Dichterisch wohnet der Mensch

Martin Heideggers Interpretation Hölderlins in "...und dichterisch wohnet der Mensch" und sein Verständnis von "Werk", "Erde" und "Welt" in "Der Ursprung des Kunstwerks"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt:

I. Einleitung

II. "...dichterisch wohnet der Mensch"
II. 1. Die Poesie
II. 2. Die Sprache
II. 3. Das Wohnen
II. 4. Das Zwischen
II. 5. Die Maß-Nahme
II. 6. Gott
II. 7. Heideggers Fazit

III. "Der Ursprung des Kunstwerks" Seiten
III. 1. Ding und Zeug
III. 2. Dienlichkeit und Verlässlichkeit
III. 3. Das Kunstwerk
III. 4. Wahrheit
III. 5. Heideggers Fazit

IV. Fazit und textübergreifende Deutung

V. Schlusswort

Literatur

I. Einleitung

Im Buch "Der Ursprung des Kunstwerks" bildet der Topos Darbietung der Wahrheit durch das Kunstwerk zwar kein viel diskutiertes, jedoch eines der tiefgründig wichtigsten Themen. Denn es ist für Heidegger ein Offenbaren des Transzendenten.

"Alle Kunst ist als Geschehenlassen der Ankunft der Wahrheit des Seienden als eines solchen im Wesen Dichtung."1

Deshalb werden hier ein Text über Kunst und einer über Dichtung nebeneinander gestellt. Denn beide erschließen dem Leser das 'Offenbarungsdenken' Heideggers.

II. „...dichterisch wohnet der Mensch...“

II. 1. Die Poesie

Schon der Titel von Heideggers Schrift macht klar, wie wichtig von ihm die Poesie für das menschliche Leben eingeschätzt wird. Die Worte sind dem sehr schönen Gedicht " in lieblicher Bläue…" von Hölderlin entnommen, welches Heidegger in seinem Text Stück für Stück interpretiert:

„Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch
Aufschauen und sagen: so
Will ich auch seyn? Ja. So lange die Freundlichkeit noch
Am Herzen, die Reine, dauert, misset
Nicht unglüklich der Mensch sich
Mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott?
Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses
Glaub’ ich eher. Des Menschen Maaß ist’s.
Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet
Der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner
Ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen,
Wenn ich so sagen könnte, als
Der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.
Giebt es auf Erden ein Maaß? Es giebt
Keines.“2

Die von ihm zitierten Verse aus dem Gedicht Hölderlins stellt das Dichterische nicht nur neben das Wohnen, sondern hier wird vom menschlichen Wohnen, was ja ein Grundbestandteil des menschlichen Lebens ist, ausgesagt, dass es dichterisch sei. Somit wird auch die Poesie zu einem wichtigen Bestandteil des Menschenlebens gemacht. Die heutige, herablassende Meinung über Poeten, dass sie Träumer seien, die die Wirklichkeit übersehen, kritisiert Heidegger scharf3

Eine Bedingung sogar sei die Poesie für das Wohnen des Menschen, ebenso wie das Bauen eine Bedingung des Wohnens ist. Heidegger zeigt diese Analogie zwischen ‚Dichten’ und ‚Bauen’ anhand des griechischen Wortes auf, ȆȠȓȘıȚȢ (Poíesis). In diesem Wort steckt sowohl das handwerkliche Schaffen, als auch das Schaffen mittels der Sprache, die ‚Poesie’. Der Frage, was denn ein Poet eigentlich mithilfe seiner ‚Bausteine’, den Wörtern, erschafft (die Ein-Bildung), geht der Autor erst später nach.

Die erschaffende Poesie, ebenso wie das Bauen, bringt den Menschen erst in das Wohnen, bringt ihn erst zur Erde, wie Heidegger sagt.

