Biographienanalyse zu Bettina von Arnim


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bettina in jungen Jahren
2.1 Herkunft und Entwicklung
2.2 Begegnungen mit Goethe

3 Die Frau Achim von Arnims
3.1 Die Ehe und Mutterschaft
3.2 Der Tod Achim von Arnims

4 Die Schriftstellerin
4.1 „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ – Ihr erstes Buch
4.2 Die Vorrednerin des Volkes

5 Schlussfolgerungen und Ausblick auf mögliche künftige Formen biographischer Arbeiten über Bettina von Arnim

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Biographien haben immer etwas subjektives an sich. Nie kommt es zu einer gewünschten Objektivität, da jeder Biograph die Person, die er darstellen will, aus seinem Blickwinkel her betrachtet. Immer baut sich ein vom Biographen erdachtes Konstrukt auf, welches ein Bild von der zu beschreibenden Person entwickelt und dem Leser glaubhaft macht, dass die Person genau so war. Oft ist die Konstruktion gesellschaftsabhängig und entspricht den Umständen der Zeit, in der der Autor schreibt. Aufgabe eines Historikers und Ziel dieser Arbeit ist es, entsprechende Biographien zu Bettina von Arnim zu analysieren und zu dekonstruieren, d.h. aufzudecken, wie eine Person in den entsprechenden Biographien dargestellt wird und was dies für sie bedeutet.

Bettina von Arnim, geboren 1785 in Frankfurt am Main als Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano, war eine deutsche Schriftstellerin und zudem eine der bedeutendsten Vertreterinnen der deutschen Romantik. Sie selbst nannte sich Bettine, um Verwirrungen mit einigen Buchtiteln auszuschließen. Der Name diente als Kurzform ihres Vornamens Elisabeth. Bettina von Arnim wurde im Ursulinenkloster in Fritzlar erzogen und lebte nach dem Tode ihrer Eltern bei ihrer Großmutter Sophie von La Roche. 1811 heiratete sie den bekannten Schriftsteller Achim von Arnim. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. Erst nach dem Tod Arnims 1831 begann ihr eigentliches schriftstellerisches Schaffen. Unter anderem korrespondierte sie mit Johann Wolfgang von Goethe, Karoline von Gründerode, ihrem Bruder Clemens Brentano, Philipp Nathusius und Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Diese Schriften gab sie z. T. in bearbeiteter Form heraus. Von Bedeutung ist auch ihr politisches Engagement. So schrieb sie 1843 ein sozialkritisches Werk mit dem Namen „Dieses Buch gehört dem König“, in welchem sie die Missstände der in Berlin grassierenden Cholera beschreibt. Des Weiteren veröffentlichte sie 1852 in Enttäuschung der misslungenen Revolution von 1848 „Gespräche mit einem Dämonen“. Weitere bedeutende Titel sind die „Polenbroschüre“, in der sie die ungerechte preußische Verwaltung der ehemals polnischen Gebiete anprangert und ihr „Armenbuch“, welches der Zensur unterworfen wurde. Auch kümmerte sie sich um die Herausgabe der Werke ihres Mannes. Nach einem Schlaganfall verstarb sie 1859 in Berlin und wurde in Wiepersdorf bestattet.[1]

Anhand ausgewählter Lebensabschnitte der Bettina von Arnim sollen Differenzen in dem von ihr gezeichneten Bild aufgezeigt werden. Dabei werden unterschiedliche weibliche und männliche Betrachtungswinkel der Autoren berücksichtigt werden, welche untersucht und miteinander verglichen werden sollen. Diese unterschiedlichen Lebensepochen der Bettina von Arnim sind nicht von willkürlicher Art gewählt, sondern stellen wichtige Einschnitte im Leben der von Arnim dar. Bei der Betrachtung geht es jedoch nicht darum zu fragen, wer Bettina von Arnim war, sondern vielmehr darum, wie sie dargestellt wurde und es bis heute wird.

