Die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen in der Weimarer Republik


Seminararbeit, 2009
35 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

I . Einleitung
I.1 Einführung in den Themenkomplex
I.2 Fragestellung
I.3 Quellenlage und Vorgehensweise

II . Organisation des Sportbetriebes
II.1 Sport und Körperkultur in der frühen Sowjetunion
II.2 Die Arbeitersportbewegung und andere Sportverbände in Deutschland
II.3 Die Rote Sportinternationale und ihre Einbindung in der Sowjetunion und Deutschland

III . Deutsch-Sowjetische Sportbeziehungen zwischen 1921 und 1932
III.1 Erste Kontakte und die Fußballbegegnungen vom September 1923
III.2 Die Jahre 1924 und 1925
III.3 Der Deutsch-Sowjetische Sportvertrag und die Jahre 1926/27
III.5 Spaltung des deutschen Arbeitersports ab 1928
III.6 Delegationen der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit

IV. Fazit
IV.1 Quellenkritik
IV.2 Offene Fragen
IV.3 Schlussbetrachtung

Anhang
1. Abkürzungsverzeichnis
2. Personenregister
3. Bildnachweis
4. Verzeichnis verwendeter Medien

I. Einleitung

I.1 Einführung in den Themenkomplex

Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind seit jeher ein Politikum und stehen auch heute häufig im Fokus der öffentlichen Diskussion.[1] Historisch besonders interessant sind die Verbindungen Deutschlands in der Zeit der Weimarer Republik zur damaligen Sowjetunion, bzw. in der Frühzeit bis Ende 1922 zu ihren Teil- und Vorgängerstaaten. Die beiden „außer dem Gesetz stehenden“, großen Verlierer des Ersten Weltkrieges[2], haben in der politisch instabilen Zwischenkriegsphase in verschiedener Weise zusammengearbeitet. Aufsehen erregende Schlaglichter dieser Kooperationen waren beispielsweise der gegenseitige Reparationsverzicht im Vertrag von Rapallo[3] oder die militärische Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Armee.

Damals wie heute sind sportliche Veranstaltungen und Wettkämpfe öffentlichkeits-wirksame, wie auch populäre Ereignisse. Zeigen doch die Fernseheinschaltquoten und Zuschauerzahlen ein enormes Interesse am sportlichen, zumal dem zwischenstaatlichen, Wettkampf. Andererseits ist spätestens seit der deutschen Turnbewegung, personifiziert durch Friedrich-Ludwig Jahn, zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch die Verbindung von Sport, Politik und Wehrhaftigkeit evident.[4] Daher scheint eine Betrachtung der deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen in diesen Spannungsfeldern als lohnend.

Im Rahmen des Studienganges Osteuropastudien fand im Herbsttrimester 2009 an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr in Hamburg ein Hauptseminar zum Thema „Deutsch-Sowjetische Beziehungen vor dem II. Weltkrieg“ statt. Ziel der Veranstaltung war es, einen Überblick über die verschiedenen Phasen und Aspekte, sowie über die histographische Rezipienz der deutsch-sowjetischen Beziehungen in der Zeit zwischen 1917 und 1939 bzw. 1941 zu erarbeiten. Ein weiteres Augenmerk legte die Betrachtung auf die Beteiligung und die Handlungen einzelner Akteure und die transnationale Betrachtung von Beziehungen unterhalb der offiziell staatlichen Ebene. Die vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag zu diesem Erkenntnisinteresse.

