Der Mfecane: Multiple Mythen und Alibis von Schwarzen und Weißen in Südafrika


Hausarbeit, 2009
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2.1. Der Mfcane als Alibi
2.2. Die Revision Cobbings

3.1. Der Mfecane: Mythen und Alibis von Schwarzen und Europäern
3.2. Umdeutung und Konservierung des Mythos im 20Jh

4. Schluss

Literatur

1. Einleitung

Das Bild des Mfecane war in der Forschung bis zu Cobbings aufsehenregendem Artikel „ The Mfecane as Alibi[1] beinahe unumstritten. So ging man davon aus, dass es im südlichen Afrika eine Kettenreaktion von gesellschaftlichen Zentralisierungsprozessen, Gewalt und Fluchtbewegungen gegeben habe. Am Anfang und im Zentrum dieser Kettenreaktion stand dabei Shaka Zulu bzw. das Zulu Reich. Daher war diese Sichtweise auch eng verbunden mit einem Mythos über Shaka Zulu selber: Als brutalem Despoten auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite auch als genialem Napoleon, der durch die Einführung einiger militärischer Innovationen wie der eines neuartigen Speeres und der Schaffung von Regimentern, den amabutho, mit dem ihm quasi ein stehendes Heer zur Verfügung stand, eine Zulu-Nation schuf. Shaka hat, folgt man diesem Mythos, das Leben von Millionen von Menschen auf dem Gewissen. Mit seinen Kriegszügen habe er ganze Völker in die Flucht getrieben, die als Reaktion darauf, seine Innovationen übernahmen, selber Reiche gründeten und wiederum weitere Fluchtbewegungen auslösten. Die Mythisierung der Figur Shakas wurde nicht zuletzt durch die sehr begrenzte Zahl an Quellen und ihre mangelnde Verlässlichkeit gefördert.

Der aus Shakas Reichsgründung resultierende Mfecane hatte nach der damaligen Lehrmeinung die Entvölkerung ganzer Regionen im Süden Afrikas zur Folge. Somit erschien also schließlich auch die Kolonisierung dieser Länder durch die Europäer als legitim und sie selber als friedensbringende Zivilisatoren.

Cobbing dagegen versuchte zu zeigen, dass dieses Bild des Mfecane eine Erfindung und ein Alibi ist. Jedoch wurde seine Darstellung als „Verschwörungstheorie“[2] in dieser Form abgelehnt. Dennoch ist die Idee des Mfecane als Alibi in vieler Hinsicht fruchtbar. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass man die Entstehung dieses Alibis und der damit zusammenhängenden Mythen, nicht all zu statisch und konstruiert sehen darf. Selbst Erfindungen basieren auf einem weiten Feld von schon vorhandenem Wissen einer Zeit. So auch die Erfindung des Mythos des Shaka Zulu und des Mfecane. Vor allem darf man dabei nicht die Afrikaner völlig ausblenden und nicht vergessen, dass jeder Mythos auch einen wahren Kern hat, was heißen soll, dass auch wenn die Zulu nicht unbedingt das Zentrum dieser Ereignisse waren, der Mythos vom Mfecane in gewisser Hinsicht seine Ursprünge in der Realität hat.

Im Folgenden soll ein kurzer Abriss der Neuerungen durch Cobbing gegeben werden. Anschließend soll untersucht werden, wie es zur Entstehung von verschiedenen Mythen und Alibis kam, welche Sicht die Perspektive der Afrikaner dabei spielte und wie diese Mythen die Geschichte überdauerten. Auch bei Letzterem soll speziell die Rolle der Schwarzen dabei berücksichtigt werden.

Diese Arbeit stützt sich natürlich auf den Artikel von Cobbing. Um den neuesten Stand der Forschung zu berücksichtigen sollen jedoch weitere Artikel herangezogen werden. Insbesondere ist hier der Artikel „Sources of Conflict in Southern Africa“ von Elizabeth Eldrege[3] zu nennen, die entscheidend zur Revision Cobbings beitrug. Außerdem ist das von Carolyn Hamilton herausgegebene „The Mfecane Aftermath“[4] zu nennen. Es entstand in Folge einer Konferenz die 1991 an der University of Witwatersrand abgehalten wurde. Cobbings Thesen werden darin in vielerlei Hinsicht revidiert.

