Multimedia-Psychologie beschäftigt sich mit dem Verstehen, Lernen und Wissenserwerb
im Bereich der Multimedia. Multimedia ist dabei der vorläufig umfassendste Ansatz,
den alten Menschheitstraum zu erfüllen, Informationen möglichst vollständig
und unmittelbar anzubieten (vgl. Hasebrook, 1995, S. 1). Informationssysteme haben
ein einziges Ziel: die Vermittlung von Information beim menschlichen Benutzer.
Also müssen sie ganz auf den Menschen abgestimmt sein, damit er die Information
optimal in sich aufnehmen (rezipieren) kann. Hieraus ergeben sich spezifische Anforderungen
an die Konzeption und die Rahmenbedingungen von E-Learning, die als
notwendige Bedingung für den erfolgreichen Einsatz von Multimedia in Lehr- und
Lernsituationen anzusehen sind (vgl. Ciezki & Skalnik, 2002, S. 72). Für das wissenschaftliche
Gebiet der Informationsrezeption kommt es also darauf an, Erkenntnisse
der Psychologie über die Informationsaufnahme durch den Menschen zu nutzen, um
entsprechend Vorschläge für die Gestaltung und Bewertung von Informationssystemen
vorlegen zu können (vgl. Luckhardt, 2003). Die Lern- und Gedächtnispsychologie
ist in zwei theoretisch divergierende Forschungsrichtungen geteilt – den Behaviorismus
und den Kognitivismus. Die Meinungsverschiedenheit fundiert vor allem auf
unterschiedlichen methodischen Vorgehensweisen: Lernen und Behalten ist im Tierversuch
einfacher mit Konditionierungsprinzipien prognostizierbar. Beim Humanversuch
wird der Erwerb, das Behalten und das Wiedergeben von Wissen und Fertigkeiten
mit Ansätzen der Informationsverarbeitung begründet. Während die behavioristisch
orientierten Konditionierungsforscher auch komplexe Lernprozesse (z.B.
Spracherwerb) auf der Grundlage von Konditionierungsregeln beschreiben, meinen
kognitive Gedächtnisforscher, dass zusätzliche Prinzipien zum Verständnis von Wissenserwerb
notwendig sind (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996, S. 566). Im Vordergrund
dieser Seminararbeit steht die Sichtweise des Kognitivismus, der die Interaktionen
des Menschen mit seiner Umwelt als Ausdruck und Resultat eines kontinuierlichen
Informationsaustauschs betrachtet (vgl. Hoffmann 1988). Kognitive Ansätze
lassen sich in zwei Hauptströmungen klassifizieren, zum einen in motivationale Ansätze,
zum anderen in Ansätze der Informationsverarbeitung. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Abgrenzung des Themas und themenbezogene Definitionen
2. Lernen und Gedächtnis als Themen der Psychologie
2.1 Lernen
2.1.1 Lernprozess
2.1.2 Lerntypen
2.2 Gedächtnis
2.2.1 Kognitionspsychologie des Gedächtnisses
2.2.1.1 Das Mehr-Speicher-Modell
2.2.1.2 Der Mehrebenenansatz
2.2.1.3 Der Stand der Forschung
3. Lernen mit Multimedia
3.1 Multimedia
3.2 Visuelles Lernen
3.2.1 Bildliche Darstellungsformen
3.2.2 Repräsentations- und Nutzungseigenschaften
3.2.3 Mentale Repräsentationen
3.2.4 Anregungen für die Gestaltung visueller Darstellungen
4. Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die lern- und gedächtnispsychologischen Grundlagen, die für die Gestaltung von visuellem Lernen im Multimediabereich wesentlich sind, mit dem Ziel, psychologische Leitplanken für die Entwicklung effektiver webbasierter Lernsysteme aufzuzeigen.
- Grundlagen von Lernen und Gedächtnis aus kognitionspsychologischer Perspektive.
- Klassifizierung und Bedeutung verschiedener Lerntypen im E-Learning-Kontext.
- Struktur und Funktionen des menschlichen Gedächtnisses (Mehr-Speicher-Modell und Mehrebenenansatz).
- Psychologische Aspekte des visuellen Lernens und der Bildverarbeitung bei Multimediaprodukten.
- Gestaltungsempfehlungen für die visuelle Präsentation von Informationen in Lernsoftware.