I.2 Fragestellung

Unter dem Begriff Sportbeziehungen sind unterschiedliche Bereiche der internationalen und transnationalen Kontakte zusammengefasst. So unterscheidet das in der Bundesrepublik Deutschland für Sport zuständige Innenministerium in seinem Aktenplan allein 16 verschiedene Arten von internationalen Sportbeziehungen, hinzu kommen noch die Arten der Entwicklungszusammenarbeit im Bereich Sport.[5] Viele dieser Einordnungen sind im Betrachtungszeitraum, vor allem wegen der nicht in diesem Maße vorhandenen internationalen und europäischen Integration, noch nicht gegeben. Dennoch zeigt sich die Vielfältigkeit und Unschärfe des Begriffs. Unter Verwendung einer engen Definition von Außenpolitik, wären nur solche Vorgänge erfasst, die von staatlicher Seite vorgenommen werden und sich „direkt auf das Verhältnis zu einem (…) oder mehreren anderen Staaten (…) beziehen.“[6] Bei dieser Betrachtung fielen Aktionen und Kontakte einzelner Personen, von Vereinen, Organisationen und Parteien kaum in den Betrachtungsbereich. Andererseits ist eine Betrachtung wirklich aller Kontakte bis hinunter auf die Ebene des persönlichen oder vom einzelnen Sportverein geführten Briefwechsels – also nach einer weitesmöglichen Definition - nicht zu leisten. Daher werden in dieser Arbeit all jene Beziehungen betrachtet, die zur Anwesenheit von Sportlern im jeweilig anderem Land maßgeblich beigetragen haben, wie auch diese Reisen selbst. Eine solche Fokussierung auf die ergebnisklare Zusammenarbeit mit physisch fassbaren Ereignissen – wie Wettkämpfen und Freundschaftsspielen – ist einerseits klar nachvollziehbar. Andererseits haben auch die bisherigen Autoren einen in etwa gleichen Maßstab bei der Betrachtung der deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen angelegt.

Der dabei betrachtete Zeitraum weicht vom Betrachtungszeitraum des Seminars ab. So wird hier nur auf die Zeit von 1919 bis Ende 1932 eingegangen. Dies ist mit enormen gesellschaftlichen Umwälzungen im Zuge der Errichtung der Hitler-Diktatur ab 1933 gerechtfertigt. Wichtige Objekte der Betrachtung werden die Organisationen der Arbeitersportbewegung sein. Sie gab es nach 1933 in dieser Form nicht mehr. Eine Darstellung die beide Systeme und deren Sportbeziehungen zur Sowjetunion erfassen will, sprengt den Rahmen dieser Arbeit. Einige Autoren beziehen sich bei gleicher Betrachtungsweise auf das Jahr 1937, in dem die Rote Sportinaternationale (RSI) aufhörte zu bestehen, als den Endpunkt dieser Beziehungen. Da diese ab 1933 praktisch nicht mehr auf deutschem Boden wirkte, wird sie in dieser Arbeit nach diesem Datum nicht weiter betrachtet.

Folgende Fragen sollen im Mittelpunkt stehen:

1. Wie gestalteten sich die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen zwischen 1919 und Ende 1932?
2. Wer waren die treibenden Kräfte der Sportbeziehungen zwischen den beiden Staaten in dieser Zeit?
3. Welche Wirkungen entfaltete der deutsch-sowjetische Sportverkehr dieser Zeit?
Neben diesen Hauptfragen, stellen sich noch mehrere Nebenfragen, die in der Arbeit angerissen werden sollen.
4. Warum kam es zum Schluss und zur raschen Auflösung eines Sportabkommens Deutschlands mit der Sowjetunion?
5. Welche Rolle spielten die Sowjetunion und verschiedene Organisationen bei der Spaltung der deutschen Arbeitersportbewegung?
6. Welche politischen Bedeutungen hatten die betrachteten Beziehungen?
7. Wie wurden die Sportbeziehungen zeitgenössisch und in der Histographie reflektiert?