Die für diese Hausarbeit benutzte Literatur ist von Herman Grimm „Bettina von Arnim“ aus dem Jahre 1880, das zeitnaheste Werk nach dem Tod Bettina von Arnims. Des weiteren Moriz Carriere „Bettina von Arnim“ von 1887 und Karl Hans Strobl ebenfalls mit dem Titel „Bettina von Arnim“ von 1906. Adda von Koenigsegg „Die Frau, die die Romantik selber war. Bettinas Lebensroman“ von 1938. Ingeborg Drewitz „Bettine von Arnim. Romantik, Revolution, Utopie – Eine Biographie“ von 1969, Fritz Böttger „Bettina von Arnim. Ein Leben zwischen Tag und Traum“ von 1986, sowie eine weitere Biographie, verfasst von Michaela Diers „Bettine von Arnim“ von 2001. Wie zu ersehen, ist die gewählte Literatur ein Querschnitt durch 120 Jahre der Biographiehistorie der Bettina von Arnim. Dabei soll zum einen die Beschreibung Ende des 19. Jahrhunderts, sowie Anfang des 20. Jahrhunderts, zum anderen die Sichtweise während des dritten Reiches, sowie die aktuelle Sichtweise zu Bettina von Arnim beleuchtet werden. Sowohl in der Darstellung der Bundesrepublik als auch der Deutschen Demokratischen Republik. Es soll ein Überblick durch verschiedene Epochen gewährleistet werden, um das gezeichnete Bild der Darstellung der Bettina von Arnim umfassend zu analysieren.

Im letzten Teil der Arbeit erfolgt ein Ausblick über mögliche Formen zukünftiger biographischer Darstellungen über das Leben und das Werk Bettina von Arnims. Dieses Kapitel soll schließlich gleichzeitig als ein Fazit bzw. Resümee dienen.

2 Bettina in jungen Jahren

In diesem Kapitel soll die Schilderung Bettina von Arnims in den Jahren ihres Werdegangs untersucht werden. Dazu soll zum einen ein Bild über ihre Herkunft und Entwicklung gezogen werden, zum anderen wird die Begegnung mit Goethe untersucht, einem in ihrem jungen Leben einschneidendem Ereignis. Fraglich ist bei der Begegnung mit Goethe, ob die älteren biographischen Darstellungen diesem Ereignis genauso viel Bedeutung zumessen wie einige jüngere Werke dies tun oder ob nicht gar die Bekanntschaft zu Karoline von Gründerode hier als wichtiger dargestellt wird. Zu beantworten sind weiterhin Fragen, z.B. welches Bild die Autoren zu der Entwicklung Bettinas zeichnen und wie sie dargestellt wird.

2.1 Herkunft und Entwicklung

Zunächst fällt die Betrachtung der Bettina von Arnim auf die Jahre ihrer Jugend und ihrer Entwicklung.

Die zeitnah erste Beschreibung der Bettina von Arnim wird durch Herman Grimm geliefert. Dieser schrieb eine Biographieskizze und beschreibt sich selbst als Freund der Familie von Arnim. Er kann sich mit Recht als ein solcher bezeichnen, denn er war der Sohn von Wilhelm Grimm. Die Gebrüder Grimm standen im engen Kontakt zu Bettina. Zudem war er der Schwiegersohn von Bettina. Er beschreibt, dass er sehr viel von Bettina gelernt habe und sie als eine Art Doppelgängerin seiner Mutter ansah.[2] Zur Jugend Bettinas beschreibt er, dass sie ungezwungen aufwuchs, inmitten einer großen Familie und Verwandtschaft. Auch deutet er an, dass sie später gern aus ihrer Kindheit und Jugend erzählte.[3] Weiter beschreibt er, dass sie bis auf ihre letzten Lebensjahre, nie krank war. Sie füllte jeden Moment mit Lebendigkeit aus. Auch soll sie sich überall zu Hause gefühlt haben und war es gewöhnt, viel unterwegs zu sein. „Wir finden sie am Main, am Rhein, in Baiern, Oestreich, Thüringen, immer an jedem Orte von Freunden oder Verwandten umgeben.“[4]

Folgt man dem Autor, so wird Bettinas spätere Stärke gerade durch diese Jahre geprägt, in welchen sie ein sicheres und glückliches Leben erfuhr. Ein Motiv, welches auch durch viele spätere Autoren aufgegriffen wurde. Auch wird sie als Person beschrieben, die an jedem Ort zu Hause sein konnte, nur deckt sich dies nicht mit ihrem späteren Leben. In diesem Lebensabschnitt wollte sie nur an einem Ort zu Hause sein, wollte nicht dauerhaft zwischen ihrem Wohnsitz Berlin und dem Gut in Wiepersdorf pendeln.

