Vernachlässigung von Kindern


Hausarbeit, 2006

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2.Vernachlässigung von Kindern
2.1 Begriffsklärung „Vernachlässigung“
2.1.1 Lebensbedürfnisse eines Kindes
2.1.2 Bedeutung der Eltern-Kind Bindung/Beziehung

3. Ursachen von Kindesvernachlässigung
3.1 Familien in Armut
3.2 Desorganisierte Familien
3.3 Infantile Handlungsmuster in Vernachlässigungsfamilien
3.4 Zusätzliche Faktoren der Vernachlässigung

4. Folgen durch Vernachlässigung

5. Pädagogische Relevanz

6. Fazit/ Stellungnahme

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Seminar Grundlagen I haben wir viele Aspekte zum Thema Bildung und Gefühl behandelt und ausführlich diskutiert. Meine Aufgabe ist hier nun mich mit einer mir relevanten Fragestellung zu beschäftigen. Bei uns in der Nachbarschaft gab es leider einen Fall von Kindervernachlässigung, welcher bei mir das Interesse in diese Richtung geweckt hat. Bei mir entstand sofort die Frage: Warum vernachlässigen Eltern Ihre Kinder? Was muss passieren, dass dieses überhaupt möglich ist und es keiner merkt oder keiner merken will? Welche Ursachen sind dafür verantwortlich? Die Kinder bekommen keine Beachtung, nicht von den Eltern und auch nicht von der Umwelt, Schule mit einbegriffen, bis es fast zu spät ist. Somit will ich mich mit dem Thema Vernachlässigung von Kindern beschäftigen.

So werde ich anhand von mehrerer Literatur erstmal für mich die Frage beantworten, was unter dem Begriff Vernachlässigung zu verstehen ist. Daraufhin gehe ich dann auf die Ursachen und Folgen von Vernachlässigung ein.

2.Vernachlässigung von Kindern

Die Kindesvernachlässigung ist ein altbekanntes Problem, Autoren wie DICKENS, schrieben bereits Mitte des 19 Jahrhunderts über verwahrloste und vernachlässigte Kinder in ihren Romanen. Trotz dieses Wissens ist der Literatur zu entnehmen, dass das Thema der Vernachlässigung bis zum heutigen Zeitpunkt stiefmütterlich behandelt und sogar immer noch tabuisiert wird. So wird oft angemerkt, dass die Dunkelziffern der Vernachlässigung immens sind und derzeitige Studien kaum Aufschluss über das wachsende Phänomen geben.[1]

In MÜNDERS Literatur verdeutlicht eine Fallerhebung eine Vorahnung über das Ausmaß von Vernachlässigungsfällen. An dieser Erhebung nahmen 16 Deutsche Jugendämter teil, die der Aufforderung folgten, alle Fälle, in denen sie bei einem gerichtlichen Kindeswohlverfahren mitwirkten, zahlenmäßig zu erfassen. Die Daten stammen hierbei aus dem Jahr 1996 und dem folgenden ersten Halbjahr 1997.[2]

Dabei wurden folgende Gefährdungslagen für Kinder und Jugendliche festgestellt: Anzahl der Fälle n=318 (Mehrfachnennungen)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle in: Münder u.a. 2000 S.99)

Die dargestellte Tabelle zeigt, dass Vernachlässigung bei 65,1 % aller erhobenen Kindeswohlfälle vorliegt und somit einen bedeutenden Raum einnimmt, der die erforderliche Auseinandersetzung der Jugendhilfe mit dem Phänomen der Kindesvernachlässigung begründet. An dem Punkt müssen Fragen aufgeworfen werden. Fragestellungen, die sich beispielsweise damit auseinandersetzen, welche Faktoren die Vernachlässigung von Kindern bedingen, wo ihre Ursachen liegen und welche Auswirkungen der Vernachlässigung folgen. Hilfreich erscheint es hier zunächst den Begriff der Vernachlässigung zu klären.

