Das Leben Kaiser Marcus Aurelius´ im Spiegel der Reichsprägung

Münzen als Propaganda oder als Programm kaiserlicher Regentschaft?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Tageszeitung der Antike – Münzen als Kommunikationsmittel

Einleitung

2. Das Leben Marcus Aurelius´
Hauptteil
2.1. Die Jugend des Marcus Annius Verus
2.2. Die Designation unter Antoninus Pius
2.3. Die Jahre der Doppelherrschaft
2.4. Alleinherrschaft
2.5. Vom Aufstand des Avidius Cassius´ bis zum Tod des Kaisers

3. Die Reichsprägung unter Aurelius als antike Werbung? – Zwischen propagierter Beeinflussung und tradierter Programmatik

Zusammenfassung und Fazit

4. Abkürzungsverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Tageszeitung der Antike – Münzen als Kommunikationsmittel

Einleitung

Harold Mattingly bezeichnet die römischen Münzen als „newspapers of the day.“1Mit dieser Formulierung setzt er die numismatischen Erzeugnisse jener Tagen parallel zu den modernen Massenkommunikationsmitteln. Woher rührt dieses Urteil und inwiefern trifft diese Gleichsetzung zu?

Die emittierten römischen Münzen trugen im Normalfall auf der Vorderseite, dem Avers, das Porträt des jeweiligen Herrschers oder eines Familienangehörigen; auf der Rückseite, dem Revers, waren unterschiedliche Motive verewigt. So konnte man dort architektonische Meisterwerke, Gottheiten und deren Tempel, zeitgenössische Szenen – von erfolgreichen Schlachten und abgehaltenen Triumphen – und vieles mehr sehen.2 Während der Münzavers in der Regentschaft eines Kaisers weitgehend unverändert blieb, – natürlich wurden seine Titulatur und seine Physiognomie aktualisiert – unterlag der Münzrevers starken Veränderungen. Innenpolitische Reformen, außenpolitische Erfolge, soziale Veränderungen und das alltägliche religiöse Empfinden prägten die Darstellungsweise. Dies führte im Laufe der Zeit zu einem umfangreichen Bildrepertoire, aus dem – je nach Anlass und tagespolitischer Situation – geschöpft werden konnte. Der dadurch entstandene Motiv- und Aussagereichtum war in der Tat dazu geeignet, die römischen Münzen aus heutiger Sicht als zeitgenössisches Kommunikationsmittel zu verstehen. Dies gilt v.a. wenn man bedenkt, dass die Münzen seit jeher mit Bild und Schrift – also zwei zentralen kommunikativen Ausdrucksformen – arbeiten.3 Wenn man daran festhält, d.h. wenn man die numismatischen Erzeugnisse des Römischen Reiches als Tageszeitung verstehen will, stellt sich aber die Frage nach der Aussageabsicht dieses Mediums. Handelte es sich bei den römischen Reichsprägungen um Boulevard-Medien, die eher zur einseitigen Meinungsverbreitung und zur Propagierung vereinzelter Ansichten genutzt wurden oder handelte es sich um seriöse, kritisch-reflektierte Medien, die sich ernsthaft mit ihrer Umwelt und ihrer Zeit auseinandersetzten und die dabei sowohl positive als auch negative Aspekte in den Blick nahmen? Erfüllten die römischen Prägungen also ideologisch-propagandistische oder programmatisch-repräsentative Zwecke?

