Identität in der Moderne

ein Handbuchartikel


Hausarbeit, 2001

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Friedrich-Schiller-Universität Jena 31.07.01 Institut für Soziologie

Proseminar: Identität in der Moderne

Identität in der Moderne

Handbuchartikel von Ronny Teschner

Wer bin Ich? Was ist das, was mich ausmacht, in einer Zeit, die als Moderne bezeichnet wird? Gibt es einen festen Kern, ein Ich an sich, eine jedes Individuum kontinuierlich begleitende Substanz? Oder entsteht Identität nach und nach als kreatives Konstrukt, ist es also etwas von außen Zugeschriebenes, was nie abgeschlossen werden wird? Gibt es so etwas wie gelingende Identität? Und gab es so etwas wie die Frage nach dem „Wer bin Ich“ schon immer oder entstand sie erst in der Moderne? Ja und was bedeutet Moderne? ... Diese Fragen zu beantworten kann nur ein Versuch bleiben. Es wird lediglich möglich sein, einige Strömungen und Autoren vorzustellen und Faktoren und Dimensionen von Identität aufzuzeigen. Beginnen wir jedoch zunächst mit dem Versuch Identität zu definieren. Einen der Ursprünge1 des Identitätsbegriffes ist bei E. Erikson zu finden, durch welchen der Begriff der Identität auch populär wurde. Als Psychoanalytiker gebrauchte er den Begriff zunächst als Beschreibung persönlicher Erfahrungen von Individuen. Obwohl bei Erikson keine eindeutige Bestimmung des Identitätsbegriffes zu finden ist, gibt es sozusagen von ihm benannte Kernelemente. So hängt die Krisenerfahrung und deren psychische Bearbeitung durch das betroffene Subjekt unweigerlich mit dem Identitätsbegriff zusammen. Krisenerfahrungen betrachtet er als normale und für eine bestimmte Lebensphase auch als charakteristische Erfahrungen.2 Weiter noch, Identität entsteht auch erst in solchen Momenten der Krise und ist dann der Versuch eine Einheit (eine stimmige Gestalt, eine geordnete Struktur) der Person mittels aktiver, psychischer Integrationsleistung (d.i. das Bemühen Verschiedenes zusammenzuführen) zu erreichen. Wobei Einheit im Sinne von (biographischer) Kontinuität und Kohärenz zu denken ist. Eine Einheit also, die Orientierung bietet. Identität ist somit (nach Erikson) etwas, dass man nicht einfach hat, sondern für die ein jeder selbst sorgen muss.

Ein solches Konstrukt3 von Identität ist aber keinesfalls ein vollständig, sondern allenfalls ein begrenzt autonomer Prozess. Veranschaulichen lässt sich das mit dem Begriff der „balancierten Identität“ von Krappmann. „Balancierte Identität“4 bedeutet die kompetente Passung zwischen eigenen Erwartungen und den Forderungen der Umwelt. Begrenzt autonom bedeutet dabei, dass Identität weder allein durch das Individuum definiert, noch allein durch die Ansprüche einer (materiellen, sozialen, kulturellen) Außenwelt oktroyiert wird, sie entsteht vielmehr an deren Schnittstelle. Auch Helsper spricht von der Entzauberung des Mythos eines völlig autonomen „Selbstes“. Mead macht sehr deutlich, dass ein Individuum nur mittels anderer ein Selbst entfalten kann: Das Individuum geht nur als ein Objekt in seine Erfahrungen ein. Es kann Objekt seiner selbst werden, indem es die Haltungen „signifikanter Anderer“ ihm selbst gegenüber einnimmt. Wenn dieses Bewusstsein ersteinmal entstanden ist, dann kann es soziale Prozesse mitgestalten. Das tut es selbst, doch es ist nie völlig unabhängig (also autonom) von der Außenwelt und den anderen.

Einige Voraussetzungen, die das Individuum Idealerweise „mitbringen“ sollte - um die (oben erwähnte) Balance zu halten und damit zu einer gelingenden Identität beizutragen - sind (lt. Straus/Höfer) ein positives Selbstgefühl und ein hochentwickelter sence of coherence, denn nur so sind Individuen fähig mit auftretenden Ambivalenzen (und Ambiguitäten) umzugehen.

Auch Keupp ist bemüht Ressourcen und Kompetenzen für das Individuum aufzuzeigen. Er behandelt dies unter der Frage, was denn gelingende Identität sei. Materielle Ressourcen beispielsweise sind unabdingbare Rahmenbedingung, genauso wie soziale Integration und Anerkennung das sind. In Kombination werden sie noch wichtiger, denn Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Mangel von sozialen undökonomischen Ressourcen. Eine Aufzählung der von Keupp beschriebenen Kompetenzen ist sehr umfangreich. Voran geht diesen die Notwendigkeit Ambiguitätstoleranz zu entwickeln. Sie ausgebildet zu haben, heißt sich von der Diffusität und Vagheit der Welt nicht entmutigen zu lassen. Möglich kann dies werden, wenn jeder einzelne einsieht, dass Ungewissheiten des sich inkompetent, fehlerhaft, unwissend und uninformiert Fühlens, nicht aus persönlichem Unvermögen, sondern aus der „objektiven Ambiguität der Welt resultieren“ (S.280f.) Unterstützen - so die These von Straus/Höfer - können dabei vor allem kleine soziale Netzwerke (Vereine, AGs ...) Mit der Ambiguitätstoleranz eng verbunden ist ein durch die vorhandene Pluralisierung nötig gewordene ständig neue Aushandlung von Regeln, Normen,Zielen und Wegen.

[...]


1 Neben dem symbolische Interaktionismus (Mead, Strauss, Goffman) und soziologische bzw. sozialpsychologische Identitätstheorien, so z.B. Krappmanns Theorie der „balancierten Identität“, dazu jedoch später.

2 Siehe dazu: Eriksons Entwicklungsmodell (Krappmann: Die Identitätsproblematik nach Erikson ...)

3 Ein Modell, dass Identität nicht als Konstrukt, sondern als Kern bzw. als immer vorhandene Substanz versteht, ist wohl nur als körperlich angelegtes Selbstgefühl vorstellbar (Straub, Krappmann u.a.)

4 Krappmann listete diejenigen Kompetenzen auf, welche er für die Bildung und Wahrung „balancierter Identität“ für wesentlich hält: „Empathie, Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz, Identitätspräsentation und das diese Fähigkeiten tragende Sprachvermögen“ (in: Krappmann, Soziologische Dimensionen, S.210)

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Identität in der Moderne
Untertitel
ein Handbuchartikel
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (für Soziologie)
Veranstaltung
Identität in der Moderne
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V162840
ISBN (eBook)
9783640768400
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Moderne, Handbuchartikel
Arbeit zitieren
Ronny Teschner (Autor), 2001, Identität in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162840

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