Moriz Carriere verfasste ebenfalls eine knapp gehaltene Biographieskizze und kannte sie ebenfalls persönlich. Er beschreibt, dass er ein sehr enges Verhältnis zu ihr hatte, hauptsächlich basierend auf kulturellen Austausch. Er selbst beschreibt sich als ein glaubwürdiger Zeuge. Auch distanziert er sich davon, durch die Bekanntschaft zu Bettina einen Nutzen gezogen zu haben.[5] Dabei schildert er anfangs ausführlich ihre Entwicklung in jungen Jahren. Hier wird zum ersten Mal ihre Jugendzeit im Kloster Fritzlar beschrieben, ein Faden, der sich auch durch spätere Biographien ziehen wird. Alles wird als glücklich und heiter beschrieben. Das ist als Motiv der Stärke aufzufassen. In einer glücklich verlebten Kindheit sehen viele Autoren immer wieder ein Indiz für einen späteren gefestigten Charakter. Neben ihren künstlerischen Fähigkeiten bemerkt er, dass sie sich früh der Romantik zuwandte. Schnell wird hier auch wieder ein Bezug zu Goethe festgehalten. So meint Carriere, dass schon früh durch ihren Umgang mit bekannten Zeitgenossen die Fäden geknüpft wurden, welche Bettina zu Goethe führten.[6]

Die Schilderungen von Karl Hans Strobel, eine um die Jahrhundertwende verfasste Biographie, beginnt mit der Beschreibung Bettinas Jugendzeit im Kloster Fritzlar. So beschreibt er z.B., dass sie von jedem verwöhnt und gehätschelt wurde und sich das gesamte Kloster ihren Launen unterworfen habe. Der Autor nimmt eine detaillierte Beschreibung der Jahre in Fritzlar vor. So stellt er Bettina als sehr naturverbunden dar. Sie soll den ganzen Tag an der frischen Luft gewesen sein, sich mit dem Bachlauf beschäftigt haben und sich sehr für die Fauna des Klosters interessiert haben. Hier soll sie auch schon früh festgestellt haben, dass sie anders ist als andere: nicht ängstlich, in Harmonie lebend und immer mit der Natur verbunden. Aber auch Strobel kann nicht ohne Goethe auskommen. Er meint, dass die Verehrung der Natur die Grundlage von Goethes Pantheismus ist, nur im Gegensatz zum ruhigen Goethe ist Bettina in der Natur wie ein Wirbelwind. Auch wurden hier im Kloster ihre künstlerischen Fähigkeiten geweckt, von Gitarrespielen, über das Malen bis hin zur weiblichen Hausarbeit, wie er meint.[7]

Die Vorgeschichte mit ihrer Geburt und ihrem Elternhaus findet bei Strobl keine Erwähnung. Vielmehr geht er nach der Klosterzeit auf ihren Aufenthalt in Frankfurt am Main ein. Dort beschreibt er den starken Einfluss ihrer Großmutter Sophie von La Roche und ihrem Bruder Clemens Brentano. Die Großmutter wird hier, im Gegenteil zu vielen späteren Biographien mehr in den Mittelpunkt gerückt. Sie wird als eine große Schriftstellerin gewürdigt, die zudem großen Einfluss auf die Gesellschaft hatte. Jedoch soll das Verhältnis Bettinas zu ihrer Großmutter nicht von Liebe geprägt gewesen sein, sondern eher von Ehrerbietung. Auch beschreibt er den Großvater La Roche, welcher Staatsminister von Kurmainz war. Zwar hatte Bettina diesen nie kennen lernen dürfen, aber diesen nennt er nur, weil er einen Bezug zu Bettina herstellen will. So meint er, dass Bettina ihre Begabung wohl weniger von ihren Eltern, als vielmehr von ihren Großeltern hätte. Von der Großmutter die Begabung zur Schriftstellerei, vom Großvater die der Philosophie. Dieses stellt gleichzeitig aber auch einen Widerspruch dar, denn des Weiteren zählt er zu Bettinas Vorzügen die Mischung von „Germanentum“ und „Romanentum“.[8] Dieses sog. Romanentum konnte aber nur von ihrem Vater stammen, welcher italienische Wurzeln hatte.

Strobel schildert weiterhin eine sehr glückliche Kindheit, eine Jugend, die nicht besser hätte sein können. So erlangte das junge Wesen in der naturverbundenen Umgebung von Fritzlar viel Kraft, um das spätere Leben zu meistern. Dieses Motiv taucht auch bei vielen späteren Autoren auf. Zugleich einwickelte sie in Obhut der Großmutter geistige Fähigkeiten, die sie in ihrer späteren schriftstellerischen Karriere nutzte. Die Liebe, welche sie, wie beschrieben, bei der Großmutter nicht hatte, schien sie bei ihrem Bruder Clemens gefunden zu haben. Dieses Verhältnis wird als innig und liebevoll beschrieben. So kann man konstatieren, dass sie eine Dreiteilung in ihrer Jugend erfuhr, von allen Seiten ein Element bekommen zu haben.

