Ernährungssituation Großbritanniens und der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre

Krisen, Konsolidierung und Kochrezepte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Ernährungssituation Großbritanniens und Westdeutschlands 1945 - 1960
2.1 Krise der Nachkriegszeit
2.2 Konsolidierung vs. „decline“
2.3 Kochrezepte als Begleitmotiv

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang

1. Einleitung

Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Ernährung umfasst einen elementaren, wissenschaftlich-interdisziplinären Forschungszweig. Die Antwort auf die Frage, in- wieweit ein moderner Staat in der Lage ist, seine Bürger mit Nahrung zu versorgen, gibt Aufschluss über dessen soziale, wirtschaftliche und politische Stabilität. Besonders die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zeugt von einschneidenden Veränderungen auf die- sem Gebiet. Als historisch vergleichende Arbeit bot sich daher die Entwicklung der Er- nährungssituation in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland an. Ziel die- ser Hausarbeit kann und wird es aber allein aus logistischen Gründen nicht sein, alle Facetten dieser Thematik zu beleuchten. Die Mehrzahl an wirtschafts- und ernährungs- wissenschaftlichen Abhandlungen zu diesem Thema setzen hierfür auch ein schier zu großes Fachwissen voraus. Vielmehr soll versucht werden, die Ernährungslage der briti- schen und westdeutschen Bevölkerung anhand offizieller Berichte und historischer Abhandlungen aufzuzeigen. Besonders hilfreich für die Darstellung der Entwicklung der deutschen Nachkriegssituation war die Publikation „Im Schatten des Hungers“, ver- fasst von Justus ROHRBACH im Auftrag des damaligen Direktors für Ernährung, Land- wirtschaft und Forsten, Hans SCHLANGE-SCHÖNINGEN. Umfangreiche Daten und In- formationen zur britischen Lebensmittelversorgung lieferte Ina ZWEINIGER-BARGIE- LOWSKA mit ihrer Arbeit über „ Rationing, Austerity and the Conservative Party Recove- ry after 1945 “. Die Wiedergabe und Auswertung aller relevanter Statistiken würde je- doch den Rahmen dieser Arbeit sprengen und zudem die Lesbarkeit erheblich erschwe- ren. Es sollen daher ebenfalls zwei Kochbücher aus deutscher und britischer Feder als sozial- bzw. kulturgeschichtliche Quellen dienen. Aus ihnen soll hervorgehen, inwiefern Ernährungsengpässe bestanden und welche Spuren jene bis in die Zeit des wirtschaftli- chen Aufschwungs hinterlassen haben. Die Quellenerschließung erwies sich hier spezi- ell auf britischem Gebiet als schwierig. Eine einwöchige Studienreise nach Oxford er- wies sich für die Quellenerschließung jedoch als äußerst fruchtbar. Hier war es mir möglich, neben den Bodleian Libraries der Universität Oxford auch die Sektion für Er- nährungswissenschaften der Brookes-University Libraries zu nutzen. Besonderer Dank gilt hierbei Herrn Esteban Cichello Hübner, Professor an der Universität Oxford für Moderne Fremdsprachen, welcher mir bei der Quellenrecherche zur Seite stand und vie- le, Richtung weisende Impulse gab.

2. Die Ernährungssituation Großbritanniens und Westdeutschlands 1945 - 1960

Die Entwicklung der Ernährungssituation in Großbritannien und Westdeutschland muss aus historischer, politischer, wirtschaftlicher, geographischer und ernährungswissen- schaftlicher Perspektive betrachtet werden. Die Geschichtswissenschaft bietet hierbei das Grundgerüst, welches die übrigen Aspekte zu verknüpfen vermag. Aus politischer Sicht ist für Westdeutschland signifikant, dass die Planung und Durchführung des Er- nährungswesens bis zur Gründung der Bundesrepublik den alliierten Besatzungsmäch- ten USA, Großbritannien und Frankreich vorbehalten war. Die auswärtige Politik und Wirtschaft Westdeutschlands litt dabei unter industriellen Restriktionen, welche zwar auf die Rüstungsindustrie zielten, jedoch auch indirekt die Lebensmittelherstellung trafen.1 In Großbritannien bedeutete zeitgleich der überraschende Regierungswechsel von der Conservative zur Labour Party 1945 tiefgreifende politische Kursänderungen und langfristig eine „nachhinkende Rationalisierung der britischen Wirtschaft“, was die Ernährungsversorgung mit einbezog.2 Großbritannien war in geographischer, West- deutschland in politischer Hinsicht von der Außenwirtschaft isoliert, was beide Länder verstärkt vom amerikanischen European Recovery Program (ERP) und einhergehenden Importen abhängig machte.3 Hierbei stellte sich heraus, dass Westdeutschland von diesen „Hilfen zur Selbsthilfe“ besonders profitierte.4 Dies war einer der Aspekte, wel- cher Westdeutschland ermöglichte, die Lebensmittelversorgung schneller zu sichern und die Rationierung bereits Ende April 1950 einzustellen.5 Großbritannien hingegen been- dete erst im Juli 1954 die staatliche Ernährungskontrolle.6 Wichtige Aspekte und Statio- nen bis zu diesem Zeitpunkt, sowie charakteristische Spuren jener Zeit sollen im Fol- genden gegenübergestellt sein.

2.1 Krise der Nachkriegszeit

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Ernährungssituation besonders auf deutscher Seite desolat. Dies ist auf Faktoren wie Kriegsschäden, Verwaltungs- schwierigkeiten und Witterungsverhältnisse zurückzuführen, welche ungünstig zusam- menwirkten. Nicht zuletzt wurden ernährungstechnische Missstände anhand eines Be- richtes des ehemaligen US-Präsidenten Herbert Hoover evident. Dieser recherchierte, im Auftrag des damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman, den Bedarf an Lebensmit- teln und landwirtschaftlichen Lieferungen innerhalb der neu zusammengefassten bri- tisch-amerikanischen Bizone. Neben der Schilderung der ungenügenden Wohn- und Ar- beitsverhältnisse, bemerkt Hoover auch die Kohlenknappheit, die besonders im Winter 1947 für Verelendung gesorgt hatte.7 Die, um 25 Prozent geringere, landwirtschaftliche Fläche reichte nicht aus, um die Gesamtbevölkerung von 41.685.000 Menschen zu versorgen.8 Die Grundration von 1550 Kalorien lag 450 Kalorien unter dem damals empfohlenen Minimum; Kinder wiesen bereits Hungerödeme (offensichtliche Zeichen von Mangelernährung) auf.9 Grund für diese Situation in Deutschland waren nicht zu- letzt kurzsichtige Restriktionen gegenüber der deutschen Industrie, welche den Zweck verfolgten, eine Wiederaufrüstung Deutschlands nachhaltig zu verhindern.10 Die mo- derne Landwirtschaft des 20. Jahrhunderts war jedoch auf ebenjene Industrie, insbeson- dere auf die Kohleproduktion, angewiesen:

„ Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten in Deutschland 38% der Bev ö lkerung von dem

durch Kunstd ü ngeranwendung erzielten Mehrertr ä gen gelebt. (...)

Kunstd ü ngergewinnung war abh ä ngig von Kohleerzeugung, dem Hauptenergietr ä ger. Weniger Kohle, das bedeutete weniger Stickstoffd ü nger, weniger Getreide, weniger Arbeitskraft, weniger Kohle - ein Teufelskreis. “ 11

Die Kohleförderung als Grundpfeiler der deutschen und britischen Landwirtschaft gesun- dete auf westdeutscher Seite zwar schneller, war durch die Folgen des Krieges aber wesentlich stärker angeschlagen. Die folgende Tabelle veranschaulich dies: Kohleförderung GB und BRD (Jahresziffern in Millionen Tonnen):12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Um das entstandene Defizit auszugleichen, wurde, unter erheblichem Kostenaufwand, Kohle aus den Vereinigten Staaten eingeführt.13 Der britische Anbau von Kartoffeln und Getreide war bereits in den Jahren 1945/46 im Schnitt um 30 Prozent höher als in den eu- ropäischen Vergleichsstaaten.14 Dies lag an der, schon in den Jahren 1934-1938 initiierten, Umwandlung ungenutzter Wiesenflächen in Ackerland. In Westdeutschland wurden ver- gleichbare, besonders einst militärisch genutzte, Flächen erst durch Verordnungen der alli- ierten Militärregierung „unter den Pflug gebracht.“15 Die Ernährungssituation der späten 1940er Jahre in Großbritannien und westdeutschen Zonen ist zwar vergleichbar, prinzipi- ell jedoch ungleicher Art. Exemplarisch legen ein eisern betriebenes Hamsterwesen, Ver- untreuung, Diebstahl und der florierende Schwarzmarkt in der Bizone ein apodiktisches Zeugnis ab.16 Deutlich wird der Kontrast auch anhand der Entwicklung von Pro-Kopf-Ka- lorienwerten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten17

Großbritannien litt demnach zwar unter knappen Nahrungsmitteln, nicht jedoch unter einer lebensbedrohlichem Hunger.

Weiterer Hauptindikator für die Ernährungssituation der beiden Staaten war die Umsetzung der Lebensmittelrationierung. Hier unterscheiden sich beide Länder grund- legend. Beachtenswert ist, dass, obwohl Großbritannien unter eigener Rationierung zu leiden hatte, es die Westdeutschen nach dem Krieg mit Lebensmittellieferungen unterstützte.18 Das Rationierungssystem Großbritanniens war wesentlich ausgereifter als das Deutsche. Anstelle der, aus Kriegszeiten übernommenen, Lebensmittelbezugsschei- nen in Deutschland, waren britische Bürger mit „Rationsbüchern“ (Ration Books) aus- gestattet. Diese hatten den großen Vorteil, dass der Verbrauch an Lebensmittelrationen einfach abgestempelt werden konnte. Die Möglichkeit, die Buchseiten doppelt zu nut- zen, bedeutete zudem eine hohe Papierersparnis. „ Rationing, it was held, ought not to be reduced to an affair of grubby bits of paper. “ 19 Die deutsche Auffassung schien hier an- ders: Hier mussten einzelne Lebensmittelmarken umständlich aus bis zu 37 unterschied- lichen Bezugsscheinen herausgetrennt werden.20 Obwohl die finale Durchführung der Rationendistribution für den britischen Endverbraucher reibungsloser funktionierte als in Westdeutschland, erwiesen sich beide Staaten bei der umständlichen, wenngleich notwendigen, Bürokratisierung des Prozesses durchaus als ebenbürtig.21 In Großbritan- nien war das Ministry of Food (MF) zentral für die Planung und Durchführung der Er- nährungsversorgung zuständig. Jenes wurde bereits 1939 gebildet und im April 1955 in Ministry of Agriculture, Fisheries and Food (MAFF) umbenannt.22

[...]


1 Vgl. VOGEL, Walter, Westdeutschland 1945-1950, Der Aufbau von Verfassungs- und Verwaltungseinrichtungen über den Ländern der drei westlichen Besatzungszonen, Teil I, (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 2), Koblenz 1956, S. 257.

2 Vgl. MERGEL, Thomas, Großbritannien seit 1945, (UTB 2656, Europäische Zeitgeschichte, Band 1), Göttingen 2005, S. 63; vgl. auch: DENTON, Geoffrey, FORSYTH, Murray, MACLENNAN, Malcolm, Economic Planning and Policies in Britain, France and Germany, London 1968, S. 108f.

3 Vgl. Ebd. S. 351; vgl. auch: RINGE, Astrid, Konkurrenten in Europa, Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland, Deutsch-britische Wirtschaftsbeziehungen 1949-1957, (Studien zur modernen Geschichte, Bd. 48), Stuttgart 1996, S. 18f.

4 ABELSHAUSER, Werner, Hilfe und Selbsthilfe, Zur Funktion des Marshallplans beim westdeutschen Wiederaufbau, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 37 (1989), S. 88.

5 ROHRBACH, Justus, Im Schatten des Hungers, Dokumentarisches zur Ernährungspolitik und Ernährungswirtschaft in den Jahren 1945-1949, hg. v. Hans SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Hamburg - Berlin 1955, S. 291.

6 Vgl. ZWEINIGER-BARGIELOWSKA, Ina, Rationing, Austerity and the Conservative Party Recovery after 1945, in: The Historical Journal (Hist. J.) 37 (1994), S. 194.

7 HOOVER, Herbert, Report on German Agriculture and Food Requirements, in: Ders., An American Epic, The Guns Cease Killing and the Saving of Life from Famine Begins 1939-1963, Volume IV, Chicago 1964, S. 230-232.

8 Die genannten 25 Prozent waren zu diesem Zeitpunkt Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone. Ebd., S. 231f.

9 Ebd., S.234.; Hoovers Angaben in Kalorien entsprechen der europäischen Nährwertangabe für Kilokalorien (kcal). Jene sind im amerikanischen Raum gleichsetzend verwendbar. Vgl. HARGROVE. James L., History of the Calorie in Nutrition, in: J. Nutr. 136 (2006), S. 2957; Im Vergleich zur heutigen Auffassung des Europäischen Verbandes der Lebensmittelindustrie (CIAA), beträgt der durchschnittliche Richtwert für die Tageszufuhr (GDA) 2000 kcal für Frauen bzw. 2500 kcal für Männer. Vgl. Abb. 1 im Anhang.

10 ROTHENBERGER, Karl-Heinz, Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg, Ernährungs- und Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz 1945-1950, (Veröffentlichungen der Kommission des Landta- ges für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 3), Boppard am Rhein 1980, S. 108.

11 Ebd., S.109.

12 Vgl. CORNIDES, Wilhelm (Hg.), Die Wiedergesundung Europas, Schlußbericht der Pariser Wirtschaftskonferenz der sechzehn Nationen, Teil II: Technische Berichte, Heft 1, Historischer Teil, Ernährung und Landwirtschaft, (Dokumente und Berichte des Europa-Archivs, Band 5,1), Oberursel (Taunus) 1948, S. 13.

13 Ebd., Vgl. auch: ROHRBACH, Im Schatten des Hungers, S. 95.

14 CORNIDES, Wiedergesundung Europas, S. 30f.

15 SETTEL, Arthur (Hg.), Die Deutsche Wirtschaft seit Potsdam, Ein Arbeitsbericht der Wirtschaftsabteilung der amerikanischen Militärregierung, (Dokumente des Europa-Archivs, Band 1), Oberursel (Taunus) 1947, S. 23.

16 ROTHENBERGER, Hungerjahre, S.125f; Das Ausmaß jener „illegalen Versorgungsquellen“ variierte je nach der Region Westdeutschlands. Vgl. ebd., S. 236.

17 ROHRBACH, Im Schatten des Hungers, S. 292.

18 PROTZNER, Wolfgang, Vom Hungerwinter bis zum Beginn der „Freßwelle“, in: Ders. (Hg.), Vom Hungerwinter zum kulinarischen Schlaraffenland, Aspekte einer Kulturgeschichte des Essens in der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 1987, S. 20f.

19 HAMMOND, Richard, J., Food, Volume II, Studies in Administration and Control, (History of the Second World War, United Kingdom Civil Series), hg.v. HER MAJESTYʻS STATIONERY OFFICE (HMSO), London 1956, S. 763f.

20 ROTHENBERGER, Hungerjahre, S. 70f.

21 Bezug genommen wird hier auf die weitreichende Einteilung der Rationen nach Alter, berufs- bedingter Belastung und Selbstversorgungsmöglichkeit. Auf britischer Seite war zudem bis 1949 ein komplexes Punktesystem in Kraft, um Angebot und Nachfrage von Luxusgütern, bei- spielsweise Schokolade und Fleisch, zu regulieren. Vgl. hierzu: Westdeutschland: ROTHENBER- GER, Hungerjahre, S. 65; Großbritannien: HMSO (Hg.), Agricultural and Food Statistics, Inter- departmental Committee on Social and Economic Research, (Guides to Official Sources, Bd. 4), London 1958, S. 16f; vgl. auch: ZWEINIGER-BARGIELOWSKA, Rationing, S. 195.

22 Vgl. HMSO, Agricultural and Food Statistics, S. 1.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Ernährungssituation Großbritanniens und der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre
Untertitel
Krisen, Konsolidierung und Kochrezepte
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V163594
ISBN (eBook)
9783640782123
ISBN (Buch)
9783640782161
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernährungssituation, Großbritannien, Deutschland, Rationierung, Lebensmittelrationierung, Ernährung, Nachkriegszeit, Vergleich
Arbeit zitieren
Alexander Tutt (Autor), 2010, Ernährungssituation Großbritanniens und der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163594

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