Energie, Nachhaltigkeit und Kontraktualismus

Rawls' Vertragsargument als Evaluationsgrundlage energiepolitischer Optionen


Bachelorarbeit, 2010

45 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Energieoptionsentscheidungen und Gerechtigkeit

II Energieoptionsentscheidungen und intergenerationelle Gerechtigkeit

III. Die Idee der Nachhaltigkeit

IV. Die Anerkennbarkeitvon Evaluationskriterien

V. Die Grundidee der „Theory ofjustice"

VI. Die Evaluation hinsichtlich intragenerationeller Anspruche der Nachhaltigkeitsforderung

VII. Warum Verantwortung ubernehmen?

VIII. Rawls und die intergenerationelle Gerechtigkeit

IX. Die Anwendbarkeit des Urzustandsmodells auf die intergenerationelle Situation

X. Die Evaluation hinsichtlich intergenerationeller Anspruche der Nachhaltigkeitsforderung

XI. Literaturverzeichnis.

I. Energieoptionsentscheidungen und Gerechtigkeit

Energieoptionsentscheidungen - verstanden als eine von wem auch immer zu treffende Entscheidung hinsichtlich eines gesamtgesellschaftlichen Energiekonzeptes - haben gegenuber anderen Entscheidungsfeldern eine exponierte Stellung in Bezug auf die zu berucksichtigenden Fragen nach der Gerechtigkeit. Dies bedeutet nicht, dass ihnen eine Sonderstellung zukommt und hier andere oder feinere Gerechtigkeitsgrundsatze erarbeitet und angewendet werden mussten. Vielmehr gibt es aber mindestens drei zwar nicht einzigartige, in ihrem Zusammenspiel jedoch besondere Eigenschaften, die eine genauere Beleuchtung genau dieser Entscheidungsmoglichkeiten ob ihrer Gerechtigkeit lohnenswert erscheinen lassen.

Die erste Besonderheit besteht darin, dass zurzeit kaum ein anderer Wirtschaftszweig in ahnlichem AusmaR auf die Nutzung nichterneuerbarer Rohstoffe angewiesen ist wie die Energiewirtschaft. Wahrend andere ebenfalls knappe Rohstoffe wie Mineralien prinzipiell recycelbar sind - von okonomischen oder technischen Hurden einmal abgesehen -, sind die fur die Energiegewinnung einmal verwendeten Rohstoffe Kohle, Ol und Gas nur extrem langfristig erneuerbar und, aufgrund der Aussagen des zweiten Grundsatzes der Thermodynamik, unter keinen Umstanden recycelbar. Es ist somit so, dass die Nutzung einer Rohstoffeinheit auf immer nur genau einmal moglich ist und somit der Menschheit diese Rohstoffe seit der ersten Verwendung unwiederbringlich ausgehen. Dies wirft - besonders dann, wenn auch intergenerationelle Gerechtigkeit Berucksichtigung finden soll - besondere Probleme in Bezug auf Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit auf.