Mit Adda von Koenigsegg bekommt eine Autorin aus der Zeit des dritten Reiches das Wort. In ihrem Werk „Die Frau, die die Romantik selber war. Bettinas Lebensroman“ ersieht man schon am Titel eine Wertung. So wird sie auch schon in den einleitenden Worten als die Frau der Romantik beschrieben, die zudem ihrer Zeit weit voraus war. Dieses Werk stellt einen historischen Roman dar, welcher mit Selbstdokumenten und zeitgenössischen Schriften untermauert wird. Bei dieser Arbeit werden die benutzten Quellen nicht direkt genannt, wie es auch bei fast allen übrigen Werken der Fall ist.

Der Roman setzt erst mit der Zeit Bettinas im Kloster Fritzlar ein. Ihr Elternhaus wird als mutterlose Einrichtung beschrieben, es folgt eine nüchternde Schilderung des Vaters. Bettina wird in diesen Jahren als Kind schon mit der Gabe beschrieben, dass sie alle Unruhe bannen konnte. So beruhigte sie laut Koenigsegg immer den aufbrausenden und strengen Vater. Auch soll sie, trotz dessen, dass sie kindlich aussah, etwas an sich gehabt haben, was ganz und gar nicht einem Kind entsprach. Hier kann man festhalten, dass Bettina als kein normales Kind beschrieben wird, Koenigsegg sie gar als ein Wunderkind ansieht. Bettina wird zwar als niedliches Kind beschrieben, doch hält die Autorin fest, dass sie wohl niemals eine Schönheit werden würde, sie hätte nur etwas reizvolles an sich.[9] Mit dieser Meinung steht Koenigsegg bisher allein, denn alle anderen Autoren beschreiben Bettina als schönen Menschen. Grund zu dieser Meinung könnte das alte Klischee sein, dass, wenn ein weibliches Wesen überaus begabt ist, könne dieses keine weiblichen Züge tragen, erst recht nicht schön sein.

Ihr Bruder Clemens wird hingegen als elegant, begabt und schön bezeichnet. Das Verhältnis beider wird als sehr positiv beschrieben. Bettina war es, welcher er alles beichten konnte und welche ihn verstand. Der Gegensatz wird hier geschildert, dass der Vater zum einen viel Liebe und Verständnis für Bettina hatte, zum anderen aber in Clemens einen Unwürdigen sah, der sich immer in seine Parallelwelt versetzte.[10] Wenig Beachtung findet hingegen ihre Zeit im Kloster Fritzlar. Das Leben dort wird nur kurz und scheinbar unwichtig beschrieben „[…] der Schlafsaal des Klosters in Fritzlar […] all der kleinen Mädchen, die hier ihrer Zukunft entgegenschliefen.“[11] Mit diesem Bildnis entsteht der Eindruck, als wäre die Ausbildung dort einschläfernd und sinnlos. Demgegenüber wird Bettina gestellt: „[…] erfüllt von Verachtung für die stumpfen Schläferinnen, die das Beste des Lebens versäumten. Sehr oft entwich sie so der Ordnung des Schlafsaals.“[12] Wieder wird Bettina von anderen abgehoben, sie lebte bewusst, während die anderen alles in ihrem Schlaf verpassten.

Den Passus, den Koenigsegg über Bettinas Großmutter Sophie von La Roche schreibt, untersteht wieder der hilfsbereiten Bettina. Die Großmutter wird als alt und allein beschrieben. Jemand aus dem Hause Brentano sollte sich um sie kümmern. Als dies aber niemand wollte erbarmte sich Bettina. „[…] diese alte Frau La Roche […] jetzt sprach kein Mensch mehr von ihr […] Viele fanden sie komisch und lachten über sie […] Da sah Bettine sich selbst. […] ‚Großmutter ist so allein – ich gehe nach Offenbach’.“[13] Koenigsegg lobt Sophie von La Roche im Weiteren als große Dichterin. Auch beschreibt sie, dass der Freiheitsdrang Bettinas, zum Leidwesen ihrer Familie bei der Großmutter ausgeprägt wurde.[14] Zum weiteren Leben Bettinas bei der Großmutter schreibt sie hingegen nichts.