Auszug aus dem Buch
3.2.4 Anregungen für die Gestaltung visueller Darstellungen
In unserem Kulturkreis erfolgt der Wissenserwerb zu einem großen Teil über das Studium von Texten (vgl. Bruns & Gajewski, 2002, S. 82). Ein Lehrbuch vermittelt Wissen anhand anspruchsvoller, wissenschaftlicher Texte, die nur partiell durch visuelle Darstellungen ergänzt werden. Ein web based trainer sollte erkennen, dass Lernsoftware keine 1:1 Übertragung eines Lehrbuches sein kann. Dafür spricht u.a., dass die Mehrzahl der Multimedianutzer mit dem Medium Computer nicht nur eine Informationserwartung, sondern auch eine zumindest gleichwertige Unterhaltungserwartung verbindet. Diese veränderte Erwartungshaltung führt zwangsläufig zu unterschiedlichen Lernumgebungen. Außerdem ist z.B. die geringere Lesefreundlichkeit von Bildschirmtexten zu beachten, welche die wachsende Bedeutung von visuellen Darstellungen in diesem Bereich betont. Die Gestaltungskriterien von Lernsoftware im Multimediabereich müssen sich also an den Gegebenheiten dieses Mediums orientieren. Für die visuelle Präsentation von Informationen im Multimediabereich lässt sich folgendes festhalten. Visuelle Darstellungen sollten in Lernmaterialien so aufbereitet werden, dass die Wahrnehmung des Lernenden und sein konzeptuelles Wissen optimal ineinander fassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abgrenzung des Themas und themenbezogene Definitionen: Einführung in die Multimedia-Psychologie und den kognitivistischen Ansatz zur Analyse von Informationsrezeption und Lernprozessen.
2. Lernen und Gedächtnis als Themen der Psychologie: Darstellung der theoretischen Grundlagen von Lernprozessen und der kognitionspsychologischen Modelle des Gedächtnisses.
3. Lernen mit Multimedia: Analyse der Bedeutung von Multimedia für das Lernen sowie detaillierte Untersuchung der psychologischen Prozesse des visuellen Lernens.
4. Ausblick: Zusammenfassende Betrachtung der Relevanz psychologischer Erkenntnisse für die zukünftige Gestaltung hochwertiger digitaler Lern- und Informationssysteme.
Schlüsselwörter
Multimedia-Psychologie, E-Learning, Kognitivismus, Lernprozess, Gedächtnis, Mehr-Speicher-Modell, Mehrebenenansatz, Visuelles Lernen, Bildliche Darstellungsformen, Mentale Repräsentation, Informationsverarbeitung, Instruktionsdesign, web based trainer, Wissenserwerb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den psychologischen Grundlagen des Lernens und Gedächtnisses im Kontext von multimedialen Lernanwendungen und der Gestaltung von visuellem Lernen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Kognitionspsychologie, der Modellierung von Gedächtnisstrukturen sowie den spezifischen Anforderungen an die visuelle Informationsdarbietung in digitalen Lernmedien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, theoretische psychologische Grundlagen aufzuzeigen, die Entwickler von webbasierten Trainings nutzen sollten, um die Gestaltung von Informationssystemen benutzerfreundlicher und effektiver zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der Anwendung kognitionspsychologischer Theorien der Informationsverarbeitung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Lern- und Gedächtnispsychologie als Basis definiert, gefolgt von einer detaillierten Analyse des visuellen Lernens und konkreten Gestaltungsempfehlungen für Multimedia-Lerninhalte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Multimedia-Psychologie, Kognitivismus, Mehr-Speicher-Modell, visuelles Lernen und Wissenserwerb.
Wie unterscheiden sich die im Text behandelten Lerntypen?
Der Autor unterscheidet vier Grundlerntypen: auditive, visuelle, verbal-abstrakte und haptische Lerntypen, die jeweils unterschiedliche Anforderungen an die Aufbereitung von Lehrmaterialien stellen.
Warum spielt das visuelle Lernen eine immer größere Rolle?
Aufgrund der im Vergleich zu herkömmlichen Büchern geringeren Lesefreundlichkeit von Bildschirmtexten und der veränderten Erwartungshaltung der Multimedianutzer gewinnen visuelle Darstellungen als Ergänzung oder Ersatz für reinen Text massiv an Bedeutung.
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- Heiko Sieben (Author), 2003, Multimedia-Psychologie - E-learning, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16288