Motive, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren auf den Altruismus am Beispiel des Projekts "Älterwerden in Kleinmünchen"


Bachelorarbeit, 2009
48 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsmethodik
2.1. Die qualitative Sozialforschung
2.2. Methoden der Datenerhebung
2.2.1. Das Leitfadengestützte ExpertInneninterview
2.2.2. Quantitative Befragung - der standardisierte Fragebogen

3. Begriffbestimmung
3.1. Prosoziales Verhalten
3.2. Altruismus
3.3. Gemeinwesenarbeit

4. Wo wird geholfen?
4.1. Stadt-Land-Unterschiede
4.2. Nationale und kulturelle Unterschiede
4.3. Soziale Schicht
4.4. Zeitliche Trends

5. Motive und Determinanten für prosoziales Verhalten
5.1. Biologischer Ansatz
5.2. Altruismus unter Verwandten
5.3. Reziproker Altruismus
5.4. Auswahlkriterien für die PartnerInnenwahl
5.5. Geschlechterrollen

6. Gefühle
6.1. Empathie
6.2. Gutes Gefühl

7. Normen
7.1. Prosoziale Normen
7.2. Moral

8. Situation und Bedingung für Hilfe
8.1. Prozessmodell der Normaktivierung
8.1.1. Wahrnehmung und Erkennen einer Notlage
8.1.2. Prosoziale Motivation und Verantwortung übernehmen
8.1.3. Kosten der Hilfe und Kosten der Nichthilfe
8.1.4. Wissen wie man hilft
8.1.5. Handlungsinitiierung
8.2. Positive und negative Konsequenz der Hilfe
8.3. Soziale Hemmung
8.4. Ressourcen der Umwelt
8.5. Hilfen intervenieren oder nicht
8.6. Merkmale von Hilfsbedürftigen

9. Psychologie des Hilfeverhaltens
9.1. Selbstwert der HilfeempfängerInnen
9.2. Hilfe zur Selbsthilfe

10. Hypothesen

11. Projekt „Älterwerden in Kleinmünchen“
11.1. Merkmale der Befragten
11.1.1. Alter, Geschlecht und Familienstand
11.1.2. Schulbildung und Berufstatus
11.1.3. Wohndauer und Stadtteilverbundenheit
11.2. Die Vorstellungen vom eigenen Lebensabend
11.3. Ältere Menschen in der Familie und deren Unterstützung
11.4. Kontakte und Unterstützung von alten Menschen im Stadtteil
11.4.1. Interesse an Kontakten
11.4.2. Bereitschaft alte Menschen zu helfen
11.4.3. Bereiche der Unterstützung
11.5. Geschlechterrollen bei der Unterstützung
11.6. Beeinflussung des Hilfeverhaltens durch das Alter
11.7. Beeinflussung des sozialen Netzwerkes
11.8. Einflussfaktor Schulbildung - Berufstatus
11.9. Annahme von Hilfeleistungen im Allgemeinen
11.9.1. Sich helfen lassen - von wem
11.9.2. Annahme von Hilfsleistungen durch ausländische Personen
11.9.3. Annahme einer Hilfeleistung von 15- bis 24-jährigen Personen

12. Exkurs „Struktur und Volumen der Freiwilligenarbeit in Österreich“
12.1. Ergebnisse aller Bundesländer
12.2. Vergleich Oberösterreich mit Kleinmünchen

13. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Alter der Befragten

Abbildung 2: Berufstatus

Abbildung 3: Wohndauer in Kleinmünchen

Abbildung 4: Wunsch nach Verbringung des Lebensabends

Abbildung 5: Bereiche, in denen Unterstützung angeboten wird

Abbildung 6: Gründe für die Nichtunterstützung von alten Menschen

Abbildung 7: Bereiche, in denen die Unterstützung vorstellbar ist

Abbildung 8: Annahme von Hilfe

Abbildung 9: Annahme von Hilfe ausländischer Personen

Abbildung 10: Annahme von Hilfe 15- bis 24-jähriger Personen

Kurzfassung

Motive, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren auf den Altruismus Diese Bachelorarbeit beschäftigt sich grundlegend mit den Bedingungen und Einflussfaktoren auf die Hilfsbereitschaft. Die Schlagworte dieser Arbeit sind Altruismus und prosoziales Verhalten. Anhand wesentlicher Begriffsbestimmungen aus der Fachliteratur wird die Thematik des Hilfeverhaltens erörtert. Bedingungen und Einflussfaktoren werden mittels der Literatur erarbeitet. Danach werden Hypothesen erstellt, die anhand des Projektes „Älterwerden in Kleinmünchen“ bestätigt oder widerlegt werden. Bei diesem Projekt wurden 203 PassantInnen über die Bereiche Wohnen in Kleinmünchen, ältere Menschen in der Familie, Kontakt zu älteren StadtteilbewohnerInnen, Unterstützung von älteren Menschen und persönliche Daten befragt. Ziel der Arbeit ist die Erforschung, welche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren gegeben sein müssen, damit Menschen uneigennützig anderen Menschen helfen.

Abstract

Motives, social basic conditions and factors of influence on the altruism This paper deals basically with the conditions and factors of influence on the readiness to help others. The catchwords of this work are altruism and pro- social behaviour. With the help of essential definitions from the technical literature the topic of help behaviour is discussed. Conditions and factors of influence are compiled with the help of this literature. Then hypotheses are provided which are confirmed or disproved with the help of the project „Ageing in Kleinmünchen”. Within this project 203 citizens were questioned about living in Kleinmünchen, older people in the family, contact with older town citizens, support of older people and personal data. The aim of this paper is to investigate which basic conditions and factors of influence must be given for people help to unselfishly help others.

1. Einleitung

Warum helfen Menschen anderen Personen ohne einen Nutzen davon zu haben? Warum zeigen Menschen mehr prosoziales Verhalten als andere?

Ziel dieser Bachelorarbeit ist, die Motive, gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie die Einflussfaktoren auf das Hilfeverhalten zu erarbeiten. Im Rahmen der Lehrveranstaltung empirische Sozialforschung auf der Fachhochschule Linz wurde das Projekt „Älterwerden in Kleinmünchen“ durchgeführt. Dabei wurden 203 PassantInnen zu den Themen Wohnen in Kleinmünchen, ältere Menschen in der Familie, Kontakt zu älteren StadtteilbewohnerInnen, Unterstützung von älteren Menschen und persönliche Daten befragt. Bei dieser Untersuchung stellten sich einige Fragen, z.B.: Warum helfen Menschen? Helfen Personen mit Kindern anderen mehr als Alleinstehende? Sind Frauen hilfsbereiter als Männer? Wird MigrantInnen weniger geholfen oder lassen sich ältere Menschen weniger von dieser Personengruppe helfen? Diese Fragen werden anhand der Literatur erarbeitet und anschließend am Fallbeispiel „Älterwerden in Kleinmünchen“ überprüft.

Im ersten Teil der Arbeit wird die angewandte Forschungsmethodik beschrieben, danach die wichtigsten Begriffe definiert. Weiters wird das Thema Altruismus und prosoziales Verhalten anhand der Literatur aufgearbeitet und Hypothesen erstellt. Anschließend wird das Projekt „Älterwerden in Kleinmünchen“ beschrieben und ausgewertet. Dabei werden die Hypothesen überprüft und anschließend ein Exkurs der Erhebung „Struktur und Volumen der Freiwilligenarbeit in Österreich“ angeführt. Ein Resümee beendet diese Bachelorarbeit.

2. Forschungsmethodik

2.1. Die qualitative Sozialforschung

Zu Beginn des Forschungsprozesses stand die Fragestellung „Älterwerden in Kleinmünchen“. Dieses Projekt wurde in Rahmen der Lehrveranstaltung „Praxis empirischer Sozialforschung“ des Studiengangs „Sozial- und Verwaltungsmanagement“, Studienzweig „Management öffentlicher Dienstleistungen“, durchgeführt und wird im Praxisteil näher vorgestellt. Während des Forschungsprozesses stellte sich die Frage welche Bedingungen sich ergeben müssen, damit anderen Menschen geholfen wird. Nach der Analyse, Interpretation und Auswertung der ExpertInneninterviews mit der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse sowie des Fragebogens, konnten Rückschlüsse für die Forschungsfrage gezogen, sowie neue Hypothesen für diese Arbeit formuliert werden.