Ingeborg Drewitz beginnt ihre Schilderungen zu Bettinas Leben mit Beschreibungen ihrer Geburtsstadt Frankfurt am Main. Das heißt sie schildert die Lebensumstände und das Bild der damaligen freien Reichsstadt Frankfurt. Bevor sie auf Bettina selbst überleitet, legt sie die familiären Verhältnisse der Familie Brentano dar. Doch schon zu Beginn ihrer Ausführungen über Bettina von Arnim verfällt Drewitz in eine klischeehafte Beschreibung. So schreibt sie zu dem ungenauen Geburtsjahr Bettinas, dass es eben sehr weiblich von Bettina war, ihre Altersangabe unkonkret auszudrücken.[15] Über ihre frühe Kindheit, so schreibt Drewitz weiter, sei nur sehr wenig bekannt, nur das, was sie in späteren Briefen selbst mitteilte. Weiter wird Bettina in ihrer Kindheit als übermütig und schmeichelhaft beschrieben. Drewitz meint, dass ihre Kindheit, trotz des frühen Todes ihrer Eltern, sehr glücklich war. So nennt sie vor allem ihre Zeit im Kloster zu Fritzlar. Diese Jahre werden als wahre Heiterkeit beschrieben.[16] In diesem Zusammenhang wird Bettina auch als Mensch geschildert, der es gelernt hat, mit dem Tod umzugehen. „Sie hatte die Erfahrung vom ‚Nicht mehr sein’ zum ersten Mal ausgeheilt. Vielleicht war ihr hier die erstaunliche Kraft im Ertragen von Schicksalsschlägen, die sie immer wieder bewies, schon zugewachsen, weil sie die Freiheit des eigenen Erlebens ungefährdet, ja, ganz selbstverständlich hatte erproben können.“[17]

Fritz Böttger schildert die jungen Jahre Bettinas, indem er zuerst die Eltern beschreibt. Dazu beschreibt er, wie die Brentanos, ihre Eltern, versuchten, in Frankfurt Fuß zu fassen und sich wirtschaftlich zu etablieren. Er meint, dass Bettinas Eltern ihrer Erziehung kaum nachkamen, weil ihre Mutter sich immer wieder um ein Neugeborenes kümmern musste. Dagegen sagt Böttger, dass es Bettina vor allem an Liebe fehlte.[18] Die Zeit im Kloster Fritzlar, wird, wie schon bei Ingeborg Drewitz, als heitere Zeit beschrieben, die dem Wesen Bettinas entgegenkamen. Denn die Erziehung im Kloster setzte nicht nur auf religiöse Erziehung, sondern vor allem auf „Freude für das Kind und Raum für sein natürliches Wachstum“[19]. Böttger beschreibt Bettina in ihren jungen Jahren zudem als unruhig und undiszipliniert, auch als sehr schauspielerisch begabt, was er an den sehr lebhaften Schilderungen ihrer Briefe festmacht. Auch zieht er ein naturverbundenes Bild Bettinas, denn so beschreibt er, dass sie die Natur liebte und Sehnsucht nach Sonne, Tieren und Blumen hatte. All das konnte sie in Fritzlar genießen.[20]

Die Zeit bei ihrer Großmutter Sophie von La Roche wird von Böttger hingegen nicht als Blütezeit angesehen. Er beschreibt diese Zeit eher als Rückschritt ihrer Entwicklung. Die Großmutter war zwar herzensgut, konnte aber nicht die angefangene Ausbildung des Klosters fortsetzen. Auch prägte sich im Haus der Großmutter ihre Art des Glaubens, laut Böttger praktizierte sie ab hier den „herkömmlichen“ katholischen Glauben, so wie sie ihn in Fritzlar erlernt hatte.[21] Eine Frau La Roche wird hier als altbackene Frau dargestellt, eine große, berühmte Schriftstellerin wird derart degradiert, dass man denken könnte, Böttger hätte nie etwas von ihr gehört. Sie konnte laut ihm mit Kindern nicht umgehen, aber ein Herr Goethe war dort wieder eine Ausnahme. Diesen schildert Böttger hingegen immer in einem positiven Licht und belehrend für Bettina.

Die Biographie von Michaela Diers ist das aktuellste Werk über Bettina von Arnim, gleichzeitig ist es auch die einzige wissenschaftliche Biographie, die im Rahmen dieser Arbeit analysiert wird. Diers macht genau das, was andere Autoren zuvor vermieden haben, denn sie macht Anmerkungen und weist ihre benutzten Quellen exakt aus.

Zu Bettinas Herkunft geht Diers zunächst auf das Verhältnis ihrer Eltern ein. Dabei beschreibt sie, dass ihr Vater die Mutter nur deswegen geheiratet hatte, um seinen gesellschaftlichen Status aufzuwerten. Wie schon im Vorfeld beschrieben war der Vater zwar reich, aber nicht adlig, dies sollte sich mit der beschriebenen Hochzeit ändern. Damit spricht Diers diese Tatsache als Erste direkt an, andere Autoren zuvor klammerten diesen gesellschaftlichen Kontext aus. Weiter geht Diers nicht auf die Eltern ein. Interessanterweise spricht sie im Bezug auf Bettinas Leben davon, dass diese drei Leben hatte. Zwei wie jede Frau, das Leben, in der diese auf die Heirat vorbereitet wurde, und die Ehe als zweites Leben. Bettina hatte laut Diers ihr drittes Leben nach dem Tod Achim von Arnims, als ihre schriftstellerische Tätigkeit begann.[22] Diese Meinung ist nachvollziehbar, denn Frauen hatten zu dieser Zeit und auch darüber hinaus die Rolle der Mutter inne und waren für die Beglückung des Mannes zuständig. Arbeitstätig waren die wenigsten Frauen, es sei denn, sie waren Bäuerinnen oder arme Stadtbewohnerinnen. In dieser Hinsicht war die schriftstellerische Tätigkeit ein neues Leben für Bettina, frei und unabhängig.

