Einflüsse des antiken Symposions auf die christliche und jüdische Mahlpraxis


Essay, 2010

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Religion und Essen

3. Das antike Symposion

4. Einflüsse des antiken Symposions auf die christliche und jüdische Mahlpraxis

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dieser Essay ist im Rahmen des religionswissenschaftlichen Seminars „Religion und Essen“ entstanden. Zu diesem Oberthema sollen Einflüsse des antiken Symposions auf christliche und jüdische Gemeinschaftsmähler aufgezeigt und untersucht werden.

Das gemeinsame Mahl hat bereits in der Antike Menschen miteinander verbunden, besonders in der Form des sog. Symposions. In einem langen Prozess entwickelte sich das griechische Symposion über das römische Convivium und die höfischen Tafeln des Mittelalters zum aristokratischen Bankett der Neuzeit und damit wieder zum Vorbild bürgerlicher Tischkultur in der Moderne. Im 20. Jahrhundert erschwerten Eile und Rastlosigkeit die Zusammenkunft bei einem geselligen Festessen. Dieser Prozess der „McDonaldisierung“ hat auch im 21. Jahrhundert nur leichte Auflockerungen und Entschleunigungen erfahren. In einer Zeit, in der Fast Food und Convenience-Produkte unsere Speisekultur beherrschen, und das Sich-Ernähren nur noch einen Begleitcharakter zu allen möglichen anderen Lebensvollzügen zu haben scheint, gilt das klassische Gastmahl sozusagen als ein Gegenmodell zu dieser Entwicklung. Das Gemeinschaftsmahl kann dabei zu einer eigenen Sinngebung von Grundformen menschlicher Lebens- und Weltgestaltung und zu einer Ausgestaltung sozialer Bindungen führen. Die Fragestellung, in welcher Art und Weise das Gastmahl als religiöses Phänomen klassifiziert werden kann und inwieweit die Harmonisierung antiker Mahlpraxis mit frühchristlichen und jüdischen Gemeinschaftsmählern gelingt, soll in dem vorliegenden Aufsatz bearbeitet werden.

Im Folgenden soll zunächst versucht werden, einige grundlegende Gemeinsamkeiten von Religion und Mahl festzustellen, bevor die Charakteristika eines antiken Symposions skizziert und die gewonnenen Erkenntnisse mit christlicher und jüdischer Mahlpraxis in Beziehung gesetzt werden.

2. Religion und Essen

Grundmotive herauszuarbeiten, die auf einen prinzipiellen Zusammenhang zwischen Religion und Essen verweisen, erscheint nicht zuletzt aufgrund der Definitionsvielfalt des Religionsbegriffs als sehr schwierig. Portmann stellt zu dieser Problematik fest: „Was Religion ist, ist unklar geworden, ihre Grenzen verschwimmen.“[1] Die Religionsdefinition, die er erarbeitet, ist daher sehr weit gefasst und lautet wie folgt:

„Als Religion bezeichne ich vorläufig alle Wissenselemente, Erfahrungen und Handlungen kollektiver und individueller Art, die für das Individuum (und indirekt für Gruppen) Sinn und Orientierung herstellen. Die Erfüllung dieser Funktion ist eine Folge der Wechselwirkungen, die zwischen diesen drei Grössen bestehen. Religion in diesem Sinn lässt sich bezeichnen als Gesamtheit aller Zeichen und Deutungsprozesse, die für Einzelne (und zum Teil für Kollektive) Sinn und Orientierung herstellen.“[2]

Wenn man sich dieser Definition anschließt, dann ist die Einbettung gemeinschaftlicher Mahlpraxis in den weiten Bereich religiöser Konzeption nachvollziehbar: Der Mensch ist auf die Nahrungsaufnahme angewiesen, er bereitet seine Nahrung mehr oder weniger kunstvoll und aufwendig zu und drückt in seinem Speiseverhalten seine soziale Veranlagung aus. Das gemeinsame Essen mit Familie, Freunden oder Bekannten dient also der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, der unmittelbaren Gestaltung der eigenen Welt und Wirklichkeit und der Schaffung sozialer Identität und Beziehungen.[3] Dementsprechend ist der Schritt von dem einen in den anderen Bereich nach der Religionsdefinition von Portmann so leicht vollzogen – charakteristische Elemente des Gemeinschaftsmahles sind danach auch Elemente von Religion.

Auch in der Forschung wird besondere Emphase auf den die Gemeinschaft fördernden Charakter des gesellschaftlichen Speiserituals gelegt, der eine Orientierungshilfe für das menschliche Individuum in der generellen Gestaltung seines Lebens bietet. Schmidt-Leukel bemerkt hierzu: „Das gemeinsame Mahl scheint eine der vorzüglichsten Möglichkeiten für den Menschen zu sein, sich die Sozialnatur seines Wesens, ja seine Einbindung in den Gesamtzusammenhang des Lebens zu vergegenwärtigen und zu feiern.“[4] Gottwald schreibt dem Essen ebenfalls einen sinnstiftenden und damit nach Portmann religiösen Charakter zu: „Im Speiseritual verdichtet sich die Erinnerung an das Einfache und führt zu einer neuen Sinngebung von Grundformen menschlicher Lebens- und Weltgestaltung.“[5] Auch Kolmer klassifiziert das Gemeinschaftsmahl als verbindendes Ritual: „Miteinander Essen verbindet die Menschen untereinander. Die gemeinsame Zubereitung der Nahrung – jetzt wieder mehr ‚im Trend’ – die Auf- und Verteilung der Speisen, die Gespräche beim Mahl beziehen alle mit ein.“[6] Schmidt-Leukel stimmt schließlich mit der von Portmann vorgenommenen Verknüpfung von Religion und alimentärer Praxis überein, wenn er die nach seiner Einschätzung wesentlichen Grundfunktionen einer gemeinsamen Mahlzeit – Essen als Quelle des Lebens und Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, Essen als Grundform menschlicher Lebensgestaltung, Essen als sozialer Grundakt[7] – als auch den Religionen zugehörige Elemente einstuft: „Macht man sich in diesem dreifachen Sinn die zentrale Bedeutung des Essens im und für das Leben des Menschen bewußt, dann wird man sich über den Zusammenhang von Religion und Essen vermutlich nicht mehr wundern; (…) Sind doch das menschliche Leben, seine Quelle, seine Gestaltung und seine sozialen Aspekte zweifellos auch zentrale Themen in den Religionen.“[8]

Für die weiteren Ausführungen soll sich dieser Idee eines Zusammenhangs von Religion und Kommensalität, der besonders in der Gemeinschaftserfahrung und dadurch in der Sinn- und Orientierungsstiftung für das menschliche Leben per se besteht, angeschlossen werden.

3. Das antike Symposion

Im antiken Griechenland waren nahezu alle Themen des öffentlichen Lebens seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. in spezielle Vereine verlagert worden.[9] Darunter zählten beispielsweise Berufsverbände, die mittelalterlichen Gilden ähnelten, Vereine, deren Mitglieder sich gegenseitige ökonomische Unterstützung gewährten, Gemeinschaften zur Ausübung alltäglicher Religiosität und Zusammenkünfte von Freunden, die in gemeinsamer Runde ihre sozialen Beziehungen pflegen wollten.[10]

Das Gemeinschaftsleben all dieser Vereine bestand im Wesentlichen aus einem regelmäßig abgehaltenen Gemeinschaftsmahl mit anschließendem Trinkgelage, dem Symposion.

Man aß im Liegen auf besonderen Speisesofas, den sog. Klinen, die in einer Halbkreisform, dem sog. Triklinium, angeordnet waren. Die häufigsten Symposien weisen, unabhängig von der Wahl privat oder öffentlich genutzter Räumlichkeiten, Platz für neun bis fünfzehn Teilnehmer auf. Der Ablauf der Gemeinschaftsmähler lässt sich auf ein generelles Grundmuster reduzieren: das Treffen begann mit dem gemeinsamen Essen (gr. deipnon oder syssition, lat. cena), anschließend folgte eine religiöse Zeremonie mit gemeinsamen Gebet, und den Abschluss bildete das gemeinsame Trinkgelage.[11] Welche Speisen bei den Mahlzeiten verzehrt wurden, hing von den ökonomischen Möglichkeiten des Gastgebers bzw. der Teilnehmer ab. Grundelemente der Speisezusammenstellung bildeten Linsen (als Suppe), Gerste (als Brei oder Kekse) und Weizen (als Brot), dazu wurden Gemüse, Käse, Eier, Fisch und nicht selten Fleisch gereicht.[12]

