, die dem Essen als Statussymbol zugemessen wird. Schwierige Verhandlungen werden bei einem „Geschäftsessen“ geführt, wichtige politische Konferenzen beinhalten ein „Staats-Bankett“. Auch im Alltag spielt Essen eine Rolle in unserem Gefühlsleben. Erinnerungen an die Kindheit durch bestimmte Gerichte, Belohnung mit einem besonders guten Essen oder Süßigkeiten, oder auch Essen als Kampfplatz der Macht zwischen Eltern und Kindern. (Konflikte in der Familie werden oft im Essverhalten ausgetragen.)

In der psychologischen Forschung sind Essstörungen inzwischen ein wichtiges Thema. „Binge eating“, Bulimie oder Anorexie sind psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch. Verschiedene Verhaltensmuster, soziale und biologische Faktoren, bilden die Risikofaktoren für die Entwicklung von Essstörungen. Es wird beispielsweise von externen oder emotionalen Essern gesprochen, die bei Stress mit Nahrungsaufnahme reagieren. Externe Esser können dem vielfältigen Nahrungsangebot nicht widerstehen, während emotionale Esser bei Stress mit Nahrungsaufnahme reagieren.

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Salutogenese-Modells nach Antonovsky in der Beratungspraxis bei Klienten mit Übergewicht und Adipositas
Hochschule
Impulse e.V. - Schule für freie Gesundheitsberufe
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V162831
ISBN (eBook)
9783640777563
ISBN (Buch)
9783640777624
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Salutogenese-Modells, Antonovsky, Beratungspraxis, Klienten, Adipositas
Arbeit zitieren
Barbara Ferentzi (Autor), 2010, Die Bedeutung des Salutogenese-Modells nach Antonovsky in der Beratungspraxis bei Klienten mit Übergewicht und Adipositas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162831

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