In den nachfolgenden Ausführungen soll anhand der numismatischen Zeugnisse zur Regentschaft Kaiser Marcus Aurelius´ eine Beantwortung dieser Fragen versucht werden. Da die Münzfunde zu seiner Person bzw. zu seiner Familie sehr umfangreich sind, kann diese Betrachtung jedoch nur mit Einschränkungen erfolgen. Alle unterschiedlichen Reichsprägungen seiner Regierungszeit zu analysieren, würde den Rahmen der folgenden Ausarbeitungen sprengen. Daher soll die Vita des Kaisers den Rahmen der Analyse bilden. Anhand bestimmter Etappen seines Lebens sollen vereinzelte Reichsprägungen herausgegriffen und entsprechend seines biografischen Werdeganges gedeutet werden. Im Hintergrund dieses Vorgehens schwingt auch die Frage mit, ob die Münzen glaubwürdig das Leben des Kaisers nachzeichnen können. Obwohl damit der Ansicht Ernst Alfred Stückelbergs Rechnung getragen wird, – dass Münzen als Geschichtsquellen verstanden und dementsprechend äußerlich (Was ist zu sehen?) sowie innerlich (Wie ist das Gesehene zu verstehen?) kritisch betrachtet werden müssen4 – kann jedoch die von ihm geforderte äußere Quellenkritik nur anhand der verfügbaren Literatur erfolgen. Ob es sich bei den angeführten Münzen um Originale handelt, ob sie nachträglich bearbeitet oder ob ihre Maße und ihr Gewicht authentisch sind, wird leider in den nachfolgenden Ausführungen – da die erwähnten Münzen nur in Printform vorliegen – nicht berücksichtigt werden können.

Den Abschluss der Arbeit bilden dann eine kurze Zusammenfassung sowie der Versuch einer Ergebnissicherung.

2. Das Leben Marcus Aurelius´

Hauptteil

2.1. Die Jugend des Marcus Annius Verus

„Rom erlebte einen besonderen Freudentag, [denn die Stadt] nahm Kenntnis von der Geburt eines Erben in einem ihrer besten Häuser. […] Es stand für viele fest, dass selbst der Kaiser das Haus der Annii um sein Glück beneiden musste.“5 Mit diesen Worten umschreibt Jörg Fündling die Geburt des Marcus Annius Verus, des späteren Kaisers Marcus Aurelius, der am 26. April 121 (n. Chr.) in Rom als Sohn des Annius Verus und seiner Frau Domitia Lucilla geboren wurde. Seine Familie – deren Wurzeln in Spanien lagen und die im 1. Jahrhundert nach Rom übergesiedelt war – hatte sich am Hof des Kaisers seit Generationen in der Ausübung öffentlicher Ämter hervorgetan.6 Nach dem verfrühten Tod des Vaters wurde Marcus von seinem gleichnamigen Großvater, dem zweifachen Consul Marcus Annius – der unter Kaiser Hadrian eine herausragende Stellung inne hatte – adoptiert. Dieser Umstand erklärt, weshalb der amtierende Kaiser bald auf den jungen Marcus aufmerksam wurde. „Hadrian, der selbst keinen Sohn hatte, zeigte geradezu eine Schwäche für den kleinen Marcus.“7 Jene Aufmerksamkeit ging soweit, dass Hadrian Marcus scherzhaft als Verissimus , d.h. den Wahrhaften bezeichnet haben soll. Marcus konnte diese übersteigerte Zuwendung seitens des Kaisers jedoch nicht gänzlich erwidern. Noch kurz vor seinem Tode schrieb Hadrian an Marcus und bedauerte die Kühle, mit der er von dem jungen Mann behandelt wurde. „Ich stelle mir vor, wie Dein jetzt so reines und jugendliches Gesicht einmal sein wird, wenn Du alt und müde bist. Ich spüre, wie viele zarte Gefühle oder vielleicht auch Schwäche Du hinter Deiner anerzogenen Härte verbirgst.“8 Die von Hadrian bemängelte Härte war wohl der rigorosen und auf die Zukunft des Jungen bedachten Erziehung geschuldet. Ganz in Tradition römischer Pädagogik wurde Marcus in jungen Jahren mit lateinischer und griechischer Literatur, Sprache und Grammatik; mit Mathematik, Kunst sowie der Rhetorik vertraut gemacht. Doch einzig von der Philosophie, zu der er vermutlich im Alter von 12 Jahren Zugang fand, zeigte sich Marcus lebenslang beeindruckt. Nach der griechischen Tradition der Stoa orientierte er nicht nur sein Denken, sondern auch seinen Habitus. So begann er frühzeitig sich aller weltlichen Annehmlichkeiten, die ihm durch seinen Geburtsstand zugänglich waren, zu entledigen.9 Mit 14 Jahren legte er die toga virilis an, wodurch er gesellschaftlich als Mann betrachtet wurde. Ein Jahr darauf arrangierte Kaiser Hadrian die Verlobung Marcus´ mit Ceionia Fabia, der Tochter des Lucius Ceionius Commodus. Dieser Schritt war nicht romantischen Gefühlen zwischen den jungen Leuten geschuldet, sondern wohl eher eine Frage der Staatsräson. Hadrian, der zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Jahre alt war, wollte seine Nachfolge sichern. Da er selbst keine Söhne hatte, fiel ihm frühzeitig Marcus Annius als Nachfolger ins Auge. Ihn konnte er jedoch nicht direkt als Prätendenten nominieren.10 Lucius Ceionius Commodus sollte deshalb als Übergang fungieren. Hadrian – der selbst höchstwahrscheinlich von Kaiser Trajan auf dessen Sterbebett adoptiert und zum Nachfolger designiert worden war11 – adoptierte im gleichen Jahr besagten Ceionius. Die Zeitgenossen empfanden die Adoption und die damit einhergehende Designation des Ceionius´ als politischen Sprengstoff. Obwohl Ceionius zwar einer vornehmen Familie entstammte, galt er in politischen Belangen als profillos. Der Klatsch jener Tage behauptete u.a., dass Ceionius entweder der uneheliche Sohn Hadrians bzw. dessen Geliebter war.12 Diese Bedenken kümmerten Hadrian jedoch nicht. Ihm kam es auf die Sicherung seiner Erblinie an. Denn die Kinder, die Ceionia Marcus gebären würde, wären durch die Adoption des Ceionius Enkelkinder Hadrians und somit direkte Thronfolger. Jedoch ging die dynastische Rechnung Hadrians nicht auf, da Ceionius am 01. Januar 138 verstarb. Um Marcus trotzdem auf den Thron zu setzen, adoptierte Hadrian im Februar 138 Titus Aurelius Fulvus, den Onkel des Marcus. Die Adoption und Designation des Titus Aurelius Antoninus – diesen Beinamen hatte er sich nach der Adoption zugelegt – war jedoch an die Bedingung geknüpft, dass Antoninus seinerseits sowohl Marcus – der nach dem Tod seines Großvaters abermals Waise war – als auch den Sohn des verstorbenen Ceionius, den späteren Lucius Verus, zu adoptieren hatte. Für diese erste, familiär höchst abwechslungsreiche Lebensphase Marcus´ finden sich keine numismatischen Belege. Dies sollte sich jedoch unter der Regierung des Antoninus´ ändern.