Die zweite Besonderheit ergibt sich aus der scheinbar auRerordentlichen Bedeutung der Verfugbarkeit von Primarenergie fur die menschliche Wohlfahrt. Seit jeher stehen viele entscheidende Entwicklungsfortschritte in der Menschheitsgeschichte im Zusammenhang mit der Nutzbarmachung von Primarenergien sowie den dadurch ermoglichten Technologien. Allein die Moglichkeit der Zahmung von Wildfeuern und der Fertigkeit, Feuer zu entfachen, ermoglichte neben Licht, der Moglichkeit Speisen zuzubereiten und haltbar zu machen sowie dem Schutz vor Kalte, Raubtieren und Insekten, menschheitsgeschichtlich betrachtet schnelle technologische Fortschritte wie die Entwicklung der Topferei ab dem Neolithikum oder der Metallschmelze ab der Kupfersteinzeit. Auch die Nutzbarmachung der Wasserkraft im Romischen Reich sowie der Windkraft ab dem Mittelalter fur den Antrieb von Muhlen hatten unter anderem einen entscheidenden Einfluss auf die Moglichkeiten der effizienten Nutzbarmachung von Nahrungsmitteln.[1] In jungerer Zeit war es die Nutzung von aus organischem Material hervorgegangenen fossilen Rohstoffen wie Kohle, Erdol und Gas, die neben Warme und Licht vor allem auch individuelle Mobilitat sowie - noch unterstutzt durch die Nutzung des metallischen Rohstoffs Uran - prinzipiell standig verfugbare Elektrizitat und damit eine groRe Bandbreite verschiedenster Technologien ermoglichte. Dieser sich allein durch die Verfugbarkeit von Primarenergie ergebende Wohlfahrtsgewinn - bzw. vor allem die EinbuRen bei Nicht- Verfugbarkeit -, bei gleichzeitiger, noch auf absehbare Zeit bestehender Knappheit und Ungleichverteilung der Nutzungsmoglichkeiten auch erneuerbarer Energien, zieht damit - neben dem Problem des Ausgehens der Rohstoffe - ein weiteres Problem in Bezug auf Fragen der Verteilungsgerechtigkeit nach sich. Die dritte Eigenschaft ist - wie auch schon die zweite - weniger aufgrund ihrer Beschaffenheit, sondern vor allem aufgrund des besonderen AusmaRes moglicher Folgen einer Nicht- Berucksichtigung derselben von herausragender Bedeutung. Die Nutzung sowie Gewinnung von Primarenergie weist verschiedene und je nach Art eigene Schwierigkeiten hinsichtlich verschiedener Umweltprobleme auf, deren Folgen von negativen Auswirkungen auf Flora und Fauna uber Probleme fur die menschliche Gesundheit bis hin zur Existenzbedrohung reichen konnen. Dabei handelt es sich unter anderem neben den Folgen des sich wahrscheinlich vollziehenden anthropogenen Klimawandels, hervorgerufen durch den starken C02-AusstoR bei der Verbrennung fossiler Energietrager, und der prinzipiellen Unfallgefahr sowie Endlagerproblematik bei der Verwendung von Uran, auch um Probleme wie Landschafts- bzw. Lebensraumzerstorung durch Tagebau, Windparks oder GroRstaudamme sowie die Rodung von Tropenwaldern fur den Anbau von Energiepflanzen.

Somit mussen bei der Entscheidung zugunsten einer Energieoption nicht nur Fragen nach einer gerechten Verteilung nichterneuerbarer Rohstoffe und der gerechten Verteilung der wohlfahrtssteigernden Nutzungsmoglichkeiten samtlicher Primarenergiequellen gestellt werden, sondern es scheint vor allem auch die Gerechtigkeit bei der Verteilung entstehender Kosten und Nutzen sowie Chancen und Risiken berucksichtigt werden zu mussen.

An diesen Ausfuhrungen zeigt sich, dass mit der Untersuchung der Gerechtigkeit von Energieoptionsentscheidungen ein weites Feld vorliegt. Aus diesem Grund werden im Folgenden nicht verschiedene denkbare Energieoptionen erlautert. Ziel dieser Untersuchung ist es nicht, verschiedene mogliche Energieoptionen zu erarbeiten, um diese anschlieRend hinsichtlich der Erfullung bestimmter oder gar intuitiver Gerechtigkeitskonzeptionen oder -empfindungen zu untersuchen. Eine solche Untersuchung kann aufgrund der nahezu unbegrenzten Anzahl von Energieoptionen immer nur einen kleinen Ausschnitt aller Moglichkeiten darstellen. Somit erscheint es sinnvoll zu versuchen, losgelost von einzelnen Szenarien ein anerkennbares Gerechtigkeitskriterium fur den Anwendungsfall der Grundstruktur von Energieoptionen zu schaffen, das dann eine ebenso universell anerkennbare Theorie fur die hinreichend konkrete Bewertung von Einzelfallen liefert. Dabei spricht, wie sich noch zeigen wird, einiges dafur, eine kontraktualistische Theorie, die sich auf Interessen von Individuen und nicht auf moralische Prinzipien beruft, dahingehend zu untersuchen, ob diese ein solches Kriterium liefern kann. Im Speziellen scheint vor allem John Rawls „A Theory of Justice" erfolgsversprechend zu sein: Zum einen zielt die von Rawls entwickelte kontraktualistische Theorie - im Gegensatz zum z.B. von Hobbes im Leviatan entwickelten Kontraktualismus - nicht auf die Legitimation politischer Herrschaft, sondern auf die Grundlegung politischer und sozialer Gerechtigkeit ab.[2] Zum anderen verfolgt Rawls einen Ansatz, bei dem er sich mit einem speziellen, moglicherweise auf Energieoptionen ubertragbaren Anwendungsfall des Gerechtigkeitsproblems auseinandersetzt.[3]

