Entscheidungen als Bestimmungsmomente sozialen Handelns

Zu den Grundlagen von Uwe Schimanks Theorie einer „Entscheidungsgesellschaft“


Magisterarbeit, 2008

92 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Entscheiden und Rationalität bei Max Weber
2.1 Auf der Suche nach Entscheidungshandeln in den „Grundbegriffen“
2.2 Die kapitalistische Gesellschaft als Entscheidungsgesellschaft?

3. System-Entscheidungen: Die systemtheoretische Perspektive Niklas Luhmanns
3.1 Erwartungen als Strukturen psychischer und sozialer Systeme
3.2 Entscheiden als kommunikatives Ereignis
3.3 Organisation und Entscheidung
3.4 Modernität und Rationalität der Gegenwartsgesellschaft

4. Die Moderne als Entscheidungsgesellschaft bei Uwe Schimank
4.1 Entscheidung als Handlungsform
4.2 Entscheidungskomplexität und begrenzte Rationalität
4.3 Die funktional differenzierte Gesellschaft als Entscheidungsgesellschaft
4.4 Gesellschaftliche Strukturdynamik und Entscheiden: Doping im Hochleistungssport .

5. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen

Literatur

1. Einleitung

In Managermagazinen stehen in jüngster Zeit immer häufiger Beiträge im Mittelpunkt, die sich mit dem Thema Entscheiden und Entscheidungsforschung auseinandersetzen. Hier sind Überschriften zu lesen wie: „Die Komplexitätsfalle: Warum Denkfehler in Krisensituationen zunehmen“, „Entscheidungsleitfäden und Selbstreflexion“ oder „Denkfehler im Job vermei- den: Klüger entscheiden“.1 Denkt man an die vielen Entscheidungen, die man selbst jeden Tag trifft oder zu treffen hat, wird einem schnell klar: Entscheidungen bestimmen unser all- tägliches Leben in zunehmenden Maße. Sie sind nicht mehr wegzudenken. In allen Berufs- gruppen wird von den Akteuren verstärkt entscheidungsförmiges statt routineförmiges Han- deln verlangt. Ein Arzt überlegt, ob er den mit Unterleibschmerzen eingelieferten Patienten sofort operieren oder erst noch weitere Untersuchungen durchführen soll. Er diskutiert mit seinem Kollegen darüber. Ein Unternehmen prüft und entscheidet, welches Produkt aus der eigenen Fertigung im nächsten Jahr in den Handel kommen soll. Die Marketingabteilung soll sich zusammen mit der Entwicklungsabteilung ein Konzept überlegen. Ein Abiturient geht zur Studienberatung, weil er sich noch nicht sicher ist, was er studieren möchte. Ein Börsenmak- ler ist sich unsicher, ob er das ihm übertragene Kapital lieber in Aktien oder in Wertpapieren anlegen soll. Er berät sich mit seinem Vorgesetzten. Dies sind ganz unterschiedliche Beispiele für Entscheidungsprobleme, die vielleicht ganz unterschiedliche Anforderungen stellen. Letzt- lich geht es aber immer darum, eine Wahl zu treffen.

Aus dem soziologischen Blickwinkel betrachtet kann behauptet werden: Entscheidun- gen haben auf allen Ebenen der modernen Gesellschaft eine besondere Prominenz gewonnen. Man kann soziologisch nach den Gründen fragen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen dazu geführt haben, dass Entscheidungen zu einem (vermeintlichen) Schlüsselphänomen der modernen Gesellschaft geworden sind. Man kann danach fragen, welche Strategien Akteure einsetzen, um die unterschiedlichen Entscheidungssituationen zu meistern. Wie gehen sie vor, um eine möglichst gute Wahl oder ihrer Wahl möglichst sicher zu sein? Aus der sozialtheore- tischen Perspektive kann danach gefragt werden, wie sich die Soziologie als Wissenschaft, „welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wir- kungen ursächlich erklären will“ (Weber WuG, S. 1), dem sozialen Phänomen Entscheiden nähert. Zur Beschreibung und Erklärung von Entscheidungsprozessen gibt es zahlreiche höchst unterschiedliche theoretische Konzeptionen, formale Modelle und empirische Unter suchungen.2 Niklas Luhmann beklagte noch 1984, dass die Soziologie es bisher versäumt hätte, eine soziologische Entscheidungstheorie auszuarbeiten. Betrachtet man die neuesten Entwicklungen in der soziologischen Theoriebildung, so müsste Luhmann geantwortet werden, dass dies mit der Ausarbeitung und der praktischen Anwendung der Rational-Choice- Theorien (Wert-Erwartungs-Theorie, Spieltheorie, RREEMM-Modell) letztlich geschehen ist. Für einen systemtheoretischen Ansatz muss dies erst noch gezeigt werden.

