Neuroökonomie. Betriebswirtschaftliche Anwendung von deterministischen und indeterministischen Erkenntnissen


Diplomarbeit, 2010
89 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Forschungsfrage
1.2 Wissenschaftstheoretische Einführung
1.2.1 Begriff und Aufgaben der Wissenschaft
1.2.2 Wissenschaftstheoretische Forschungskonzeptionen
1.3 Einordnung und Aufbau der vorliegenden Arbeit

2. Hirnforschung und (freier) Wille
2.1 Methoden und Ergebnisse
2.1.1 Forschungsschwerpunkte
2.1.2 Verfahren und Erkenntnisse
2.1.3 Grenzen der Forschung
2.2 Wille und Freiheit
2.2.1 Der Begriff Wille
2.2.2 Der Begriff Freiheit
2.2.3 Der freie Wille in der Hirnforschung

3. Determinismus und Indeterminismus
3.1 Die deterministische Position
3.2 Die indeterministische Position
3.3 Kritische Auseinandersetzung

4. Neuroökonomie und Betriebswirtschaftslehre
4.1 Betriebswirtschaftliche Relevanz
4.1.1 Marketing
4.1.2 Finanzierungswissenschaft
4.1.3 Organisationale Verhaltenswissenschaft
4.1.4 Controlling
4.2 Bedeutung für das Management

5. Kritische Würdigung und Ausblick

6. Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beispiel für eine statistical parametric map, Ergebnis der fMRT

Abbildung 2: Magnetresonanztomographischer Schnitt durch das Gehirn

Abbildung 3: Großhirnrinde mit Frontal-, Parietal-, Okzipital- und Temporallappen

Abbildung 4: Die wichtigsten limbischen Gehirnstrukturen

Abbildung 5: Bereitschaftspotenziale, abgeleitet

Abbildung 6: Oszilloskop-Uhr

Abbildung 8: Management Cockpit War Room

1. Einleitung

Das interdisziplinäre Forschungsfeld der Neuroökonomie entwickelte sich seit Ende der 1990er Jahre, als Wirtschafts- und Neurowissenschaftler sowie Psychologen begannen, sich für die Beantwortung ihrer Fragen mit fachfremden Disziplinen zu beschäftigen. So nutzten beispielsweise verhaltenswissenschaftlich orientierte Ökonomen und kognitiv orientierte Psychologen bildgebende Verfahren der Hirnforschung zur Kontrolle und Entwicklung von alternativen Präferenztheorien. Neurowissenschaftler und Psychologen testeten und entwickelten anhand der Ökonomie ihre Modelle für Entscheidungstheorien. Bei einem Meeting dieser verschiedenen Wissenschaftler in Princeton 2003 gründeten schließlich Ökonomen, Neurobiologen und Psychologen, die sich bereits als Neuroökonomen sahen, die Society of Neuroeconomics mit Paul Glimcher als Präsident.[1]

1.1 Problemstellung und Forschungsfrage

Die Verbindung zwischen der Betriebswirtschaftslehre (BWL) und den Neurowissenschaften wurde zwar schon Ende der 1970er Jahre erkannt, jedoch entwickelte sich erst in jüngster Vergangenheit die betriebswirtschaftlich orientierte Neuroökonomie. Die späte Entwicklung vor allem im deutschsprachigen Raum lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass die Auseinandersetzung mit und Anwendung von fachfremden Methoden für viele Wirtschaftswissenschaftler eine Hürde darstellt[2]. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass das Gehirn bisweilen das Organ ist, über das der geringste Wissensstand existiert und erst in den letzten Jahrzehnten neue Entwicklungen möglich waren. In den USA endete die „Dekade des Gehirns“ im Jahr 2000, als gleichzeitig in Deutschland eine weitere begann[3]. „Zwei Dekaden für eine Materie [... ] heben die besondere Beachtung hervor, welche dem Gehirn in unserer Zeit entgegen gebracht wird“[4]

Dennoch verspricht die neuroökonomische Forschung zahlreiche Einsichten für die Wirtschaftswissenschaften. So sind beispielsweise zuverlässigere Ergebnisse dadurch zu erwarten, dass direkt am Gehirn vorgenommene Messungen weniger durch die jeweilige Versuchsperson beeinflussbar sind. Außerdem sollen Aussagen über spezifische Hirnprozesse einerseits mit unbeobachtbaren Variablen (z.B. Werte, Vorausplanungen) und andererseits mit beobachtbarem Verhalten (z.B. Entscheidungen) verbunden werden können.[5]

In der Neuroökonomie resultieren die Problemstellungen aus den Wirtschaftswissenschaften, während die Neurowissenschaften Aufschluss über die Prozesse und Zustände im menschlichen Gehirn geben. Sie sucht also nach präzisen Erklärungen für menschliches Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen.[6]

Während einige betriebswirtschaftliche Forschungsgebiete, wie zum Beispiel die Marketing-, Finanzierungs- und Organisationswissenschaften schon von neuroökonomischen Erkenntnissen profitieren können[7], wurde der Bereich des Managements bislang weitgehend ausgeklammert.

Die Debatte, ob Individuen und damit auch Manager ihre Entscheidungen auf Basis eines freien Willens treffen und entsprechend frei agieren können, ist bislang zu keinem eindeutigen Ergebnis gelangt. Die Frage, ob der Mensch vollkommen durch seine Gene und sein Umfeld einschließlich Erziehung und Bildung determiniert ist, oder über einen freien Willen verfügt, beschäftigte schon die Philosophen in der griechischen und römischen Antike, im Buddhismus, im Christentum sowie im Islam und ist dank der modernen Hirnforschung heute hochaktuell.[8]

Die vorliegende Diplomarbeit versucht nun, die Determinismus-Indeterminismus- Debatte in die neuroökonomische Forschung zu integrieren und Implikationen zur Anwendung in der BWL und der Managementforschung zu erschließen. Sie beschäftigt sich also mit der Fruchtbarmachung (in-)deterministischer Schlussfolgerungen der Neurowissenschaften für die Betriebswirtschaft. Die zentrale Forschungsfrage lautet, welche Erkenntnisse ergeben sich aus der neueren Hirnforschung für die Betriebswirtschaft im Allgemeinen und den Bereich des Managements im Speziellen?

Kann in der BWL von Determiniertheit der Akteure ausgegangen werden, wie dies bisher in der aktuellen neuroökonomischen Forschung angenommen wird? Wäre dadurch die Managementlehre relativiert, da ohnehin kein Manager anders handeln kann, als es seiner Determination entspricht? Oder umgekehrt, wären Management-Entscheidungen dem bloßen Zufall überlassen, würde von einer indeterministischen Position ausgegangen werden? „Während der Determinismus ausschließt, dass wir unter identischen Bedingungen anders handeln können, schließt der Indeterminismus aus, dass unsere Handlungen von uns abhängen“[9]. Gibt es vielleicht „irgendetwas dazwischen“? Zum Beispiel eine kompatibilistische Sichtweise und eine „bedingte“ Willensfreiheit?[10]

Das primäre Ziel dieser Arbeit besteht darin, die aktuelle Hirnforschung einschließlich der (In-)Determinismus-Frage der betriebswirtschaftlichen Forschung zugänglich zu machen, deren Methoden und Erkenntnisse näher zu bringen und Potenziale für die zukünftige Beschäftigung mit der Neuroökonomie zu zeigen. Dazu gehört einerseits die Darstellung der neurowissenschaftlichen Forschung und andererseits die Präsentation der deterministischen sowie der indeterministischen Positionen vor deren medizinischen und philosophischen Hintergrund.

1.2 Wissenschaftstheoretische Einführung

Zu Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit soll auf einige Grundlagen der Wissenschaftstheorie eingegangen werden. Chmielewicz argumentiert, „dass der wissenschaftlich Geschulte auch die methodologischen Spielregeln kennen muss, nach denen die Wissenschaft arbeitet“[11]. Auch Raffee begründet die Bedeutung der Wissenschaftstheorie für die Betriebswirtschaftslehre - und zwar damit, dass durch die Beschäftigung mit wissenschaftstheoretischen Problemen unrationelles Arbeiten und etwaige Fehlentwicklungen vermieden werden können.[12]

Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, werden zunächst der Begriff Wissenschaft und anschließend einige Forschungskonzeptionen der Wirtschaftswissenschaften behandelt.

1.2.1 Begriff und Aufgaben der Wissenschaft

Schülein/Reitze definieren „Wissenschaft“ folgendermaßen:

„Wissenschaft ist eine Sonderform von institutionalisierter Reflexion, die aus bestimmten historischen Umständen hervorgegangen und in ihrer Entwicklung eng mit der Dynamik moderner Gesellschaften verbunden ist. Für sie gilt immer, dass sie in ihrer Entwicklung und Funktionsweise von bestimmten Rahmenbedingungen abhängig bzw. darauf bezogen ist“[13].

Darüber hinaus unterscheidet Raffee drei Varianten des Wissenschaftsbegriffs:[14]

Wissenschaft als Tätigkeit: zielt auf die systematische Gewinnung von Erkenntnis und soll so den Wissensvorrat vergrößern.

Wissenschaft als Institution bzw. Organisation: bezeichnet ein „System von Menschen und Sachen, innerhalb dessen sich der Prozess der Erkenntnisgewinnung vollzieht“[15].

Wissenschaft als Ergebnis: bezieht sich auf das Resultat der Erkenntnisbemühungen. In diesem Zusammenhang kann des weiteren zwischen subjektivem und objektivem Wissenschaftsbegriff unterschieden werden. Während unter Wissenschaft im subjektiven Sinne das systematische Wissen eines Individuums zu verstehen ist, handelt es sich bei der objektiven Bedeutung um ein „systematisch geordnetes Gefüge von Sätzen“[16].

Um die Frage nach den Aufgaben der Wissenschaft beantworten zu können, wird zunächst zwischen reiner und angewandter Wissenschaft unterschieden. Die reine Wissenschaft verfolgt ausschließlich das Ziel der Wissensgenerierung und lässt dabei praktische Anwendungsmöglichkeiten außer Acht. Demgegenüber richtet sich die angewandte Wissenschaft an praktischen Zwecken aus, wobei hier weiter differenziert werden kann zwischen wertender, also normativer, und wertfreier Wissenschaft. Die Betriebswirtschaftslehre wird heute zu den angewandten Wissenschaften gezählt, jedoch ist darauf hinzuweisen, dass die Einteilung in die Alternativen „rein“ und „angewandt“ keineswegs als eindeutig und unveränderlich zu erachten ist.[17]

Bevor im nächsten Abschnitt die Forschungskonzeptionen der Wirtschaftswissenschaften dargestellt werden, wird nun der Begriff der Wissenschaftstheorie, auch Epistemologie, geklärt.

Mittels Theorien wird versucht, die Realität zu erklären und Gesetzmäßigkeiten zu formulieren, um allgemeingültige Aussagen zu erhalten und in eine gewisse Ordnung zu bringen.[18] Nach Schülein/Reitze „sind Theorien die Idealform (institutionalisierter) Reflexion“[19]. Wissenschaftstheorie muss folglich „die Funktionsweise einer besonderen Form von institutionalisierter Erkenntnis erfassen und begreifen[20]. Raffee bezeichnet Epistemologie als Lehre der

Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, Aussagen über die Wissenschaft zu formulieren.[21] Er differenziert zwischen zwei Ansätzen der Wissenschaftstheorie:[22]

Externaler Ansatz: Im Fokus der Betrachtung liegen der Wissenschaftsprozess und die wissenschaftlichen Institutionen. Es wird angestrebt, die Wissenschaft empirisch-theoretisch zu erfassen, praktisch zu gestalten und zu beschreiben. Dieser Ansatz lässt sich in die Teildisziplinen Wissenschaftspsychologie, -soziologie, -ökonomie und -geschichte untergliedern.

Internaler Ansatz: Objekte dieses Ansatzes sind wissenschaftliche Aussagen. Hier resultieren die Bemühungen in Metaaussagen über Systeme von Sätzen der Einzelwissenschaften. Als Teildisziplinen sind die Wissenschaftslogik, -methodologie und -philosophie zu nennen.