II. Energieoptionsentscheidungen und intergenerationelle Gerechtigkeit

Wie bereits angedeutet, zeigt sich bei allen drei oben genannten Besonderheiten, dass diese insbesondere dann eine enorme Bedeutung erhalten, wenn auch intergenerationelle Gerechtigkeit Berucksichtigung finden soll.

Das Problem der Nicht-Erneuerbarkeit fossiler Rohstoffe wird fur die jetzt lebenden Menschen zwar moglicherweise zu einer starken Verteuerung derselben fuhren, die Konsequenzen eines tatsachlichen Ausgehens dieser Rohstoffe werden jedoch vermutlich - mit Ausnahme des Erdols - groRtenteils nur zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht existierende Menschen tragen mussen. Es wird angenommen, dass bei einem Verbrauchsniveau des Jahres 2000 das Erdol noch 50 - 80 Jahre, das Erdgas 160 - 310 Jahre und die Kohle sogar weit langer ausreicht. Dabei ist jedoch festzuhalten, dass wenn z.B. die

Erdgasvorrate bei konstantem Verbrauch noch 260 Jahre ausreichen wurden, sich dieser Zeitraum allein durch einen weltweiten jahrlichen Verbrauchsanstieg um 2,8 % auf ca. 75 Jahre reduziert.[4] GemaR Schatzungen der Investmentbank Goldman Sachs wird allein der Erdgasverbrauch Chinas zwischen den Jahren 2008 und 2025 jahrlich um etwa 10% steigen.[5]

Von der zweiten Besonderheit, der starken Ungleichverteilung des Zugangs zu Primarenergie bei gleichzeitiger zentraler Bedeutung fur die menschliche Wohlfahrt, sind heutige und zukunftige Menschen gleichermaRen betroffen. Im Jahr 2004 hatten noch weltweit knapp 1,6 Mrd. Menschen keinen Zugang zu Elektrizitat.[6] Gleichzeitig sind Investitionen in den Ausbau von Kraftwerken oder Stromnetzen nur sehr langfristig planbar. Zum Beispiel muss beim Neubau eines Atomkraftwerks innerhalb der Europaischen Union aufgrund heute sehr strenger Sicherheitsbestimmungen mit einer Bauphase von 5-10 Jahren und zusatzlich einer Amortisationsdauer von 20 - 30 Jahren gerechnet werden.[7] Zu dem Zeitpunkt, ab dem ein jetzt neugebautes Atomkraftwerk rentabel ist, konnte ein jetzt noch nicht existierender Mensch somit bereits das 35. Lebensjahr vollendet haben. Das entspricht etwa der Halfte der globalen Durchschnittslebenserwartung eines Menschen.[8] Dies ist zwar ein extremes Beispiel, jedoch sind die meisten Investitionen in eine Energieinfrastruktur langfristig ausgelegt. Ein heutiges Investieren oder Nicht-Investieren hat damit immer auch in erheblichem MaRe Einfluss auf die Versorgung und damit auch auf die Wohlfahrt zukunftiger Menschen.

