Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum als frühmittelalterliche Propagandaschrift


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2007

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitlicher, politischer und geografischer Rahmen

3. Die Conversio - Sprache, Schrift und Quellen

4. Propaganda - Begriff und Konzeption

5. Struktureigenschaften von Propaganda im Text der Conversio

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang: Karte

1. Einleitung

Die Schrift und mit ihr die Zeugnisse der Schriftlichkeit sind zentraler Gegens­tand kulturwissenschaftlicher Beschäftigung und Forschung. Aus historischer Perspektive geht es dabei um die Herstellung, die Wahrnehmung, die Sinn tra­genden Formen sowie den Inhalt von Schriftstücken, alle zusammen dienen i.d.R. zuletzt dem Gebrauch und zeitigen ihre bestimmten Wirkungen. Anhand des Beispiels einer frühmittelalterlichen Schrift soll deren expliziter und impli­ziter Inhalt aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive beleuch­tet werden. Es ist gezeigt worden, dass die Conversio Bagoariorum et Caran- tanorum, die „Bekehrungsgeschichte der Bayern und Karantanen“, als „wich­tigste Quelle für die Missionstätigkeit Salzburgs im Frühmittelalter“[1] zugleich „ein frühmittelalterliches Beispiel für die - in der Vergangenheit ebenso wie heute - weit verbreitete Vorgangsweise, Information als Dokumentation des eigenen, subjektiven Standpunkts zu manipulieren, indem Argumente der Ge­genseite, ja selbst neutrale Angaben einfach ausgelassen werden“, darstellt.[2] Mit dieser Aussage ist die Conversio, wie konzeptionell erarbeitet werden soll, als mehr oder weniger frühe Propagandaschrift ausgewiesen.

Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten hat sich mit verschiedenen Denkansätzen zum Begriff und dem Wesen von Propaganda auseinander ge­setzt und ihn so konzeptionell geschärft. Merten sieht in Propaganda eine Form der Konstruktion von Macht durch Kommunikation, wobei religiöse Propaganda als der uns bekannte älteste Typ von Propaganda gelte. Im Mit­telpunkt dieses Konzepts stehe dabei der Glaube an Gott.[3] Für die religiöse Propaganda findet und benennt Merten unterschiedliche Strukturmerkmale. Das permanente Vorhandensein dieser Strukturmerkmale soll hier anhand des Quellentexts der Conversio aufgezeigt werden. Dabei stellt sich die „Beschaf­fung von Wahrheit“, nämlich die fiktionale Wahrheit etwa, dass pannonische Gebiete schon immer in der Bistumsverwaltung Salzburgs gelegen hätten, als ein übergeordnetes, wenngleich verdecktes, Hauptziel der frühmittelalterlichen Schrift heraus.

Auf eine kurze Einordnung der Conversio in ihren zeitlichen, politischen und geografischen Rahmen wird die Schrift als solche ebenfalls in geraffter Version vorgestellt - ihre Form, ihre Sprache und Schrift, ihre Quellen. Darauf folgt eine Einführung in den Begriff und das Konzept von Propaganda aus kommu­nikationswissenschaftlicher Sicht. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt aber auf dem Text der Conversio selbst und der daran auszuführenden Untersuchung, inwieweit und an welchen konkreten Beispielen sich die von Merten geschilderten Struktureigenschaften von Propaganda auffinden lassen. Behandelt wird an dieser Stelle nur die Conversio selbst. Ein Vergleich mit anderen zeitgenössischen Quellen ist sinnvoll, kann hier aber nicht geleistet werden. Sicher ist es auch nicht ganz unproblematisch, einen modernen Propa­ganda-Begriff auf Texte anzuwenden, deren Entstehung so weit zurückliegt. Es besteht daher die Gefahr Intentionen zu vermuten, die aus heutiger Sicht als nahe liegend erscheinen, den tatsächlichen Absichten und Anliegen vor elf Jahrhunderten nicht gerecht werden können. Inwieweit etwa der Autor, bzw. die Autoren (im Weiteren sprechen wir nur von einem Autor) bewusst gelogen haben, oder inwieweit sie „in gutem Glauben“ schrieben, lässt sich - über den geschichtswissenschaftlich nachweisbaren Rahmen hinaus - nicht leicht fest­stellen. Ob und welche Wirkung die Schriftsammlung schlussendlich erzielte, kann ebenfalls nicht gesagt werden, eine Wirkungsgeschichte der Conversio ist bislang nicht erbracht worden.