Im Zentrum dieser Arbeit stehen zwei Kernpunkte. Entscheiden als soziales Phänomen soll zum einen auf einer sozialtheoretischen Ebene und zum anderen auf gesellschaftlicher Ebene näher untersucht werden. Es soll gezeigt werden, auf welcher Grundlage die Moderne als Entscheidungsgesellschaft bezeichnet werden kann.

In Kapitel 2 wird herausgestellt werden, dass Max Weber in seiner formulierten Hand- lungstheorie einen Entscheidungsvorgang berücksichtigt. In seinen gesellschaftstheoretischen Untersuchungen wird anschließend der Frage nachgegangen, ob in der rationalen kapitalisti- schen Gesellschaft, so wie Weber seine Gegenwartsgesellschaft charakterisierte, sich bereits die Konturen einer sich entwickelnden „Entscheidungsgesellschaft“ erkennen lassen. Niklas Luhmann legte mit „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ 1997 eine umfangreiche, sys- temtheoretisch angelegte Gesellschaftstheorie vor. Dem Anspruch einer universellen Theorie nach, müssten Entscheidungen systemtheoretisch gefasst und in allen Systemebenen entspre- chend lokalisiert werden können. In einer Theorie der Moderne als funktional differenzierte Gesellschaft darf Entscheiden als Phänomen der Moderne nicht unthematisiert bleiben. Auch darf angenommen werden, dass eine Gesellschaftstheorie Antworten auf Fragen bereitstellt, die allgemeinen gesellschaftliche Entwicklungen und sozialen Wandel betreffen. In Kapitel 3 wird deshalb Entscheiden aus Sicht der system- bzw. gesellschaftstheoretischen Perspektive Luhmanns etwas näher betrachtet.

Die Zumutung rationalen Entscheidens unter Bedingung hoher Komplexität ist ein Phänomen, aufgrund dessen Uwe Schimank die Moderne in seiner Gegenwartsdiagnose als Entscheidungsgesellschaft bezeichnet. Der Auftrag der modernen Gesellschaft laute, so Schi- mank: Handle möglichst entscheidungsf ö rmig und rational . In Kapitel 4 wird nachvollzogen, welche gesellschaftsstrukturellen Dynamiken die Entscheidungsgesellschaft nach Schimank hervorgebracht hat. Neben der Verortung von Entscheiden als Handlungsform werden Strate gien erläutert, die Akteure auf Basis begrenzter Rationalität zur Bewältigung von Entscheidungssituationen anwenden. Am Beispiel „Doping im Hochleistungssport“ wird das Verhältnis zwischen Strukturdynamik und Entscheiden betrachtet.

In Kapitel 3 und 4 soll immer wieder der Akteurtheoretiker Schimank zu Wort kom- men, der die vermeintlichen Schwächen der systemtheoretischen Perspektive Luhmanns durch Einbeziehung akteurtheoretischer Elemente auszugleichen versucht. Dabei wird sich zeigen, dass Schimank sich verstärkt der Methoden aus den Rational-Choice-Theorien be- dient.

In der vorliegenden Arbeit wird an ausgesuchten Stellen die Möglichkeit wahrgenommen, unterschiedliche Theorieperspektiven und das, was ihnen ins Blickfeld gerät oder mit ihnen erfasst werden kann, miteinander zu vergleichen. Die multiperspektivische Sichtweise eröff- net gerade in der Soziologie Möglichkeiten, das, was die eine Sichtweise vernachlässigt, durch die andere wieder einzufangen. Die dominante Rolle von Rational-Choice-Ansätzen in der soziologischen Entscheidungsforschung ist sicherlich kein Zufall, da mit dem Orientie- rungspunkt Rationalität, wenn die Bedeutung des Begriffs erst einmal geklärt ist, angewandte Entscheidungsforschung (auf kurzer oder mittlerer Reichweite) betrieben werden kann. Der systemtheoretische Zugang zum Problem des Entscheidens und die damit verbundene Mög- lichkeit Gesellschaftsforschung auf makrosoziologischer Ebene zu betreiben, sollten aller- dings nicht außer Acht gelassen werden. Dazu soll gezeigt werden, dass die soziale Wirklich- keit des Entscheidens system- bzw. gesellschaftstheoretisch erfasst werden kann.

Dem Dreigespann Entscheiden, Rationalität und gesellschaftliche Entwicklung mag auf den ersten Blick eine hohe Affinität zugesprochen werden. In Anlehnung daran soll in dieser Arbeit die These aufgestellt werden, dass Rationalität in der Entscheidungsgesellschaft als Triebfeder intendierter gesellschaftlicher Strukturdynamik überschätzt wird und zuneh- mend in der Moderne ihre Schattenseiten offenbart. Oft genug sind es gerade nichtintendierte, d.h. unbewusste, nicht rational abgewogene Handlungsnebenfolgen, die negative gesellschaft- liche Entwicklungen bewirken. Was aus rationaler Sicht die richtige Wahl war, schlägt nega- tiv als Struktureffekt zu Buche. Die Folgen sind mitunter in vielen gesellschaftlichen Teilbe- reichen zu spüren, was am Beispiel von Doping im Hochleistungssport gezeigt werden kann.