Auch die dritte Besonderheit der drastischen Umweltprobleme betrifft vor allem zukunftige Menschen. Zwar sind jetzige und zukunftige Menschen von Landschaftszerstorungen gleichermaRen betroffen, die prognostizierten Folgen des anthropogenen Klimawandels, wie vermehrt auftretende Wetterextreme, temperaturbedingte Veranderungen der Ausbreitungsgebiete von Krankheitsvektoren oder Landverlust durch einen steigenden Meeresspiegel, werden jedoch massiv vermutlich erst in einigen Jahrzehnten auftreten.

III. Die Idee der Nachhaltigkeit

Ein bekannter Vorschlag, wie auch intergenerationelle Gerechtigkeit praktische Berucksichtigung finden kann, ist die Forderung nach Nachhaltigkeit. Und auch wenn der Begriff „Nachhaltigkeit" mittlerweile in nahezu jeder politischen Diskussion, aus verschiedensten Interessen, in unterschiedlichsten Zusammenhangen und Bedeutungen geradezu inflationar Verwendung findet, so wird sich doch eine Auseinandersetzung mit dieser Idee als lohnenswert erweisen. Denn nur, dass ein Begriff oft falsch oder im falschen Zusammenhang verwendet wird, sagt noch nichts daruber aus, ob die eigentliche Idee richtig oder falsch bzw. sinnvoll oder nicht sinnvoll ist.

Die wohl bekanntesten und in entsprechenden Diskussionen immer wieder gern ins Feld gefuhrten Ideen von dem, was Nachhaltigkeit meint, sind zum einen die als etymologische Grundlage[9] des Begriffs „Nachhaltigkeit" geltende Idee der preuRischen Staatsforstverwaltung aus dem 18. Jahrhundert:

Es lasst sich keine dauerhafte Forstwirtschaft denken und erwarten, wenn die Holzabgabe aus den Waldern nicht auf Nachhaltigkeit berechnet ist. Jede weise Forstdirektion muss daher die Waldung des Staates ohne Zeitverlust taxieren lassen und sie zwar so hoch als moglich, doch so zu benutzen suchen, dass die Nachkommenschaft wenigstens ebenso viel Vorteil daraus ziehen kann, als sich die jetzt lebende Generation zueignet.(Hartig, Georg Ludwig: „Anweisungen zur Taxation der Forste zur Bestimmung des Holzertrags der Walder", Berlin, (1795).), sowie zum anderen die auch bereits als klassisch geltenden Definition der Brundtland-Kommission:

„Humanity has the ability to make development sustainable to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs." (United Nations (Hrsg.): Report of the World Commission on environment and development, A/42/427, UN 1987, S. 24.).[10]

Am Beispiel der Forderung der preuRischen Staatsforstverwaltung lasst sich exemplarisch zeigen, was und vor allem was nicht sinnvoll durch die regulative Idee der Nachhaltigkeit gefordert werden kann: Die implizit gemachte Forderung, den Wald nur soweit abzuholzen, dass auch zukunftigen Menschen in dem Fall der Rohstoff Holz in gleichem Umfang zur Verfugung steht wie den existierenden Menschen, kann eine Maxime der Nachhaltigkeit spatestens seit der historisch ersten Verwendung fossiler Rohstoffe nicht mehr universell fordern. Aus offensichtlichen Grunden kann, wenn fur alle zukunftigen Generationen von jetzt an ein gleicher Zugang zu fossilen Rohstoffen bestehen soll, keine einzige noch vorhandene nicht- erneuerbare Rohstoffeinheit je wieder verwendet werden. Da jede verbrauchte Einheit zukunftigen Menschen unwiederbringlich nicht mehr zur Verfugung steht und gleichzeitig vernachlassigbar langsam „nachwachst", kann eine solche Forderung nicht sinnvoll als universelles Kriterium fur nachhaltiges Wirtschaften gelten. Auch durch ein Weitergeben der heutigen fossilen Rohstoffbasis an zukunftige Generationen wurde dieses Problem nur mit weitergegeben.[11]

