Die Revolte von weißen Arbeitern im Witwatersrand aus Sicht der kommunistischen Internationale


Hausarbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Reaktionärer und revolutionärer Charakter der Bewegung

3.1. Der Rassismus als Folge von Konkurrenz und mangelndem Klassenbewusstsein
3.2. Die Angriffe auf unbeteiligte Schwarze

4. Warum die Teilnahme an einer Bewegung mit reaktionärem Charakter?

5. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Parole „Workers of the World Unite and fight for a white South Africa“ wurde in der Forschung als Vermischung rassistischer und sozialistischer Ideologien bewertet. Jeremy Krikler dessen Monografie White Rising den neusten Stand der Forschung zu diesem Thema darstellt, spricht von einem „racial socialism“ und davon, dass „the class ideology and the socialism of the movement of 1922 sat uncomplicated with racism.“ Es gäbe generell keinen grundlegenden Widerspruch zwischen Sozialismus und Rassismus, sondern es bestünde immer die Gefahr, dass „the plant of socialism would grow towards the white light of rassism.“ Dies veranlasst ihn auch zu der Bemerkung, dass der Sozialismus erst durch die Aktionen der internationalen kommunistischen Bewegung vom Rassismus getrennt wurden, aber dieser Prozess habe im Falle der SACP gerade erst begonnen und einige Mitglieder der kommunistischen Partei wären sogar „compromising with rassism“[1]. In dieser Behauptung stützt er sich vor allem auf das Werk von Jack und Ray Simons, die darin zahlreiches Quellenmaterial aus der International und sonstigen Veröffentlichungen der kommunistischen Partei Südafrikas ausgewertet haben. Sie erwecken den Eindruck, die Kommunisten hätten sich dem Druck einer rassistischen Bewegung gebeugt und diesen Rassismus dadurch gerechtfertigt.[2]

Deshalb erscheint es sinnvoll kommunistische Quellen einer erneuten Untersuchung zu unterziehen, um eine Klarstellung der kommunistischen Position zu erreichen. Hierzu sollen Artikel aus der Internationalen Pressekorrespondenz (Inprekorr) dienen. Inprekorr war in erster Linie ein Informationsdienst für die kommunistische Presse, die Artikel richten sich demnach nicht in erster Linie an Außenstehende, sondern an Mitglieder der kommunistischen Parteien selbst. Das heißt, die Inprekorr diente nicht in erster Linie der Propaganda, sondern dem internen Informationsverkehr. Daher kann man davon ausgehen, dass sie eine offenere Sprache führt und weitergehende Einschätzungen wiedergibt, ohne an ein außenstehendes Publikum angepasst zu sein. So heißt es in der ersten Nummer der Inprekorr in einer kurzen Einleitung:

„Die internationale Pressekorrespondenz will ein treues Bild der jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aller Länder bieten, die wichtigsten Erscheinungen des proletarischen Klassenkampfes schildern, den Stand und die Fortschritte unserer Bewegung aufzeigen [...] Durch die Vermittlung einer möglichst genauen Kenntnis der Verhältnisse der einzelnen Länder sowie durch das internationale Zusammenwirken bei dieser Arbeit soll das Band zwischen den einzelnen Parteien enger geschlossen werden und die Kooperation erleichtert werden“.[3]

In dieser Arbeit werden auch Artikel von Mitgliedern der SACP selber untersuch, die in der Inprekorr veröffentlicht wurden. Diese ermöglichen, so die Redaktion, „einen tieferen Einblick in die Zusammenhänge der Bewegung“[4] im Witwatersrand.