I.3 Quellenlage und Vorgehensweise

Die Anzahl an einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema ist insgesamt sehr überschaubar. Nur wenige Autoren haben sich bisher ausführlich mit dem deutsch-sowjetischen Sportverkehr in der Zwischenkriegszeit beschäftigt. Ein nicht geringer Teil der Veröffentlichungen stammt aus der DDR. Eine Bibliographie zum Thema liegt aus dem Jahr 1977 vor.[7] Sie hat den Anspruch alle wissenschaftlichen Veröffentlichungen in deutscher Sprache zum Thema zu erfassen. Enthalten sind nur Veröffentlichungen aus der DDR und der UdSSR. Es ist weder auszuschließen, dass in Westdeutschland keine entsprechenden Veröffentlichungen erschienen sind, noch dass diese keine Berücksichtigung fanden. Da der Körperkultur und dem Sport in der sozialistischen Welt eine hohe Bedeutung zugemessen wurde, wurden in der DDR bereits früh die Sportbeziehungen zur Sowjetunion zu Zeiten der Weimarer Republik betrachtet. Ein frühes Dokument, zum 30. Jahrestag des deutsch-sowjetischen Fußballspiels 1923, lag leider für diese Arbeit nicht vor[8]. Die bei weitem meisten Texte erschienen in den sportpädagogischen Fachzeitschriften des Bildungsministeriums der DDR. Später rief unter anderem die Zeitschrift „Junge Generation“ 1973 – anlässlich des 40. Jahrestages der Spielreise einer deutschen Arbeiterfußballmannschaft in die Sowjetunion - zur Erforschung der Thematik und Veröffentlichungen auf.[9] Offenbar nur mit mäßigem Erfolg. Doch auch wenn – was bereits in der Bibliographie bemängelt wird - eine Monographie zum Thema fehlt, finden sich in einem Zeitraum von über dreißig Jahren in verschiedenen Zeitschriften entsprechende Veröffentlichungen vor allem von Lothar Skorning. Darunter Aufsätze zu den 50. Jahrestagen der ersten[10] und letzten[11] Fußballbegegnungen zwischen den Ländern in der Weimarer Zeit, sowie die angesprochene Bibliographie und eine Chronik zum deutsch-sowjetischen Sportverkehr vor 1937[12]. Auf Grund von Beschaffungsschwierigkeiten sind in dieser Arbeit vor allem die Skorning-Aufsätze von 1973 und 1983 rezipiert, stellen sie doch offenbar den letzten Stand der DDR-Forschung zum Thema dar. Der Aufsatz aus dem Jahr 1987 hat ausschließlich die Fußballbegegnung von 1923 zum Thema und gibt im Wesentlichen Wissen aus den vorhergehenden Schriften wieder. Der ideologische Hintergrund dieser Aufsätze und das Bemühen die Sportbeziehungen zur Zeit der Weimarer Republik in eine Traditionslinie mit denen der DDR zur Sowjetunion zu stellen, ist insbesondere bei den Schriften Skornings offenbar. Das die Texte zum Teil nur nach intensiver Recherche und unter der Mitwirkung mehrerer Universitätsbibliotheken zu beschaffen waren, ist deren Alter und Veröffentlichungszusammenhang zuzurechnen.

Bereits im Jahr 1980 legte Karl-Heinz Ruffmann die Monographie „Sport und Körperkultur in der Sowjetunion“ vor.[13] Diese sehr kompakte Veröffentlichung beschäftigt sich zwar nur in einem kurzen Kapitel mit den Außensportbeziehungen zu dieser Zeit. Dennoch ist das Werk sehr gut für einen thematischen Einstieg geeignet, zeigt es doch vor allem die sowjetische Seite der Sportbeziehungen.

Die erste einschlägige westdeutsche Veröffentlichung erschien erst 1988. Herbert Dierker legte in diesem Jahr an der Freien Universität Berlin seine Dissertation zum Thema der Spannungen zwischen der sozialdemokratischen und kommunistischen Stömungen im Arbeitersport vor.[14] In diesen Betrachtungen sind aus verschiedenen Gründen auch die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen von Bedeutung.

Sehr umfangreich hat auch André Gounot an dem Thema gearbeitet. Im Jahre 1998 legte er ebenfalls an der Freien Universität Berlin seine Dissertation zum Thema „Die Rote Sportinternationale 1921-1937“[15] vor. In dem umfangreichen Buch finden sich zahlreiche Bezüge auch zum transnationalen Wirken der Roten Sportinternationale in beiden Ländern. In der Monographie verwendet er auch einen Teil der Quellen von Skorning, die ihm offenbar vorlagen.[16] Vier Jahre später erschien von Gounot eine Betrachtung der Wettkampfreisen sowjetischer Sportmannschaften unter propagandistischen Gesichtspunkten[17] betrachtet. Dabei legte er gleichzeitig eine hervorragend recherchierte Übersicht über nahezu alle sowjetischen Delegationsbesuche bis 1927 vor.

Im Folgenden wird zunächst der Sportbetrieb und die Einbindung des Massensports in Organisationen, politische Zusammenhänge und Öffentlichkeit dargestellt. Dies soll zum Verständnis der nachfolgend geschilderten Entwicklung der Sportbeziehungen beitragen. Es schließt eine chronologische Darstellung der deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen an, so wie sie sich aus der aktuellen Quellenlage erschließen lassen. Im Fazitteil der Arbeit werden zunächst die Unterschiede in der Histographie der DDR und den anderen Quellen eine Rolle spielen. Ferner sollen dort die aufgeworfenen Fragen beantwortet und weitergehende Erkenntnisinteressen formuliert werden.