2. Entscheiden und Rationalität bei Max Weber

Begibt man sich in Webers Handlungstheorie auf die Suche nach „Entscheidungshandeln“ oder einem „Entscheidungsbegriff“, so wird man in Webers soziologischen Grundbegriffen nicht unmittelbar fündig. Weber sieht im Entscheiden weder einen Sonderfall des Handelns, der einen Typus des „Entscheidungshandelns“ rechtfertigen würde, noch eine herauszuheben- de Handlungsform, die sich nicht aus den vier Grundtypen des Handelns hätte ableiten lassen. Umso mehr stellt sich die Frage, ob sinnhaftes Handeln und Entscheiden auf Basis des sub- jektiv gemeinten Sinns, den Akteure mit der Auswahl einer bestimmten Handlungsalternative verbinden, bei Weber überhaupt voneinander zu trennen ist oder beide Begriffe nicht dieselbe Seite einer Münze bezeichnen. Gibt es Begrifflichkeiten, die auf Entscheidungshandeln hin- deuten? In Kapitel 2.2 wird kurz auf die Rationalisierungsthese Webers eingegangen. Die gesellschaftliche Entwicklung ist bei Weber verbunden mit der Herausbildung und Ausdiffe- renzierung zweckrationaler Leittypen. Die Ausdifferenzierung rationaler Handlungsbereiche stellt für Weber bekanntlich das Ergebnis einer historischen Entwicklung dar, die spezifisch ist für den Okzident. Es wird sich zeigen, dass diese Entwicklung auch dahingehend interpre- tiert werden kann, dass (sozialem) Handeln ein bewusstes in Betracht ziehen oder Abwägen von Alternativen voraus gehen muss, ein Abwägen, das in traditionellen Gesellschaften nicht in dieser Weise stattfand oder überhaupt stattfinden konnte. Die moderne Gesellschaft, ver- standen als Entscheidungsgesellschaft, kann als Resultat dieser Entwicklung gesehen werden. Für Schimank ist die Moderne deshalb eine von Komplexität und Rationalität geprägte, die starken Strukturdynamiken unterworfen ist und die entsprechende Strategien entwickeln muss , um handlungsfähig zu bleiben. In Kapitel 4 wird darauf zurückzukommen sein.

2.1 Auf der Suche nach Entscheidungshandeln in den „Grundbegriffen“

Für den Soziologen ist es nach Weber durch aktuelles und motivationales Verstehen möglich, etwas, das er beobachtet, als sinnhaftes Tun zu interpretieren und Motive und Gr ü nde - für die sich ein Akteur entweder bewusst entschieden hat oder vielleicht nie entscheiden musste - einem Handeln zuzurechnen. Webers Fragestellung lautet: warum wurde diese Handlung vollzogen? Oder genauer: wie hätte dieses Handeln unter rein zweckrationalen Gesichtspunk- ten ablaufen müssen?3 Worauf Weber hinaus möchte, ist die Herstellung eines kausalen Sinn Zusammenhangs zwischen Motiv und einem an diesem Motiv orientierten Handeln. Das Her- stellen dieses Zusammenhangs fällt dem Beobachter umso leichter, insofern die Deutung des beobachteten Handelns - empirisch-konstatierbar - ein „Höchstmaß an »Evidenz» besitzt.“ (Weber WL, S. 428)

„Eine richtige kausale Deutung eines konkreten Handelns bedeutet: daß der äußere Ablauf und das Motiv zutreffend und zugleich in ihrem Zusammenhang sinnhaft verständlich erkannt sind. Eine richtige kausale Deutung typischen Handelns (verständlicher Handlungstyp) bedeutet: daß der als typisch behauptete Hergang sowohl (in irgendeinem Grade) sinnadäquat erscheint wie (in irgendeinem Grade) als kausal adäquat festgestellt werden kann.“ (Weber WuG, S. 5)

Weber liegt in diesem Sinne eine Thematisierung alternativer Handlungsmöglichkeiten fern. Sie sind nicht Gegenstand seiner Handlungserklärung, denn Weber fragt nicht: warum wurde nicht diese oder jene Handlung vollzogen. Ihm geht es um die kausale Deutung eines konkreten beobachtbaren Handelns, welches in seinem Ablauf erfahrungsgemäß als typisch bezeichnet werden kann. Weber dazu: „Die Soziologie bildet - wie schon mehrfach selbstverständlich vorausgesetzt - Typen -Begriffe und sucht generelle Regeln des Geschehens.“ (Weber, WuG, S. 9) Die Soziologie als Erfahrungswissenschaft, so wie sie Weber versteht, sucht nach Regelmäßigkeiten, nach typischen Handlungsverläufen. „ Weil Menschen regelorientiert handeln können, lässt sich ihr Handeln ‚berechnen’, und Wahlfreiheit ist die Voraussetzung für die Fähigkeit der Regelbefolgung.“ (Schluchter 2000, S. 129f.)