Die Zeit im Ursulinenkloster beschreibt die Autorin als zum Teil chaotische Zeit, ohne Ordnung, aber dennoch gerade deswegen ganz nach dem Geschmack Bettinas. Bettina entwickelt hier ihren Drang zur Freiheit, wird als aufgewecktes und herumtollendes Geschöpf skizziert, welches ganz in eine Scheinwelt abtauchte, einen Zustand, welchen sie laut Diers auch im weiteren Leben beibehielt. Ablehnend hingegen wird die strenge Ausübung des Katholizismus geschildert. Hier sieht die Autorin den Grund für Bettinas spätere Religionskritik.[23] Folgt man den meisten genannten Autoren, so muss wohl die Zeit in Fritzlar einen großen Einfluss auf sie gehabt haben, denn Bettina berichtet in ihren späteren Werken immer wieder von ihrem Aufenthalt in Fritzlar.

Nach einer kurzen Schilderung der Leistung von Sophie von La Roche geht Diers auf Bettinas Leben bei ihrer Großmutter ein. Dabei heißt es, dass La Roche für Bettina eine geliebte Großmutter war und sich liebevoll um ihre Enkelin kümmerte. Auch wurde Bettina bei ihrer Großmutter weiter ausgebildet, denn der Unterricht wurde „[…] durch Privatlehrer fortgesetzt. Bettine erhält Geschichts-, Sprach- und Musikstunden sowie rudimentären Unterricht in den Naturwissenschaften.“[24] Im Gegensatz zu anderen Frauen dieser Zeit erhielt Bettina laut Diers eine Ausbildung die über die der Mutterrolle hinausging. Anders als bei Fritz Böttger zuvor bekommt die Großmutter eine viel tragendere Rolle. Gleichfalls zeichnet Diers aber auch das Bild einer faulen Bettina, wobei sie sagt, dass sie sich im Unterricht langweilte und zum lernen keine Lust hatte.[25] Dies stellt einen klaren Gegensatz dar, denn zum einen hatte sie eine gute Ausbildung, zum anderen lehnte sie diese aber ab und entwickelte sich trotzdem. Das alles macht den Anschein, als sehe die Autorin in Bettina ein Wunderkind, ein Genie von Grund auf an.

Als weiterer Weichensteller Bettinas wird ihr Bruder Clemens gesehen, der sie in die Romantik einführte. Clemens wird mit revolutionären Ideen dargestellt, ganz im Gegenteil zur Großmutter, die für konservative Werte stand.[26] Bettina wandelte laut Michaela Diers zwischen zwei geistigen Welten, der konservativen ihrer Großmutter und den neuen, revolutionären Ideen, welche sie durch ihren Bruder kennenlernte.

2.2 Begegnungen mit Goethe

Die Begegnung mit Johann Wolfgang von Goethe sehen viele Autoren als ein einschneidendes Ereignis im jungen Leben der Bettina von Arnim.

Grimm beschreibt die Zusammenkunft mit Goethe, indem er zunächst schildert, wie Bettina ausgebildet wurde. So beschreibt er ihre Ansichten, Talente und Fähigkeiten. Für ihn bildet das Aufeinandertreffen mit Goethe den Abschluss ihrer Ausbildung und zugleich ihrer Jugend. Sie sei, so Grimm, darauf vorbereitet mit Goethe zu verkehren.[27] Dies alles macht den Eindruck, als hätte Bettina ihre gesamte Ausbildung genossen, nur um mit Goethe überhaupt verkehren zu dürfen. Goethe stellte hier einen Lehrmeister für die junge Bettina dar, der nur darauf wartete, sie gesellschaftlich zu prüfen. Weiter betont Grimm, dass das Verhältnis beider niemals im Sinne einer Liebschaft zu betrachten war, vielmehr war Goethe eine Art Vaterfigur. Goethe wird als starker Mann dargestellt, der es nicht nötig hatte sie zu lieben, gleichfalls erkannte er aber ihren inneren Reichtum an und gab ihr das Recht sich mit ihm verwandt zu fühlen.[28] Neben dem Motiv des Meisters nimmt Goethe hier auch gleich noch eine Vaterrolle ein. Grimm beschreibt ihn hier schon fast als Übermenschen, der sich um seine selbst gewählte Schülerin kümmerte.