II. Organisation des Sportbetriebes

II.1 Sport und Körperkultur in der frühen Sowjetunion

Trotz der russischen Niederlage im Ersten Weltkrieg und die zu dieser Zeit herrschenden Wirren von Revolution und Bürgerkrieg, kam unter dem kriegskommunistischen Regime der Bolschewiki schon früh das Bestreben auf, den Sport als massenwirksames Instrument unter die Kontrolle der Politik zu bringen. So kam schon während der ersten Monaten nach der Oktoberrevolution eine bolschewistische Organisation des Sportbetriebes zustande, die sich aber erst sukzessive mit Verantwortlichkeit und Oganisationsgrad ausbreiten werde. Hinzu kam die Überzeugung, dass der Sport durch die Förderung von Begegnung auf gleicher Augenhöhe unter festgeschriebenen Regeln dem Ziel der klassenlosen Gesellschaft dienlich sei.[18] Bereits im Mai 1918 entstand die Regierungsabteilung für die vormilitärische Ausbildung (Wsewobutsch), welche den Auftrag hatte, die Sportausbildung im Wesentlichen als Wehrertüchtigung zu betreiben.[19] Unter den Vorzeichen von Krieg und Bürgerkrieg sollte die neue Organisation so massenwirksam wie möglich die Jugend mit sportlichen Übungen wehrfähg machen.[20] Auch als revolutionäre Kampfreserve waren die jungen Sportler konzeptionell gedacht.[21] Dies gab dem Sport in der jungen Sowjetunion ein einerseits militaristisches und andererseits ebenfalls gänzlich politisches Element. Auch wenn der Wsewoutsch von der Jugendorganisation Kosomol und den Gewerkschaften als Gebietskörperschaften unterstützt wurde, gelang es ihm zunächst nicht, andere Sportorganisationen gänzlich zu verdrängen oder zu vereinnahmen.[22]

Diese hatten sowohl in der Arbeiterschaft, als auch in anderen gesellschaftlichen Kreisen eine lange Tradition, die sich bis in die 1880er Jahre und teilweise noch früher zurückverfolgen lässt.[23] Im Zuge der NEP - der neuen ökonomischen Politik - in der Sowjetunion nach Ende des Bürgerkrieges wurde auch das Konzept des Massensports überdacht. So wurde der Wsewobutsch 1923 aufgelöst.[24] In den folgenden Jahren stritten vor allem der Jugendverband Kosomol und die Gewerkschaften um die Oberhand in der Sportorganisation. Beide Körperschaften suchten durch das Mittel des Sportes neue Mitglieder zu mobilisieren. Dies ging einher mit einer immer wichtiger werdenden Rolle des Sportes in der Gesellschaft, da sich in den 1920er Jahren erstmals die Bedingungen für organisierten und differenzierten Sport für breitere Bevölkerungsschichten boten.[25] Das enorme Potential verdeutlicht unter anderem daran, dass 97 Prozent der ungefähr 2,5 Millionen regelmäßig Sporttreibenden im Jahr 1924 Jugendliche waren, aber nur zehn Prozent von Ihnen Mitglied in der Jugendorganisation Kosomol.[26] Diese beiden Organisationen standen wiederum im Konflikt mit dem Obersten Rat für Körperkultur (ORfK), welcher „im Jahre 1923 zunächst in der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik), danach in sämtlichen Sowjetrepubliken errichtet(...)“ wurde und von Staats- und Parteiwegen mit seinen Unterorganisationen bis auf die lokale Ebene den Anspruch auch auf normative Gestaltung des Sportbetriebes erhob.[27] Erst 1925 äußerte sich das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei (KpdSU) in einer umfassenden Stellungnahme, welche sportliche Tätigkeit in den Dienst der Politik gestellt sehen mochte. Auch wenn die eigentlichen Sporttreibenden eher Bindungen an die einzelnen Organisationen hatten, so war es doch der ORfK, der die sportlichen und sportpolitischen Belange der Sowjetunion nach außen zu vertreten hatte und zunehmend versuchte auch die Aktivitäten im Lande zu koordinieren.[28] Während der gesamten 1920er Jahre hielt unterdessen die Konkurrenz zwischen Gewerkschaften und Kosomol um die Gunst der Sportler an. Gleichzeitig ist diese Periode in der Sowjetunion sportidiologisch und sportwissenschaftlich vor allem durch die politische Diskussion um die Körperkultur geprägt, in welcher Argumente der Popularität und der politischen Zielsetzung von Sportveranstaltungen mit einader rangen.[29] International eine Randnotiz, aber im Sportbetrieb der UdSSR nicht wegzudenken ist die „Dynamo“-Organisation sie diente als Dachverband für alle Sportvereine des Geheimdienstes, der Grenzsicherungs- und Inlandseinheiten. Nicht dem ORfK unterstellt, verfügte diese Organisation dennoch über einen hohen Organisationsgrad, finanzielle Mittel und entsprechende Ausstattung.[30] Spätestens seit 1925 trat mit dem Parteibeschluss das politische Element vollends in den Mittelpunkt der sowjetischen Sportorganisation. Damit geht die langsame Abschaffung aller ehemals bürgerlichen Sportvereinigungen und die Oberhoheit des ORfK in allen inneren und äußeren Sportbelangen einher. Diese Prozess kann etwa zu Beginn der 1930er Jahre als abgeschlossen angesehen werden.[31]