(Soziales) Handeln kann idealtypisch betrachtet an vier Grundtypen sinnhaften Han- delns orientiert sein. Akteure handeln demnach zweckrational, wertrational, affektuell oder traditional. Allerdings macht Weber unmissverständlich deutlich, dass Handeln sehr selten, „insbesondere soziales Handeln, nur in der einen oder der anderen Art orientiert [ist]. Ebenso sind diese Arten der Orientierung natürlich in gar keiner Weise erschöpfende Klassifikationen der Ar- ten der Orientierung des Handelns, sondern für soziologische Zwecke geschaffene, begrifflich rei- ne Typen, denen sich das reale Handeln mehr oder minder annähert oder aus denen es - noch häu- figer gemischt ist. Ihre Zweckmäßigkeit für uns kann nur der Erfolg sein.“ (Weber WuG, S. 13)

So schließt Weber weitere Bestimmungsgründe oder Orientierungen, die als idealtypisch be- zeichnet werden können, nicht aus, weist er doch darauf hin, dass zumeist „Mischformen“ das alltägliche Handeln bestimmen und die Sinnhaftigkeit der Motive des Handelns über die Dif- ferenz von idealtypischen Handlungsabläufen und gegebener Wirklichkeit verständlich ist, indem „durch Angabe des Maßes an Annäherung einer historischen Erscheinung an einen oder mehrere dieser Begriffe diese eingeordnet werden kann.“ (Weber WuG, S. 10) der Soziologie, sondern nur als methodisches Mittel verstanden und also nicht etwa zu dem Glauben an die tatsächliche Vorherrschaft des Rationalen über das Leben umgedeutet werden.“ (Weber WuG, S. 3)

Die Idealtypen sind nach Art und Ausmaß rationaler Kontrolle über Mittel zur Durchführung, Zweck , Wert und Folge einer Handlung klassifiziert. So handelt jemand zweckrational, wer sein Handeln nach Zweck, Mitteln und Nebenfolgen orientiert, indem er diese drei Kompo- nenten rational gegeneinander abwägt . Weber zufolge meint Zweck „die Vorstellung eines Erfolges , die Ursache einer Handlung wird.“ (Weber WL, S. 183) Freiheit in der Auswahl der Zwecke, der Mittel zur Erreichung der Ziele, der Orientierung an einem „unbedingten Eigen- wert eines bestimmten Sichverhaltens“ (Weber WuG, S. 12) und im Kontrollieren der Neben- folgen des Handelns ist allerdings „dadurch bedingt, dass die Mittel, Fähigkeiten und Mög- lichkeiten jedes Akteurs begrenzt sind; jede seiner Handlungen muss entsprechend dem Prob- lem der Knappheit gerecht werden.“ (Schmid 2004, S. 11) Wahlfreiheit und Rationalität sind aufgrund allgemeiner Ressourcenknappheit deshalb eng miteinander verzahnt.