2.2. Die Designation unter Antoninus Pius

Nach dem Tod Hadrians am 10. Juli 138 übernahm Antoninus die Regierungsgeschäfte und – sowohl in Eingedenk der Wünsche Hadrians und der Tatsache, dass er selbst eine sehr innige und väterliche Beziehung zu Marcus pflegte13 – machte sich stracks daran, Marcus zu seinem

Nachfolger aufzubauen.14 So löste er zuallererst die bestehende Verlobung zwischen Marcus und Ceionia. Seine älteste Tochter, Annia Galeria Faustina, wurde nun aus ähnlichen dynastischen Motiven, die seinerzeit Hadrian bewogen hatten, mit Marcus verlobt. Da Lucius, der Sohn des Ceionius Commodus, ursprünglich mit Faustina verlobt gewesen war, galt dieser Schritt Antoninus´ – der nunmehr den Beinamen Pius trug – nicht nur als erste Proklamation des Marcus, sondern auch als direkte Zurückstellung des anderen Adoptivsohnes, der für viele Jahre keine neue Verlobte bekam.15 In den darauffolgenden zwei Jahren führte Antoninus den jungen Prätendenten schrittweise in das politische Geschäft ein. So wurde Marcus – noch vor Vollendung seines 20. Lebensjahres – 139 zum Quaestor, zum princeps iuventutis sowie zum Mitglied aller sechs Priesterkollegien.16 140 wurde er außerdem noch zum Consul berufen. Das deutlichste Anzeichen für die angestrebte Nachfolge Pius´ war jedoch die Verleihung des Caesaren-Titels, was sich anhand der Münzprägungen – die vom Kaiser kontrolliert wurden – festmachen lässt.17 So zeigten Denare des Jahres 140 auf dem Avers das Konterfei Antoninus Pius´ und auf der Rückseite wurde Marcus mit der Titulatur AVRELIVS CAESAR geehrt (Abb. 1).18