II.2 Die Arbeitersportbewegung und andere Sportverbände in Deutschland

Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konstituierten sich in Deutschland Arbeitersportvereine. Als Dachverband entstand 1893 in Gera der Arbeiterturnbund (ATB). Er hatte zu Beginn des Ersten Weltkrieges etwa 186.000 Mitglieder.[32] Nach dem Krieg benannte sich der Verband in Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) um. In den zwanziger Jahren hatte er zeitweilig über 770.000 Mitglieder – 1931 sogar etwas über 1,2 Millionen[33] - und war damit eine durchaus massenkräftige Organisation. Er unterhielt unter anderem hauptamtliche Funktionäre, eröffnete 1925 eine Bundesschule in Leipzig und war als Mitglied der Luzerner Sportinternationale (LSI) (später Sozialistische Arbeiter Sportinternationale: SASI) auch international in der Verbandsarbeit aktiv. So beteiligte sich der ATSB u.a. an den Arbeiterolympiaden in Barcelona und Wien.

Dennoch vertrat der ATSB nur einen Teil der deutschen Sportler. Die so genannten bürgerlichen Sportvereine übten einen wesentlich größeren Einfluss auf die Massen aus. So hatte der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen, der offizielle Dachverband für den Sport in der Weimarer Republik, Anfang der 1930er Jahre etwa 6,7 Millionen Mitglieder. Allein sein größter Teilverband die Deutsche Turnerschaft führte über 1,6 Millionen Mitglieder in mehr als 12.700 Vereinen. Weitere Verbände, die nicht im Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen oder im ATSB organisiert waren, vereinten nochmals ca. 550.000 Mitglieder auf sich[34]. Angesichts dieser Zahlen, lässt sich vermuten, dass der ATSB auch in der Arbeiterschaft stets starke Konkurrenz von den nicht politisch gebundenen oder bürgerlichen Sportvereinen hatte. Ferner zeigen die Zahlen, wie zersplittert die deutschen Sporttreibenden zur Zeit der Weimarer Republik waren. Von einheitlichen Außenbeziehungen und ganzheitlicher Vertretung im Bereich einer bestimmten Sportart oder Gesellschaftsschicht, kann daher – weder bei der bürgerlichen Seite, wie auch bei den Arbeitersportverbänden - kaum ausgegangen werden.

II.3 Die Rote Sportinternationale und ihre Einbindung in der Sowjetunion und Deutschland