Orientieren sich Akteure an sozialen Normen4 , so begrenzen sie ihren Entscheidungs- spielraum bezüglich der wählbaren Handlungsalternativen beträchtlich. Weber weist aller- dings darauf hin, dass „zahlreiche höchst auffallende Regelmäßigkeiten des Ablaufs sozialen Handelns [...] keineswegs auf Orientierung an irgendeiner als »geltend« vorgestellten Norm, aber auch nicht auf Sitte [beruhen], sondern lediglich darauf: daß die Art des sozialen Han- delns der Beteiligten, der Natur der Sache nach, ihren normalen, subjektiv eingeschätzten, Interessen so am durchschnittlich besten entspricht und daß sie an dieser subjektiven Ansicht und Kenntnis ihr Handeln orientieren [...].“ (Weber WuG, S. 12) Die Orientierung an etwas Neuem setzt ein bewusstes Entscheiden gegen bisher eingelebte Muster, Normen oder Pflich- ten voraus, die für einen „Kreis von Menschen tatsächlich für »verbindlich« gelten.“ (Weber WuG, S. 15) So entstehen Gleichartigkeiten, Regelmäßigkeiten und Kontinuitäten der Einstel- lung des Handelns (vgl. Weber WuG, S. 15) aus neuen interessensbedingten Orientierungen durch „kollektives Kopieren von Erfolgsrezepten.“ (Schimank 2005a, S. 222) Schimank spricht in diesem Zusammenhang von Rationalitätsfiktionen , die aus Konstellationen wech- selseitiger Beobachtungen entstehen: Aus Entscheidungen, „die von einer Vielzahl anderer Akteure als erfolgreich angesehen werden, […] gehen Rationalitätsfiktionen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen aus „bandwagon“-Effekten hervor.“ (Schimank 2005a, S. 222) Eine entsprechende These könnte dann lauten, dass -gesellschaftliche Entwicklung als Ratio- nalisierungsprozess verstanden - ein bewusstes Entscheiden gegen eingelebte Orientierungen eine Voraussetzung dafür ist, gewählte Ziele zu erreichen.5 Dem kann hier nicht weiter nach- gegangen werden. Vielmehr ist zu fragen, wie Entscheiden als integrativer Bestandteil von als typisch geltenden Handlungsmotiven, wie sie in den Grundbegriffen beschrieben werden, bei Weber berücksichtigt oder ohne weitere Thematisierung schlicht vorausgesetzt wird. Wann kann überhaupt von einem Bewusstwerden eines „Entscheidungshorizonts“ und einer an- schließenden Selektionsleistung gesprochen werden und inwiefern ist die Auswahl einer Handlungsalternative mit der idealtypischen Methode erklärbar? Wie ist der Vorgang des Ent- scheidens mit den Bestimmungsmomenten sozialen (zweckrationalen) Handelns zu fassen, wenn Weber gesellschaftliche Entwicklung als Rationalisierungsprozess begreift? Rationaler Betriebskapitalismus, empirische Wissenschaften und ihre technologische Anwendung, ratio- naler Staat und formales Recht sind für ihn ja das Ergebnis der Ausdifferenzierung rationaler Ordnungen, die sich unter Beanspruchung rationaler organisatorischer Leistungen bürokrati- scher Herrschaft vollziehen. So bilden für Weber zweckrationale Ordnungen Orientierungs- punkte und gleichzeitig Begrenzungslinien des Handlungsspielraums (normative Formen), wenn der Handelnde bestimmte Handlungsmaxime „als irgendwie für das Handeln geltend: verbindlich oder vorbildlich“ (Weber WuG, S. 16) ansieht.6 Dem geschichtlichen „So-und- nicht-anders-Gewordensein“ (Weber WL, S. 256f.) stabiler Handlungsmuster und „Kulturer- scheinungen“ müsste, so sollte man annehmen, ein Vorgang des Nachdenkens über Welt bzw. ein Entscheiden vorausgehen, damit etwas als sinnvoll „neu“ bezeichnet werden kann. Die Rationalität des sich daraus entwickelten Handelns hängt dann davon ab, ob der Handelnde „über Informationen oder Erwartungen über die Bedingungen seines Handelns verfügt, die ihm zu beurteilen erlauben, mit welcher Wahrscheinlichkeit und auf welchem Wege er seine Ziele erreichen kann.“ (Schmid 2004, S. 11) Die gesellschaftliche Rationalisierung geht in diesem Sinn von einem gesellschaftlichen Entwicklungsprozess aus, aufgrund dessen rationa- le Handlungen und Lebensweisen durch eine Verallgemeinerung der Vernunft (Dialektik der Aufklärung) bestimmt werden, die auf Zwecke ausgerichtet ist. Für Weber verdichtet sich dies in einem doppelten Handlungsumkreis: dem modernen Staat und der kapitalistischen Ökonomie. Bevor allerdings näher auf Webers Begriffe der Rationalität und Rationalisierung im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung eingegangen wird, sollen zunächst in den von Weber (Paragraph 2) definierten klassischen vier Handlungstypen Anhaltspunkte gefunden werden, die Aufschluss darüber geben, ob Weber in ihnen einen Vorgang des Überdenkens oder der Einbeziehung von Alternativen berücksichtigt.

Ein bewusstes Entscheiden über Zwecke und Mittel sowie die Kontrolle der Folgen und Nebenfolgen des Handelns erübrigt sich, wenn Handelnde ausschließlich an „eingeleb- ten“ gesellschaftlichen Wert- und Kulturbedeutungen oder subjektiv eingelebten Interessen orientiert sind, dessen Rationalität nicht oder nicht mehr bewusst in Frage gestellt wird.

„Das streng traditionale Verhalten steht - ganz ebenso wie die rein reaktive Nachahmung […] - ganz und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man ein »sinnhaft« orientiertes Handeln überhaupt nennen kann.“ (Weber WuG, S. 12)

„Beim traditionalen Handeln ist dessen genauere sachliche Begründung, die es ursprünglich einmal gehabt oder auch immer noch haben mag, dem Akteur meistens gar nicht mehr be- kannt.“ (Schimank 2005, S. 46) Der Akteur handelt „routineförmig“, traditional, obwohl viel- leicht Wahlfreiheit besteht.7 Entscheiden setzt hingegen Handlungsalternativen voraus, die in der bisher eingelebten Weise nicht thematisiert wurden. Es ist ein konsequent zukunftsorien- tiertes Handeln. Aus diesem Grunde kann Entscheiden nicht mit dem Typus des traditionalen Handelns erklärt werden. Traditionales Handeln wendet sich der Vergangenheit zu: „Die Masse alles eingelebten Alltagshandelns nähert sich diesem Typus.“ (Weber WuG, S. 12) Auch beim affektuellen Handeln, bestimmt durch „aktuelle Affekte und Gefühlslagen“ (We- ber WuG, S. 12), kann nicht von einem Bewusstwerden alternativer Handlungsmöglichkeiten gesprochen werden.