1.2.2 Wissenschaftstheoretische Forschungskonzeptionen

Forschungskonzeptionen, oder Forschungsrichtungen bzw. -strategien, dienen der Abgrenzung unterschiedlicher Problemstellungen sowie der zu verfolgenden Wissenschaftsziele. Nach Chmielewicz sind folgende vier Konzeptionen, wobei jeweils eine nachfolgende auf der zuvor genannten aufbaut, für die Wirtschaftswissenschaften von Bedeutung:[23]

Begriffslehre

Wirtschaftstheorie

Wirtschaftstechnologie

Wirtschaftsphilosophie.

„Die Begriffslehre [...] begnügt sich mit der Bildung und Präzisierung von Begriffen und Definitionen“[24]. Das wesentliche Ziel der Wissenschaft ist in diesem Fall die Begriffsklärung und mit der Klärung aller Begriffe gilt ihre Aufgabe als abgeschlossen.[25]

In der Wirtschaftstheorie werden diese Begriffe als Elemente theoretischer Aussagen verwendet, die einen generellen Ursache/Wirkungs-Zusammenhang darstellen. Theoretische Aussagen müssen wahr und informativ sein, um Erklärungen und Prognosen zu ermöglichen, die dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen.[26]

„Die [Wirtschafts-]Technologie [...] basiert auf diesen theoretischen Aussagen und formt sie technologisch [... ] um, indem die Wirkungen im ganzen oder zum Teil als Ziele angestrebt und dafür die Ursachen, soweit sie gestaltbar sind, als Mittel herbeigeführt werden“[27]. Aus theoretischen Aussagen über Ursache/Wirkungs-Zusammenhänge werden folglich technologische Aussagen über Zweck/Mittel-Zusammenhänge im Sinne von Zielsystemen erstellt.[28] Mittel müssen dabei stets gestaltbar sein, im Gegensatz dazu können Ursachen auch unbeeinflussbar sein.[29]

Die letzte Forschungskonzeption, die Wirtschaftsphilosophie, formuliert Werturteile über die mit der Technologie verfolgten Ziele sowie deren Resultate.[30] Raffee erachtet Aussagen als normativ, „wenn sie einen auszeichnenden Realitätsbezug, eine implizite Bezugnahme auf Prinzipien und eine präskriptive Erwartung enthalten“[31].

1.3 Einordnung und Aufbau der vorliegenden Arbeit

In der vorliegenden Diplomarbeit finden sich prinzipiell alle der genannten Forschungskonzeptionen. Begriffe und Definitionen werden jeweils zu Beginn des Kapitels oder Abschnittes, in dem sie relevant werden, behandelt.

Insbesondere wird die Wirtschaftstheorie verwendet, um nach Klärung der Begriffe aus der Hirnforschung Aussagen über die (in-)deterministischen Positionen zu formulieren, auf denen die betriebswirtschaftliche Anwendung basieren soll und die als Grundlage zukünftiger Forschung dienen können. Anschließend werden Neuroökonomie und Betriebswirtschaft in dem Sinne verbunden, als Relevanz und Bedeutung der Implikationen der Hirnforschung gezeigt werden. Wirkungen werden also im Sinne von Ziel/MittelZusammenhängen dargestellt, wodurch hier die Wirtschaftstechnologie zum Einsatz kommt. Schließlich sollen die Ergebnisse geprüft und bewertet werden, wobei die Wirtschaftsphilosophie angewandt wird.

Die in Kapitel 1.1 formulierte Forschungsfrage soll mit Hilfe der Dokumentenanalyse, also anhand der aktuell vorhandenen Literatur beantwortet werden.

Die Arbeit ist in fünf Bereiche unterteilt. Das erste Kapitel behandelt einerseits eine inhaltliche Einführung, die den Forschungsgegenstand eingrenzt und andererseits die wissenschaftstheoretische Einführung, die der Präzisierung von Begriffen dient. Gemeinsam mit Kapitel fünf, das die wichtigsten Ergebnisse übersichtlich zusammenfasst, sowie die Beantwortung der Forschungsfrage und die gewählte Methode bewertet, bildet dieser Bereich den Rahmen der Diplomarbeit.

Im Kapitel zwei wird zunächst die Hirnforschung anhand ihrer Methoden, Ergebnisse und Grenzen präsentiert. Darauf folgen Definitionen der Begriffe Wille und Freiheit, sowie deren Darstellung im Kontext der Neurowissenschaften. Dieser Teil der Arbeit beinhaltet hauptsächlich die Forschungskonzeption der Begriffsklärung und bildet gleichzeitig die Basis für die Wirtschaftstheorie.

Das dritte Kapitel erläutert die deterministische und die indeterministische Position und stellt beide anhand von Theorien und Beispielen gegenüber, ohne jedoch zu bewerten, welche dieser Sichtweisen als „richtig“ zu erachten ist. Da zu Beginn beide Positionen vorgestellt und Determinismus und Indeterminismus definiert werden, trägt auch dieser Bereich zur Klärung von Begriffen bei. In erster Linie zielt dieses Kapitel jedoch auf Ursache/Wirkungs-Zusammenhänge, die sich aus theoretischen Aussagen der verwendeten Literatur ergeben.

Kapitel vier beschäftigt sich mit der Relevanz der zuvor erarbeiteten Theorie für die Betriebswirtschaft und der Bedeutung für das Management. Dabei werden zunächst die betriebswirtschaftlichen Teilbereiche Marketing, Finanzierungswissenschaft, organisationale Verhaltenswissenschaft sowie Controlling mit den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden und der fruchtbare Einsatz letzterer erarbeitet. In einem nächsten Schritt wird die Anwendbarkeit der Implikationen aus der Hirnforschung auf eine der wichtigsten Aufgaben des Managements, das Treffen von Entscheidungen, analysiert. Dieser Bereich der Arbeit beschäftigt sich somit mit der Wirtschaftstechnologie. Abschließend werden Handlungsempfehlungen über die zukünftige Nutzung der Neuroökonomie im Sinne der Wirtschaftsphilosophie formuliert.

2. Hirnforschung und (freier) Wille

2.1 Methoden und Ergebnisse

2.1.1 Forschungsschwerpunkte

Das Center for Brain Research der medizinischen Universität Wien unterscheidet folgende Teildisziplinen der Hirnforschung:[32]

Biochemie und Molekularbiologie

Kognitive Neurobiologie

Neuroimmunologie

Neuronale Zellbiologie

Neurophysiologie

Bioelektronik

Pathobiologie des Nervensystems

Synapsenbildung.