Die Rote Sportinternationale ist als Organisation schwer zu fassen. Mit heutigen Begriffen wäre sie wohl am ehesten als transnationale Nicht-Regierungsorganisation einzuordnen. Dabei darf aber nicht vernachlässigt werden, dass sie als Instrument der Kommunistischen Internationale (KI) vor allem sowjetischen Zielstellungen diente.[35] Ideen zur Gründung einer proletarischen gymnastischen Weltorganisation wurden das erste Mal auf der zweiten Konferenz der Kommunistischen Internationale im Sommer 1920 Moskau geäußert.[36] Entgegen der späteren Gründungslegenden, ist die Rote Sportinternationale aber nicht aus dem Interesse der Aktivisten der Komintern oder der Arbeitersportverbände gegründet worden. Als Initiator und Wegbereiter kann der Wsewobutsch-Vorsitzende Nikolai Podwoiski gelten. Ihm schwebte eine eine vormilitärische Organisation kommunistischer Prägung in allen Ländern vor. Am Rande der Kongresse der Kommunistischen-, Jugend- und Gewerkschaftsinternationale im Sommer 1921 in Moskau, berief er Delegierte zur Beratung über Sportfragen ein. Ergebnis war die Gründung der Roten Sportinternationale. Das eine große Zahl der Delegierten nicht im Arbeitersport aktiv war, auf jeden Fall aber kein Mandat für die Vertretung von Arbeitersportverbänden inne hatte, sei hierbei angemerkt.[37] Die RSI blieb in den ersten Jahren nach ihrer Gründung mäßig erfolgreich und nahezu einflusslos. Anzeichen hierfür ist, dass sich die Tätigkeit auf das Büro in Moskau beschränkte und erst zwei Jahre später im Haus der Kommunistischen Jugend Deutschlands in Berlin das Westbüro – im Wesentlichen bestehend aus dem Funktionär Bruno Lieske – eingerichtet werden konnte.[38] Noch im Jahr 1923 unterschrieb dieser Bruno Lieske, der Gründungsdeligierter und damit früher Agent der RSI war, das Flugblatt für das erste deutsch-sowjetische Fußballspiel im September 1923 als Funktionär des ATSB und nicht der RSI.[39] Von Seiten der Sowjetunion wurde die RSI am ehesten als Organisation verstanden, welche internationale Hilfe in Form von Kenntnissen, Kapital und Geräten zum Aufbau des Sowjetsportes leisten sollte.[40] Demhingegen sahen die deutschen Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der RSI, diese vornehmlich als Gegenorganisation zu der ebenfalls 1921 gegründeten Luzerner Sportinternationale (LSI), die sich als internationale sozialistische Arbeitersportbewegung verstand, vom deutschen ATSB mitgegründet wurde und eher der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) nahe stand. Auch wenn die RSI sich als vollwertiges und einzig wahres internationales Arbeitersportgremium ausnahm, kann dieser Anspruch angesichts der vergleichsweise niedrigen Mitgliederzahlen – von in Hochzeiten 125.000 aktiven Vereinsmitgliedern[41] - und der ständigen Bindung an die Komintern nur als normative Vorstellung ihrer Funktionäre gelten.[42] Trotz verschiedener Erfolge, wie der Spartaktiaden in Moskau 1928 und in Berlin 1931, oder der Resonanz auf die Delegationsentsendungen 1932, stellte die RSI nur innerhalb der deutschen Arbeitersportbewegung und in den Augen der Komintern, zu dessen politischem Vehikel sie zusehends wurde, eine eigenständige (sport-)politische Größe dar. Nachdem das 1930 nach Berlin verlegte Sekretariat 1933 durch die Säuberungen der deutschen Nationalsozialisten schwer getroffen wurde, nahm die Bedeutung der RSI bis zu ihrer Auflösung 1937 nochmals ab.

III. Deutsch-Sowjetische Sportbeziehungen zwischen 1921 und 1932

III.1 Erste Kontakte und die Fußballbegegnungen vom September 1923

Nach dem Ersten Weltkrieg und den Wirren der Jahre 1917 bis 1919 in beiden Ländern, waren Kontakt und Austausch zwischen Deutschland und der RSFSR, sowie den anderen Gliedstaaten der werdenden Sowjetunion ausgesprochen gering. Die meisten dieser Kontakte betrafen Funktionäre, welche der KPD, teilweise in der Frühphase noch der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) oder den Gewerkschaften angehörten. Die Gründung und die nachfolgenden Konferenzen der Komintern, der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) und später der RSI sind hier Anfang der 1920er Jahre zu nennenden, nachweisbaren Ereignisse.