2. Reaktionärer und revolutionärer Charakter der Bewegung

Zunächst muss hier die Einschätzung des Charakters der Bewegung durch die Kommunisten dargestellt werden. Folgt man Simons und Simons, so hielten die Kommunisten den Streik für „reactionary in form and progressive in content.“[5] Dies geht auch aus den Artikeln in Inprekorr hervor. Auf der einen Seite wurde der objektiv revolutionäre Charakter der Bewegung betont: Revolutionär, insofern sie einzuordnen war in eine weltweite revolutionäre Bewegung infolge einer weltwirtschaftlichen Krise und der russischen Revolution. Andererseits auch deshalb, da sie sich, eben weil sich Kapitalisten und Arbeiter in einem Kampf gegenüberstanden, auch gegen die Interessen des weltweiten Kapitals richtete und seine Herrschaft ins Wanken brachte, speziell die des englischen Kapitals. Die Bewegung zeige, „dass in der ganzen Welt Klassenkämpfe wüten, wobei auch die Ursache derselben eine gemeinsame ist“[6]. Diese tiefere Ursache liege „in dem Bestreben der Unternehmer , den Folgen der weltwirtschaftlichen Krise durch die Steigerung der Ausbeutung der Arbeiterschaft zu begegnen.“[7]

Der Angriff der Unternehmen auf die Colour Bar wurde in diesem Zusammenhang gedeutet: Die Produktionskosten sollten gesenkt werden, „vermittels einer intensiveren Ausbeutung der Eingeborenen“[8]. Für diese sei der hohe Goldpreis der Kriegsjahre vor allem in den Gruben mit geringem Goldgehalt, die einzige Profitquelle gewesen und bei einem fallenden Goldpreis, müsse man die Eingeborenen stärker ausbeuten, indem man sie „auch zu den qualifizierteren Arbeiten mit“[9] heranziehe. Diese Erwägungen seien „unzweifelhaft für die Goldbergwerksbesitzer bestimmend für ihre Bestrebungen, die Rassenschranke niederzureißen.“[10] Schon seit Jahren würden die Bergwerksunternehmen davon „träumen“. „Mit ihrem Ultimatum bezweckte die Bergkammer keinesfalls eine Besserung der Lage der Eingeborenen. Ihr einziger Zweck war und ist – mehr Profit.“[11] Diese Einschätzung der Gründe für die Abschaffung der Colour Bar wird auch weitgehend von Krikler geteilt.[12] Während Simons und Simons zusätzlich zu der ökonomischen Begründung auch eine moralische Begründung der Unternehmer akzeptieren. Diese hätten erklärt, die Rassenschranke sei „unjustifiable on both moral and economic grounds.“[13] Es ist jedoch höchst zweifelhaft, dass bei Unternehmen, die jahrelang Schwarze unter den unmenschlichsten Bedingungen ausgebeutet hatten, auf einmal die Moral siegte.

Aus Sicht der Kommunisten widersetzte sich der Streik den Interessen des Kapitals und brachte auch seine Vorherrschaft ins Wanken. Weil die Goldminen im Transvaal die Hälfte der gesamten weltweiten Goldmenge förderten, ergäbe sich eine

„große Bedeutung nicht nur für die unmittelbar interessierte Schicht der Bourgeoisie, sondern zugleich auch für den Gesamtfinanzorganismus des Weltkapitalismus in einer Zeit, wo die britischen Bankiers sich alle Mühe geben, das Geldwesen auf der Goldbasis zu stabilisieren.“[14] „Nicht nur in Indien, nicht nur in Aegypten, auch in Südafrika gärt es, und diese Klassenkämpfe bedrohen die Herrschaft des englischen Kapitals.“[15] Unter den gegebenen Bedingungen in der Atmosphäre der weltwirtschaftlichen Krise, in dem geschichtlichen Moment, da das englische Imperium in allen Fugen kracht, hat die Bewegung der südafrikanischen Lohnknechte der Goldmagnaten eine unbestreitbare revolutionäre Bedeutung.[16]

Objektiv gesehen hatte die Bewegung nach der Einschätzung der Kommunisten also einen revolutionären Charakter, weil sie ein Teil des internationalen Klassenkampfes war und eben nur oberflächlich ein Kampf zwischen Rassen, also zwischen Schwarz und Weiß. Aus Sicht der dritten Internationale war der Aspekt des internationalen Klassenkampfes ein zentraler. Dies entsprang aus ihrer revolutionären Perspektive, die nur im Rahmen einer Weltrevolution denkbar war. Man musste jede Bewegung auch aus dieser Sicht interpretieren. Über die konkreten Ziele der einzelnen Kämpfe hinaus, wie in diesem Falle die Aufrechterhaltung des Status Quo, hatte jeder Kampf zwischen Arbeitern und Kapital, gerade in der damaligen Zeit, auch eine Bedeutung für die Weltrevolution.