Moriz Carriere zitiert in Bezug auf das Kennenlernen mit Goethe einen Brief, in welchem der Dichter sich mit Bettina in seine eigene Jugend zurückversetzt fühlte. Carriere sieht Ähnlichkeiten zwischen beiden, jedoch war die Jugend Goethes glücklicher als die der Bettina. Anders konnte es auch nicht sein, wie kann jemand anderes eine glücklichere Jugend verbringen als Goethe selbst? Jedoch nennt Carriere nicht nur den Kontakt zu Goethe, sie korrespondierte darüber hinaus auch mit Beethoven. Kontakte jedoch mit weiblichen Zeitgenossen werden hier nicht genannt, auch nicht der Kontakt zu Karoline von Gründerode.[29]

Bevor Strobl auf die Bekanntschaft zu Goethe eingeht, schildert er zunächst ihr Verhältnis zur Stiftsdame Karoline von Gründerode. Er sagt, dass die Bekanntschaft zu dieser zu den wichtigsten Erlebnissen Bettinas zwischen der Zeit im Kloster und der Begegnung mit Goethe gehörte. Bettina wird in dieser Phase als eine Person beschrieben, die das Heroische liebte, die mutige Tat, beides vereint fand sie in der Gründerode. Es folgt eine Beschreibung der Gründerode, beide sollen sich sehr ähnlich gewesen sein. Sie hatten beide viel Phantasie, doch unterschieden sie sich darin, dass Bettina als hell und fröhlich galt, die Gründerode hingegen schwermütig und düster war. Aber beide hatten, wie Strobl meint, die weibliche Eigenschaft einer naiven Ich-Sucht. Bettina soll sich der Gründerode bedingungslos hingegeben haben. Dies muss aber nichts bedeuten, denn Strobl führt weiter aus, dass die bedingungslose Hingabe ein Motiv Bettinas gewesen war, welches sich in jeder Freundschaft wiederholte. Doch hebt Strobl besonders an der Freundschaft hervor, dass Bettina bei ihr die Bücher mit Verstand zu lesen lernte. Auch meint er, dass sie sich gegenseitig wenig von ihren wirklichen Gefühlsumständen mitteilten. So wusste Bettina lange Zeit nicht, dass die Gründerode ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann hatte. Den Selbstmord der Gründerode sieht Strobl als ein Heldentum an, genau den Heldentum, den, laut ihm, Bettina verehrte.[30] In keiner Weise jedoch beschreibt er wie Bettina darauf reagiert hatte, welche Gefühle sie in sich trug. Strobel ist der erste Autor, welcher auf die Beziehung zur Gründerode eingeht. Doch für ihn steht nicht die Person im Vordergrund, sondern das Motiv des Heldentums, welches er in der Gründerode sieht.

Ganz anders vollzieht sich die Beschreibung der Begegnung mit Goethe, welche im Folgenden analysiert werden soll. Der Auftritt Goethes wird so beschrieben, dass das Schicksal der Gründerode vorüberging und ein anderes Schicksal, das von Goethe, sich hinter einem Nebelfeld aufzeichnete. So lernte sie ihn über dessen Mutter Catharina Elisabeth Goethe, auch genannt „Frau Rat Goethe“ kennen, jene Frau die auch schon zu Bettinas Mutter freundschaftliche Kontakte pflegte. Goethes Mutter wird als bester Kamerad und eine die Jugend verstehende Frau beschrieben. Es wird suggeriert, dass Bettinas Leben von diesem Zeitpunkt an unter Goethes Sonne stand. Im Zuge dessen entstanden erste Briefkontakte zu ihm.[31]