2.1 Begriffsklärung „Vernachlässigung“

Der Begriff der Vernachlässigung wird dem Begriff der Misshandlung untergeordnet. Diese Unterordnung wird dann verständlich, wenn man in der Definition von den Folgen der Vernachlässigung ausgeht. SCHONE bezieht sich hier in seiner Literatur auf die Definition der Misshandlung von BAST (1978) „Kindesmisshandlung stellt eine nicht zufällige gewaltsame physische und/oder psychische Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch die Eltern oder Erziehungsberechtigten dar, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt und ggf. zu Tode bringt.“[3]

Weiter zeigt es sich, dass es noch keine exakte Definition der Kindesvernachlässigung gibt. Trotzdem grenzt BIENEMANN die Vernachlässigung ein und benennt diese als psychische und physische Unterversorgung des Kindes.

Die Unterversorgung beeinträchtigt die körperliche und seelische Entwicklung des Kindes erheblich. Die Beeinträchtigung kann zu bleibenden Schäden bis hin zum Tod von betroffenen Babys führen.[4]

So gibt die Literatur Aufschluss darüber, dass das Phänomen der Vernachlässigung erst dann sinnvoll zu betrachten ist, wenn man die Besonderheiten des Problemfeldes herausstellt. Dabei wird auffällig, dass Vernachlässigung eigene Formen besitzt, die nicht mit der Definition der Kindesmisshandlung einhergehen. Durch die folgenden fünf Punkte wird die Vernachlässigung begrifflich eingeschränkt und von der Misshandlung unterschieden:

- Während der Tatbestand der Vernachlässigung nur über einen längeren Zeitraum der emotionalen oder materiellen Unterversorgung erreicht ist, kann Kindesmisshandlung durch einmalige Akte entstehen. Die Vernachlässigung wird dann problematisch, wenn das Kind chronische Mangelzustände erfährt.
- Die Gründe der Vernachlässigung sind oft Nichtwissen, Unfähigkeit und Überforderung, die es verhindern, dass Eltern angemessen auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen können. Grundsätzlich lässt sich die Vernachlässigung als passive Haltung von Sorgeberechtigten den Kindern gegenüber beschreiben.
- Während die Misshandlung im Sinne von Gewalt gegen Kinder prinzipiell von jedem Erwachsenen gegen jedes Kind ausgehen kann, ist bei der Vernachlässigung stets deutlich, wer die „Vernachlässiger“ sind, nämlich die Personensorgeberechtigten. Der Personenkreis der „Täter“, von denen eine Vernachlässigung ausgeht, beschränkt sich demnach auf die Eltern und sonstigen Sorgeberechtigten.
- Dabei ist in einem weiteren Punkt festzuhalten, dass die Versorgung von kleinen Kindern zumeist den Müttern zugeschrieben wird. Mit dieser gesellschaftlich auferlegten Rolle sind es auch zumeist die Mütter, denen die Verantwortung der Kindsversorgung obliegt und die nicht eingelöst wird. Hinzu kommt, dass in der Realität der Vernachlässigungsproblematik die Väter meist schon nicht mehr da sind um ihrer gesetzlichen Sorgeverpflichtung nachzukommen. Damit entziehen sich auch die Väter dem Vorwurf der Vernachlässigung. Tragisch ist in diesem Sinne, dass allein stehende Mütter mit ihren Kindern zurückbleiben und somit aus dieser Überforderung heraus Vernachlässigung entstehen kann. Dabei darf eine Mutter, die trotz ihrer schwierigen Situation und evtl. Überforderung die Verantwortung für ihr Kind übernimmt, nicht zum Täter verschrien werden. Das würde auch bedeuten, dass die gesellschaftliche Verantwortung für die individuell unbeherrschbaren Situationen allein erziehender Mütter geleugnet würde.

Diese benannten Tatsachen machen die Forderung nach einer eigenständigen Definition für die Vernachlässigung nachvollziehbar. In der Literatur finden sich auch einige Definitionen der Vernachlässigung, welche immer Bezug auf eine Mangelversorgung der Kinder durch die Eltern nehmen.[5]

So wurde nach zahlreichen Diskussionen mit Fachkräften verschiedener Disziplinen von den Autoren des angegebenen Buches folgende eigene Definition aufgestellt:

Vernachlässigung ist die andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns sorgeverantwortlicher Personen […], welches zur Sicherstellung der physischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre. Diese Unterlassung kann aktiv oder passiv (unbewusst), aufgrund unzureichenden Wissens erfolgen. Die durch Vernachlässigung bewirkte chronische Unterversorgung des Kindes durch die nachhaltige Nichtberücksichtigung, Missachtung oder Versagung seiner Lebens­bedürfnisse hemmt, beeinträchtigt oder schädigt seine körperliche, geistige und seelische Entwicklung und kann zum gravierenden bleibenden Schäden oder gar zum Tode des Kindes führen.“[6]

Aus meiner Sicht erscheint diese Definition als sehr objektiv und gut differenziert. Demnach soll sich die folgende Ausarbeitung an dieser gegebenen Begriffsbeschreibung orientieren. Reflektierend wird an dieser Definition gut deutlich, dass das Phänomen der Vernachlässigung oftmals unbewusst und somit nicht mutwillig geschieht. Häufig sind Eltern durchaus gewillt, nur nicht allein in der Lage, die Situation für ihre Kinder zu verbessern und eine evtl. Kindeswohlgefahr zu verhindern und so muss hier von außen Hilfe erfolgen.

Um aber die Bedeutung der Vernachlässigung greifbar zu machen, erscheint es sinnvoll, die Bedürfnisse von Kindern zu benennen und zu untersuchen.

2.1.1 Lebensbedürfnisse eines Kindes

Die Vernachlässigung zeigt sich als Unterversorgung der Lebensbedürfnisse eines Kindes, welche auch in der Graphik deutlich werden. In dieser Abbildung wird kurz und übersichtlich dargestellt, auf welchen Ebenen die kindlichen Bedürfnisse angesiedelt sind. Demnach ist Vernachlässigung von Kindern:

(Abb.: in Schone u.a. 1997 S.20)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Kindesvernachlässigung lässt sich auch als eine grundlegende Beziehungsstörung zwischen Eltern und ihren Kindern betrachten. Diese Störung drückt sich sowohl in der physischen als auch in der psychischen Versorgung aus.[7]

Diese Beziehungsstörung wird auch gut anhand der angeführten Graphik ersichtlich. Besonders mangelnde Liebe und Akzeptanz sowie unzureichende Zuwendung sind Zeugen einer grundlegenden Störung der Eltern - Kindbeziehung. Die weiteren unzureichenden Faktoren können aus dieser Beziehungsstörung erwachsen, aber auch in Unwissenheit und Überforderung begründet liegen. Da die Eltern-Kind Bindung die wichtigste Beziehung eines Kindes in den ersten Lebensjahren darstellt, und diese in Fällen der Vernachlässigung, wie bereits dargestellt, häufig von Störungen belastet ist, wird im Weiteren der Focus auf die Bedeutung von Bindungen zwischen Eltern und Kindern gerichtet.

2.1.2 Bedeutung der Eltern-Kind Bindung/Beziehung

Bindungen sind der Kern von emotionalen intensiven Beziehungen und beschreiben das Grundthema des menschlichen Zusammenlebens. D. h., dass sie dem, durch die Evolution entstandenem, Verlangen eines jeden Menschen nach Zugang und Nähe zu einer schützenden Bezugsperson entspricht. Die Qualität der Bindungen bestimmt den Aufbau von sozialer Kompetenz und Selbstwertgefühl wesentlich mit. Hier zeigt sich, dass eine Gefährdung der Bindung mit starken Emotionen verbunden ist, welche emotionale Störungen nach sich ziehen können. Bindungsgefährdungen können somit Risikofaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung bedeuten.[8]