Die Forschung der Biochemie und Molekularbiologie beschäftigt sich mit Neurotransmitter-Transportern und -Rezeptoren sowie deren klinischen Funktionen. Untersucht werden deren regionale Verteilung, Struktur und Pharmakologie mit den Zielen, den Wissensstand über diese Proteine zu erweitern und neue Therapien für zahlreiche psychiatrische und neurologische Erkrankungen zu entwickeln. Zusätzlich werden molekulargenetische Forschungen durchgeführt. So wird zum Beispiel mittels Blutproben von Patienten mit Depressionen, Schizophrenie oder Epilepsie nach genetischen Mutationen gesucht, die zu diesen Krankheiten führen.[33]

Der Fokus der neuroimmunologischen Forschung liegt auf der Immunüberwachung von Nervensystemen sowie den Mechanismen von Entzündungen des Gehirns und daraus resultierender Schädigungen des zentralen Nervensystems. Von besonderem Interesse sind unter anderem Multiple Sklerose, Epilepsie und Alzheimer.[34]

Das primäre Forschungsinteresse der Neuronalen Zellbiologie ist das Verständnis der molekularen Grundlagen von Synapsen, also wie sich einzelne Synapsen und die Kommunikation zwischen Neuronen ein Leben lang verändern und inwiefern dies zu den menschlichen Lern- und Merkfähigkeiten beiträgt.[35]

Die Neurophysiologie konzentriert sich vor allem auf die Erforschung von Schmerzen. Dies betrifft einerseits chronische Schmerzen, Schmerzentwicklung und -wahrnehmung.[36]

Ein wesentliches Ziel der Bioelektronik besteht in der Entwicklung neuer bildgebender Verfahren, zum Beispiel solcher, die die neuronalen Strukturen von Mäusegehirnen darstellen können. Dazu sollen auch andere Methoden, wie die Ultramikroskopie weiterentwickelt werden. Außerdem beschäftigt sich die Bioelektronik mit der Analyse von EEG-Ergebnissen anhand eines weiteren neuen Verfahrens.[37]

Die Pathobiologie richtet Anstrengungen darauf, die molekularen Mechanismen der Neurodegeneration zu erforschen, wobei den Peroxisomen[38] und deren Funktionen besonderes Interesse gilt.[39]

Die Forschungsarbeit der Synapsenbildung fokussiert vor allem die Bedeutung bestimmter Enzyme bei der Entwicklung neuromuskularer Synapsen. Dabei kommen insbesondere molekularbiologische und molekular mäusegenetische Ansätze zur Anwendung.[40]

2.1.2 Verfahren und Erkenntnisse

In der Neuroökonomie kommen primär neurowissenschaftliche Verfahren zum Einsatz, die die Aktivitäten des menschlichen Nervensystems analysieren.[41] Häufig werden verschiedene Methoden kombiniert eingesetzt, um die gewonnenen Ergebnisse zu erweitern.[42] Folgende Verfahren sollen hier vorgestellt werden:[43]

Psychophysiologische Verfahren

Bildgebende Verfahren

Elektroenzephalographie (EEG)

Positronenemissionstomographie (PET)

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)

Einzelneuronenmessung

Psychopathologie

Untersuchungen von Schädigungen des menschlichen Gehirns.

„Die psychophysiologischen Verfahren basieren auf der Messung verschiedener körperlicher Indikatoren, wie zum Beispiel Blutdruck, Puls, Schweißbildung [...] oder Pupillenerweiterung.“[44] Derartige Reaktionen auf zugeführte Reize können Aufschluss geben über geistige Anstrengung, Ängste, Erregung oder andere Motivationen. Emotionen lassen sich anhand der Mimik und Bewegungen der Gesichtsmuskulatur messen. Diese Methoden sind leicht anzuwenden und geben Rückschlüsse auf neuronale Funktionen.[45]

„Die Grundidee der bildgebenden Verfahren besteht in einem Vergleich des Gehirnzustands bei der Ausübung einer bestimmten Aufgabe mit dem bei der Ausübung einer Kontrollaufgabe“[46]. Der Unterschied zwischen den beiden Bildern zeigt, welche Gehirnareale jeweils aktiviert wurden.[47]

Die Elektroenzephalographie (EEG) ist die älteste bildgebende Methode und misst elektrische Aktivität mittels mehrerer Elektroden an der Kopfhaut. Dabeiwerden Gehirnwellen aufgezeichnet, die die derzeitige Gehirnaktivität zeigen. Dieses Verfahren bietet zwar eine sehr hohe zeitliche Auflösung, jedoch ist die räumliche Auflösung eher ungenau, weil Vorgänge im Inneren des Gehirns nicht direkt gemessen werden können und somit die Lokalisierung spezifischer Prozesse erschwert wird.[48]

Ein neueres bildgebendes Verfahren ist die Positronenemissionstomographie (PET). Sie „baut auf der Erkenntnis auf, dass aktivere Gehirnregionen mehr Glukose verbrauchen als weniger aktive“[49] und misst den Blutstrom, der in das Gehirn fließt, nachdem schwach radioaktiv markierte Glukose zugeführt wird. Der dadurch erhöhte Stoffwechsel erfasst und ermöglicht die Abbildung der Aktivierungsunterschiede. Die räumliche Auflösung ist deutlich höher als beim EEG, jedoch ist die zeitliche etwas geringer. Außerdem ist die PET auf kurzfristige Aufgaben beschränkt, da die radioaktiven Kontrastmittel schnell zerfallen. Daraus ergibt sich ein weiterer Nachteil, der in der Strahlenbelastung der Probanden besteht. Wiederholungsmessungen sind deshalb kaum möglich, aber auch seltener erforderlich, als bei der funktionellen Magnetresonanztomographie.[50]

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Abbildung 1: Beispiel für eine statistical parametric map, Ergebnis der fMRT[51]

Die neueste und sehr oft angewandte bildgebende Methode ist die funktionelle Magnetresonanztherapie (fMRT) (vgl. Abb. 1 und Abb. 2). „Mit ihrer Hilfe lässt sich die Stoffwechselaktivität von Hirnarealen durch die Messung der magnetischen Eigenschaften von sauerstoffreichem [...] und sauerstoffarmem [...]