Das Kapitel, welches der Beziehung zu Goethe gewidmet, ist trägt den Namen „Der Geliebte“. So beginnt Strobl auch seine Ausführungen, dass Bettinas gesamtes vorheriges Leben nichts als Vorbereitungszeit für Goethe war. All das, was sie tat scheint nach seiner Meinung für Goethe gewesen zu sein. Hier ist auch wieder ganz deutlich das Meistermotiv zu erkennen, welches Goethe für sie einnahm. „Keine Handlung Bettinas gibt es, die nicht in irgendeiner Weise auf Goethe rückbezogen werden könnte.“[32] Während er fast eine heilige Beschreibung dessen liefert, wie sie zu Goethe Kontakt aufbaute, kommt er wieder auf Goethes Mutter zu sprechen. Wie er meint, war die Mutter es, die Bettina zu Goethes Dienste weihte und sie salonfähig machte, überhaupt in Kontakt mit ihm zu treten. Er beschreibt, dass die enge Beziehung allerdings nur von 1807 bis 1811 dauerte. Doch trotz dieses kurzen Zeitraumes beschreibt er sie als so innig, dass er jedes Detail nennt, welches er aus Briefen von Bettina zitiert. Bettina wird hier als sehr schwärmerisch und verliebt beschrieben und will man den Schilderungen folgen, dann ist es Goethe der sie inspirierte, in seiner gehobenen Art und Weise, immerhin war er der Meister. So soll laut Strobl Goethe zu Bettina die Bitte geäußert haben, ihn immer zu lieben, welche Bitte sie bejaht habe. Aber zu einer wirklichen Liebe kam es laut Strobel nicht und Bettina konnte ihre Befriedigung nur dadurch erringen, dass sie eine geistige Vereinigung mit Goethe haben konnte.

[...]


[1] Vgl.: Kluckhohn, Paul: s.v. Bettina von Arnim. In: Neue deutsche Biographie. Band 1, Aachen – Behaim. Hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 1971, unveränderter Nachdruck, S. 369 ff.

[2] Vgl.: Grimm, Herman: Bettina von Arnim (=Sonder-Abdruck aus dem Goethe-Jahrbuch, Bd. 1). Berlin 1880, S. 9.

[3] Vgl.:Ebenda, S. 1 f.

[4] Ebenda, S. 2.

[5] Vgl.: Carriere, Moriz: Bettina von Arnim. München 1887, S. 83.

[6] Vgl.: Ebenda, S. 66.

[7] Vgl.: Strobl, Karl-Hans: Bettina von Arnim. Bielefeld/Leipzig 1906, S. 2 ff.

[8] Vgl.: Strobl, Karl-Hans: Bettina von Arnim. Bielefeld/Leipzig 1906, S. 2 ff.

[9] Vgl.: Koenigsegg, Adda von: Die Frau, die die Romantik selber war. Bettinas Lebensroman. Leipzig 1938, S. 7 ff.

[10] Vgl.: Ebenda, S. 11 ff.

[11] Ebenda, S. 17.

[12] Ebenda, S. 18.

[13] Ebenda, S. 25 f.

[14] Vgl.: Ebenda, S. 50 ff.

[15] Vgl.: Drewitz, Ingeborg: Bettine von Arnim. Romantik, Revolution, Utopie – Eine Biographie. Hildesheim 1969, S. 14.

[16] Vgl.: Ebenda, S. 16 f.

[17] Ebenda, S. 17.

[18] Vgl.: Böttger, Fritz: Bettina von Arnim. Ein Leben zwischen Tag und Traum. Berlin 1986, S 24.

[19] Ebenda, S. 28.

[20] Vgl.: Ebenda, S. 30 ff.

[21] Vgl.: Böttger, Fritz: Bettina von Arnim. Ein Leben zwischen Tag und Traum. Berlin 1986, S. 36 ff.

[22] Vgl.: Diers, Michaela: Bettine von Arnim. München 2001, S. 7 ff.

[23] Vgl.: Ebenda, S. 19 ff.

[24] Diers, Michaela: Bettine von Arnim. München 2001, S. 27f.

[25] Vgl.: Ebenda, S. 28 f.

[26] Vgl.: Ebenda, S. 31.

[27] Vgl.: Grimm, Herman: Bettina von Arnim (= Sonder-Abdruck aus dem Goethe-Jahrbuch, Bd. 1). Berlin 1880, S. 3.

[28] Vgl.: Grimm, Herman: Bettina von Arnim (= Sonder-Abdruck aus dem Goethe-Jahrbuch, Bd. 1). Berlin 1880, S. 7.

[29] Vgl.: Carriere, Moriz: Bettina von Arnim. München 1887, S. 84 ff.

[30] Vgl.: Strobl, Karl-Hans: Bettina von Arnim. Bielefeld/Leipzig 1906, S. 42 ff.

[31] Vgl.: Strobl, Karl-Hans: Bettina von Arnim. Bielefeld/Leipzig 1906, S. 70 ff.

[32] Ebenda, S. 79.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Biographienanalyse zu Bettina von Arnim
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Geschichte)
Veranstaltung
Frauen, die die Welt veränderten
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
36
Katalognummer
V163227
ISBN (eBook)
9783640774609
ISBN (Buch)
9783640774753
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biographienanalyse, Bettina, Arnim
Arbeit zitieren
Udo Krause (Autor), 2008, Biographienanalyse zu Bettina von Arnim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163227

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