Des Weiteren dient der Artikel „Der Wandel des Shaka Bildes“ von Christoph Marx[5] als Grundlage, der vor allem einen groben Abriss der Entwicklung des Mythos Shaka im Zusammenhang mit dem Mfecane gibt. Außerdem sollen für den letzten Teil die Artikel „Imagery, Symbolism and Tradition in a South African Bantustan” von Patrick Harries[6] und “Inkatha and Its Use of the Zulu Past” von Daphna Golan[7] herangezogen werden. Diese untersuchen Artikel, Textbücher und Reden der Partei Inkatha. Sie geben Aufschluss darüber, wie die Mythen über die Zulu Vergangenheit von Zulu Nationalisten transportiert wurden.

2.1. Der Mfcane als Alibi

Das Bild vom Mfecane wurde wirklich gründlich erst von Julian Cobbing revidiert. Vor ihm gab es zwar verschiedene Veröffentlichungen, die nach den Ursachen des Mfecane fragten und eine Umbewertung der Ereignisse vornahmen - die Einflussreichste davon ist sicherlich John Omer-Coopers „The Zulu-Aftermath“[8] – jedoch wurden der Prozess an sich und seine zuluzentrische Sichtweise nicht in Frage gestellt. So wurden neben persönlichen Motiven und der Brutalität Shakas als Chief der Zulu, auch Klimatheorien, eine aus Klimaveränderungen hervorgehende Hungersnot und eine Zulurevolution als Erklärungen für den Mfecane herangezogen. Der Mfecane blieb dabei dennoch rein afrikanische Angelegenheit, die ohne äußere Einflüsse stattgefunden hatte. Die Geschichte von Schwarzen und Weißen wurde dabei separat betrachtet. Die Zulu blieben die unangefochtenen Auslöser der Kettenreaktion. Die Gründe für die innere Entwicklung der Zulu, ihrem Aufstieg zur Nation, wurden als der Schlüssel betrachtet, um auch den Mfecane zu erklären.

Cobbing jedoch stellte in Frage, dass der Mfecane in dieser Form überhaupt stattgefunden hatte. Er erklärte: „Black societies were caught in the cross-fires of European encirclement and interpenetration. Conversely, the Zulu were never the primary stimulus of forced migrations, and most frequently were not involved at all.”[9] Seiner Meinung nach war es der Bedarf nach Arbeitskräften der dazu geführt habe, dass die Gesellschaften der Schwarzen in die Zange genommen worden seien. Von Osten her habe der Sklavenhandel in Delagoa Bay zum Beispiel die Ngwane zur Flucht ins Caledon Valey getrieben. Von Süd-Westen her, aus der entgegengesetzten Richtung hätten Griqua Banden, die auf der Jagd nach Arbeitskräften für die Felder der sich ausbreitenden Kapkolonie waren, sie wieder aus dem Caledon Valey vertrieben. Bei diesen Raubzügen hätten Missionare eine führende Rolle gespielt.

In ähnlicher Weise seien andere Episoden des Mfecane zu erklären, was der typischen Sichtweise einer Kettenreaktion, ausgelöst von den Zulu widerspräche. So seien zum Beispiel die Ndebele durch den Druck des Sklavenhandels vom Pongola vertrieben worden oder die Patsa-Kololo seien durch Angriffe die durch die Destabilisierung im Westen hervorgerufen wurden, aus dem heutigen Freistaat vertrieben worden. Schließlich seien sie wiederum weiter im Norden von Weißen und alliierten Ngwaketse vertrieben worden.

Cobbing stellte nicht in Frage, dass es eine Hungersnot gegeben haben könne und auch nicht eine Zentralisierung in den afrikanischen Gesellschaften, jedoch galt für ihn der sich ausdehnende Bedarf der Europäer nach Arbeitskräften als ursächlich für diese Entwicklungen. Der Tod und die Gefangenschaft unzähliger Männer und Frauen und der damit verbundene Verlust an Arbeitskraft für die schwarzen Gesellschaften, die Vertreibung von ihrem kultivierten Land und der Verlust ihres Viehs, habe zu der Hungersnot geführt. Ebenso habe ihre Suche nach Schutz bei anderen Stämmen und unter der Führung von Chiefs zu einer Zentralisierung der Gesellschaften geführt. Somit sei der Mfecane kein immanentes Phänomen der afrikanischen Gesellschaften gewesen, sondern von außen hervorgerufen worden:

“The Afrocentricism, Zulucentricism, and both the spatial and chronological teleologies of mfecane theory are all untenable.”[10]

„The motor of change, secondly, was not a self-generated internal revolution with a short time scale, but rather European penetration, against which black societies threw up a series of complex reactive states, that matured over a much longer period of time, both before and after the irrelevantly truncated 'mfecane' era“[11]

Der Mythos vom Mfecane und allem was damit zusammenhänge, sei so Cobbing ein Alibi, bzw. eine Vielzahl an Alibis gewesen, die Elemente des Propagandaapparates des Südafrikanischen Staates gewesen seien. Die Sicht der Siedler und die ihr folgende südafrikanische Geschichtswissenschaft habe das Bild vom Mfecane geprägt. So seien auf der einen Seite die eigentlichen Ursachen für das Mfecane, der Sklavenhandel, die Raubzüge nach Arbeitskräften und die Destabilisierung durch die Landnahme der Siedler ausgeblendet worden, auf der anderen Seite wären die Schwarzen mit der Schuld für „various self-mutilations“[12] beladen worden.

Es habe eine erste Phase gegeben in der man das Mfecane als Alibi für Raubzüge nach Zwangsarbeitskräften benutzt habe. Dies gelte vor allem für die Zeit von 1820 – 1860. In einer zweiten Phase von 1880 – 1940 sei dieses Alibi von einem weiteren überlagert worden, mit dem man die Landaufteilung rechtfertigte. Dies sei die Zeit der Protagonisten der klassischen Südafrikanischen Geschichtsschreibung Theal, Ellenberger und Walker gewesen. Letztendlich habe der Mfecane noch als ein drittes Alibi seit dem Ende des 2. Weltkrieges gedient. Demnach habe es einen natürlichen Pluralismus in den schwarzen Gesellschaften gegeben, durch den sie sich selber in Proto-Bantustans aufgegliedert hätten, die durch den Apartheidsstaat schließlich lediglich bestätigt werden mussten.

[...]


[1] Julian Cobbing, The Mfecane as Alibi: Thoughts on Dithakong and Mbolompo. In: Journal of African History 30 (1989) S. 487 – 519.

[2] Christoph Marx, Der Wandel des Shaka Bildes in Südafrika. In: Hans-Joachim Gehrke [Hrg.], Geschichtsbilder und Gründungsmythen. Würzburg 2001, S. 65 – 88.

[3] Elizabeth Eldrege, Sources of Conflict in Southern Africa, C. 1800-30: The 'Mfecane' Reconsidered. In: The Journal of African History 33,1 (1992), S. 1-35.

[4] Carolyn Hamilton [Hrg.], The Mfecane Aftermath. Reconstructive Debates in Southern African History. Johannesburg 1995.

[5] Marx, Wandel des Shaka Bildes.

[6] Patrick Harries, Imagery, Symbolism and Tradition in a South African Bantustan: Mangosuthu Buthelezi, Inkatha, and Zulu History. In: History and Theory 32,4 (1993) S. 105 – 125.

[7] Daphna Golan, Inkatha and Its Use of the Zulu Past. History in Africa, Vol. 18 (1991) S. 113 – 126.

[8] John Omer Cooper, The Zulu-Aftermath: A Ninetenth-Century Revolution in Bantu Africa. London 1969.

[9] Cobbing, Mfecane as Alibi, S. 517.

[10] Cobbing, Mfecane as Alibi, S. 517.

[11] Ebd., S. 518.

[12] Ebd., S. 518.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Mfecane: Multiple Mythen und Alibis von Schwarzen und Weißen in Südafrika
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V163598
ISBN (eBook)
9783640782383
ISBN (Buch)
9783640782475
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythen, Alibis, Schwarze, Weiße, Südafrika, Apartheid, Mfecane, Shaka, Zulu, Rassismus, Inkatha
Arbeit zitieren
Niko Pankop (Autor), 2009, Der Mfecane: Multiple Mythen und Alibis von Schwarzen und Weißen in Südafrika, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163598

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