„Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen“: Was wollen wir sein und werden? Was dürfen wir nicht werden? Heute haben wir bei vielen Entscheidungen in unserem Alltag eine grosse Freiheit. Aber wir haben auch oft die Qual der Wahl. Im ganzen Leben muss sich der Einzelne entscheiden, was er will und was nicht. Wir leben heute ein individuelles Leben und haben den Eindruck, wir seien autonom. Mit der Individualisierung unseres Daseins gestalten wir uns nach unseren Wünschen. Meistens wollen wir gute Menschen sein und nicht böse. Doch wir befinden uns in der ständigen Auseinandersetzung mit dem Bösen, mit dem, was wir nicht werden wollen und nicht werden dürfen. Die meisten von uns wollen keine Verbrecher sein, wollen nicht einen Bruch mit der Rechtsordnung. Vielleicht haben wir uns auch schon ertappt, dass wir in Gedanken zu Mördern geworden sind, wenn wir unsere Gegner mit Wonne beseitigen würden, sei es der Nachbar mit seinen „Macken“ oder der Chef mit seiner Pedanterie.
Im nachfolgenden Essay wird der Fragestellung „Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen“ anhand des Romans „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink nachgegangen. Es soll das Schuldigwerden, die Verantwortlichkeit und Moralität betrachtet werden. Im Roman wird dargestellt, wie Menschen oft durch banale Umstände schuldig werden können und die Schwierigkeit mit der jeweiligen Schuld umgehen zu können.
Die Moral ist sowohl für die Hauptfiguren Hanna wie auch für Michael etwas, das mit der Fähigkeit des Lesens und Schreibens im Zusammenhang gesehen werden muss. Die Werte, die das Tötungsverbot als oberstes Prinzip setzen, sind so lange nicht vorhanden, wie jemand von den Kulturtechniken abgeschnitten ist.
Der Analphabetismus steht so im Roman für die Unmündigkeit von Hanna.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
3. Die Schuldfrage bei Hanna
4. Die Schuldfrage bei Michael
5. Mitleid mit Hanna als einem Mensch, der sie war und werden wollte, als Mensch, der sie nicht hätte werden dürfen?
6. Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen – eine Illusion?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand des Romans „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink zentrale ethische Fragen zu Verantwortung, Moral und Schuld, indem sie die komplexen Lebenswege der Protagonisten Hanna und Michael analysiert.
- Ethische Reflexion über das Schuldigwerden und die Verantwortlichkeit im Alltag.
- Analyse der moralischen Implikationen von Analphabetismus und Unmündigkeit.
- Untersuchung von Tugendethik und Kant’scher Pflichtenethik im Kontext menschlichen Handelns.
- Erforschung der psychologischen Belastung durch die Auseinandersetzung mit historischer Schuld.
- Diskussion der Frage, ob ein moralisches Handeln in einer komplexen Welt als Illusion betrachtet werden muss.
Auszug aus dem Buch
3. Die Schuldfrage bei Hanna
Die Opferthematik zeigt auf, dass Hanna nicht nur Verbrecherin ist, sondern auch Opfer. Sie ist eine Verbrecherin, da sie im KZ-Lager verantwortlich dafür war, Frauen auszusuchen, die zurückgeschickt werden sollten. Sie war beteiligt an der Entscheidung über Leben und Tod anderer. Hanna gibt dies vor dem Richter zu („[…] darum teilgenommen zu haben, nicht als Einzige, aber wie die anderen […]“). Es war ihr klar, dass sie Verantwortung getragen hatte. Der Professor von Michael sagt, sie werde keinen finden, der wirklich meint, er habe damals morden dürfen. Im Text steht nicht explizit, ob Hanna gedacht hat, sie habe damals morden dürfen. Tatsache ist, dass sie Menschen in den Tod geschickt hat. Hannas Schuld gegenüber Michael ist die Kälte und Zuweisung eines sehr beschränkten Platzes in ihrem Leben. Die juristische Schuld liegt in der Verführung eines Minderjährigen.