Nach dem Essen folgte eine religiöse Zeremonie, im Laufe derer ein Trankopfer, die sog. Libation, dargebracht wurde. In der Regel wurde bei diesem Opfer Wein auf den Boden oder in ein Herdfeuer vergossen, nachdem alle Teilnehmer aus einem gemeinsamen Gefäß getrunken hatten.[13] Das Libationszeremoniell wurde begleitet von einem gemeinsamen Gebet, dem sog. Päan. Der Päan wurde von allen Teilnehmern unisono zu einer musikalischen Begleitung (zumeist durch Flötenspiel) rezitiert.[14] Das bedeutet, dass alle Symposien – und nicht nur die, die von religiösen Gemeinschaften veranstaltet wurden – einen mehr oder weniger ausgeprägten religiösen Aspekt besaßen.

[...]


[1] Portmann, Adrian. Kochen und Essen als implizite Religion. Lebenswelt, Sinnstiftung und alimentäre Praxis, Münster 2003, S. 79.

[2] Ebd., S. 88 f.

[3] Vgl. Schmidt-Leukel, Perry. Heiligkeit des Lebens. Über den Zusammenhang von Essen und Religion, in: Schmidt-Leukel, Perry (Hg.), Die Religionen und das Essen, München 2000, S. 9-20, hier: S. 11 f.

[4] Ebd., S. 18 f.

[5] Gottwald, Franz-Theo. Essen, Trinken und ihre Resakralisierung im Speisen, in: Gottwald, Franz-Theo, Kolmer, Lothar (Hg.), Speiserituale. Essen, Trinken, Sakralität, Stuttgart 2005, S. 9-12, hier: S. 10.

[6] Kolmer, Lothar, Rituale der Verbindung, in: Gottwald, Franz-Theo, Kolmer, Lothar (Hg.), Speiserituale. Essen, Trinken, Sakralität, Stuttgart 2005, S. 13-18, hier: S. 13.

[7] Vgl. Schmidt-Leukel, Perry. Heiligkeit des Lebens, S. 11 f.

[8] Ebd., S. 19.

[9] Der Verlust der politischen Autonomie der griechischen Städte im 4. Jahrhundert v. Chr. brachte einen Bedeutungsverlust derjenigen politischen und sozialen Institutionen mit sich, die das öffentliche Leben nachhaltig geprägt hatten. Dieser Niedergang der griechischen Stadtkultur wurde durch die Entstehung zahlreicher halböffentlicher und privater Vereine kompensiert, die die meisten Funktionen der Polis in sich aufnahmen. Vgl. Klinghardt, Matthias. „Nehmt und eßt, das ist mein Leib“. Mahl und Mahldeutung im frühen Christentum, in: Schmidt-Leukel, Perry (Hg.), Die Religionen und das Essen, München 2000, S. 37-70, hier: S. 41.

[10] Vgl. Klinghardt, Matthias. „Nehmt und esst, das ist mein Leib“, S. 41.

[11] Vgl. Ebd., S. 44 ff.

[12] Vgl. Grau, Alexander. „Wie werden wir uns am behaglichsten betrinken?“. Platons Symposion, in: Gottwald, Franz-Theo, Kolmer, Lothar (Hg.), Speiserituale. Essen, Trinken, Sakralität, Stuttgart 2005, S. 161-170, hier: S. 165.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Vgl. Klinghardt, Matthias. „Nehmt und esst, das ist mein Leib“, S. 49 f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Einflüsse des antiken Symposions auf die christliche und jüdische Mahlpraxis
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Religion und Essen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V162873
ISBN (eBook)
9783640780020
ISBN (Buch)
9783640859368
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Essen, Mahlpraxis, Seder, Eucharistie, Abendmahl, Symposion, Gemeinschaftsmahl, Esskultur, Antike, Pessach
Arbeit zitieren
Joschka Riedel (Autor), 2010, Einflüsse des antiken Symposions auf die christliche und jüdische Mahlpraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162873

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