2. Zeitlicher, politischer und geografischer Rahmen

Wenn nun die Conversio die Missionstätigkeit der Salzburger Kirche belegt, so sollte nicht unterschlagen sein, dass eine jede erfolgreiche Missionierung vor-mals heidnischer Bevölkerung stets erst dem Schwerte folgte. Selbst die sich jeweils anschließende kirchliche Organisation diente zugleich der herrschaftlichen Konsolidierung des eroberten Landes. Überhaupt spielte die Kirche eine herausragende Rolle bei der Expansion und Stabilisierung des Frankenreichs und Karl sicherte dessen Einheit nicht zuletzt durch die Gründung zahlreicher neuer Bistümer sowie durch umfangreiche Schenkungen und kirchenrechtliche Reformen.[4] Dies soll vorausgeschickt sein, wenn wir uns nun dem enger ge­fassten politischen und geografischen Rahmen zur Entstehungszeit der Conver- sio zuwenden wollen.

Geografisch schreitet der Verfasser der „Bekehrungsgeschichte der Bayern und Karantanen“ aus über das damalige Bayern und Karantanien bis hin zu jenen Ostgebieten, die sich zwischen Donau, Drau und Raab, also um den Plattensee, befinden (heute Ungarn) und der vormaligen römischen Provinz Illyricum Infe­rior entsprechen (Anlage 1).

Politisch und kirchenpolitisch ist ein Rahmen abgesteckt, der ausgeht von den Streitigkeiten Ludwigs des Deutschen (840-876) mit seinem Sohn Karlmann und dessen territorialen Konsequenzen sowie dem enormen Erstarken Mährens unter Rastislav, in dessen Folge eine slawische Gentilformation entstand, die das fränkisch-bayerische Pannonien zu gefährden schien. Dieser Rahmen um­fasst weiterhin das Übergreifen der griechischen Mission auf das östlichste Salzburger Diözesangebiet - nämlich, als der byzantinische Kaiser Michael III. die Missionare Konstantin und Methodios mit der Glagolica - einer auf dem griechischen Alphabet beruhende slawische Schrift zur Einführung der slawi­schen Liturgie - ins Land südlich der Donau schickte. All diese Ereignisse und Umstände kulminierten obendrein mit einer neuen Ostpolitik des Papstes Nico­laus I., der Anspruch auf die Jurisdiktion auch über das gesamte Pannonien erhob und wohl den kühnen Plan einer Wiederherstellung der Kirchenprovinz Illyrien ins Auge fasste.(TRE) Die Salzburger sahen ihre Ansprüche auf Unter­pannonien in Gefahr und der Salzburger Erzbischof Adalwin (859-873) ließ die hier untersuchte Schrift von einem Kleriker seines Bistums verfassen, um, so deutet Wolfram, seinen König Ludwig den Deutschen zu informieren.

3. Die Conversio – Sprache, Schrift und Quellen

Die Entstehung der Conversio Bagoariorum et Carantanorum wird in das Jahr 871 datiert, sie entstand also in nachkarolingischer Zeit. Dennoch können und müssen wir davon ausgehen, dass die großmächtige Wirkung Karls des Großen (747-814) und besonders seine reformerischen Bemühungen zu den Fundamen­ten gehört, auf denen neben anderen zeitgenössischen Schriften auch die Con­versio als Quelle schlussendlich steht. Dabei wurde die Kirche - und mit ihr besonders die Klöster - zum Instrument adliger und königlicher Interessen. Die Bistümer waren Garanten der Reichsverwaltung, ja vollzogen sie mittels Wirt­schaftskraft und Bildungspotential gleichsam mit, selbst kirchliche militärische Kontingente halfen bei der Expansion und Sicherung des Frankenreiches. (Haubrichs, Wolfgang, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit. Bd. 1 (Frankfurt a. M. 1988) Deshalb ist es als natürlich anzusehen, dass das Bistum Salzburg die rechtliche Legitimation für die „Landnahme“ Pannoniens vorzulegen beabsichtigte, denn was sich im Be­sitz des Bistums Salzburg befand, gehörte gleichsam zum fränkischen Reich.