2.2. Methoden der Datenerhebung

In diesem Abschnitt werden die Methoden der Datenerhebung angeführt, die beim Projekt „Älterwerden in Kleinmünchen eingesetzt wurden.

2.2.1. Das Leitfadengestützte ExpertInneninterview

Verbale Daten werden in der qualitativen Forschung mittels Leitfadeninterview erhoben.1 Kennzeichnend für diese Form ist ein Leitfaden mit offen formulierten Fragen, die im Laufe des Interviews beantwortet werden sollen. Durch den Einsatz des Leitfadens wird die Vergleichbarkeit der Daten erhöht und die gewonnen Daten erhalten eine Struktur. Die InterviewerInnen sollten sich nicht starr am Leitfaden orientieren, aber auch keine allzu weite, themenferne Ausschweifung zulassen. Die befragte Person ist ein/e Experte/in, der/die als Repräsentant/in einer Gruppe steht, bei dem/r ein Fachwissen zum Forschungsthema vorhanden ist. Nach der Befragung werden die Interviews mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.

2.2.2. Quantitative Befragung - der standardisierte Fragebogen

Einer Stichprobenbildung folgen die Fertigstellung der dimensionalen Analyse und die Ausarbeitung eines Messmodells, das Vermutungen über Zusammenhänge zwischen einzelnen Merkmalen und Variablen beinhaltet.2 Konkrete Fragestellungen zum Messen der Merkmale werden erstellt. Bevor der Fragebogen zum Einsatz gelangt, muss ein Pretest durchgeführt werden, um die Verständlichkeit und Vollständigkeit zu überprüfen. Zur Auswertung der Daten, werden die Antworten mit Zahlen codiert. Danach werden stichprobenweise aufgrund von Merkmalen Personen erhoben, die dann im Feldversuch interviewt werden.

3. Begriffbestimmung

In diesem Kapitel werden kurz die relevanten Begriffe dieser Arbeit erläutert und definiert. Prosoziales Verhalten und Altruismus wird oft nicht unterschieden und wird nur folgend getrennt erklärt. In der Arbeit wird auf die Unterscheidung weitgehend verzichtet, weil in der Praxis der Altruismus eher schwer festzustellen ist, ob hinter diesem Verhalten nicht doch ein egoistischer Beweggrund verborgen ist.

3.1. Prosoziales Verhalten

Dieses Verhalten stellt eine Wohltat für eine bestimmte Person oder Gruppe dar.3 Diese Handlung basiert auf der Absicht der anderen Person einen freiwilligen Gefallen zu erweisen, wobei eine dienstliche Verpflichtung fehlt. Wird eine Hilfeleistung aufgrund finanzieller Anreize durchgeführt, zählt dies nicht zum prosozialen Verhalten.4 Jedoch kann durchaus ein Nutzen wie soziale Annerkennung oder Erwartung einer Gegenleistung für die Hilfeleistenden entstehen und die Unterstützung scheint dadurch egoistisch motiviert. Ein weiteres Indiz für prosoziales Verhalten ist, dass Menschen ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit anderen Menschen helfen.5

3.2. Altruismus

Altruismus ist eine Unterart des prosozialen Verhaltens, das durch Empathie mit den Opfern begründet wird.6 Dieses Vorgehen nützt vor allem den HilfeempfängerInnen und hat keinen offensichtlichen Vorteil für die HelferInnen. Auch hier steckt hinter dem Handeln die Absicht, anderen Personen Wohltaten zu erweisen.7 Diese Tat beruht auf Freiwilligkeit, wobei die HilfeempfängerInnen einen Vorteil durch die Unterstützung erhalten. Die altruistische Handlung sollte absichtlich erfolgen. Wenn diese unvorhergesehen entsteht, war die Tat kein Altruismus.