II. 2. Die Sprache

Bei der Wesenssuche ist der Mensch auf die Sprache angewiesen, so erfährt er auch das Wesen des Wohnens wie des Dichtens nur aus dem "Zuspruch der Sprache"4. Doch es ist Vorsicht geboten, das Gebrauchen ihrer birgt Gefahren: Ohne sich dessen bewusst zu sein, ist der Mensch ursprünglich der Sprache Untertan. Sobald er sich über sich darüber hinwegsetzt und die Herrschaft über die Sprache an sich nimmt, degradiert er sie zum Ausdrucksmittel, mehr noch: zum Druckmittel5

Doch "eigentlich spricht die Sprache. Der Mensch spricht erst und nur, insofern er der Sprache entspricht, indem er auf ihren Zuspruch hört."6

Das kann man so verstehen, dass der Mensch, obwohl er 'der Sprache mächtig' ist, angewiesen ist auf die konventionelle Bedeutung der Worte. Die Botschaft der Sprache lässt keine Freiheit in ihrem Gebrauch. Dem lässt sich nur bedingt zustimmen. Ein Sprechender muss sich gewiss an Konvention halten, sonst wird er nicht von seinen Zuhörern verstanden. Doch ist die Freiheit, die uns die Sprache bietet, gar nicht so gering zu schätzen. Wer geschickt mit Worten umzugehen versteht, und hierzu möchte ich auch Heidegger zählen, ist in der Lage, Konventionen zu umgehen, zum Beispiel durch Zweideutigkeit oder rhetorische Mittel. Heidegger würde hier vehement widersprechen und behaupten, jede Mehrdeutigkeit in seinen Texten sei entstanden durch genaues Hören auf den Zuspruch der Sprache. Denn oft betont Heidegger durch ungebräuchliches Schreiben von Wörtern weniger die alltägliche, als die wortwörtliche oder ursprünglichere Bedeutung. Laut Heidegger wird das Wesen einer Sache allein durch den Wink der Sprache erfahren. Das Wesen entspricht der Sprache. "Das Entsprechen aber, worin der Mensch eigentlich auf den Zuspruch der Sprache hört, ist jenes Sagen, das im Element des Dichtens spricht."7

"Je dichtender ein Dichter ist, um so freier, das heißt um so offener und bereiter für das Unvermutete ist sein Sagen [...] um so ferner ist sein Gesagtes der bloßen Aussage, über die man nur hinsichtlich ihrer Richtigkeit oder Unrichtigkeit verhandelt."8 Poesie sei also die höchste Stufe der Freiheit, mit der Sprache behandelt werden könne, ohne ihr Gewalt anzutun. Diese Freiheit birgt zwar das oben erwähnte Risiko der Unverständlichkeit, aber dem Leser/Zuhörer wird mithilfe von Poesie mehr als durch Sprache das Wesen der Sache aufgetan, insofern er sich dafür öffnet.

Die Antwort auf die Eingangsfrage, was das Wesen des Wohnens sei, sieht Heidegger im Gedicht Hölderlins beantwortet.

II. 3. Das Wohnen

Hinweise auf das Wesen des Wohnens finden sich vor allem in folgenden Zeilen: "Voll Verdienst, doch dichterisch wohnet Der Mensch auf dieser Erde."9

Von Heidegger wird Hölderlin so interpretiert, dass der Verdienst beim Wohnen durch handwerkliches bzw. bäuerliches Bauen und Bebauen im Sinne von Kultivierung besteht. Dies ist die Erfüllung der Bedürfnisse des Wohnens, also bereits eine Wesensfolge des Wohnens und damit nicht das vollständige Wesen des Wohnens. Der Grund des Wohnens muss auf einer anderen Art des Bauens bestehen, auch wenn der irdische Aspekt am Wohnen von Heidegger nicht als unwichtig erachtet wird. Er betont die Worte "auf dieser Erde" des Gedichtes, die sich sowohl auf das Dichten als auch auf das Wohnen beziehen. Die Poesie schwebt nicht als etwas Abgehobenes über der Erde; von Heidegger wird das Gegenteil behauptet: "Das Dichten bringt den Menschen erst auf die Erde, zu ihr, bringt ihn so ins Wohnen."10