Blut darstellen“.[52] Da die zeitliche und räumliche Auflösung sehr hoch ist, hat sie einen breiten Anwendungsbereich für viele Untersuchungen.[53]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Magnetresonanztomographischer Schnitt durch das Gehirn[54]

Die fMRT misst nur die Aktivität ganzer Gehirnregionen, die aus Tausenden Neuronen bestehen. Bei der Einzelneuronenmessung werden Elektroden ins Gehirn eingeführt, von denen jede das Feuern eines einzelnen Neurons misst. Jedoch wird diese Methode vorwiegend an Tieren angewandt, da die Elektroden den Neuronen und damit dem Gehirn schaden. Deshalb konnten durch die Einzelneuronenmessung nur grundlegende emotionale und motivationale Prozesse gemessen werden, nicht aber höhere Prozesse wie zum Beispiel Sprache oder Bewusstsein.[55]

Die Psychopathologie beschäftigt sich mit verschiedenen Erkrankungen des Gehirns, die mit verschiedenen Hirnarealen in Verbindung gebracht werden können. In manchen Fällen kann durch den Fortschritt einer Krankheit ihr Verlauf im Gehirn lokalisiert werden. Chronische Geisteskrankheiten wie Schizophrenie, Entwicklungsstörungen wie Autismus oder degenerative Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson, geben Aufschluss darüber, wie das Gehirn funktioniert und welche Rolle einzelne Bestandteile spielen[56] Schädigungen des Gehirns, zum Beispiel durch Unfälle, sind eine ergiebige Quelle für neue Einblicke in Gehirnfunktionen. Wenn ein Patient einen bereits entdeckten Schaden im Hirnareal X hat und seitdem eine bestimmte Aufgabe deutlich schlechter ausführt als zuvor oder als vergleichbare Personen ohne diesen Gehirnschaden, lässt sich herausfinden, dass das Gehirnareal X für eine derartige Aufgabe notwendig ist.[57]

Mithilfe der genannten Methoden konnten grundlegende Aussagen über die Anatomie des Gehirn erarbeitet werden, von denen die wichtigsten hier vorgestellt werden sollen.

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Abbildung 3: Großhirnrinde mit Frontal-, Parietal-, Okzipital- und Temporallappen[58]

Das menschliche Gehirn besteht aus vier Lappen (vgl. Abb. 3):[59]

Frontallappen

Parietal- (auch Scheitellappen)

Okzipital- (auch Hinterhauptlappen)

Temporallappen.

Zu den Funktionen des Frontallappens zählen Planung, kognitive Kontrolle sowie die Integration und das Verständnis der Inhalte anderer Hirnareale.[60] Parietalregionen steuern motorische Aktivitäten, der Okzipitallappen ist verantwortlich für die visuelle Verarbeitung und die Aufgaben der Temporallappen umfassen Gedächtnis, Erinnerung und Emotionen. Neuronen der verschiedenen Hirnareale sind miteinander verbunden, was das Gehirn befähigt, komplexe Stimuli zu integrieren, um darauf reagieren zu können.[61] Auch der präfrontale Kortex „zeichnet sich anatomisch durch seine massive Vernetzung mit zahlreichen anderen Hirnregionen aus“[62]. Ihm werden exekutive Funktionen zugesprochen und er ist unter anderen mit folgenden Hirnregionen, von denen er Informationen bezieht, verbunden:[63]

Assoziationsfelder der Großhirnrinde

Basalganglien

Amygdala

Hippocampus

Kerne des Stammhirns.

Zu den Aufgaben der Großhirnrinde gehören die Verarbeitung sensorischer Informationen sowie Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse. Die Basalganglien zählen zu den subkortikalen Regionen und sind einerseits für die Bewegungssteuerung und andererseits für motivationale Prozesse zuständig. Die Funktion der Amygdala besteht in der emotionalen Bewertung von Stimuli und der Hippocampus ist wichtig für das deklarative Gedächtnis. Die Amygdala und der Hippocampus sind außerdem wesentliche Bestandteile des limbischen Systems (vgl. Abb. 4), das eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen spielt.[64] Die Kerne des Stammhirns regulieren grundlegende Körperfunktionen sowie das generelle Erregungsniveau.[65]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Die wichtigsten limbischen Gehirnstrukturen[66]

2.1.3 Grenzen der Forschung

Im vorigen Abschnitt wurden bereits einige Probleme der Hirnforschung genannt, darunter ethische Bedenken gegenüber der PET aufgrund der radioaktiven Strahlenbelastung oder die Einzelneuronenmessung, die dem Gehirn Schaden zufügen kann. Außerdem sind bei manchen bildgebenden Verfahren, beispielsweise der fMRT, mehrere Wiederholungen notwendig, um ein aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten.

Hinzu kommt, dass die unnatürliche Laborsituation vieler neurowissenschaftlicher Methoden Einfluss auf die Resultate hat. Bei der fMRT zum Beispiel wird die Versuchsperson in dem funktionellen Magnetresonanztomographen fixiert, sodass selbst kleinste Bewegungen wie das Sprechen erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht werden. Weiters herrscht darin großer Lärm, was einerseits den Einsatz akustischer Reize stört und andererseits den Probanden beeinflussen kann. Die Testperson ist zwar keiner ernsthaften gesundheitlichen Gefahr ausgesetzt, jedoch kommt es vereinzelt zu Schwindelgefühlen, metallischem Geschmack im Mund und einem Anstieg der Körpertemperatur.[67]

Olivier spricht eine weitere Problematik an, nämlich die der Interpretation der Ergebnisse bildgebender Hirnforschungsmethoden: „Die Berücksichtigung nur der Orte maximaler Aktivität ignoriert, dass das Gehirn als Ganzes tätig ist, und greift Teilaspekte heraus, deren Einordnung man nicht kennt. Seit wann sagt der das Wichtigste, der am lautesten spricht?“[68]

2.2 Wille und Freiheit

Da bereits ein erster Einblick in die Neurowissenschaften gegeben ist, soll hier auf die entscheidenden Begriffe der (In-)Determinismus-Diskussion eingegangen werden. Zunächst erfolgt eine Definition der beiden Termini Wille und Freiheit, anschließend werden sie in die aktuelle Hirnforschung integriert.