3.3. Gemeinwesenarbeit

Aufgrund der gesellschaftlichen und demographischen Entwicklungen ist eine sozialarbeiterische und stadtteilpolitische Intervention unvermeidlich.8 Die Gemeinwesenarbeit ist eine sozialräumliche Strategie, die auf das ganze Stadtgebiet ausgerichtet ist. Hauptaufgabe ist mit den Ressourcen des Stadtteiles und den BewohnerInnen die Defizite aufzuarbeiten und zu beseitigen. Zu unterscheiden ist die Gemeinwesenarbeit von Formen des bürgerlichen Engagements, die oft parallel eingesetzt werden. Die Gemeinwesenarbeit ist dazu eine professionelle Strategie, die Fachlichkeit und Kontinuität sichert. Sie erkennt und bearbeitet die sozialen Probleme in ihrer raum-zeitlichen und gesellschaftlichen Dimension. Dabei werden die Lebensverhältnisse, Lebensformen der Menschen und ihre Lebensweltorientierung betrachtet.

4. Wo wird geholfen?

In diesem Kapitel werden verschiedene Einflussfaktoren, die Menschen zur Hilfe veranlassen, wiedergegeben. Dabei ist erkennbar, dass das Umfeld und die Kultur eine Rolle spielen.

4.1. Stadt-Land-Unterschiede

Verschiedenste Untersuchungen ergaben das Stadt-Land-Unterschiede bei der Hilfsbereitschaft erkennbar sind.9 Die Ergebnisse einer Studie von Korte & Ayvalioglu ergaben 1981, dass die Hilfeleistung auf dem Land höher ausfiel als in den Städten. Wobei die Hilfe der BewohnerInnen der Randbezirke der Großstädte eher der Hilfe der Landbevölkerung gleich kam. Das ist damit zu erklären, dass diese Siedlungen meist von Personen bewohnt werden, die im Rahmen der Landflucht in die Großstädte gekommen waren und noch mit ländlichen Gepflogenheiten vertraut waren. Eine weitere umfangreichere Studie von Amato 1983 untersuchte 55 Dörfer und Städte in Australien. Auch hier nahm die Bereitschaft zu helfen von kleinen zu großen Städten ab. Da diese Studie ebenfalls nur auf ein Land begrenzt war, führte Steblay 1987 eine Metaanalyse der Ergebnisse von 35 Studien durch. Diese Untersuchungen verteilten sich über den Globus in vielen Ländern. Bei dieser zeigte sich, dass die Hilfsbereitschaft ausgehend von Dörfern bis hin zu Städten mit einer Einwohnerzahl zwischen 60.000 und 300.000 anstieg. Größere Städte und Millionenmetropolen wiesen hingegen einen steilen Abfall der Hilfsbereitschaft auf. Steblay bestätigte, dass die Begebenheit, ob in einer ländlichen Gegend oder in einer Großstadt Hilfe notwendig ist, eine große Rolle spielt. Dieses Ergebnis ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass in Dörfern ein starkes Wir-Gefühl herrscht, aber Fremde eher auf Ablehnung stoßen. Der Anstieg der Hilfe bei Städten bis 300.000 Einwohnern ist darauf rückzuführen, dass die vorsichtige Haltung gegenüber Fremden nicht so groß wie in Dörfern ausgeprägt ist. Bei Großstädten vermittelten die BürgerInnen, dass sie durch unüberlegte Kontakte mit Fremden ihre persönliche Verwundbarkeit erhöhen. Dieses Erklärungskonzept ist auch mit einer Studie von Levine 1994 kompatibel, die auch aufzeigte, wenn die Wohnsituation dichter ist, wird die Hilfeleistung geringer.