Die Fürsorge und Pflege, welche ein Kind in den ersten Lebensjahren von seinen Eltern erfährt, ist von höchster Bedeutung für seine spätere seelische Gesundheit ist. Dabei gehen heute viele Fachleute und Wissenschaftler davon aus, dass die Erfahrung von einer warmherzigen, stetigen und schützenden Beziehung zu einer Bezugsperson in den ersten Lebensmonaten die Grundlage der seelischen Gesundheit und der Charakterbildung darstellt. Hat ein Kind eine solche Beziehung oder Bindung zu einer Bezugsperson nicht, spricht man von dem Begriff „Mutterentbehrung“. Wichtig ist auch festzustellen, dass ein Kind ebenfalls unter der so genannten Mutterentbehrung leiden kann, wenn es in seiner Familie oder bei einer Bezugsperson lebt, aber diese ihm nicht die notwendige Zuwendung aufbringt.[9]

Das Kind kann dann unter Deprivationsfolgen leiden, welche in einem darauf folgenden Absatz näher behandelt werden.

Eine gute Bindung beschreibt den Grundstein zum Aufbau von sozialer Kompetenz. Dabei spielt das funktionale Lernen eines Menschen die wichtigste Rolle. Das Lernen, welches das Aufnehmen, Verarbeiten und Umsetzen von Informationen bedeutet, ist somit der Weg in die Gesellschaft. Die Lernquelle gestaltet sich aus der Lebenssituation und dem Alltag.[10]

Demnach liegt es auf der Hand, dass die Lernquelle eines Kindes und somit seine Entwicklungschance versiegt, wenn es unter „Mutterentbehrung“ leidet und dadurch wichtige Erfahrungen und Wahrnehmungen, wie z.B. Trost und Wärme oder Körperpflege, entbehrt.

„Frühe negative Erlebnisse machen uns folglich anfälliger und erhöhen zugleich die Wahrscheinlichkeit für ähnliche Erfahrungen, mit dem Unterschied, dass wir uns gegen die frühen ‚störungsbildenden’ Vorfälle meist nicht wehren können, diese aber später unser Handeln bestimmen.“[11]

Natürlich gibt es zu den Eltern-Kind Bindungen in den ersten Lebensjahren eines Kindes zahlreiche Theorien und Studien, welche hier aber nicht weiter ausgeführt werden sollen. Relevant ist es festzuhalten, dass eine tiefe, intime, liebende, fürsorgliche und warme Beziehung eines Kindes zu einer entsprechenden Bindungsperson, in dem Fall meist der Mutter, von großer Bedeutung für die seelische Gesundheit und die gesunde Entwicklung von Kindern ist. Erfahren Kinder einen Mangel an Fürsorge und unzureichender Pflege über einen längeren Zeitraum, können diese an schweren Entwicklungsfolgen durch Deprivation leiden.

In den letzteren Absätzen wurde deutlich, was Kindesvernachlässigung ist und wie diese zu erkennen sind. Ich habe mit der Hilfe von mehreren Fachliteraturen versucht, den Begriff der Vernachlässigung zu verdeutlichen und greifbar zu machen. Im Folgenden werde ich nun auf die Ursachen und Folgen von Kindesvernachlässigung eingehen.

[...]


[1] vgl. Bienemann 1995 S.231

[2] vgl. Münder u.a. 2000 S. 82

[3] Bast in Schone u.a. 1997 S. 18

[4] vgl. Bienemann 1995 S. 231

[5] vgl. Schone u.a. 1997 S. 19 f.)

[6] Schone u.a. 1997 S. 21

[7] vgl. Bienemann 1995 S. 231

[8] vgl. Dettenborn 2002 S. 33 f.

[9] vgl. Bowlby 2001 S. 11

[10] vgl. Schilling 1995 S. 26 f.

[11] Bowlby 1995 S. 43

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vernachlässigung von Kindern
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V163183
ISBN (eBook)
9783640774524
ISBN (Buch)
9783640774777
Dateigröße
1350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Vernachlässigung, Missbrauch, Kindeswohl, Elternrechte, Elternpflichten, soziales
Arbeit zitieren
Veronika Weigel (Autor:in), 2006, Vernachlässigung von Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163183

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