Das Beispiel der Definition der Brundtland-Kommission hingegen stellt eine moralische Maxime dar, die - ohne inhaltliche Vorgaben zu machen - fordert, dass nicht nur die jetzige, sondern auch zukunftige Generationen ihre Interessen adaquat befriedigen konnen. Doch auch diese Definition sollte nicht einfach hingenommen werden. Rawls schreibt (zwar in anderem Zusammenhang, jedoch auch hierfur sehr treffend): „The merit of any definition depends upon the soundness of the theory that results; by itself, a definition cannot settle anyfundamental question."[12]

Es zeigt sich jedoch, dass ein solches Verstandnis von Nachhaltigkeit bezogen auf Energieoptionen dem entspricht, was oben bereits mit einem von einzelnen Szenarien losgelosten Gerechtigkeitskriterium fur den Anwendungsfall der Grundstruktur von Energieoptionen, welches auch zukunftige Generationen berucksichtigt, gemeint war. Statt von der Suche nach einem „von einzelnen Szenarien losgelosten Gerechtigkeitskriterium fur den Anwendungsfall der Grundstruktur von Energieoptionen, welches eine brauchbare Theorie fur eine hinreichend konkrete Bewertung von Einzelfallen liefert", soll bei diesem Verstandnis des Nachhaltigkeitsbegriffs also im Folgenden von der Suche nach einer allgemeinen Evaluationsgrundlage zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Energieoptionen gesprochen werden.[13]

Um eine Evaluationsgrundlage - die von jedem Menschen anerkannt werden soil - auf ein solches Nachhaltigkeitsverstandnis stutzen zu konnen, muss jedoch auch bei dieser allgemeingehaltenen Formulierung der Brundtland-Kommission zunachst einmal festgestellt werden, was diese tatsachlich sinnvoll fordern kann. So scheint diese, um allgemein akzeptiert werden zu konnen, zwar allgemeingehalten sein zu mussen, es bedarf jedoch trotzdem eines hinreichenden sowie nachvollziehbaren Bewertungsgrundsatzes. Es bedarf begrundbarer Kriterien, die der Abwandlung eines beruhmten Grundsatzes gerecht werden. Sie sollten „so allgemein wie moglich und so konkret wie notig" sein.

IV. Die Anerkennbarkeit von Evaluationskriterien

Beispiele fur aus der Praxis erarbeitete Kriterien gibt es viele: Jorg Schlaich und Wolfgang Schiel leiten aus praktischen Beobachtungen vier zu erfullende Kriterien ab. Demnach muss eine Energiequelle „1. unerschopflich, 2. umweltvertraglich, 3. uberall verfugbar und 4. fur jeden bezahlbar" sein.[14] Und auch wenn eine solche praktische Bestimmung von Kriterien den an die Herleitung einer Evaluationsgrundlage zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Energieoptionen zu stellenden Anforderungen nicht genugt, so wird sich doch zeigen, dass diese quasi instinktiv erarbeiteten Kriterien eine gewisse Koharenz mit den noch zu erarbeitenden aufweisen werden.

Wie bereits erwahnt, wird im Folgenden eine kontraktualistische Theorie fur den Versuch eine Evaluationsgrundlage, sowie die notigen Kriterien zu erarbeiten, aus dem Grund gewahlt, dass diese sich auf rationale Interessen von Individuen und nicht auf moralische Prinzipien beruft. Dies erscheint neben der Berufung auf grundlegende ethische Einsichten[15] vor allem insofern sinnvoll, dass aus den Notwendigkeiten fur die Verfolgung dieser Interessen dann die fur die Evaluation von Energieoptionen notwendigen Kriterien erarbeitet werden konnen, was damit wiederum eine ausreichende Nachvollziehbarkeit und Anerkennbarkeit des Bewertungsgrundsatzes nach sich zieht.