„Das streng affektuelle Sichverhalten steht ebenso an der Grenze und oft jenseits dessen, was bewusst »sinnhaft« orientiert ist; es kann hemmungsloses Reagieren auf einen außeralltäglichen Reiz sein.“ (Weber WuG, S. 12)

Der Sinn des Handelns liegt im Handeln selbst. Wert und Folgen dieses Handelns werden außer Acht gelassen. „Affektuell handelt, wer seine Bedürfnisse nach aktueller Rache, aktuel- lem Genuß, aktueller Hingabe, aktueller kontemplativer Seligkeit oder nach Abreaktion aktu- eller Affekte (gleichviel wie massiver oder sublimer Art) befriedigt.“ (Weber WuG, S. 12) „Sinnhaft durch andere geprägt, von anderen verstehbar und auf andere bezogen wird es allein dadurch, dass es gesellschaftlich geteilte Muster dafür gibt, wann und wie bestimmten Gefüh len Ausdruck verliehen wird.“ (Schimank 2005, S. 45) Gefühlgeleitetes Handeln gilt als un- überlegt. Es ist spontanes Handeln, das keinerlei „Bedenkzeit“ bedarf. Eine Auswahl einer Handlungsalternative am Horizont anderer Möglichkeiten ist nicht vorgesehen, denn die Zeit zum Abwägen steht nicht zur Verfügung bzw. steht sich der Handelnde die Zeit in der aktuel- len Situation nicht zu.8

Letztendlich bleiben bei Weber wert- und zweckrationale Bestimmungsgründe bzw. Motive des Handelns, welche mit einer bewussten Überlegung und Abwägung alternativer Handlungsmöglichkeiten in Verbindung gebracht werden können. Beide Handlungstypen sollen im Folgenden betrachtet werden. Webers Definition des wertrationalen Handelns lautet folgendermaßen:

„Rein wertrational handelt, wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt im Dienst seiner Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit, religiöse Weisung, Pietät, oder die Wichtigkeit einer »Sache« gleichviel welcher Art, ihm zu gebieten scheinen. Stets ist (im Sinn unserer Terminologie) wertrationales Handeln ein Handeln nach »Geboten« oder gemäß »Forderungen«, die der Handelnde an sich gestellt glaubt.“ (Weber WuG, S. 12)

Eine klare Trennungslinie zwischen zweck- und wertorientiertem Handeln kann nur schwer gezogen werden, da sich Zwecke und Werte in der Wirklichkeit immer ineinander verschrän- ken.9 Im Anschluss an Schluchter lässt sich Wert als „die Vorstellung einer Verpflichtung , die Ursache einer Handlung wird“ (Schluchter 1988, S. 75), definieren. „Es gibt also zwei ratio- nalisierungsfähige Handlungsorientierungen, die zweckhafte und die werthafte. Denn Han- deln kann sowohl von Zweck-Maximen wie von Norm-Maximen geleitet sein.“ (Schluchter 2000, S. 130f.) In Paragraph 2 in den Grundbegriffen hebt Weber denn auch explizit die Ver- bindung zwischen Zweck- und Wertrationalität heraus, wobei er die Begrifflichkeiten „Ent- scheidung zwischen konkurrierenden und kollidierenden Zwecken und Folgen“ und „bewusst abgewogene Dringlichkeit“ wählt.

„Die Entscheidung zwischen konkurrierenden und kollidierenden Zwecken und Folgen kann dabei ihrerseits wert rational orientiert sein: dann ist das Handeln nur in seinen Mitteln zweckrational. Oder es kann der Handelnde die konkurrierenden und kollidierenden Zwecke ohne wertrationale Orientierung an „Geboten“ und „Forderungen“ einfach als gegebene subjektive, Bedürfnisregungen in einer Skala ihrer von ihm bewusst abgewogenen Dringlichkeit bringen und danach sein Handeln so orientieren, daß sie in dieser Reihenfolge nach Möglichkeit befriedigt werden (Prinzip des „Grenznutzens“). Die wertrationale Orientierung des Handelns kann also zur zweckrationalen in verschiedenartigen Beziehungen stehen.“ (Weber WuG, S. 12f.)

Ein „bewusst abgewogener“ Sortier- und Selektionsvorgang lässt sich als einen dem Handeln vorausgehenden Entscheidungsschritt auffassen. Weber verweist in diesem Zusammenhang auf das „Prinzip des Grenznutzens“ bei der Befriedigung eines mit dem Handeln verbundenen Bedürfnisses und hebt so eine Handlungsorientierung in den Vordergrund, die auf maximalen Nutzen für den Einzelnen abzielt (homo oeconomicus).