2.2.1 Der Begriff Wille

Der Willensbegriff wird seit dem klassischen Altertum auf vielfältige Weise behandelt und definiert.[69]

Nach Popper ist der Wille neben Zwecken und Zielen der Welt des geistig- psychischen Erlebens zuzuordnen[70]. Platon verwendet den Begriff Wille indirekt - er spricht vom rationalen Wunsch, etwa als Folge eines Mangels[71]. Spinoza setzt den Willen mit dem bewussten Selbsterhaltungstrieb, dem Streben nach Erkenntnis sowie dem Intellekt gleich und folgert, „der Wille ist demnach Ursache, aber [...] unter der Bedingung anderer Ursachen stehend“.[72] Nach Locke ist er eine allgemeine unbestimmte Fähigkeit[73]. Er definiert den Willen als

„die Kraft einer Person, eine bestimmte, für möglich gehaltene Handlung einer anderen für möglich gehaltene Handlung oder auch ihre Unterlassung vorzuziehen.“[74]

Der Wille kann also zum menschlichen Tun oder Lassen bewegen. Außerdem weist Locke darauf hin, dass Individuen lernen können, ihr Wollen zugunsten längerfristiger Ziele zu modifizieren.[75] Ähnlich argumentiert Descartes, dass der Wille Triebe oder Gründe aufschieben kann.[76] Auch bei Augustin steht der Wille direkt und unmittelbar in der Macht des Menschen, sobald er will.[77]

Im Gegensatz dazu sieht Hegel den Willen als „kein eigenes Vermögen gegenüber der Intelligenz, sondern der Wille ist das Realisieren der in sich freien Intelligenz in der Wirklichkeit.“[78] Nach Sartre setzt ein konkretes Wollen voraus, dass das Gewollte nicht vorhanden ist. Es muss also eine Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, vorliegen. Dabei ist „der Mensch ein prinzipiell wollender, einer also, der gar nicht anders kann, als das Bestehende zu überschreiten und es zu verändern [.] “[79]. Ebenso erachtet Kant den Willen als „ein Vermögen, etwas aus nichts zu erschaffen“[80].

Während Sartre den Willen mit Bewusstsein gleichsetzt[81], ist er bei Schopenhauer weitgehend unbewusst und wird als „das Wesen, das Ding an sich, die Wirklichkeit von allem“[82] beschrieben.

Die Handlungspsychologie unterscheidet folgende fünf Funktionen des Willens:[83]

Der Wille wirkt energetisierend in dem Sinne, dass bestimmte Absichten zu handeln vorangetrieben werden.

Die Richtungsfunktion gibt den Ausschlag, dass eine konkrete Handlung anstelle einer anderen gewollt wird.

Die Selbstinitiierung führt dazu, dass eine Handlung ohne das Einwirken von Zwängen ausgelöst wird.

Die Kontrollfunktion gewährleistet, dass ein Handlungsstrang beibehalten und konsequent verfolgt wird.

Die Bewusstseinsqualität erzeugt das Gefühl, der Akteur handelt frei und ungezwungen.

Kornhuber definiert den Willen einerseits als vernünftige Selbstführung, sowie als Denken und Verhalten aus dem Kern der Persönlichkeit, aber auch aus der Interaktion mit Anderen. Andererseits interagieren vernünftiger Wille, Lernen und Selbstkritik und formen dadurch die Persönlichkeit.[84]

Obgleich als Wunsch, Kraft oder Notwendigkeit, bewusst oder unbewusst, als Ursache oder Verursacher - der Willensbegriff durchzieht die Kulturgeschichte und hat an Aktualität nicht verloren. In der Psychologie und Philosophie ist der Wille traditionell mit dem Glauben an menschliche Freiheit verbunden.[85]

2.2.2 Der Begriff Freiheit

Auch der Freiheitsbegriff wird in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen sehr unterschiedlich klassifiziert und verwendet. Grundsätzlich kann zwischen positiver und negativer Freiheit differenziert werden:

Positiver Freiheitsbegriff: Hier wird nach der Freiheit wozu gefragt. Es geht um die Freiheit, etwas zu tun, also die Spontaneität zum Handeln. In der Antike galt diese Auffassung von Freiheit als Tugend.[86]

Negativer Freiheitsbegriff: In diesem Fall muss die Frage lauten, Freiheit wovon? Dieser Begriff wird prinzipiell häufiger verwendet und bezieht sich zum Beispiel auf die Abwesenheit von Krankheit oder die Unabhängigkeit vom Zwang.[87]

Ähnlich erfolgt die Unterscheidung bei Hume, der die Freiheit der Spontaneität von der Freiheit der Indifferenz abgrenzt. Erstere ist das Gegenteil von Gewalt oder Zwang, und wird ausschließlich durch individuelle Motive und Überzeugungen bestimmt. Der zweite Freiheitsbegriff bezieht sich auf das Gegenteil von Notwendigkeit beziehungsweise von kausaler Determination und entspricht Zufall oder Unbestimmtheit.[88]

Nach Platon jedoch bedeutet Freiheit im positiven Sinn keinerlei Beschränkungen zu unterliegen, während Freiheit im negativen Sinn auf Anarchie und Willkür bezogen ist. Daneben unterscheidet er drei Bedeutungen von Freiheit:

Freiheit als Gegensatz zur Sklaverei

Freiheit von Gewaltherrschaft

Freiheit als Lebensweise.[89]

Spinoza setzt menschliche Freiheit mit Erkenntnis gleich, vor allem mit kritischer Selbsterkenntnis, basierend auf Vernunft und Intuition.[90] Locke definiert Freiheit als die Kraft, bestimmte Handlungen auszuführen oder zu unterlassen, beziehungsweise als die „Möglichkeit, etwas zum Gegenstand seines Denkens zu machen, oder auch nicht zu machen, und andererseits sich zu bewegen oder auch nicht zu bewegen“[91]. Freiheit und Freiwilligkeit sind jedoch voneinander zu unterscheiden, da die Freiheit nicht von einem bestimmten Wollen, sondern ausschließlich vom jeweiligen Weltzustand abhängt.[92] Nach Hegel gibt es verschiedene Formen oder Grade von Freiheit, wobei er als höchste Form diejenige bezeichnet, die mit der vernünftigen Notwendigkeit des Denkens übereinstimmt[93]. Sartre betont, dass „Freiheit nie nur die eines einzelnen Subjekts ist, sondern dass sie ihrerseits gewollt werden muss, und zwar in erster Linie von der Gesellschaft, in der wir leben.“[94] Nach Popper ist ein gewisser Grad der Freiheit des Verhaltens angeboren, während freies Handeln seinerseits die Persönlichkeit zumindest teilweise prägt.[95]