4.2. Nationale und kulturelle Unterschiede

Menschen mit einer interdependenten Selbstsicht definieren sich eher über ihre soziale Verbundenheit und besitzen mehr Sinn für Gemeinschaft mit anderen Personen.10 Allerdings sind Angehörige einer Kultur hilfsbereiter zu Menschen, die sie als Mitglieder ihrer Binnengruppe ansehen. Zu Angehörigen einer Fremdgruppe sind diese weniger hilfsbereit, weil sie sich mit diesen nicht identifizieren können. Personen, die in kollektivistischen Kulturen leben, verfügen im Vergleich zu Menschen aus individualistischen Kulturen über mehr soziale Beziehungen und entwickeln ein stärkeres Wir- Gefühl zu anderen Personen.11 Diese stimmen ihre Bedürfnisse auf andere ab, um die Harmonie aufrechtzuerhalten.

In kollektivistischen Kulturen ist das prosoziale Verhalten in höherem Ausmaß in der Eigengruppe zu erwarten, während der Individualismus eher mit prosozialem Verhalten, welches im Einklang mit individualistischen Werten steht, gegenüber Fremden verbunden ist. Ein spezieller kultureller Wert mit starker Auswirkung auf Hilfsbereitschaft wird als simpatia bezeichnet und ist vor allem in spanisch-sprachigen Ländern von Bedeutung.12 Diese umfasst eine Reihe sozialer und emotionaler Faktoren, wie Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber anderen. Bei einer Studie wurde festgestellt, dass in Ländern, in denen auf simpatia Wert gelegt wird, die Hilfsbereitschaft höher ist als in anderen Ländern. In diesen Kulturen sind eher hilfsbereite Menschen anzutreffen. Beobachtungen lassen erkennen, dass die Kultur einiger Gesellschaften es dem Einzelnen schwer oder unmöglich macht, prosoziales Verhalten zu entwickeln, während andere Kulturen dieses fördern.13

4.3. Soziale Schicht

Laut einer Studie von Feldmann sind Mitglieder der oberen Schicht hilfsbereiter als die Mitglieder der Arbeiterschicht.14 Dies widerlegte aber wieder die Studie von Korte & Ayvalioglu, die eine große Hilfsbereitschaft in den türkischen Slums feststellte. Schicht alleine scheint kein Indikator zu sein, sondern tritt nur mit anderen Rahmenbedingungen auf.

4.4. Zeitliche Trends

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor ist die kulturelle Epoche, mit welchen Aspekten wie technologische Entwicklung, Erweiterung der Massenmedien, Veränderungen in der Kriminalität oder Kriege zusammenhängen.15 Langfristige Trends zeigen die Tendenz zu mehr Missvertrauen, wobei Voraussagen für die Zukunft eher schwierig sind.

5. Motive und Determinanten für prosoziales Verhalten

In diesem Kapitel werden Gründe, die Menschen zu hilfsbereitem Verhalten veranlassen, näher dargestellt.

5.1. Biologischer Ansatz

Die Menschen tendieren dazu, selbstsüchtig ihren Vorteil zu suchen.16 Sie verfolgen das Ziel der eigenen Fortpflanzung. Dabei werden jene Gene weitergegeben, die wahrscheinlich Nachkommen hervorbringen. 17 EvolutionsbiologInnen erklären dadurch das Sozialverhalten wie Aggression und Altruismus. Einerseits bedeutet das oberste Ziel der Menschen das Überleben, wobei keine Rücksicht auf andere genommen wird. Andererseits können gemeinsame Interessen und Kooperationen mit anderen zu Vorteilen führen.18

Da die Menschen einen mehr oder weniger großen Anteil an genetischer Ausstattung teilen, wird ein vermehrtes Hilfeverhalten gegenüber eng Verwandten oder ähnlichen Personen gezeigt.19

5.2. Altruismus unter Verwandten

Personen helfen den Menschen eher, mit denen sie verwandt sind und sorgen sich um deren Wohlbefinden.20 Zurückzuführen ist diese Theorie auf die Verwandtenselektion, die zum Ausdruck bringt, dass das prosoziale Verhalten gegenüber Blutsverwandten indirekt den eigenen genetischen Erfolg erhöht. Besonders zeigt sich dies, wenn Situationen auftreten, bei denen das Überleben der Gene eine Rolle spielt. Die Bereitschaft der Verwandtschaft zu helfen, ist jedoch bei lebensbedrohlichen Situationen größer als bei Alltagssituationen.21 Der Ansatz der Verwandschaftsselektion lässt sich ebenfalls anwenden, wenn eine Ähnlichkeit zwischen HelferIn und HilfeempfängerIn besteht. Das ist der Fall, wenn ein Gefühl von geteilter, verschmolzener und verbundener Identität entsteht. Voraussetzung dafür ist aber, dass eine hohe Empathie besteht, die durch Ähnlichkeit ermöglicht wird.