Um ein Missverstandnis von vorherein zu vermeiden, muss zunachst einmal festgehalten werden, dass Interessen von Individuen und Eigeninteressen - im Sinne von egoistischen Interessen - nicht dasselbe sind bzw. sein mussen. So liegt beispielsweise eine Verfolgung von Eigeninteressen vor, wenn jemand in einer Notsituation jemand anderem die Rettungsweste stiehlt. Hatte derjenige die Rettungsweste jedoch nicht gestohlen, konnten wir nicht eindeutig sagen, ob derjenige gegen seine Interessen verstoRen hat oder nicht. Dies wird noch klarer, wenn wir uns vorstellen, es handele sich um die Weste des eigenen Kindes.[16] Interessen konnen - mussen aber nicht Eigeninteressen sein. Es kann also auch durchaus ein Interesse an altruistischem Handeln geben.[17]

[...]


[1] Die hier gemachten historischen Angaben sind nachzulesen in: Droste, Dietrich: Energiemangel als Antrieb der Menschheitsgeschichte - Eine energetische Gesellschafts- und Geschichtstheorie, Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung, Munchen, (2010), v.a. S. 71, 84,178 u. 210.

[2] Streffer, Christian et al.: Ethische Probleme einer langfristigen globalen Energieversorgung, de Gruyter, Berlin/New York, (2005), S. 53.

[3] „[...] I am concerned with a special case of the problem of justice. I shall not consider the justice of institutions and social practices generally, nor except in passing the justice of the law of nations and of relations between states. [...] I shall be satisfied if it is possible to formulate a reasonable conception of justice for the basic structure of society conceived for the time being as a closed system isolated from other societies. [...] It is natural to conjecture that once we have a sound theory for this case, the remaining problems of justice will prove more tractable in the light of it. With suitable modifications such a theory should provide the key for some of these other questions." Rawls, John: A Theory of Justice - Rev. ed., Oxford University Press (1999), S. 7.

[4] Meadows, Donella et al.: Grenzen des Wachstums, Das 30-Jahre-Update, S. Hirzel Verlag, Stuttgart, 3. Auflage (2009), S. 91 - 94.

[5] Pentsy, Thomas: Chinas Gasbranche im Aufbruch, in: Finanz und Wirtschaft, Nr. 96 (09. 12.2009), S.30

[6] brand eins / Statista (Hrsg.): Die Welt in Zahlen, brand eins Verlag, Hamburg, 2. Auflage (2009), S. 56

[7] Froitzheim, Ulf: Woher nehmen wir nur die Energie..., in: brand eins Wirtschaftsmagazin, 12. Jahrgang Heft 05 (Mai 2010), S.98

[8] Inwieweit Rentabilitat relevant fur eine Gerechtigkeitskonzeption ist, wird sich weiter unten zeigen.

[9] Eine tatsachliche Umsetzung des Prinzips ist schon zu viel fruheren Zeiten nachweisbar: Fur die Schmelzprozesse der Eisengewinnung der Etrusker seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. waren groRe Mengen Holzkohle erforderlich. „Untersuchungen verkohlter Holzstucke zeigen deutlich durchweg zwanzig Jahresringe an: Die Walder wurden demnach planmafiig, Sektorfur Sektor in einer genau Zwanzigfelderwirtschaft abgeholzt." Keller, Werner: Denn sie entzundeten das Licht. Geschichte der Etrusker, die Losung eines Ratsels, Droemer Knaur, Munchen, (1970), S. 74.

[10] Beide Ausfuhrungen zitiert nach: Streffer, Christian et al., (2005) S. 7f.

[11] Vgl. hierzu: Barry, Brian: Intergenerational Justice in Energy Policy, in: MacLean, Douglas et al.: Energy and the future, Rowman and Littlefield, Totowa, (1983), v.a. S. 17.

