Die Rolle der jüngeren Agrippina bei der Herrschaftsübernahme des Nero


Seminararbeit, 2010

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenlage und Forschungsstand

3. Der Weg zur Macht
3.1 Die Adoption des Nero
3.2 Die Ämter und Vollmachten des Nero
3.3 Das Ende von Kaiser Claudius

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man heutzutage in einem Geschichtsbuch das Kapitel über die Herrschaftsüber- nahme des Nero aufschlägt, steht häufig nicht Nero selbst, sondern eine ganz andere Person im Zentrum der Betrachtungen: Neros Mutter Agrippina, die durch Mord und Intrigen Nero dazu verholfen haben soll, Kaiser des Imperium Romanum zu werden. Auch in der Forschungsliteratur findet man diese Meinung recht häufig. Doch dann stellt sich die Frage, wie eine Frau in einem von Männern dominierten Staatswesen ei- nen solchen Einfluss ausüben konnte und mit ihrem Handeln die römische Geschichte wie kaum eine andere Frau geprägt hat. Mir kommen bei dieser Vorstellung Zweifel auf. Daher kam ich zu der Fragestellung, welche Rolle Agrippina denn tatsächlich bei der Herrschaftsübernahme des Nero gespielt hat.

Beginnen müsste man mit der Forschung eigentlich mindestens bei der Heirat zwischen Agrippina und Kaiser Claudius, wenn nicht sogar noch früher. Weitere wichtige Statio- nen wären dann die Adoption von Nero durch Kaiser Claudius, die Verlobung und Hei- rat zwischen Nero und Claudius Tochter Octavia, Neros Ämter und Vollmachten, die Beziehung von Nero und Claudius Sohn Britannicus, die Beziehung zwischen Agrippi- na und Britannicus, die Bedeutung personeller Veränderungen, z. B. durch Seneca oder den Prätorianerpräfekten Burrus, die Todesfälle bis und nach der Herrschaftsübernahme des Nero und noch eine ganze Reihe weiterer Themen. Dies ist natürlich im Rahmen dieser Arbeit nicht zu bewerkstelligen. Daher habe ich eine Auswahl vorgenommen und werde mich im weiteren Verlauf insbesondere auf die Adoption, die Ämter und Voll- machten und auf den Tod des Claudius eingehen und an diesen Themen exemplarisch die Bedeutung Agrippinas darstellen.

2. Quellenlage und Forschungsstand

Die Quellenlage zu diesem Thema sieht auf den ersten Blick ganz gut aus. Neben den sehr umfangreichen Überlieferungen bei Sueton, Cassius Dio und vor allem Tacitus gibt es Informationen über Agrippina außerdem bei Octavia, Plinius dem Älteren, Josephus, Juvenal und einigen anderen Autoren, bei denen der Aussagewert allerdings wesentlich geringer ist. Problematisch ist dabei allerdings die Intention, mit denen vor allem die drei erst genannten Autoren geschrieben haben. Sie stammen alle aus der senatorischen Geschichtsschreibung und müssen daher entsprechend gelesen und bewertet werden. Wie problematisch dies insbesondere in diesem Fall ist, werden wir später noch sehen. Erschwert wird die Lage auch noch dadurch, dass alle drei Agrippina nie persönlich kennengelernt haben, da sie alle erst nach den beschriebenen Ereignissen geboren wor- den sind. Sie selbst berufen sich also schon auf Quellen und müssten daher selbst als Sekundärquelle eingestuft werden. Nur Plinius, Josephus und natürlich Octavia lebten zur Zeiten der Agrippina. In dieser Arbeit werde ich mich wegen des begrenzten Um- fangs aber nur auf Tacitus und Sueton beschränken.

Das Bild Agrippinas in der Forschung ist entsprechend der Quellen vielfältig. Zur Zeit existieren im Wesentlichen zwei Hauptmeinungen um die Rolle der Agrippina. Die eine Forschungsmeinung wird unter anderem von dem deutschen Historiker Werner Eck vertreten, der dem Bild, dass uns die senatorische Geschichtsschreibung von Agrippina vermittelt, großen Glauben schenkt.1 Die Taten der Agrippina, die vor allem bei Tacitus geschildert werden, werden für wahr gehalten und somit ergibt sich ein sehr negatives Bild einer herrschsüchtigen und mit allen Mitteln kämpfenden Agrippina, das sich auch in aktuellen Schulbüchern verfestigt hat.

Die zweite Forschungsmeinung gruppiert sich um Judith Ginsburg, die die Darstellung der Agrippina sehr kritisch sieht.2 Sie ist der Meinung, dass wir die Agrippina, die vor ca. 2000 Jahren gelebt hat, überhaupt nicht kennen, sondern nur die Agrippina, die Taci- tus und die anderen Autoren uns übermittelt haben, so dass wir im Grunde keine siche- ren Aussagen über Agrippina mehr treffen können.