Auf der anderen Seite wurde keineswegs die andere Seite der Bewegung heruntergespielt. Subjektiv wurden die Ziele des Streiks und die Form der Bewegung als reaktionär eingestuft. Denn die weißen Arbeiter begingen trotz des objektiv revolutionären Charakters der Bewegung „das Verbrechen, auch gegen ihre farbigen Leidensgenossen vorzugehen“[17].

So hob Lada hervor, dass die Arbeiterklasse in Südafrika „einen stark reaktionären Anstrich“ besitz, „dadurch, dass die weißfarbigen Arbeiter im Kampfe gegen die Beschäftigung der Eingeborenen stehen.“[18] Auch Jones kommentiert dies: „Die weiße Arbeiterbewegung befindet sich angesichts des Kampfes der Kapitalisten für die Arbeitsbeförderung der Eingeborenen in einer durchaus falschen Position.“[19] Diese Position sei mit den Grundsätzen der Arbeiterbewegung nicht zu vereinbaren. Auch die Ausgabe vom 16. März teilt immer noch diese Einschätzung über die Bewegung: „Unglücklicherweise hat sie sich nicht in rein revolutionären Bahnen ergossen, sondern hat sich auch gegen die Eingeborenen gewendet.“[20] Dass heißt sie habe „mitunter einen stark reaktionären Einschlag, insoweit sie eben der Zurückgebliebenheit des weißen Proletariats und seiner bisher privilegierten Lage entspringt.“ Von Anfang an bis zum blutigen Ende der Bewegung hoben die Kommunisten diese Seite immer wieder hervor. Es kann also keine Rede sein von einer unkritischen Sicht oder einer Glorifizierung der Bewegung. Eine solche Herangehensweise wäre auch der Sache nicht dienlich gewesen, denn es bedurfte einer realistischen Einschätzung der Situation um die Aufgaben der Kommunisten innerhalb der Bewegung zu bestimmen.

[...]


[1] Alle vorstehenden Zitate aus Jeremy Krikler, White Rising: The 1922 insurrection and racial killing in South Africa, S. 110.

[2] Vgl. Jack und Ray Simons, Class and Colour in South Africa 1850 – 1950. S. 281f;

[3] Einleitung. In: Internationale Pressekorrespondenz, Nr.1 (24.9.1921).

[4] Ivon Jones, Die Krisis der südafrikanischen Arbeiterbewegung. In: Internationale Pressekorrespondenz, Nr. 26 (4.3.1922).

[5] Simons + Simons, Class and Colour, S.276.

[6] W. Lada, Die Klassenkämpfe in Südafrika. In: Internationale Pressekorrespondenz, Nr. 19 (16.2.1922).

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Jones, Inprekorr Nr. 26.

[10] Ebd.

[11] Dave Kendall, Südafrika: Rettet unsere Brüder vom Rand. In: Internationale Pressekorrespondenz, Nr. 164 (16.8.1922).

[12] Vgl. Krikler, White Rising, S.45ff.

[13] Simons + Simons, Class and Colour, S.272.

[14] Jones, Inprekorr Nr. 26.

[15] Lada, Inprekorr Nr. 19.

[16] Die südafrikanischen Arbeiter im Aufruhr! In: Internationale Pressekorrespondenz, Nr. 31 (16.3.1922).

[17] Ebd. (Hervorhebung vom Verfasser dieser Arbeit)

[18] Lada, Inprekorr Nr. 19.

[19] Jones, Inprekorr Nr. 26.

[20] Inprekorr Nr. 31.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Revolte von weißen Arbeitern im Witwatersrand aus Sicht der kommunistischen Internationale
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V163601
ISBN (eBook)
9783640782406
ISBN (Buch)
9783640782482
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Revolte, Arbeitern, Witwatersrand, Sicht, Internationale, Kommunismus, Südafrika, Apartheid, Kolonie, Kolonialismus, Rassismus, Revolution, Streik, Johannesburg, Arbeiter, Labour, National
Arbeit zitieren
Niko Pankop (Autor), 2009, Die Revolte von weißen Arbeitern im Witwatersrand aus Sicht der kommunistischen Internationale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163601

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