Hanna ist Opfer des Analphabetismus. Er ist auch der Grund, dass sie sich der Beförderung bei Siemens entzogen, sich bei der SS gemeldet hatte und Aufseherin geworden war. Hätte sie lesen und schreiben können, wäre sie vielleicht nicht Wächterin geworden. Sie hätte dann auch nicht zugeben müssen, dass sie einen Bericht geschrieben hatte. Diesen hatte sie nicht schreiben können, da sie Analphabetin war. Sie wäre dann auch nicht im Gefängnis gelandet. Hanna bekam lebenslange Haft, die anderen Frauen zeitlich befristete Freiheitsstrafen. So kann gesagt werden, dass Hanna Opfer der anderen Frauen und des Gerichtes geworden ist. Sie ist, so gesehen, Verbrecherin, gleichzeitig aber auch Opfer der Umstände, des Gerichts und der anderen Frauen wie auch des Analphabetismus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der menschlichen Entscheidungsfreiheit und Moral sowie Vorstellung des Romans „Der Vorleser“ als Basis für die ethische Analyse.
3. Die Schuldfrage bei Hanna: Betrachtung Hannas als ambivalente Figur, die sowohl Täterin als auch Opfer ihrer Umstände, insbesondere ihres Analphabetismus, ist.
4. Die Schuldfrage bei Michael: Analyse von Michaels Mitschuld und seinem lebenslangen Ringen mit der moralischen Last, eine Frau geliebt zu haben, die als KZ-Wächterin schuldig wurde.
5. Mitleid mit Hanna als einem Mensch, der sie war und werden wollte, als Mensch, der sie nicht hätte werden dürfen?: Erörterung der Wandlung Hannas im Gefängnis durch den Erwerb von Lese- und Schreibkompetenz und die philosophische Einordnung ihrer Schuld.
6. Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen – eine Illusion?: Kritische Reflexion darüber, ob moralisches Handeln in einer Welt voller komplexer Verflechtungen und menschlicher Abgründe realistisch oder eine Illusion ist.
Schlüsselwörter
Schuld, Verantwortung, Moral, Bernhard Schlink, Der Vorleser, Analphabetismus, Ethik, Pflichtenethik, Kant, Individuum, Holocaust, Mündigkeit, Unmündigkeit, Menschliches Handeln, Selbstreflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht auf ethischer Basis die komplexe Schuldfrage und das menschliche Handeln anhand der Romanfiguren Hanna und Michael aus Bernhard Schlinks „Der Vorleser“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Themen Schuld, moralische Verantwortung, die Bedeutung von Bildung (Alphabetisierung) für die Mündigkeit sowie die Frage nach dem „guten“ menschlichen Handeln.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage kreist um die Ambivalenz des menschlichen Strebens: Wer sind die Menschen, die wir sein wollen, und wo liegen die Grenzen, die wir moralisch nicht überschreiten dürfen?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literarisch-ethische Analyse, bei der philosophische Konzepte (unter anderem von Immanuel Kant und Hannah Arendt) auf die Handlungen der Protagonisten angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Schuld von Hanna als KZ-Wächterin, Michaels Verantwortung innerhalb der Beziehung sowie die philosophische Reflexion von Sündenfall, Freiheit und der Relevanz tugendhaften Handelns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Schuld, Moral, Verantwortung, Analphabetismus, Mündigkeit und die Auseinandersetzung mit dem Bösen.
Welche Rolle spielt der Analphabetismus für die Protagonistin Hanna?
Der Analphabetismus wird als zentrales Hindernis für Hannas Mündigkeit dargestellt; er führt sie in die Abhängigkeit und schließlich in eine Position, in der sie ihre moralische Verantwortung nicht reflektieren kann.
Wie bewertet der Autor den Suizid von Hanna?
Der Suizid wird als Folge der gewonnenen Mündigkeit gedeutet; durch das Lesen und Verstehen ihrer Vergangenheit erkennt Hanna ihre Schuld so tiefgreifend, dass sie für sich keinen weiteren Lebensweg sieht.
Kann man nach der Lektüre sagen, ob Michael ein „guter“ Mensch ist?
Die Arbeit vermeidet eine einfache Rollenzuweisung; sie zeigt vielmehr auf, dass Michael an seiner Vergangenheit und der Beziehung zu einer Verbrecherin sowie an seinem Schweigen im Prozess zerbricht und selbst schuldig wird.
- Quote paper
- Franz Ludin (Author), 2010, Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163349