Auch findet sich beim affektuellen Handeln eine Verbindung zum wertrationalen Handeln, die mit einer bewussten Überlegung bei der Wahl einer Handlungsalternative in Bezug gesetzt werden kann: „Affektuelle und wertrationale Orientierungen des Handelns un- terscheiden sich durch bewußte Herausarbeitung der letzten Richtpunkte des Handelns und durch konsequente planvolle Orientierung daran bei dem letzteren.“ (Weber WuG, S. 12) Im Gegensatz zum spontanen, unüberlegten Handeln ist wertrationales Handeln durch Planung und Kontrolle gekennzeichnet, gerade im Hinblick auf die Vereinbarkeit mit dem Zweck, den Mitteln zur Erreichung des Handlungsziels und dem Wert des Handelns selbst. „Sonst haben sie gemeinsam: daß für sie der Sinn des Handelns nicht in dem jenseits seiner liegenden Er- folg, sondern in dem bestimmt gearteten Handeln als solchen liegt.“ (Weber WuG, S. 12) Zweck, Mittel und Wert bleiben also beim wertrationalen Handeln kontrolliert, während die Folgen und Nebenfolgen unberücksichtigt bleiben.

Bis hierher kann gesagt werden: Mit dem methodologischen Instrument der Idealtypen, insbe- sondere dem zweckrationalen konzipierten Typus, ist es möglich, Muster des Handelns zu entwerfen, „die für den verstehenden Soziologen von maximaler Nachvollziehbarkeit sind und als Maßstab dienen, mit dem beobachtetes Handeln verglichen werden kann, um festzu- stellen, inwiefern sich das Handeln vollständig sinnhafter Transparenz annähert oder davon abweicht.“ (Schneider 2002, S. 80) Ein bewusstes Abwägen von Handlungsmöglichkeiten wird von Weber in Form der Idealtypen des zweck- und des wertrationalen Handelns berück- sichtigt bzw. kann mit diesen in Verbindung gebracht werden. Weber verwendet in seiner Definition der beiden Idealtypen die Begrifflichkeiten „bewusstes Abwägen“ und „planvolles Vorgehen“. Affektuelles und traditionales Handeln scheiden aufgrund des Nichtbewusstwerdens eines Entscheidungshorizonts per Definition aus.

Die Kontrastierung eines beobachteten Handelns mit einem entworfenen „objektiv richtig- keitsrationalen“ Idealtypus setzt eine Perspektive voraus, die es dem wissenschaftlichen Be- obachter erlaubt, „das Maß von Identität, Abweichung oder Widerspruch des empirischen Ablaufs gegenüber dem Richtigkeitstypus als verständlich“ (Weber WL, S. 433) zu erklä- ren.10 Diese Aussage erweckt bei Weber den Anschein eines Rationalitätsvorsprungs des So- ziologen, dem es scheinbar problemlos möglich ist, objektiv richtigkeitsrationale Idealtypen zu entwerfen und als Maßstab für die Beurteilung fremden Handelns zu gebrauchen.

„Eine solche Unterstellung leuchtet heute nicht mehr ohne weiteres ein. Zu ihrer Begründung ist vor allem hinzuweisen auf eine spezifische Differenz zwischen Handlungsbedingungen des Wis- senschaftlers und den Handlungsanforderungen, denen die untersuchten Akteure unterliegen: Die Akteure stehen typisch unter Handlungsdruck. Sie müssen kurzfristig auf die jeweils gegebene Si- tuation reagieren. Der wissenschaftliche Interpret hingegen ist von dieser Anforderung weitgehend entlastet. Er hat es meist mit vergangenem Handeln zu tun, für dessen Analyse er sich Zeit neh- men, Informationen sammeln, alternative Handlungsmöglichkeiten prüfen und auf ihre Erfolgs- wahrscheinlichkeit hin miteinander vergleichen kann. [...] Andererseits verfügen Akteure oft über einen umfangreichen Schatz an Erfahrungswissen, der dem Wissenschaftler fehlt [...].“ (Schneider 2002, S. 33f.)