In der Karolingerzeit entwickelte man neue Typen von Texten und Werken, die vielfältige Funktionen zu erfüllen hatten. Allein die ungeheure Ausdehnung des Reichs und dessen polygentile Gesellschaft machte dies vonnöten, wollte man Recht dauerhaft in ihm installieren. Das niedergeschriebene, geronnene Wort, der schriftlich fixierte Beschluss, galt den Menschen dieser Zeit und auch spä­ter für Recht. In diesem Zusammenhang steht etwa die breit gefächerte Sat­zungstätigkeit, die so gen. Kapitularien, die die Straffung der Verwaltung zum Ziel hatte und einen hohen Grad allgemeiner Schriftlichkeit voraussetzte, die von Karl durch bildungsreformerische Grundlagen zuvor zu schaffen getrachtet hatte. Wenngleich die Forschungsmeinungen auseinandergehen, was deren tatsächlich entfaltete Wirkung und besonders die tatsächliche Verbreitung der Schriftlichkeit und Schriftmächtigkeit anbelangt. Dagegen wird darauf hinge­wiesen, dass neben dem Schriftgebrauch auch mündliche Verfahren effektive Herrschafts- und Verwaltungsmittel waren. Schiefer, Rudolf (Hg.), Schriftkul­tur und Reichsverwaltung. Vom Schreiben in der Karolingerzeit (Opladen 1996) Nicht feststellbar ist hingegen, auf welche Weise die Texte rezipiert worden sind - wurden sie vorgelesen und auswendig gelernt? Zumindest für die Conversio lässt sich mit einiger Gewissheit annehmen, dass Ludwig der Deutsche als Adressat den Text selbst gelesen hat, darüber hinaus jedoch lässt sich über die Rezeption der Schrift wenig sagen. Alles, was dennoch darüber gesagt wird, muss eng damit zusammenhängen, in welchem Maße die Gesell­schaft der Karolinger und deren Nachfolger als rein orale Gesellschaft zu sehen ist. (zum Begriff orale Gesellschaft Ong, Walter J., Oralität und Literalität - Die Technologisierung des Wortes (Opladen 1987)

In welcher Form liegt uns nun der Libellus de conversione Bagoariorum et Carantanorum vor? So gut wie alle neun Handschriften der Conversio sind in der Zeit um 1200 entstanden oder zumindest überarbeitet worden. Dabei sind durch die jeweiligen Bearbeitungen wichtige Informationen verloren gegangen, die den Interessen dieser Zeit nicht mehr entsprachen oder einfach keine Be­deutung mehr hatten. Da fast alle Handschriften aus Salzburg oder den verbun­denen Klöstern Admont und Mondsee entstanden, geht die Forschung von ei­ner geringen Verbreitung der Conversio aus. () Verfasst sind die Texte in latei­nischer Sprache, die streng karolingisch ausgerichtet ist, was wie Wolfram fest­stellt, die konsequent verwendeten Begriffen rex, comes, dux (gentis) belegen. Auffällig ist, dass sich der Autor der Conversio auf gute Quellen stützt. Zugleich aber ist eben diese gute Quellenkenntnis an mancher Stelle geradezu Indiz für die durchaus bewusste Auslassung von Informationen.() Lhotsky be­zeichnet die Conversio als „das Haupt- und Glanzstück der ruhmvollen Salz­burger Historiographie“. Aber was lässt sich über sie gattungsspezifisches sa­gen? Nach Wolfram handelt es sich bei der Conversio um eine intentionale Quelle, wenn auch ihre Vorlagen funktionalen Charakter tragen. Der Verfasser hatte eine Ursprungsgeschichte der Salzburger Kirche zu schreiben, besaß also einen aitiologischen Auftrag. Die Gattung Origo gentis verbindet sich in der Schrift mit dem Genre Güterverzeichnis-Denkschrift, bezeichnet also ein genus mixtum, wie es für die Geschichtsschreibung jener Zeit kennzeichnend ist.(Wolfram)

[...]


[1] Vgl. Lhotsky Alphons, Quellenkunde zur Geschichte Österreichs, Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Erg.-Bd. 19 (Graz-Köln 1963)

[2] Vgl. Wolfram, Herwig, Conversio Bagoariorum et Carantanorum - Das Weißbuch der Salzburger Kirche über die erfolgreiche Mission in Karantanien und Pannonien (Graz 1979) S. 147

[3] Vgl. Merten, Klaus, Struktur und Funktion von Propaganda, Publizistik. Vierteljahreshefte für Kommunikationsforschung, Jg 45 (2000)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum als frühmittelalterliche Propagandaschrift
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V163136
ISBN (eBook)
9783640772018
ISBN (Buch)
9783640772162
Dateigröße
938 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Conversio, Propaganda, Frühmittelalter, Bayern, Pannonien
Arbeit zitieren
Karsten Blockus (Autor), 2007, Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum als frühmittelalterliche Propagandaschrift, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163136

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