Der Stil von Marcel Proust


Seminararbeit, 2003

16 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Pastiches und Kritiken

3 Der Stil

4 Die Komposition
4.1 Der Satz
4.2 Das Wort
4.3 Stilistische Mittel

5 Die ästhetischen Theorien Prousts

6 Die Prinzipien des Proustschen Romans

7 Abschlussbetrachtung

Literatur

1 Einleitung

Diese Arbeit basiert auf der Beschäftigung mit dem Stil Marcel Prousts und beabsichtigt die eigenwillige, extravagante Form seines Stils darzustellen. Grundlage der Untersuchung bildet die Lektüre des ersten Bandes der Recherche, A la recherche du temps perdu, sowie weiterführende Texte, die dieses Thema bereits behandelt haben. Zunächst werde ich auf die literarische Entwicklung des Autors eingehen, da sie für die Herausbildung seines Stils nicht unmaßgeblich ist. Anschließend widme ich mich seinen Sätzen, Wörtern und ästhetischen Theorien. Ich beschränke mich hinsichtlich meiner Beispiele auf das Wesentliche, da andernfalls die Länge der Sätze den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen würde.

Marcel Proust wurde schon früh in die Welt der höheren Literatur eingeführt und sein Geschmack nach den Klassikern geformt. Für ihn war, eventuell auch dadurch, die Literatur, die man in der Kindheit gelesen hatte, von Wichtigkeit. Den Weg zum Schriftsteller schlug er über das leidenschaftliche Lesen ein. Er interessierte sich sehr für Literatur, Malerei, Architektur und für Musik. Proust mochte es nach Jean Milly seine Entdeckung mit vielen Menschen zu teilen.1896 veröffentlichte er Les plaisirs et les jours, was ihn in den Rang eines Essayisten gehoben hat, obgleich das Buch kaum gekauft wurde. Den Titel des Romanciers hat er erst 1913 zugesprochen bekommen. In der Zwischenzeit von 17 Jahren brachte er Artikel, Pastiches und zwei Übersetzungen von John Ruskin heraus. Des Weiteren nahm er in dieser Zeit am öffentlichen Leben teil, hat Menschen beobachtet, ein Studium begonnen, welches er nicht beendete und darauf gewartet, dass ihm die Erkenntnis über seinen eigenen Stil komme. Zunächst hat er sich an autobiographischen Romanen versucht wie an Jean Santeuil, ein 1000seitiger Roman, den er nach Vollendung zerrissen hat. In diesem Roman sind bereits Themen vorzufinden, die er auch in der Recherche wieder aufgegriffen hat. Themen, die sich wiederholen, ziehen sich durch all seine Texte. Darunter fallen Bereiche wie die Liebe und die Eifersucht, die Kunst und die Architektur. Durch die Beschäftigung mit John Ruskin, der seine architektonische Darstellung beeinflusst hat, begann er, über seine ästhetischen Probleme nachzudenken und erweiterte seine künstlerischen Kenntnisse mit Schwerpunkt auf die Malerei und die Architektur. Nach dem Tod seiner Mutter 1905, zu der er eine sehr enge Bindung hatte, die sich in seinen Werken widerspiegelt, beschäftigte er sich wieder mehr mit der Literatur. Ab diesem Zeitpunkt war er durch das Fortschreiten seiner Krankheit fast durchgehend an sein Zimmer gebunden, in dem er abgeschlossen von der Welt sehr viel schrieb. Er machte sich viele Gedanken über die Werke, die er gelesen hatte, dokumentierte sie und versuchte sie zu imitieren und zu kritisieren, wobei er durch den Kontakt mit den anderen Autoren seinen eigenen Geist vertiefte. Er beschäftigte sich noch lange mit Pastiches und Kritiken, die sich später in der Recherche, seinen Briefen und Artikeln wiedertreffen (vgl. Milly, 1970: 10). Nachdem Proust zunächst unterschätzt wurde, hatte er mit Du côté de chez Swann seinen großen Durchbruch. Er hat die gehobenen Kreise verehrt und selbst in ihnen verkehrt, aber auch ihre Verlogenheit kritisiert, was in der Recherche beispielsweise an der Darstellung der Madame Verdurin, die sehr oberflächlich und hinterhältig ist, deutlich wird.