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

145 erfolgte die Vermählung mit Faustina, die in diesem Jahr das fünzehnte Lebensjahr vollendet hatte und somit ehefähig war. Auch dieses Ereignis wusste Kaiser Antonius gekonnt in Szene zu setzen. So wurden auf seine Veranlassung Münzen herausgegeben, die dem jungen Paar ein harmonisches und liebevolles Eheleben bescheinigten. Diese Darstellung war jedoch keine Wiederspiegelung tatsächlicher Umstände, sondern ein Versprechen an das gesamte römische Volk. Damals wie heute wurden junge Ehen besonders interessiert beobachtet, v.a. wenn es sich dabei um das künftige Kaiserpaar handelte.19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Wie auf dem Aureus des Jahres 145 (Abb. 2) zu sehen ist, zeigte Marcus gerade einmal die ersten Ansätze eines Bartes. Diese Darstellungsweise eines heranwachsenden Caesaren lässt vermuten, dass er in den alltäglichen Lebensbelangen zwar schon eingeführt wurde, jedoch von so manchen Erfahrungen und von Selbstständigkeit noch weit entfernt war. Dies galt natürlich auch für das Eheleben, weshalb den jungen Eheleuten, Marcus auf der linken und Faustina auf der rechten Münzseite, die Göttin der Eintracht und der Harmonie, Concordia, an die Seite gestellt wurde.20 Umrahmt wurde diese trinitarische Personenkonstellation von den Worten VOTA PVBLICA, was als öffentliches Gelübde oder – und ich glaube, dass dies eher mit der Münzprägung jener Tage, die v.a. auch das repräsentieren wollte, was das Volk vom Kaiser erwartete21 – als öffentlicher Wunsch übersetzt werden kann. Diese durch Pius initiierte Darstellung entsprach dem vorherrschenden Bild, dass gute Kaiser und auch junge Thronprätendenten keine Eheprobleme haben durften.22

Betrachtet man die weitere Entwicklung, so zeigte sich der anfängliche Beistand der Göttin Concordia, die als Patronin u.a. auch für Fruchtbarkeit zuständig war, ausgezahlt zu haben. Marcus und Faustina sollen insgesamt bis zu 14 Kinder gezeugt haben, von denen jedoch etliche kaum das Kleinkindalter überstanden haben dürften.23 Im November 147 wurde das erste gemeinsame Kind geboren, – die Tochter Domitia Faustina – wodurch die Thronfolge gesichert schien. So abgesichert konnte Kaiser Antoninus am 01.Dezember 147 Marcus mit der Tribunizischen Gewalt, der sog. tribunicia potestas und Faustina mit der Ehrenbezeichnung Augusta ausstatten (Abb.3). Interessanterweise wurden die neuen Machtbefugnisse des Marcus mit dem römischen Kriegsgott Mars in Verbindung gebracht, wovon die Münzemission des Jahres 148 zeugt (Abb. 4). Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass der Herausgeber dieses Aureus, Kaiser Antoninus Pius, große militärische Aktionen oder gar längere Kriegszustände für die kommende Regentschaft prophezeihen bzw. propagieren wollte. Vielmehr schwebte ihm der oftmals unterbetonte Wesenszug des Gottes Mars vor Augen – nicht nur für den Krieg, sondern v.a. auch für den Schutz des Volkes in Friedenszeiten zuständig zu sein.24 Außerdem war während seiner Regentschaft das Römische Reich nach Innen wie nach Außen stabil und befriedet. Es gab also daher keine Veranlassung, das römische Volk auf kommende Kriegszustände einzuschwören. Mit der Abbildung des Schutzgottes Mars wollte Antoninus an seine friedliche Regentschaft anknüpfen und eine direkte Kontinuitätslinie von sich selbst zu Marcus Aurelius ziehen. Er wollte dem Volk zeigen, dass auch unter dem jungen Nachfolger der Frieden und die allgemeine Sicherheit oberste Priorität geniessen werden. Diese Meldung wurde dann auch in den Provinzen des Reiches kundgetan, wozu ebenfalls die Münzen genutzt wurden. Im griechisch geprägten Alexandrien, das unter den unzähligen Provinzialprägungen die wichtigste Prägestätte war25, ist für das Jahr 148 eine Münzemission belegt, die zum einen bei der Darstellung des h aqnoo A uqy2 › oç K a › oaq Ansätze der römischen Kriegskleidung – Panzer und Paludament26 – zeigt und zum anderen auf dem Revers eine Darstellung der Göttin Athene liefert. Obwohl das griechische Pendant zum römischen Gott Mars eher Ares wäre, drückt Athene dieselbe Botschaft aus. Als Göttin der Weisheit, der Strategie, des Krieges sowie als Namensgeberin und Beschützerin der Stadt Athen hat sie ihren Schild nicht erhoben, – dies wäre ein Zeichen für einen bestehenden oder anbrechenden Konflikt – sondern zu Boden gelegt, was auf Frieden hindeutet. Auf ihrer rechten Hand trägt sie noch dazu ein Bildnis der Siegesgöttin Nike. Mit dieser Geste scheint sie sagen zu wollen, dass die Zeit der Schlachten vorbei ist und die Früchte des Sieges unter ihrer schützenden Hand offen zur Schau gestellt werden können (Abb. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbilung 3: Abbildung 4:

FAUSTINAE AVG PII AVG FIL

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5

TR POT II COS II

2.3. Die Jahre der Doppelherrschaft

Antoninus hatte Marcus systematisch auf sein künftiges Amt vorbereitet, welches er schließlich – nach dem Tod des amtierenden Kaisers am 07. März 161 – antrat. Entsprechend der römischen Tradition beantragte Marcus, der nun das Cognomen ANTONINVS AVGUSTVS trug (Abb. 6), beim Senat die Divinisierung des verstorbenen Kaisers.27 Die Münzen, die im selben Jahr emittiert wurden, verwiesen auf den gottgleichen und den der Verehrung würdigen Status des DIVVS ANTONINVS PIVS. Dies wurde nicht nur am gewählten Titel, sondern v.a. auch an den entsprechenden Reversdarstellungen deutlich. So trugen die Münzprägungen, die das Konterfei des Verstorbenen zeigten, auf dem Revers u.a. Abbildungen von Tempelbauten, die zur CONSECRATIO („Weihe“) Pius´ errichtet wurden (Abb. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Abbildung 7

MANTONINVS AVG ARM PARTH MAX

Diese ersten beiden numismatisch belegbaren Ehrbezeichnungen unter dem neuen Kaiser entsprachen dem Zeitgeist und dem gängigen Vorgehen, weshalb sie schwerlich als propagandistische Manipulation der Massen aufgefasst werden können. Eine andere Aktion, die im gleichen Zeitraum erfolgte, ist in der Rückschau jedoch schwieriger einzuschätzen. Kurz nach der Ernennung zum Kaiser erhob Marcus seinen Stiefbruder, der wie bereits angedeutet wurde eine eher unterbetonte Position bekleidete, zum gleichberechtigten Mitkaiser und Imperator.28 So übertrug er ihm die tribunicia potestas und das imperium proconsulare , wodurch Lucius Verus in allen Provinzen die Möglichkeit bekam, den Oberbefehl über das kaiserliche Heer zu übernehmen (Abb. 8). Was steckte hinter diesem Schritt des Marcus Aurelius?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8:

IMP L AVREL VERVS AVG CONCORDIAE AVGVSTOR TR P II COS II

Einige Forscher sind der Ansicht, dass Marcus – aufgrund seiner Leidenschaft für die Philosophie und der daraus resultierenden Züchtigung des eigenen Körpers – physisch schwach und dementsprechend ungeeignet für das Schlachtfeld war.29 Da das Volk jedoch von seinem Regenten erwartete, dass er im Ernstfall in den Krieg ziehen würde, entschied sich Marcus zur Aufteilung des kaiserlichen Aufgabenbereiches. Durch die Erhebung seines Bruders bestand nun die Möglichkeit, dass sich im Falle eines Krieges der eine Regent in Rom um die alltäglichen Geschäfte kümmern, während der andere die militärischen Aktionen vor Ort koordinieren würde. Wie die weitere politische Entwicklung zeigen sollte, blieb Aurelius während des ersten Krieges der kommenden Jahre tatsächlich in Rom zurück. Doch wollte Marcus Aurelius sich wirklich nur vor dem Krieg drücken? Wahrscheinlicher ist, dass er sich v.a. von dynastischen Überlegungen leiten ließ. Seine Ehefrau Faustina – so wird zumindest vermutet – erlitt in den Jahren nach der Geburt des ersten Kindes mehrere Fehlgeburten bzw. etliche der potentiellen Thronfolger starben im Kindesalter. Die Söhne, Commodus und sein Zwillingsbruder Titus Aurelius (geboren am 31. August 161) sowie Annius Verus (um 162 geboren), waren gerade erst geboren und nur die Götter wussten, ob sie überleben und den Vater würden beerben können.30 Da aber Lucius knapp zehn Jahre jünger war als sein Bruder, war erstens die Wahrscheinlichkeit aus seiner Blutlinie noch weitere gesunde, männliche Nachkommen zu erwarten wesentlich höher und zweitens – im Falle Lucius würde mit seiner nunmehr angetrauten Frau Lucilla, einer der Töchter des Marcus31, keine Söhne zeugen und selbst die Nachfolge antreten müssen – brauchte er praktische Erfahrung in politischen wie militärischen Belangen. Doch trotz der Machtzugeständnisse gegenüber Lucius und der numismatisch-propagierten CONCORIA AVGVSTORVM (Vgl. Abb. 8) blieb Marcus´ Position führend.32 Durch gute, ja fast familiäre Kontakte zu den bedeutendsten Senatoren- und Adelsfamilien besaß er uneingeschränkten Rückhalt in der Regierung. Dieser innere Frieden war auch notwendig, da Lucius als Imperator jederzeit das Heer auf seine Seite hätte ziehen und Marcus gewaltsam stürzen können. In den kommenden Jahren sollte Lucius dazu sogar Gelegenheit bekommen. Bereits unter Antoninus Pius hatte es Spannungen zwischen Rom und den Parthern gegeben, die meist friedlich und ohne größere militärische Aktionen beigelegt werden konnten.33 Mit seinem Tod nun war das „[…] Zeitalter der optimistischen Perspektiven beendet“,34 was am Eindringen der Parther in Armenien 161 deutlich wurde. Um dieser Bedrohung des Reiches zu begegnen, sammelte sich im Osten ein Expeditionscorps unter der Führung Lucius Verus. Offiziell behielt Marcus zwar die Oberleitung des Heeres, doch dürfte diese auszuüben schwierig gewesen sein, denn immerhin blieb er in Rom zurück, während ausschließlich sein Bruder ins Feld zog. Die schlussendlichen Siege gegen die Parther konnte Lucius somit gänzlich seiner Person gutschreiben. „[Dass er] nun selber etwas darstellte[…]“,35 schlug sich auch auf die Münzprägung nieder. So nahm Lucius die Siegernamen Armeniacus (Abb. 9) und Parthicus Maximus (Abb. 10) an, die Marcus erst nach dem Tod des Bruders kurzzeitig seiner Titulatur hinzufügte (Vgl. Abb.6). Bei Lucius´ Rückkehr nach Rom am 12. August 166 feierten die Brüder einen gemeinsamen Triumph – den höchsten Moment im Leben eines jeden Römers36 – über die Parther. Lucius wurde für seinen Einsatz mit der Titulatur pater patriae geehrt, die bis zu diesem Zeitpunkt Marcus für sich allein beanspruchte.

[...]


1 MATTINGLY, Harold: The Roman Imperial Coinage (RIC), Vol. 1, London 1923, Seite 22.

2 Vgl. WOLTERS, Reinhard: Die Geschwindigkeit der Zeit und die Gefahr der Bilder: Münzbilder und Münzpropaganda in der Römischen Kaiserzeit. In: WEBER, Gregor/ ZIMMERMANN, Martin (Hrsg.): Propaganda- Selbstdarstellung-Repräsentation im römischen Kaiserreich des 1. Jhs. N. Chr., Stuttgart 2003, Seite 176.

3 Vgl. Ebd., Seite 189.

4 Vgl. STÜCKELBERG, Ernst Alfred: Die Römischen Kaisermünzen als Geschichtsquellen, Basel 1915, Seite 1-4.

5 FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 13.

6 Vgl. MONTI, Enrico: Marc Aurel. Kaiser aus Pflicht, Regensburg 2000, Seite 25.

7 Ebd., Seite 26.

8 Zit. nach: Ebd., Seite 30.

9 Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 20.