Deecke beschreibt Freiheit als Phänomen des täglichen Lebens, als Aufgabe und Herausforderung und nennt unter anderem eine gesunde Lebensweise und Wahrheit als Voraussetzungen.[96] Weitere Bedingungen finden sich bei Leibniz, demnach Freiheit immer mit „Vernünftigkeit“ einhergeht und nur in Zusammenhang mit Bewusstsein möglich ist.[97]

Nach Birbaumer ist Freiheit ein Konstrukt des Gehirns, vergleichbar mit allen von Menschen produzierten Denken und Verhalten. Er weist aber darauf hin, dass Freiheit vor allem ein historisch, politisch und sozial entstandenes Phänomen ist, das sich nicht auf Hirnprozesse allein rückführen lässt.[98]

2.2.3 Der freie Wille in der Hirnforschung

Zahlreiche der philosophischen Beiträge zur Willensfreiheit haben Eingang in die moderne Hirnforschung gefunden und dienen dort als Grundlage für verschiedene Experimente und Untersuchungen. Roth/Grün argumentieren, dass die Verbindung von Natur- und Geisteswissenschaften beide aufwerten und fruchtbar machen kann.[99]

Descartes' Willenskonzeption eignet sich beispielsweise zur Anwendung auf die aktuelle Hirnforschung, weil sie Spielraum für empirische Untersuchungen lässt. Er beschreibt die Willensfreiheit als reaktives, empirisch nachweisbares Vermögen, das auf Überlegung und begründeter Entscheidung beruht und Impulse bejahen oder verneinen kann.[100] Im Gegensatz dazu ist das Freiheitsproblem bei Leibniz metaphysischer Natur und deshalb der Empirie nicht zugänglich. Dennoch könnte sein Begriff der vernunftgegründeten Willensfreiheit der heutigen Auseinandersetzung in der Neurophysiologie einen Weg weisen.[101]

Nach Stederoth weist die aktuelle (In-)Determinismus-Debatte zwei Defizite auf:[102] Erstens wird meist ein Freiheitsbegriff verwendet, der mit Willkür gleichgesetzt werden könnte, weil er sich lediglich auf eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten bezieht. Zweitens scheint sich derzeit die Frage nach der Willensfreiheit nur mit Ja beziehungsweise Nein beantworten zu lassen. In beiden Fällen könnte Hegels Ansatz, nach dem verschiedene Stufen von Freiheit unterschieden werden, den Horizont der möglichen Ergebnisse der Diskussion erweitern. Auch eine geschichtsphilosophische Reflexion des Freiheitsproblems, wie bei Hegel, könnte in der aktuellen Debatte fruchtbar werden.[103]

Bevor neurologische Experimente zur Willensfreiheit dargestellt werden können, soll zunächst der Begriff Bereitschaftspotenzial (BP) eingeführt werden. Das BP lässt sich aus dem EEG ableiten, wenn Probanden eine Bewegung aus freien Stücken initiieren.[104] Dabei handelt es sich also um eine Voraktivierung, die verschiedene Aspekte der Planung, Entscheidung und Ausführung enthält.[105] Es beginnt etwa 0,8 Sekunden vor Einsetzen der Bewegung. Eccles beschreibt das BP als die neuronale Konsequenz des Willenskommandos.[106] aus willkürlichen Fingerbewegungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Bereitschaftspotenziale, abgeleitet[107]

Ein in Zusammenhang mit der (In-)Determinismus-Debatte häufig zitiertes Experiment zum Nachweis beziehungsweise zur Widerlegung der Willensfreiheit stammt von Libet. Im Mittelpunkt steht die Introspektion, also der Versuch, in sich selbst hineinzuschauen und Zusammenhänge betreffend der subjektiven Erlebnisverarbeitung aufzudecken.[108]

Libet zeigte den Versuchspersonen einen Monitor mit einer Art Zifferblatt, auf dem ein schwarzer Punkt im Uhrzeigersinn kreiste (siehe Abbildung 6). Die Probanden sollten Willkürbewegungen mit ihrer rechten Hand ausführen und im Nachhinein angeben, wo der kreisende Punkt zu dem Zeitpunkt stand, als sie den Drang verspürten, die Bewegung zu machen. Anhand des Zifferblatts konnte die zeitliche Differenz zwischen Bewegungsdrang und -durchführung berechnet werden. Gleichzeitig wurde das BP abgeleitet und mit dem gemessenen Zeitwert verglichen. Da das BP einige Millisekunden vor dem bewusst wahrgenommenen Drang zur Bewegung auftrat, schloß Libet, dass die eigentliche Initiierung der Bewegungsvorbereitung unbewusst abläuft.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Oszilloskop-Uhr[109]

Die Probanden trafen die Entscheidung, ihre Hand im Zuge des Experiments zu bewegen beziehungsweise bewegen zu wollen, streng genommen schon bei der Instruktion vor dem Versuch. Zudem erfolgte die Messung des Zeitpunkts, zu dem der Bewegungsdrang verspürt wurde, erst hinterher.

[...]


[1] Vgl. Glimcher/Camerer/Fehr/Poldrack (2009), S. 6-9.

[2] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 249.

[3] Vgl. Borner (2009), S.157.

[4] Borner (2009), S.157.

[5] Vgl. Camerer/Loewenstein/Prelec (2004), S. 573f.

[6] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 247-249.

[7] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 252.

[8] Vgl. An der Heiden/Schneider (2007), S. 11.

[9] Goschke (2009), S.114.

[10] Vgl. Goschke (2009), S. 108-115.

[11] Chmielewicz (1994), S. 6.

[12] Vgl. Raffée (1993), S. 20.