2 Pastiches und Kritiken

1908 hat er erste Pastiches geschrieben. Pastiches sind Nachahmungen von Texten anderer Autoren und werden auch als critique littéraire en action bezeichnet. Er hat sich jahrelang zur eigenen Stilfindung viel mit diesem Bereich des Schreibens beschäftigt und mehrere Pastiches zu Flaubert und Renan geschrieben. In der Recherche sind viele Spuren seiner Beschäftigung mit Pastiches vorzufinden. So sind sie beispielsweise in der Unterhaltung von Personen enthalten. Jede Person, die auftritt, hat ihre eigene charakteristische Sprache, die

Rückschlüsse über ihren Ursprung bzw. ihre Herkunft oder ihre charakteristischen Schwächen zulässt. Odette verwendet beispielsweise viele Anglizismen, da das in der Zeit als „schick“ galt. Albertine spricht vulgär und die Duchesse du Guermantes verwendet viele abgehobene altfranzösische Begriffe. Es ist ersichtlich, dass Proust sich sehr intensiv mit der Sprache seiner Personen beschäftigt hat. Leo Spitzer schreibt, dass Proust die indirekte Rede in seinen Texten meidet, um die Reden seiner Personen zusammen mit ihrem Laut und ihrer Geste darzustellen. Hinter dieser Intention scheint sich der Drang zur Realitätsnähe zu verbergen. In der Weise, wie die Sinnesgebiete, die Künste und die psychischen Regungen miteinander verbunden sind, verfügt bei Proust das Wort nach Milly über eine Wortseele. Die Kunst dieser Menschendarstellung ist für Spitzer ein Zitieren, ein Schaffen von Pastiches. Weitere Spuren findet man in Le temps retrouvé durch einen fiktiven Zeitungsbericht des Concourt vor und, indem er Albertine bei einer Bestellung eines Nachtisches im Stil des Erzählers sprechen lässt. Proust hat bereits die Arbeiten seiner Schulkameraden, mit denen er gemeinsam eine Zeitschrift herausbrachte, korrigiert und sie versucht nach seinen Vorstellungen zu formen, wobei sich sein Geschmack gegen die Symbolisten richtete. In den Vorworten der Übersetzungen Ruskins sind auch schon viele kritisierende Bemerkungen enthalten (vgl. Milly, 1970: 24). Seine Kritik richtete sich jedoch in erster Linie gegen Sainte-Beuve und den Positivismus. Sainte-Beuve vertrat die Ansicht, dass sich das Werk über den Autor erklären ließe. Proust war gegen diese Theorie und schrieb 1909 den Essay contre Sainte-Beuve, den er nicht vollendete und aus dem sich die Recherche entwickelt hat. Mittels dieses Werkes beabsichtigte er zu beweisen, dass Sainte-Beuves Theorie falsch ist. In der Recherche treten verschiedene Künstler auf wie der Musiker Vinteuil, der Maler Elstir, der Architekt Bergson, die jedoch absichtlich derart dargestellt werden, dass der Leser nicht durch ihr Verhalten oder ähnliches darauf kommt, wer sie sind. So verkennt Swann beispielsweise Vinteuil, da er so klein ist und man annehmen könnte, dass ein guter Musiker auch über körperliche Vorzüge verfügt. Damit bringt Proust seine Kritik an Sainte-Beuve zum Ausdruck.

Die Beschäftigung mit den Kritiken ist nach Milly ebenfalls in der Recherche vorzufinden, vor allem in Le temps retrouvé und in Artikeln von Zeitschriften, die gegen Ende seines Lebens veröffentlicht worden sind. Darunter erschienen Texte zum Stil Flauberts und zu Baudelaire. Vieles über seine Einstellung zur Literatur lässt sich aus seinen Korrespondenzen entnehmen. Milly gibt an, dass Proust nur die Schriftsteller kommentiert hat, die ihm am Herzen lagen.