10 Dass für Hadrian niemand anderes als Prätendent in Frage kam, zeigte sich bereits den Zeitgenossen anhand bestimmter Aussagen des Kaisers. „Jetzt bist Du mein Enkel und mit deinem neuen Namen wirst Du eines Tages in der Liste der Kaiser stehen. Ich glaube, ich habe den Menschen die einzigartigste Chance geboten, daß sie

einmal sagen können: Platons Vision ist in Erfüllung gegangen, unser Herrscher ist ein Philosoph mit reinem Herzen.“ Zit. nach: MONTI, Enrico: Pflicht, Seite 31.

11 Jörg Fündling ist sogar der Ansicht, dass die Adoption Hadrians dessen gesamte Regentschaft fragwürdig erscheinen ließ, weshalb er sich u.a. genötigt sah, seinen Nachfolger zumindest in einer populären und geschätzten Familie zu suchen. Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 15.

12 Vgl. Ebd., Seite 26.

13 Vgl. MONTI, Enrico: Pflicht, Seite 29. Es wird sogar berichtet, dass Pius und Marcus zusammen auf Wildschwein- und Vogeljagd gingen. Vgl. dazu: DEMANDT, Alexander: Das Privatleben der römischen Kaiser, München 1996, Seite 150.

14 So war seine gesamte Erziehung auf seine künftige Rolle als Feldherr und Herrscher ausgerichtet. Mehr als 25 Lehrmeister sorgten in jenen Jahren dafür, dass er das dafür notwendige Rüstzeug erhielt. Vgl. MONTI, Enrico: Pflicht, Seite 26-33.

15 Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 36.

16 Vgl. Ebd., Seite 64. In der Position des princeps iuventutis musste Marcus als Vorbild des vernünftigen Heranwachsens fungieren, weshalb entsprechende Münzemissionen ihn in dieser Rolle oftmals mit dem Gott Juventus in Verbindung brachten. Vgl. GOETZE, Werther: Wen die Götter lieben. Die Römische Götterwelt und Darstellung auf Münzen. Selbstbetrachtungen des Kaisers Marc Aurel (161-180 n. Chr.), Erfurt 1992, Seite 18.

17 Vgl. BERGMANN, Marianne: Marc Aurel, Frankfurt/Main 1978, Seite 10. Diese einseitige Kontrolle der Münzprägung durch den Kaiser ist jedoch schwer anzunehmen. Wahrscheinlicher ist, dass etliche Prägungen auf Initiative untergeordneter Münzbeamter beruhten, die mit bestimmten Darstellungsweisen dem Kaiser ihre Aufwartung erweisen wollten. Waren bestimmte Darstellungen unangemessen oder unerwünscht, griff der Kaiser ein – dem alle Münzen zur vorherigen Endkontrolle vorgelegt werden mussten – und stoppte die entsprechende Emission. Vgl. WOLTERS, Reinhard: Münzbilder und Propaganda, Seite 180-187/ HOWGEGO, Christopher: Geld in der Antiken Welt. Was Münzen über Geschichte verraten. Aus dem Englischen von Johannes und Margret K. NOLLÉ, Stuttgart 2000, Seite 80.

18 Für die Zeit zwischen dem Tod Hadrians und der Verleihung der Caesaren-Titulatur Marcus´ finden sich keine Münzen mit seinem Abbild. Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 35-38.

19 Bereits damals waren sich die Menschen der Tatsache bewusst, dass der Kaiser nicht nur Amtsträger, sondern auch Privatperson war. Eine solche Unterscheidung wurde auch terminologisch festgelegt. So unterschied man zwischen der häuslichen Lebensführung ( vita domestica ) und dem öffentlichen Leben ( vita publica ). Jedoch wurden beide Sphären oftmals miteinander in Beziehung gebracht, sodass privates Fehlverhalten auf die Amtsführung projiziert werden konnte. Vgl. DEMANDT, Alexander: Privatleben, Seite 28.