Die „Arbeiterhilfe Sowjetrussland“ war ein von Clara Zetkin geleiteter, vor allem aus Intellektuellen bestehender Verein, der sich solidarische und karitative Aufgaben zuschrieb. Er unternahm im Winter und Früjhahr 1921 erste Hilfeleistungen für die Entwicklung des Sowjetsports. Dies betraf vor allem die Bereitstellung von Sportgeräten.[43] Im Rahmen der Vereinsarbeit ist auch ein Gastspiel einer berliner Fußballauswahl am 16. Oktober 1921 in Moskau belegt.[44] Inwieweit diese Aktionen Antwort auf die Forderung Podwoiski war, der sowjetischen Sportbewegung sofort materielle Hilfe zukommen zu lassen, bleibt Spekulation.[45]

[...]


[1] Vgl. u.a.: Rahr, Alexander: Russland gibt Gas. Die Rückkehr einer Weltmacht, München 2008, S. 186 ff. Anm: Auf eine weitere Darlegung der öffentlichen Diskussion in zahlreichen Schriften, Monografien und Artikeln wird an dieser Stelle verzichtet.

[2] Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Zürich 2002, S. 416.

[3] Deutsch-russischer Vertrag von Rapallo (16.04.1922), Artikel 1, in: documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http://www.documentArchiv.de/wr/1922/rapallo-vertrag.html (Abruf vom 28.10.2009).

[4] http://www.zeit.de/2002/42/A-Jahn_neu?page=all (Abruf vom 28.10.2009).

[5] http://www.bmi.bund.de/cae/servlet/contentblob/151504/publicationFile/9189/Aktenplan_BMI.pdf, Nr. 374 (Abruf vom 28.10.2009).

[6] Schubert, Klaus/Klein, Maria: Das Politiklexikon, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 497, Lizenzausgabe, Bonn 2007, S. 30.

[7] Skorning, Lothar: Bibliographie über Veröffentlichungen zur Entwicklung des Sowjetsports und der deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen. In: Theorie und Praxis der Körperkultur: Organ des Wissenschaftlichen Rates beim Komitee für Körperkultur und Sport, Heft 26, Berlin 1977, S.836-844.

[8] Skorning, Lothar: Deutsch-sowjetische Sportfreundschaft: zum 30. Jahrestag des „Deutsch-Russischen Sportabkommens“ vom 3. August 1926. In: Ministerium für Volksbildung der DDR (Hrsg.): Theorie und Praxis der Körperkultur, Sonderdruck, Heft 117, Berlin 1953.

[9] Vgl.: Redaktionsvorwort. In: Ministerium für Volksbildung der DDR (Hrsg.): Körpererziehung: das Fachmagazin für Sportlehrerinnen und Sportlehrer, Heft 8/9, Berlin 1973, S. 392.

[10] Vgl.: Skorning, Lothar: Zum 50. Jahrestag des Beginns des deutsch-sowjetischen Sportverkehrs. In: Ministerium für Volksbildung der DDR (Hrsg.): Körpererziehung: das Fachmagazin für Sportlehrerinnen und Sportlehrer, Heft 8/9, Berlin 1973, S. 392 ff.

[11] Vgl.: Skorning, Lothar: Vor 50. Jahren: Die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen im Jahre 1932. In: Ministerium für Volksbildung der DDR (Hrsg.): Theorie und Praxis der Körperkultur, Heft 11, Berlin 1982, S. 885 ff.

[12] Vgl.: Skorning, Lothar: Chronik der deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen bis 1937. In: Ministerium für Volksbildung der DDR (Hrsg.): Theorie und Praxis der Körperkultur, Heft 10, Berlin 1977.

[13] Ruffmann, Karl-Heinz: Sport und Körperkultur in der Sowjetunion, Originalausgabe, Nördlingen 1980.

[14] Dierker, Herbert: Arbeitersport im Spannungsfeld von Sozialismus und Kommunismus: die Beziehungen zwischen solzialdemokratischen und kommunistischen Organisationen /Fraktionen in der Arbeitersportbewegung auf internationaler, nationaler und regionaler Ebene (1918/19 – 1928/29), Berlin 1988.

[15] Gounot, André: Die Rote Sportinternationale 1921-1937. Kommunistische Massenpolitik im europäischen Arbeitersport, Schriften zur Körperkultur, Band 38, Münster-Hamburg-London 2002. Ab sofort genannt: Gounot 2002 (I).

[16] Vgl.: Gounot, 2002(I), S. 264.