E. O. Wilson sieht jedoch die Verwandschaftsselektion als Feind der Zivilisation.22 Wenn Menschen nur mehr altruistisches Verhalten gegenüber eigenen Verwandten und dem eigenen Stamm bevorzugen, dann ist nur mehr eine begrenzte Menge an globaler Harmonie möglich.

5.3. Reziproker Altruismus

Reziproker Altruismus bedeutet das prosoziale Verhalten unter Nichtverwandten.23 Der Grundsatz dieser Theorie ist, dass die Kosten für die HelferInnen niedriger sind als der Nutzen für die HilfeempfängerInnen. Diese Form der Hilfsbereitschaft entwickelt sich vorwiegend, wenn die Beteiligten in kleinen, stabilen und überschaubaren Gruppenverbänden leben und die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass eine Begegnung wiederholt entsteht.

Das Reziprozitätsprinzip dient daher einem egoistischen Motiv, weil Menschen helfen, damit ihnen später ebenfalls geholfen wird.24 Häufig wird nur kurz geholfen, weil die Helfenden nicht sicher sein können, dass sie auch eine Gegenleistung erhalten. Die Versuchung ist hoch, dass die Hilfe nicht prosozial, sondern eher egoistisch veranlagt ist. Bei längerfristigen Beziehungen liegt die Aufrechterhaltung an der Reziprozitätsnorm, das bedeutet, dass Menschen sich verpflichtet fühlen, Kooperationen und geleistete Hilfe zu erwidern, weil sie keine Schulden haben wollen. Dadurch, dass sie anderen Menschen helfen, steigt bei diesen die Verpflichtung zur Gegenleistung und sie erwidern den Gefallen. Um Schuld zu begleichen oder zu vermeiden, wird geholfen.

5.4. Auswahlkriterien für die PartnerInnenwahl

Dies ist ein weiterer evolutionspsychologischer Ansatz für Hilfsbereitschaft und vervollständigt die Theorien der Verwandschaftsselektion und des reziproken Altruismus.25 Basis dafür ist das Prinzip der sexuellen Selektion, die beinhaltet, dass bestimmte Merkmale einer/s PartnerIn bei dem anderen Geschlecht bevorzugt wird. Miller führte 2001 darauf die Hilfsbereitschaft zwischen Männern und Frauen zurück. Hilfsbereitschaft bringt Stärke, Überlegenheit und Erfolg zum Ausdruck, daher kann man sich die Hilfe leisten, weil sich die Menschen stark und erfolgreich fühlen. Außerdem werden PartnerInnen durch die Hilfe angezogen, weil das Eigenschaften, wie Verlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit erhoffen lässt.

5.5. Geschlechterrollen

Unterschiede im Hilfeverhalten bei Männern und Frauen treten auf den ersten Blick nicht auf.26 Jedoch sind geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen. Männer sind eher in riskanten und tatkräftigen Situationen tätig, da sie eher die Rolle der Helden einnehmen wollen. Diese Rolle ist durch Ritterlichkeit und Höflichkeit gekennzeichnet und führt zur Hilfeleistung vor allem gegenüber Frauen.

Daraus ist zu resultieren, dass Frauen eher geholfen wird als dem männlichen Geschlecht.27

Frauen wiederum weisen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede bei ihrer Hilfeleistung auf. Die Rolle der Frau kennzeichnet eine unterstützende Haltung, Selbstlosigkeit, Emotionalität und Sensitivität.28 Einerseits stimmen Geschlechtsstereotypen und Geschlechtsrollen und andererseits das Verhalten von Frauen und Männern überein. Das ist auf Sozialisationsprozesse sowie die Erwartungen von einer Frau auf weibliche Verhaltensmuster und bei Männern die Erwartung auf männliche Verhaltensmuster rückzuführen.