Avec les uns il se reconnaît explicitement un lien de parenté: ce sont Chateaubriand, Nerval, Baudelaire, qui tous trois tiennent largement compte des valeursinelles; Balzac, jugé pourtant trop proche de la réalité, mais qui sait suggérer parfois une vie mystérieuse; et Flaubert, qui recrée entièrement le réel au lieu de le copier. D`autres auxquels il s`oppose, ont aussi avec lui des traits communs, mais qu`il n`accepte pas. Ainsi partage-t-il avec Ruskin et les Goncourt la tentation de dilettantisme qu`il leur reproche. Contre Sainte-Beuve, il manifeste une hostilité d`autant plus acharnée et constante qu`elle relève en partie de l`exorcisme (...) (Milly, 1970: 27-28)

Prousts Methode ist der Saint-Beuveschen entgegengesetzt und interessiert sich in erster Linie für das Werk an sich. Er ist der Ansicht, dass die biographische Kenntnis eines Autors sogar zu falschen Urteilen führen kann. Nachdem man sich einem Werk gewidmet hat, sollte man dieses nach Proust mit anderen vergleichen und gemeinsame Züge herausarbeiten. Anschlie-

ßend hat man die Gemeinsamkeiten zusammenzufassen und mit ihrer Hilfe ohne Rückgriff auf biographische Daten die Personalität des Autors zu erstellen und durch seine Werke die ursprüngliche Qualität seiner vision zu erkennen. Proust bezeichnet genau diese vision und

nicht die Technik als den Stil. Er vergleicht den Stil mit den Farben eines Malers und bezeichnet ihn als die Qualität einer vision, der Aufdeckung eines eigenen Universums, das jeder Mensch sieht und das das die anderen nicht sehen können (vgl. Milly, 1970: 32-33). Der Vergleich mit den Farben eines Malers ist interessant und auf seine Leidenschaft für die Malerei zurückzuführen. Farben spielen auch in der Recherche eine wichtige Rolle, da Proust Personen und Städten Farben zuordnet. Dabei ist beispielsweise die Farbe Rosa für eine begehrte Frau, wie in dem Fall Odette, bestimmt.

3 Der Stil

Der Stil Marcel Prousts ist sehr kompliziert. Bei der ersten Lektüre kann der Leser schnell feststellen, dass der Autor in sehr langen Sätzen schreibt, die durch eine Vielzahl von Gliedsätzen geprägt sind. Darüber hinaus verwendet er häufig Metaphern, die das primäre stilistische Merkmal seines Stils ausmachen. «L`écrivain pratique constamment le procédé de la double vision, par lequel il superpose à une sensation ou à une impression une autre sensation ou impression, surgie de la mémoire ou de l`imagination.» (Milly, 1970: 87). Bei Milly heißt es des Weiteren, dass mit Hilfe der Metaphern die Kunst im Anhalten der Zeit realisiert wird (vgl. Milly, 1970: 90). Der Leser findet bei der aufmerksamen Lektüre häufig Analogien vor. So z.B. zwischen den Liebesbeziehungen zwischen Swann und Odette und dem Erzähler und Albertine oder auch Gilberte, die alle scheitern und durch Eifersucht geprägt sind. Weitere Analogien sind in der bereits erwähnten Zuordnung von Farben vorzufinden. Dies sind nur zwei der weitreichenden Analogien. Milly gibt an, dass bei Proust das Lesen, die Pastisches, die Kritik, das theoretische Nachdenken und der Roman nicht weit voneinander entfernt sind. Sein Stil ist die romanische Realisation seiner Theorien über das psychologische Leben und die Kunst (vgl. Milly, 1970: 33). Bei Köhler heißt es, dass sich Prousts Stilbegriff daraus zusammensetzt, dass der geschichtliche Zwang einen Romancier dazu drängt, die Wirklichkeit rein subjektiv zu sehen. So sind die Sichtweisen, die in der Recherche dargestellt werden, immer subjektiv, da sie sich meistens auf persönliche Erinnerungen und Eindrücke beziehen. Am Anfang der Recherche stützt er sich auf die Aussage Flauberts, dass der Stil für sich eine absolute Weise ist, die Dinge zu sehen und dass die echte Kunst für den Romancier darin besteht, uns seine persönliche Sicht der Welt zu vermitteln. Dies bezeichnet er als die vision personelle du monde. Prousts eigene Definition von vision ist nach Milly die konsequente Weiterbildung des Flaubertschen Ansatzes. In Le temps retrouvé bezeichnet er den Stil als eine Vision und nicht als eine Technik. Köhler gibt an, dass Proust am Stil der klassischen Briefeschreiberin Mme de Sévigné bewundert hat, dass sie „die Dinge in der Reihenfolge unserer Wahrnehmungen darbiete[t], anstatt sie vorher ihren Ursachen nach zu ordnen.“ (Köhler, 1958: 61). Weiter heißt es bei Köhler, dass dies bei Proust sehr ähnlich sei, wobei Proust dieses Prinzip in einer höchst komplizierten Gliederung und Gabelung durchsetze. Köhler schreibt, dass nicht eine vorgegebene Syntax die Folge der Satzteile ordnet sondern der Rhythmus der Eindrücke und der von ihnen ausgelösten Bilder die syntaktische Struktur bestimmen. Dabei legt Proust nach Milly großen Wert auf die Form, die grammatikalische Richtigkeit und die Leichtigkeit der Syntax. Dies bezeichnet Köhler als ein impressionistisches Stilprinzip. Die folgenden Textstellen aus der Recherche (Gallimard)1 sollen zur Verdeutlichung der impressionistisch geprägten Sichtweise dienen:

Alors, bien en dehors de toutes ces préoccupations littéraires et ne s´y rattachant en rien,

tout d`un coup un toit, un reflet de soleil sur une pierre, l`odeur d`un chemin me

faisaient arrêter [.] (RTP, І: 172)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Proust, Marcel (1992). A la recherche du temps perdu Ι. Frankreich: Gallimard.

Une fois pourtant — où notre promenade s`étant prolongée fort au-delà de sa durée habituelle, nous avions été bien heureux de rencontrer à mi-chemin du retour, comme l`après-midi finissait, le docteur Percepied qui passait en voiture à bride abattue, nous avait reconnus et fait monter avec lui — j`eus une impression de ce genre et ne l`abandonnai pas sans un peu l`approfondir. On m`avait fait monter près du cocher, nous allions comme le vent parce que le docteur avait encore avant de rentrer à Combray à s`arrêter à Martinville-le-Sec chez un malade à la porte duquel on avait été convenu que nous l`attendrions. Au tournant d`un chemin j`éprouvai tout à coup ce plaisir spécial qui ne ressemblait à aucun autre, à apervevoir les deux clochers de Martinville, sur lesquels donnait le soleil couchant et que le mouvement de notre voiture et les lacets du chemin avaient l`air de faire changer de place, puis celui de Vieuxvicq qui, séparé d`eux par une colline et une vallée, et situé sur un plateau plus élevé dans le lointain, semblait pourtant tout voisin d`eux.

En constatant, en notant la forme de leur flèche, le déplacement de leurs lignes, l`ensleillement de leur surface, je sentais que je n`allais pas au bout de mon impression, que quelque chose était derrière ce mouvement, derrière cette clareté, quelque chose qu`ils semblaient contenir et dérober à la fois.

Les clochers paraissaient si éloignés et nous avions l`air de peu nous rapprocher d`eux, que je fus étonné quand, quelques instants après, nous nous arrêtâmes devant l`église de Martinville. (RTP, І: 173).

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Details

Titel
Der Stil von Marcel Proust
Hochschule
Technische Universität Berlin  (FB Romanistik)
Veranstaltung
PS Marcel Proust: Du côté de chez Swann
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V16326
ISBN (eBook)
9783638212120
ISBN (Buch)
9783638758468
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Stil, Marcel, Proust, Marcel, Proust, Swann
Arbeit zitieren
Angelina Kalden (Autor), 2003, Der Stil von Marcel Proust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16326

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