[17] Gounot, André: Freundschaftsspiele als politische Propagandamittel: Die Deutschlandtourneen sowjetischer Mannschaften 1923-1927. In: Academia Verlag (Hrsg.): Stadion. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports, Band 28, Heft 1, S. 77-97, Sankt Augustin 2002. Ab sofort genannt: Gounot 2002 (II).

[18] Vgl.: Ruffmann (1980), S. 18.

[19] Vgl.: ebd., S. 40 f.

[20] Vgl.: Riordan, James: Sport in Soviet Society: Developement of Physical Education in the USSR and Russia, Cambridge 1977, S. 69.

[21] Vgl.: „Sitzung der Internationalen Roten Sports- und Turnkonferenz, Moskau, Sperlingsberge, den 23. Juli 1921“. In: RZAEDNG, 537 I 1., zitiert nach Gounot (1998), S. 36.

[22] Vgl.: Ruffmann (1980), S. 46.

[23] Vgl.: Ebd., S. 41 ff.

[24] Vgl.: Ebd., S. 46.

[25] Vgl.: O'Mahony, Mike: Sport in the USSR: physical culture - visual culture, London 2006, S. 8f.

[26] Vgl.: Ruffmann (1980), S. 46.

[27] Vgl.: Ebd., S. 47.

[28] Vgl.: Dierker, Herbert: Arbeitersport im Spannungsfeld von Sozialismus und Kommunismus: die Beziehungen zwischen solzialdemokratischen und kommunistischen Organisationen /Fraktionen in der Arbeitersportbewegung auf internationaler, nationaler und regionaler Ebene (1918/19 – 1928/29), Berlin 1988, S. 123 f.

[29] Vgl.: Ruffmann (1980)m S. 50 f.

[30] Vgl.: Ebd., S. 53 f.

[31] Vgl.: Ebd., S. 55 ff.

[32] Vgl.: Eichel, Wolfgang u.a.: Illustrierte Geschichte der Körperkultur, Berlin 1984, S. 239.

[33] Vgl.: Gounot 2002 (I), S. 193.

[34] Vgl.: Diem, Carl (Hrsg.): Jahrbuch für Leibesübungen 1931, Berlin 1931. Anm.: Die nicht in beiden Organisationen erfassten Sportler waren meist solche aus Randsportarten, wie Tischtennis, Kampfsportarten, oder verschiedentlichen Ballspielen.

[35] Vgl.: Gounot, 2002(I), S. 37 f.

[36] Vgl.: Gounot, 2002(I), S. 36.

[37] Vgl.: Ebd., S.38 ff.

[38] Vgl.: Ebd.,S. 43.

[39] Vgl.: Skorning, 1973, S.393.

[40] Vgl.: Gounot, 2002(I), S. 44.

[41] Vgl.: Ebd. S. 193.

[42] Vgl.: Gounot, 2002(II), S. 83 ff.

[43] Vgl.: Rosenfeld, Günther: Sowjet-Russland und Deutschland. 1917-1922, genehmigte Lizenzausgabe, Köln 1984, S. 152 ff.

[44] Vgl.: Skorning 1982, S. 886.

[45] Vgl.: „Protokoll Nr. 4 der Sitzung der Internationalen Konferenz Roter Sports- und Turnvereine“. In: RZAEDNG, 537 I 1, zitiert nach: Gounot 2002(I), S. 39.

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Details

Titel
Die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen in der Weimarer Republik
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Deutsch-Sowjetische Beziehungen vor dem II. Weltkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V162878
ISBN (eBook)
9783640768318
ISBN (Buch)
9783640768745
Dateigröße
3762 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Arbeitersport, ATSB, Arbeiterturn- und Sportbund, RSI, Rote Sportinternationale, Deutschland, Weimar, Weimarer Republik, UdSSR, Sowjetunion, RSFSR, Rat für Körperkultur, Breitensport, Sportbeziehnungen, Sportdiplomate, Sportfunktionäre, Sportverbindungen, Sportverkehr, Fußball, Turnen, Schwimmen, Spartakiade, Luzerner Sportinternationale, LSI, Arbeiterbewegung, KPD, SPD, USPD, Komintern, Deutsch-Sowjetischer Sportvertrag, 1926, Gellert, Cornelius, Magiton, Reußner, Seelenbinder, Wildung
Arbeit zitieren
Patrick von Krienke (Autor), 2009, Die deutsch-sowjetischen Sportbeziehungen in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162878

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