20 Vgl. GOETZE, Werther: Wen die Götter lieben. Götterwelt auf Münzen, Seite 12/ STEMMER, Klaus: Kaiser Marc Aurel und seine Zeit. Das Römische Reich im Umbruch, Berlin 1988, Seite 98.

21 Marianne Bergmann bezeichnet diese Darstellungsweise als „Sinnbild alten Wertes.“ BERGMANN, Marianne: Marc Aurel, Frankfurt/Main 1978, Seite 6. Karl Christ hingegen erweitert diese Auffassung. Nach ihm zeigten die Münzen nicht nur, was das Volk vom Kaiser, sondern auch was der Kaiser von sich selbst erwartete. „[Die Münze] erhellt, wie der Kaiser jeweils die Lage des Reiches verstanden wissen wollte, auf welche Tugenden, Leistungen und Werte er sich stützte, welche Kräfte er aufrief.“ CHRIST, Karl: Antike Numismatik. Einführung und Bibliographie, Darmstadt 1967, Seite 61f.

22 Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 106.

23 Obwohl die Überlieferung eher mangelhaft ist, glaubt Marianne Bergmann, dass insgesamt 6 Kinder – 5 Töchter und der Sohn Commodus – das Kleinkindalter überlebten. Vgl. BERGMANN, Marianne: Marc Aurel, Frankfurt/Main 1978, Seite 5.

24 Vgl. GOETZE, Werther: Götterwelt auf Münzen, Seite 16.

25 Vgl. CHRIST, Karl: Antike Numismatik. Einführung und Bibliographie, Darmstadt 1967, Seite 74.

26 Dieses als Mantel dienende Wolltuch wurde von einer Sicherheitsnadel, genannt Fibel, zusammengehalten. Getragen wurde es vornehmlich in Kriegszeiten, um trotz des metallenen Brustpanzers Wärme zu gewährleisten. Vgl. BERGMANN, Marianne: Marc Aurel, Frankfurt/Main 1978, Seite 20.

27 Die Divinisierung wurde jedem Kaiser zuteil, sofern er nicht postmortal mit der damnatio memoriae belegt wurde. Vgl. HOWGEGO, Christopher: Geld in der Antike, Seite 89.

28 Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 73f.

29 Auch wird die Ablehnung des Kaisers, sich selbst an Kriegszügen zu beteiligen, seiner Erziehung unter Antoninus Pius zugeschrieben. Dieser war zu liebenswürdig und allzu zivil, weshalb er sich eher den alltäglichen Dingen, statt der großen Angelegenheiten widmete. Dies soll er dann auch an seinen Adoptivsohn weitergegeben haben. Vgl. Ebd., Seite 57.

30 Marcus Annius Verus (169 im Alter von 7 Jahren) und Titus Aurelius (165 im Alter von 4 Jahren) verstarben frühzeitig, sodass nur Commodus übrig blieb. Vgl. Ebd., Seite 76f.

31 Vgl. BERGMANN, Marianne: Marc Aurel, Frankfurt/Main 1978, Seite 5.

32 Vgl. STEMMER, Klaus: Das Reich im Umbruch, Seite 88.

33 Vgl. FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 75.

34 BERGMANN, Marianne: Marc Aurel, Frankfurt/Main 1978, Seite 6.

35 FÜNDLING, Jörg: Marc Aurel, Darmstadt 2008, Seite 88.

36 Vgl. DEMANDT, Alexander: Privatleben, Seite 14.

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Details

Titel
Das Leben Kaiser Marcus Aurelius´ im Spiegel der Reichsprägung
Untertitel
Münzen als Propaganda oder als Programm kaiserlicher Regentschaft?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Altertumswissenschaften )
Veranstaltung
Quellenkunde zur Geschichte der römischen Kaiserzeit von Hadrian bis Marc Aurel
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
34
Katalognummer
V163253
ISBN (eBook)
9783640774258
ISBN (Buch)
9783640774418
Dateigröße
3934 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alte Geschichte, Kaiser Mark Aurel, Marcus Aurelius, Münzen, Numismatik, Rom, Commodus, Propaganda, Programm, Kaiser
Arbeit zitieren
Daniel Meyer (Autor), 2010, Das Leben Kaiser Marcus Aurelius´ im Spiegel der Reichsprägung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163253

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