Bei Frauen ergibt sich jedoch ein zwiespältiges Bild, denn die Geschlechterrolle ist durch eine helfende und pflegende Einstellung gekennzeichnet, jedoch auch durch das Vorsehen gegenüber Fremden, um sexuelle Belästigungen zu vermeiden. Denn eine Hilfeleistung gegenüber fremden Männern stimmt nicht mit der Einstellung keinen Kontakt zu Fremden aufzunehmen überein. Frauen wird aber auch die Hilfsbereitschaft in langfristigen Beziehungen zuerkannt, während Männer eher ihre Rolle in Notsituationen als Helden leben. Daher helfen Männer auch eher bei Anwesenheit von Beobachtern, während eine Anwesenheit Dritter auf Frauen eher belastend wirkt.

So wie die Zuschreibung der geschlechtlichen Rollen von Bedeutung ist, wirkt auch die Etikettierung auf die Hilfsbereitschaft ein.29 Wird einem Kind gesagt, dass es hilfsbereit und freundlich sein soll, wird es sich auch in Zukunft so verhalten. Wird dieses altruistische Handeln gelobt, wird das Kind auch in Zukunft kein egoistisches, sondern prosoziales Verhalten zeigen.

6. Gefühle

Warum wir fremden Menschen in Notlagen helfen, ist nur schwer mit der Sicherung des eigenen Gens zu erklären. Das Hilfeverhalten wird beim Menschen auch durch Gefühle ausgelöst und wird im folgenden Abschnitt beschrieben.

[...]


1 Vgl. Mayer (2008), 37f.

2 Vgl. Mayer (2008), 58ff.

3 Vgl. Bierhoff (2006), 96.

4 Vgl. Werth/Mayer (2008), 490.

5 Vgl. Zimbardo/Gerrig (2008), 680.

6 Vgl. Werth/Mayer (2008), 490.

7 Vgl. Bierhoff (1990), 9f.

8 Vgl. Hinte/Lüttringhaus/Oelschlägel (2007), 111f.

9 Vgl. Bierhoff (2006), 98ff.

10 Vgl. Aronson/Wilson/Akert (2008), 360f.

11 Vgl. Werth/Mayer (2008), 537f.

12 Vgl. Aronson/Wilson/Akert (2008), 361.

13 Vgl. Kerkhoff/Saller (2008), 76.

14 Vgl. Bierhoff (1990), 27.

15 Vgl. Bierhoff (1990), 20.

16 Vgl. Bierhoff (2006), 104f.

17 Vgl. Aronson/Wilson/Akert (2008), 351.

18 Vgl. Bierhoff (2006), 105.

19 Vgl. Werth/Mayer (2008), 514.

20 Vgl. Werth/Mayer (2008), 514.

21 Vgl. Bierhoff (2006), 107f.

22 Vgl. Aronson/Wilson/Akert (2008), 352.

23 Vgl. Bierhoff (2006), 108f.

24 Vgl. Werth/Mayer (2008), 530f.

25 Vgl. Bierhoff (2006), 110f.

26 Vgl. Kerkhoff/Saller (2008), 115.

27 Vgl. Kerkhoff/Saller (2008), 115.

28 Vgl. Bierhoff (1990), 85f.

29 Vgl. Kerkhoff/Saller (2008), 114.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Motive, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren auf den Altruismus am Beispiel des Projekts "Älterwerden in Kleinmünchen"
Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz
Note
3
Autor
Jahr
2009
Seiten
48
Katalognummer
V162933
ISBN (eBook)
9783640778416
ISBN (Buch)
9783640778256
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altruismus
Arbeit zitieren
BA Markus Györök (Autor), 2009, Motive, gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren auf den Altruismus am Beispiel des Projekts "Älterwerden in Kleinmünchen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162933

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