Der Sinn dieser Worte Heideggers ist ohne das Vorwissen seiner Vorstellung der Beziehung zwischen dem Menschen auf der Erde und dem Himmlischen schwer zu erfassen. Das Wohnen vollzieht der Mensch zwar auf der Erde, doch geht er hierbei ein bestimmtes Verhältnis mit dem Himmlischen ein. Begründet ist eben dieses Verhältnis im dichterischen Teil des Wohnens, und es stellt sich in Hölderlins Gedicht dar, ein paar Zeilen zuvor:

II. 4. Das Zwischen

"Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch Aufschauen und sagen: so Will ich auch sein? Ja."

Des Menschen Mühe ist verortet im "Bezirk" der Arbeit auf der Erde. Von hier ist ihm laut Hölderlin vergönnt aufzusehen zum Himmlischen.

"Dieses Aufschauen durchmißt das Zwischen von Himmel und Erde."

Sobald der Mensch aufschaut von der Erde, distanziert er sich vom Gegenteil, dem Himmel. Doch darüber hinaus schafft er durch das Trennen von Irdischen und Göttlichen den Zwischenraum. Heidegger benennt das Aufschauen und das Abstecken des Zwischen-Raumes "Durchmessen"11. 'Dimension' nennt er den vom Menschen durchmessenen Zwischenraum zwischen Erde und Himmel.

"Dieses Zwischen ist dem Wohnen des Menschen zugemessen."12 Die Dimension ist also der geeignete, dem Menschen angepasste Wohnraum, meinem Verständnis nach. Durch das Aufschauen des Menschen von der Erde zum Himmel entsteht die Dimension, die "durchmeßbare Zumessung des Zwischen: des Hinauf zum Himmel als des Herab zur Erde.13 " Der Mensch schafft sich also durch das messende Aufschauen zum Himmlischen seinen eigenen optimalen Wohnraum.

II. 5. Die Maß-Nahme

"Nach den Worten Hölderlins durchmißt der Mensch die Dimension, indem er sich am Himmlischen mißt. [...] in solchem Durchmessen ist der Mensch erst Mensch."14

[...]


1 M. Heidegger, Ursprung des Kunstwerks (1960) 73f.

2 M. Heidegger, "...dichterisch wohnet der Mensch...", in: GA 7 Vorträge und Aufsätze, S. 191 ; Auszug aus Hölderlins Gedicht „in lieblicher Bläue…“ Verse 24 bis 38 (Stuttg. Ausg. II, 1 S. 372 ff.; Hellingrath VI S. 24 ff.)

3 GA 7, S. 191.

4 „Das Entsprechen aber, worin der Mensch eigentlich auf den Zuspruch der Sprache hört, ist jenes Sagen, das im Element des Dichtens spricht.“ (GA 7, S. 193).

5 Ebda S. 194.

6 Ebda S. 194.

7 Ebda S. 194.

8 Ebda S. 194.

9 Auszug aus Hölderlins Gedicht „in lieblicher Bläue…“ Verse 24 bis 38 (Stuttg. Ausg. II, 1 S. 372 ff.; Hellingrath VI S. 24 ff.)

10 GA 7, S. 196.

11 Ebda S. 198.

12 Ebda S. 198.

13 Ebda S. 199.

14 Ebda S. 199.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Dichterisch wohnet der Mensch
Untertitel
Martin Heideggers Interpretation Hölderlins in "...und dichterisch wohnet der Mensch" und sein Verständnis von "Werk", "Erde" und "Welt" in "Der Ursprung des Kunstwerks"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
20
Katalognummer
V163528
ISBN (eBook)
9783640780297
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dichterisch, Mensch, Martin, Heideggers, Interpretation, Hölderlins, Mensch, Verständnis, Werk, Erde, Welt, Ursprung, Kunstwerks
Arbeit zitieren
Catharina F. J. Hekl (Autor), 2008, Dichterisch wohnet der Mensch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163528

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