[12] Rawls, John, (1999), S. 130.

[13] Es ist offensichtlich, dass hierfur bereits ein bestimmter Gerechtigkeitsbegriff vorausgesetzt wird. Eine Gesellschaft ist demnach dann gerecht, wenn jeder die Moglichkeit hat, seine basalen Interessen zu verfolgen und zu befriedigen. Dagegen konnte eingewendet werden, dass auch unabhangig von diesem Zustand ein Gefuhl von Ungerechtigkeit auftreten kann. Auch wenn es keinen Einfluss auf meine Moglichkeit meine basalen Interessen zu verfolgen hat, kann ich es als ungerecht empfinden, wenn mein Bruder zu Weihnachten ein neues Auto, ich jedoch nur ein Paar Socken von den Eltern bekomme. Das Interesse an einem Auto bzw. an der dadurch gewonnen Mobilitat aber kann kein basales Interesse im Sinne von „wichtig fur die Beurteilung der Gerechtigkeit" sein. Ware es so, musste jedes nicht-universalisierbare Interesse berucksichtigt werden und konnte nur eine Gesellschaft in der jeder alles oder zumindest gleich viel hat gerecht sein. Es handelt sich in diesem Fall - nach dem angenommenen Gerechtigkeitsverstandnis - um eine Form von Neid, den Rawls wie folgt bewertet: „[0]ne must be careful not to conflate envy and resentment. For resentment is a moral feeling. If we resent our havings less than others, it must be because we think that their being better off is the result of unjust institutions, or wrongful conduct on their part. Those who express resentment must be prepared to show why certain institutions are unjust or how others have injured them. [^...] [E]nvy [however] is collectively disadvantageous: the individual who envies another is prepared to do things that make them both worse off, if only the discrepancy between them is sufficiently reduced. Thus Kant [...] quite properly discusses envy [in The Metaphysic of Morals, pt. II, §36] as one of the vices of hating mankind." Rawls, John, (1999), S. 532f. Aus diesem Grund soll diese Form eines Gefuhls von Ungerechtigkeit im Weiteren nicht berucksichtigt werden.

[14] Schiel, Wolfgang/Schlaich, Jorg: Wie viel Wuste braucht ein Auto?, in: LangniB, Ole/Pehnt, Martin (Hrsg.): Energie im Wandel, Springer Verlag, Berlin/Heidelberg/New York, (2001), S. 185.

[15] Streffer, Christian et al., (2005) S. 10.

[16] Dieses Beispiel stammt von: Hausman, Daniel/McPherson, Michael: Economic Analysis, Moral Philosophy, and Public Policy, Cambridge University Press, New York, 2. Auflage, (2007), S. 79.

[17] Ob es sich tatsachlich um altruistisches Handeln oder nur um etwas Ahnliches handelt, wenn an diesem Handeln doch ein Interesse bestand, kann an dieser Stelle nicht geklart werden. Trotzdem scheint dieses Beispiel hinreichend den Unterschied zwischen Interessen und Eigeninteressen zu verdeutlichen. Vor allem scheint dies auch zu verdeutlichen, dass es nicht in jeder Situation nur die eine rationale Handlung geben muss.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Energie, Nachhaltigkeit und Kontraktualismus
Untertitel
Rawls' Vertragsargument als Evaluationsgrundlage energiepolitischer Optionen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Autor
Jahr
2010
Seiten
45
Katalognummer
V163014
ISBN (eBook)
9783640778560
ISBN (Buch)
9783640778614
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Energiepolitik, Energiewirtschaft, Gerechtigkeit, John, Rawls, Nachhaltigkeit, Energie, intergenerationelle, Verantwortung, Generation, Generationen, Zukunft, Theorie, Energieversorgung
Arbeit zitieren
Björn Schulz (Autor), 2010, Energie, Nachhaltigkeit und Kontraktualismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163014

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