[13] Schülein/Reitze (2005), S. 25.

[14] Vgl. Raffee (1993), S. 13.

[15] Raffee (1993), S. 13.

[16] Raffee (1993), S. 13.

[17] Vgl. Raffee (1993), S. 15.

[18] Vgl. Kirsch/Seidl/van Aaken (2007), S. 7.

[19] Schülein/Reitze (2005), S. 21.

[20] Schülein/Reitze (2005), S. 26.

[21] Vgl. Raffée (1993), S. 17.

[22] Schülein/Reitze (2005), S. 26.

[23] Vgl. Chmielewicz (1994), S. 8-14.

[24] Chmielewicz (1994), S. 10.

[25] Vgl. Chmielewicz (1994), S. 11.

[26] Vgl. Chmielewicz (1994), S. 11.

[27] Chmielewicz (1994), S. 11.

[28] Vgl. Kirsch/Seidl/van Aaken (2007), S. 176.

[29] Vgl. Chmielewicz (1994), S. 12.

[30] Vgl. Chmielewicz (1994), S. 14.

[31] Raffée (1993), S. 45.

[32] Vgl. Center for Brain Research, Departments (2010).

[33] Vgl. Center for Brain Research, Dept. Biochem.-Mol. Biology, Area of Research (2010).

[34] Vgl. Center for Brain Research, Dept. Neuroimmunology (2010).

[35] Vgl. Center for Brain Research, Dept. Neuronal Cell Biology (2010).

[36] Vgl. Center for Brain Research, Dept. Neurophysiology, Area of Research (2010).

[37] Vgl. Center for Brain Research, Sect. Bioelectronics (2010).

[38] Peroxisome sind Zellbestandteile, die unter anderem beim Fettstoffwechsel eine wichtige Rolle spielen.

[39] Vgl. Center for Brain Research, Sect. Pathobiol. Nerv. System (2010).

[40] Vgl. Center for Brain Research, Sect. Synapse Formation (2010).

[41] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 249f.

[42] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 557.

[43] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 250f und Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 557f.

[44] Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[45] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 557.

[46] Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[47] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[48] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 557 und Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[49] Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[50] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 557 und Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[51] Abbildung entnommen aus: Schilke/Reimann (2007), S. 252.

[52] Schilke/Reimann (2007), S. 250.

[53] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 250f.

[54] Abbildung entnommen aus: Piefke/Markowitsch (2008), S. 114

[55] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 558.

[56] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 558.

[57] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 558.

[58] Abbildung entnommen aus: Popper/Eccles (2002), S. 285.

[59] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 558f.

[60] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 558f. und Kornhuber/Deecke (2007), S. 51, 56.

[61] Vgl. Camerer/Loewenstein/ Prelec (2004), S. 559.

[62] Goschke (2009), S. 129.

[63] Vgl. Goschke (2009), S. 129f.

[64] Vgl. Piefke/Markowitsch (2008), S. 103.

[65] Vgl. Goschke (2009), S. 129.

[66] Abbildung entnommen aus: Piefke/Markowitsch (2008), S. 103.

[67] Vgl. Schilke/Reimann (2007), S. 251f.

[68] Olivier (2004), S.153.

[69] Vgl. Deecke (2007), S. 45f.

[70] Vgl. Popper/Eccles (2002), S. 233.

[71] Vgl. Frede (2007). S. 25, 27f.

[72] Wiehl (2007), S. 152.

[73] Vgl. Kulenkamff (2007), S. 172.

[74] Kulenkamff (2007), S. 171.

[75] Vgl. Kulenkampff (2007), S. 177.

[76] Vgl. Steinvorth (2007), S. 139.

[77] Vgl. Kahnert (2007), S. 96.

[78] Stederoth (2007), S. 247.

[79] Wildenburg (2007), S. 285f.

[80] Steinvorth (2007), S. 137.

[81] Vgl. Stederoth (2007), S. 247.

[82] Popper/Eccles (2002), S. 97.

[83] Vgl. Merkel/Roth (2008), S. 59f.

[84] Vgl. Deecke (2007), S. 44, 60.

[85] Vgl. Deecke (2007), S. 45, 53.

[86] Vgl. Deecke (2007), S. 54, 56 und Beckmann (2007), S. 126.

[87] Vgl. Deecke (2007), S. 54f und Beckmann (2007), S. 126.

[88] Vgl. Kulenkampff (2007), S. 180.

[89] Vgl. Frede (2007), S. 26f.

[90] Vgl. Wiehl (2007), S. 151.

[91] Kulenkampff (2007), S. 172.

[92] Vgl. Kulenkampff (2007), S. 171ff.

[93] Vgl. Stederoth (2007), S. 247.

[94] Wildenburg (2007), S. 291.

[95] Vgl. Popper/Eccles (2002), S. 33, 560.

[96] Vgl. Deecke (2007), S. 55f.

[97] Vgl. Poser (2007), S. 163.

[98] Vgl. Birbaumer (2004), S. 28.

[99] Vgl. Roth/Grün (2009), S. 8.

[100] Vgl. Steinvorth (2007), S. 133ff.

[101] Vgl. Poser (2007), S. 169.

[102] Vgl. Stederoth (2007), S. 252.

[103] Vgl. Stederoth (2007), S. 252f.

[104] Vgl. Deecke (2007), S. 50.

[105] Vgl. Helmrich (2004), S. 94.

[106] Vgl. Popper/Eccles (2002), S. 347.

[107] Abbildung entnommen aus: Popper/Eccles (2002), S. 346.

[108] Vgl. Deecke (2007), S. 72.

[109] Abbildung entnommen aus: Libet (2004), S. 274

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Neuroökonomie. Betriebswirtschaftliche Anwendung von deterministischen und indeterministischen Erkenntnissen
Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
89
Katalognummer
V163490
ISBN (eBook)
9783640786015
ISBN (Buch)
9783640786183
Dateigröße
1724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anwendung, Erkenntnissen, Willensfreiheit, Neuromarketing, Neurofinance, Controlling, Entscheidungsfindung, Neuroökonomie
Arbeit zitieren
Raffaela Wallner (Autor), 2010, Neuroökonomie. Betriebswirtschaftliche Anwendung von deterministischen und indeterministischen Erkenntnissen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163490

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