3. Der Weg zur Macht

3.1 Die Adoption des Nero

In den Annalen des Tacitus wird die Adoption des Nero folgendermaßen beschrieben: Der Freigelassene Pallas habe die Adoption des Nero tatkräftig unterstützt. Da er bereits Agrippina als Ehefrau für Claudius vorgeschlagen und gefördert habe, werde ihm ein enges, ja sogar sexuelles Verhältnis mit Agrippina vorgeworfen. Dennoch habe er Clau- dius von der Adoption des Nero überzeugen können. Zunächst habe Pallas an Claudius Vernunft appeliert, er solle an das „Wohl des Staates“3 denken, indem er dem „Knaben Britannicus eine starke Persönlichkeit zur Seite“4 stelle. Er habe diese Adoption mit den Taten des Augustus verglichen, der trotz eigener Enkel neben Tiberius auch noch den Britannicus adoptiert habe. Claudius solle diesem Beispiel folgen, damit Nero ihn unter- stützen könne. Daraufhin habe Claudius Nero adoptiert und dem Senat die gleiche Be- gründung vorgetragen wie Pallas bereits ihm. Durch die Adoption sei Nero in der Erb- folge an erste Stelle gesetzt worden. Diese Tatsache habe dann bei allen Mitleid für Bri- tannicus ausgelöst. Britannicus sei immer weiter isoliert worden und die ihm von seiner Stiefmutter Agrippina entgegengebrachte Liebe habe er als Spott verstanden, da er „den Trug durchschaute“5.

Es gibt jetzt mehrere Interpretationsmöglichkeiten, wer für diese Adoption verantwort- lich war. Einerseits könnte man sagen, dass Pallas auf eigene Veranlassung hin gehan- delt habe, möglicherweise um sich im Ansehen der Agrippina weiter zu erhöhen. Es ist durchaus möglich, dass er sich davon für sich selbst eine größere Machtfülle erhoffte. Begründen lässt sich diese These mit dem zuvor stattgefundenen Wettstreit um eine Nachfolgerin für die verstorbene Messalina, in dem Pallas sich mit seiner Wunschkan- didatin Agrippina gegen die beiden anderen Freigelassenen mit ihren Kandidatinnen durchgesetzt hatte.6 Bereits da zeigte sich Pallas Machtinteresse.

Andererseits kann man aber auch Agrippina als die heimliche Marionettenspielerin se- hen, obwohl sie von Tacitus auf den ersten Blick nicht direkt mit der Adoption in Ver- bindung gebracht wird. Tacitus betont aber sicherlich nicht grundlos das enge Verhält- nis zwischen Agrippina und Pallas, insbesondere die angedeutete Affäre zwischen den beiden. Es ist demnach durchaus möglich, dass Agrippina Pallas mit ihren Reizen dazu gebracht hat, für sie in ihrer Sache zu arbeiten. Jedoch darf man dabei nicht übersehen, dass die sexuellen Reize der Agrippina bei Tacitus ein häufig wiederkehrender Topos sind, z. B. auch als Vitellius in ihrem Auftrag Silanus für sie beseitigen lässt.7

In beiden Fällen stellt sich jedoch die Frage, warum Claudius Nero seinem eigenen Sohn vorgezogen hat.

[...]


1 Eck, Werner: Die iulisch-claudische Familie. Frauen neben Caligula, Claudius und Nero, erschienen in: Temporini-Gräfin Vitzthum, Hildegard (Hg.): Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora, München 2002, S. 103-163 und: Eck, Werner: Agrippina, die Stadtgründerin Kölns. Eine Frau in der frühkaiserzeitlichen Politik, Köln 1993 (=Schriftreihe der Archäologischen Gesellschaft Köln e. V., Nr. 22).

2 Ginsburg, Judith: Representing Agrippina. Constructions of Female Power in the Early Roman Empire, New York 2006.

3 „[…] consuleret rei publicae […]“ (Tac. Ann. 12.25.1).

4 „[…] Britannici pueritiam robore circumdaret.“ (Tac. Ann. 12.25.1).

5 „[…] intellegens falsi.“ (Tac. Ann. 12.26.2).

6 Vgl. Tac. Ann. 12.1.3, 2.3.

7 Ginsburg, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der jüngeren Agrippina bei der Herrschaftsübernahme des Nero
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V162846
ISBN (eBook)
9783640770878
ISBN (Buch)
9783640771332
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nero, Agrippina, Claudius, Adoption, Herrschaftsübernahme
Arbeit zitieren
Marcel Teiner (Autor:in), 2010, Die Rolle der jüngeren Agrippina bei der Herrschaftsübernahme des Nero, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162846

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