Zu "Murders in the Rue Morgue" von Edgar Allan Poe


Essay, 2007

6 Seiten


Leseprobe

„Murders in the Rue Morgue“

Von Edgar Allan Poe

Eine Erinnerung an einen schönen Moment im Leben ist bestückt mit Details. Sei es die Erinnerung an den Duft, den man wahrgenommen oder die Geräusche die man gehört hat. Vielleicht kann man sich mit absoluter Exaktheit an den Ort erinnern, an dem man sich zu diesem schönen Moment befand, kann ihn mit Präzision wiedergeben und mit geschlossenen Augen in der Erinnerung verharren, als wäre sie nicht all zu weit entfernt. Auch im Alltag befasst man sich bewusst oder unbewusst mit gewissen Details. Wenn man morgens die Jacke zuknöpft und jeden Knopf in das dazugehörende Loch steckt, die Wohnungstür schließt und exakt zu der Zeit an der Bushaltestelle steht, in der der Bus in der Ferne angefahren kommt. Es gibt aber auch Details, die nicht im Zusammenhang mit schönen oder gleichgültigen Erlebnissen stehen. Ein Beispiel dafür wäre der 11. September 2001 und die kollektive traumatische Erfahrung einer Generation. Die Betroffenen können sich selbst heute, sechs Jahre nach dem Geschehen, noch mit einer Genauigkeit an den Tag erinnern, daran erinnern was sie erlebt haben, wo sie sich zu der Zeit befanden, wie die Bilder der Nachrichtensender in aller Welt in uns allen Schmerz und tiefe Trauer hinterließen.

Selbst ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, in denen ich die Gebäude zusammenfallen sah. Ich, als eine Frau die nicht in Amerika war, und dennoch betroffen war, kann mich noch an Details dieses Tages erinnern. Doch genauso gibt es für uns unwichtige Momente oder Tage, an denen wir uns an so gut wie gar keine Details erinnern, oder? Können Sie sich denn daran erinnern, was Sie vor 23 Tagen getragen haben, was Sie zum Frühstück gegessen haben? Ich nicht.

Da stellt sich nun die Frage, was ein Detail ausmacht. Sind Details wichtig? Meiner Meinung nach merkt man sich vorwiegend nur dann Details, wenn zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas Außergewöhnliches passiert ist. Etwas, dass man miterlebt hat. Egal ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes gewesen ist. Nur diese herausstehenden Momente bringen uns dazu, sich Details zu merken. Ist ein Detail so bedeutsam, wie ein Puzzlestück, ohne dass man kein vollkommenes Bild erhält und den Zusammenhang und Inhalt des Bildes nicht erkennen kann oder ist ein Detail unwichtig, vertauschbar, ein fehlendes Stück Fetzen in einem riesigen Ölgemälde?

Liest man Poes Werk „Murders in the Rue Morgue” stellt man schon zu Beginn seines Romanes fest, dass für Poe analytisch sein bedeutet, trotz eines fehlenden Stücks eines Gemäldes, eines fehlenden Fragments, das Gesamtbild zu erkennen und nicht aufgrund des Gesamtbildes zu realisieren, wie das fehlende Stück oder Detail aussieht. Diese Übersicht über die Dinge ist es, die Edgar Allan Poes Romanfigur C. Auguste Dupin zu einem analytischen Genie macht. Trotz der ausführlichen und guten Arbeit der Pariser Polizei an den Morden in der Rue Morgue und den zahlreichen Zeugenaussagen des Geschehens, gelingt es der Polizei nicht, ohne die Hilfe Dupins den Fall zu lösen und den Mörder – mit dem wohl kein Leser hätte rechnen können – zu identifizieren.

Neben Dupin gibt es noch den Ich-Erzähler, der in der Kurzgeschichte nicht von Dupins Seite weicht und uns somit die Möglichkeit gibt, uns in dieses Geschehen hineinzuversetzen. Der Ich-Erzähler, dessen Name unbekannt bleibt und deshalb ein gewisses Interesse weckt, da man sich selbst als den Ich-Erzähler identifizieren kann, ist ein normaler Mensch, so wie wir alle auch. Er besitzt nicht diese Gabe, die Dupin in die Wiegenliege gelegt bekam. Aufgrund Dupins Rationalität und Liebe zum Detail, die bei ihm sehr stark ausgeprägt ist, findet er einen Lösungsweg, während die Anderen im Dunkeln sitzen und überzeugt sind, dass es keine Lösung in diesem Mordfall geben kann. Doch davon lässt er sich nicht abhalten. Nein, es bringt Dupin eher dazu, noch mehr Details zu suchen, um eine Lösung zu finden, um sich und den Anderen zu beweisen, dass er ein Genie ist.

Genau diese Situation bekommt man in der Kurzgeschichte vorgesetzt: Ein abgeschlossenes Zimmer mit einem Kamin, durch den man nicht hätte fliehen können und dennoch wurden in diesem Zimmer Mutter und Tochter ermordet, ohne jegliche Spur des Mörders. Die Polizei, gleichgesetzt mit dem Ich-Erzähler und somit uns, untersucht den Tatort mit einer bestmöglichen Detailtreue und dennoch realisieren sie nicht, dass sie die Fenster nicht kontrolliert haben. Dass die Fenster auch von außen hätten geschlossen werden können, ist für Dupin von Anfang an klar, für uns aber nicht, da wir genauso wie die Polizei nur das Gesamtbild sehen und nicht alle einzelnen Details, wie es Dupin macht. So geschieht es leicht, dass die Polizei und der Ich-Erzähler den Überblick über die wichtigen und unwichtigen Details verlieren. Was aber sind wichtige oder unwichtige Details?

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Zu "Murders in the Rue Morgue" von Edgar Allan Poe
Hochschule
Universität Erfurt
Autor
Jahr
2007
Seiten
6
Katalognummer
V163353
ISBN (eBook)
9783640803385
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Klassische Sprachwissenschaft, Literaturwissenschaft
Schlagworte
Poe, Murders in the Rue Morgue, Dupin, Details
Arbeit zitieren
Susanne Hahn (Autor:in), 2007, Zu "Murders in the Rue Morgue" von Edgar Allan Poe , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163353

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Zu "Murders in the Rue Morgue" von Edgar Allan Poe



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden