Diese Arbeit bietet Lehrenden einen kritischen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Kategorie Tempus und zur Temporalität. Ausgangspunkt sind die wissenschaftliche Grundlegung und die didaktische Zielsetzung österreichischer Schulbücher. Am Beispiel der sogenannten „Vergangenheitstempora“ werden Anregungen für eine vertiefte Auseinandersetzung und die Vermittlung einer angemessenen Theorie dieser sprachlichen Phänomene im Unterricht gegeben.
Das Tempus ist eine der in der Linguistik meistdiskutierten und umstrittensten Kategorien, nicht nur der deutschen Grammatik, was schon aufgrund der enormen Anzahl an zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienenen Publikationen evident ist. Weder gibt es einen Konsens über die Anzahl der Tempora im Deutschen, hierzu schwanken die Angaben zwischen 1 bei MUGLER und 10 bei THIEROFF – RADTKE spricht sogar von möglichen 12 Tempora –, noch ist man sich einig über deren Funktionen bzw. darüber, wodurch die einheitlich angenommene obligatorische Situierung von Sprache in einen zeitlichen Kontext tatsächlich erfolgt, ob diese Aufgabe also nicht beispielsweise von Temporaladverbien, Junktionen oder dem sprachlichen und außersprachlichen Kontext übernommen wird; das kann so weit führen, dass das Tempus als temporale Kategorie von einigen Modalisten überhaupt abgelehnt wird.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Problemabriss
- 2. Das Perfekt in Schule und Forschung
- 2.1 Die Darstellung des Perfekts in ausgewählten Schulbüchern
- 2.2 Das Perfekt in der Tempusforschung
- 2.2.1 Tempus oder Aspekt?
- 2.2.2 Perfektvarianten
- 2.2.3 Gegenwartsrelevanz
- 2.2.4 Resultativität und Vollzugssemantik
- 2.2.5 Das Perfekt im Text
- 2.2.6 Zur semantischen Differenz zwischen Perfekt und Präteritum
- 3. Das Präteritum in Schule und Forschung
- 3.1 Die Darstellung des Präteritums in ausgewählten Schulbüchern
- 3.2 Das Präteritum in der Tempusliteratur
- 3.2.1 Präteritum als Vergangenheitstempus
- 3.2.2 Das Präteritum in fiktionaler Literatur
- 3.2.3 Vollzugssemantik
- 3.2.4 Austauschbarkeit mit Präsens und Perfekt
- 3.3 Präteritum als Tempus der Vergangenheit?
- 4. Doppelte Perfektbildungen
- 5. Perfekt und Präteritum im Konjunktiv
- 5.1. Konjunktivische „Vergangenheitstempora“ in indirekter Rede
- 5.2 Andere konjunktivische Verwendungsweisen der „Vergangenheitstempora“
- 6. Das Plusquamperfekt
- 6.1 Die Darstellung des Plusquamperfekts in Schulbüchern
- 6.2 Das Plusquamperfekt als „Nachvergangenheit“
- 7. Die „Vergangenheitstempora“ im Passiv
- 7.1 Darstellung passivischer Tempusformen in Schulbüchern
- 7.2 Wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Tempusformen im Passiv
- 7.3 Temporale Restriktionen
- 8. Deiktische Tempusfunktionen
- 9. Die Temporalität von Modalverben
- 10. Tempora und temporale Adverbien
- 11. Konsequenzen für die Unterrichtspraxis
- 11.1 Zur Bedeutung des Tempuswechsels in Texten
- 11.2 Temporalität im Fußball-Live-Kommentar – ein Unterrichtsmodell
- 12. Zusammenfassung
- 13. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Diplomarbeit ist es, die Diskrepanzen zwischen der Darstellung der deutschen Tempora, insbesondere Perfekt und Präteritum, in gängigen Schulbüchern und dem aktuellen Stand der linguistischen Forschung aufzuzeigen. Die Arbeit hinterfragt traditionelle Lehrmeinungen kritisch und bietet Anregungen für eine didaktisch angemessene Vermittlung dieser sprachlichen Phänomene im schulischen Deutschunterricht.
- Kritische Analyse der Darstellung von Perfekt und Präteritum in Schulbüchern.
- Tiefgehende Untersuchung des Forschungsstands zu Tempus- und Aspektfunktionen im Deutschen.
- Betrachtung komplexer verbaler Strukturen wie doppelte Perfektbildungen, Konjunktiv und Passiv.
- Analyse der Rolle von Modalverben und Temporaladverbien bei der Zeitreferenz.
- Entwicklung eines Unterrichtsmodells zur Temporalität am Beispiel von Fußball-Live-Kommentaren.
- Ableitung von Konsequenzen für eine reflektierte Unterrichtspraxis und Textinterpretation.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Tempus oder Aspekt?
Ob das deutsche Perfekt Tempus oder doch Aspekt, keines von beidem oder gar beides zugleich ist, ist eine der umstrittensten prinzipiellen Fragen der Tempus- und Aspektliteratur der letzten Jahre. THIEROFF stellt in diesem Zusammenhang fest, dass das Perfekt in den meisten Grammatiken zwar wie ein Aspekt beschrieben, jedoch nicht als solcher bzw. trotzdem als Tempus bezeichnet wird. So findet man in der vierten Auflage der DUDEN-Grammatik von 1984 unter der Überschrift „Funktionsbestimmung der Tempora“ [Hervorh. v. Verf.] folgende Erläuterung zum Perfekt: „Das Perfekt stellt den Abschluß oder Vollzug eines Geschehens (einer Handlung) als eine im Sprechzeitpunkt gegebene Tatsache oder Eigenschaft fest. Daneben kann es den Abschluß oder Vollzug auch für einen Zeitpunkt in der Zukunft feststellen.“ ERBEN bezeichnet das Perfekt als „einen Vollzug feststellende ‘Urteilsform’“.
Dieser „Vollzugs-Charakter“ des Perfekts begegnet uns auch in einem Aufsatz von Peter KRÄMER in der Zeitschrift informationen zur deutschdidaktik, in dem eindeutig darauf hingewiesen wird, dass „die Verwendung einer perfektiven Form die Vorstellung eines Vollzugs hervorruft“. Weiters werde „der Zeitbezug ausschließlich durch zusätzliche Zeitangaben hergestellt“. Folgende Beispiele sollen dies illustrieren:
Gestern hat es geregnet/ist es kalt gewesen. (vergangen)
Verzeihen Sie, dass ich soeben auf Sie wie auf einen
Fremden zugegangen bin, ich habe Sie eben erst erkannt. (gegenwärtig)
Nächste Woche hat sie es geschafft/sind wir hoffentlich
schon wohlbehalten in unserem Urlaubsort angekommen. (künftig)
Auch KILLINGER ordnet in „Gestalten und Verstehen 1“ das Perfekt einer „Vollzugsstufe“ zu, führt aber dazu lediglich aus, dass dieses für „Geschehen/Sein, das sich schon vorher ereignet hat“, verwendet werde. Einig sind sich die meisten Autoren also offenbar darin, dass das Perfekt eine aspektuelle Bedeutung „Vollzug“ haben kann, jedoch gibt es divergente Anschauungen bezüglich einer etwaigen temporalen Semantik. Der Begriff „Aspekt“ stammt ursprünglich aus der Slawistik und umfasst nach einer Bedeutungserweiterung mittlerweile „alle finiten inhärenten Verbformen, die weder in der Tempus-, noch in der Moduskategorisierung erfaßt werden können“. Die ursprüngliche slawische Aspekt-Opposition perfektiv – imperfektiv liegt im Deutschen nicht vor, so dass Sätze wie „Als ich ankam, kochte sie Tee“ keine verschiedenen Verbformen und somit „eine Ambiguität aufweisen, die in anderen Sprachen nicht vorkommt“ und nur durch Zusätze wie „gerade“ bzw. „sofort“ aufgehoben werden kann, die jedoch nicht obligatorisch sind.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Problemabriss: Das Kapitel führt in die aktuelle Debatte um die Kategorie Tempus in der Linguistik ein, wobei die Vielfalt und Uneinigkeit bezüglich der Anzahl und Funktionen der Tempora im Deutschen beleuchtet werden.
Kapitel 2: Das Perfekt in Schule und Forschung: Dieses Kapitel untersucht die schulische Darstellung des Perfekts als Vergangenheitstempus und die wissenschaftliche Debatte, ob es sich um ein Tempus, einen Aspekt oder beides handelt, wobei die kontextabhängige Natur seiner Semantik betont wird.
Kapitel 3: Das Präteritum in Schule und Forschung: Es wird die schulische Vermittlung des Präteritums als schriftliches Erzähltempus analysiert und die Forschung diskutiert, die seine Funktion als reines Vergangenheitstempus in Frage stellt.
Kapitel 4: Doppelte Perfektbildungen: Das Kapitel beleuchtet die bislang in Schulbüchern vernachlässigten doppelten Perfektbildungen und ihre Funktion, insbesondere zur Bezeichnung von Vorvergangenheit, oft im Konjunktiv.
Kapitel 5: Perfekt und Präteritum im Konjunktiv: Hier werden die Funktionen von Perfekt und Präteritum im Konjunktiv, insbesondere in der indirekten Rede, untersucht, wobei ihre Rolle als reine Vergangenheitstempora in diesem Modus als problematisch dargestellt wird.
Kapitel 6: Das Plusquamperfekt: Die Darstellung des Plusquamperfekts in Schulbüchern als "Vorvergangenheit" wird kritisiert und durch Beispiele belegt, dass es auch als "Nachvergangenheit" oder mit Zukunftsbezug verwendet werden kann.
Kapitel 7: Die „Vergangenheitstempora“ im Passiv: Dieses Kapitel analysiert die Passivformen der Tempora, wobei eine temporale Restriktion von Perfekt und Präteritum im Zustandspassiv als bemerkenswertes Phänomen hervorgehoben wird.
Kapitel 8: Deiktische Tempusfunktionen: Es wird argumentiert, dass die Semantik der Tempora stark kontextabhängig ist und nicht isoliert von sprachlichen und außersprachlichen Faktoren betrachtet werden kann.
Kapitel 9: Die Temporalität von Modalverben: Hier wird die Rolle von Modalverben bei der Zeitreferenz untersucht, die nicht nur Modalität, sondern auch temporalen Bezug ausdrücken können.
Kapitel 10: Tempora und temporale Adverbien: Das Kapitel zeigt, dass Temporaladverbien oft eine überschätzte Rolle bei der zeitlichen Zuordnung spielen und deren Bedeutung stark vom Kontext abhängt.
Kapitel 11: Konsequenzen für die Unterrichtspraxis: Abschließend werden konkrete Vorschläge für eine modernere Didaktik des Tempussystems gemacht, die literarische Interpretation und textgestalterische Mittel stärker berücksichtigt.
Schlüsselwörter
Tempus, Perfekt, Präteritum, Didaktik, Linguistik, Schulgrammatik, Aspekt, Modalverben, Passiv, Temporaladverbien, Konjunktiv, Textlinguistik, Sprachgebrauch, Gegenwartsrelevanz, Vorvergangenheit, Deutschunterricht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit der Darstellung des deutschen Tempussystems, insbesondere des Perfekts und Präteritums, in Schulbüchern im Vergleich zu den Erkenntnissen der modernen Linguistik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Semantik und Funktionen von Perfekt, Präteritum und Plusquamperfekt, deren Verwendung in verschiedenen grammatischen Strukturen (Konjunktiv, Passiv, mit Modalverben und Temporaladverbien) sowie die didaktischen Implikationen für den Deutschunterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die kritische Überprüfung, ob die schulisch postulierten Theorien zum Tempussystem den tatsächlichen sprachlichen Gegebenheiten gerecht werden, und darauf aufbauend Anregungen für eine zweckmäßigere Vermittlung zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende Analyse von Schulbüchern und linguistischer Fachliteratur, ergänzt durch die Untersuchung von Textbeispielen und die Auswertung von Umfrage- und Korpusanalysen zum Sprachgebrauch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert die verschiedenen Tempora (Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt) in Hinblick auf ihre Darstellung in der Schule und ihre Funktionen in der Forschung analysiert, einschließlich ihrer Verwendung im Konjunktiv, Passiv und in Verbindung mit Modalverben und Temporaladverbien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Tempus, Perfekt, Präteritum, Didaktik, Linguistik, Schulgrammatik, Aspekt, Modalverben, Passiv, Temporaladverbien, Konjunktiv, Textlinguistik, Sprachgebrauch, Gegenwartsrelevanz und Vorvergangenheit charakterisiert.
Warum wird die traditionelle Gleichsetzung des deutschen Tempussystems mit dem lateinischen kritisiert?
Die Arbeit kritisiert, dass die Projektion des lateinischen Tempussystems auf das Deutsche zu häufigen Fehlinterpretationen führt, da die deutsche Sprache eigene Normen und Entwicklungen aufweist.
Inwiefern unterscheidet sich das Perfekt II („doppeltes Perfekt“) vom einfachen Perfekt?
Das Perfekt II wird als eigenständige Form beschrieben, die eine Lücke im Tempussystem schließt, indem es die Bezeichnung der Vorvergangenheit ermöglicht, insbesondere im Konjunktiv, und einen tatsächlichen Vollzug ausdrückt.
Welche Rolle spielt der Kontext bei der Bestimmung der Temporalität im Deutschen?
Die Arbeit hebt hervor, dass die Temporalität einer Aussage nicht ausschließlich durch die Tempusform selbst, sondern maßgeblich durch den sprachlichen und außersprachlichen Kontext, Modalverben und Temporaladverbien bestimmt wird.
Wie können Lehrende auf die komplexen Tempusphänomene im Unterricht reagieren?
Es wird empfohlen, literarische Tempuswechsel zu deuten, textgestalterische Mittel zur zeitlichen Zuordnung zu erschließen und ein reflektierteres Korrekturvorgehen zu entwickeln, das stilistische und textpragmatische Faktoren berücksichtigt.
- Quote paper
- Martin Martiska (Author), 2003, Das deutsche Tempus in der Schule. Perfekt und Präteritum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1635370