Allerdings kann ein Handeln, das nicht den objektiven Anforderungen der Zweckrationalität genügt, durchaus subjektiv zweckrational motiviert sein. „Dies ist der Fall, wenn ein objektiv nicht zweckrationales Verhalten ausgeführt wurde, weil es dem Handelnden zur Erreichung seines Zieles subjektiv als geeignet erschien.“ (Schneider 2002, S. 32) Und dennoch zielt We- bers Soziologie nicht unmittelbar darauf ab, die Fülle von bewusst sinnhaften Handlungsal- ternativen, die vielleicht in einer gegebenen Situation in Frage kommen, zu thematisieren und diese hinsichtlich dem „Grad der Zweckrationalität“ zu ordnen bzw. zu erklären, welches Handeln bessere Erfolgsaussichten geboten hätte oder mit welchen anderen Nebenfolgen man hätte rechnen können. Das Aufstellen einer Skala zwischen vollständig rationalem Verhalten einerseits und einem völlig unzugänglichen Verhaltens andererseits macht sich der Wissenschaftler ausschließlich zunutze bei der idealtypischen Konstruktion eines objektiv rationalen Handlungsverlaufs, wobei er Annahmen über irrationale Sinnelemente nur in dem Maße in den Deutungsprozess einführt, wie Abweichungen vom Rationalitätsfall erkennbar werden (vgl. Schneider 2002, S. 33).11

Eine Bewusstseinsleistung, die man Entscheiden nennt, ist hinsichtlich der Weberschen Me- thodologie aufzufassen als transzendentale Voraussetzung von zweck- und wertrationalen Orientierungen des Handelns und in diesem Sinne als bewusstes Kontrollieren von Zweck- Wert-Mittel-Relationen unter mehr oder weniger starker Berücksichtigung oder Kontrolle der Nebenfolgen. Was dem Handelnden in einer gegebenen Situation möglich ist zu kontrollieren und was nicht und welchen „Grad an subjektiv gefühlter Rationalität“ der Akteur seinem Handeln zuordnet, ist eine Frage der zur Verfügung stehenden Informationen über verwend- bare Ressourcen unter Berücksichtigung subjektiv verbindlich geltender Normen. Wird der dem Handeln zugeordnete Grad an Rationalität ausschließlich am Handlungserfolg gemessen, so mag die Orientierung an sozialen Normen objektiv betrachtet oft gerade nicht zweckmäßig sein. Dieses „neue“ Handeln erzeugt stabile Handlungsmuster (Routine), sofern sich ein Handlungserfolg einstellt, dessen Zweck und Wert von Einzelnen bisher noch nicht in dieser Form erkannt, vom Handelnden aber erhofft und aufgrund eines sichtbaren Erfolgs alsbald als wünschenswert oder wertvoll erachtet wird. Dementsprechend ist Entscheiden unmittelbar mit Zukunftsorientierung verbunden und als transzendentale Vorraussetzung zweck- und wert- schaffenden rationalen Handelns bei Weber zu verstehen. Schmid vertritt aufgrund des er- wähnten Problems der Knappheit an Mitteln, Fähigkeiten und Möglichkeiten von Akteuren die Ansicht, „dass ein Akteur seine Ziele bzw. seine Auffassung über die Art seines Handlungsproblems solange beibehält als er hinreichend erfolgreich handeln kann, diese dann umgestaltet, wenn dieser Erfolg ausbleibt. In beiden Fällen lernt der Akteur offenbar infolge seines jeweiligen Handlungserfolgs.“ (Schmid 2004, S. 11)

Das Verhältnis von Lernen und Entscheiden ist klärungsbedürftig. Dieses Thema kann aber hier nicht weiter diskutiert werden. In diesem Zusammenhang wichtig zu beachten ist - wenn man Schmid folgt - der Umstand, dass Akteure in der Moderne in regelmäßigen oder unre- gelmäßigen zeitlichen Abständen ihren Handlungserfolg oder einen dem Handlungsziel zugrundeliegenden „Sollzustand“ kontrollieren und ihre Ziele ggf. modifizieren. Dies tun Ak- teure schon deshalb, weil sie aufgrund der Knappheit an Zeit keine Zeit mit fehlgeleiteten Projekten oder Irrwegen verschwenden dürfen, um negative Folgen und Sanktionen zu ver- meiden. Die sich daran anschließende These könnte lauten, dass „bewusstes Kontrollieren“, „planvolles Vorgehen“ (aus Sicht Webers), mehr alternative Handlungsmöglichkeiten (Gross 1994) und individuelle Lernfähigkeit in der Moderne (aus Sicht Schmids) den gesellschaftli- chen Rationalisierungsprozess bzw. die „Entzauberung der Welt“ bis heute vorantreiben und schließlich die Tür zur Entscheidungsgesellschaft öffnen. Das zwischen den vormodernen Gesellschaften und der Moderne „plötzliche“ Auftreten neuer Bewusstseinsstrukturen (Nach- denken über Welt) kann unter Berücksichtigung der Rationalisierungstheorie dann zusammen mit dem Auftreten eines neuen Typus gesellschaftlichen Handelns gesehen werden: dem Ent- scheidungshandeln.

2.2 Die kapitalistische Gesellschaft als Entscheidungsgesellschaft?

Über Webers Gebrauch der Begriffe Rationalität und Rationalismus ist viel geschrieben wor- den. Hier soll im Zusammenhang mit Entscheidungshandeln nur kurz beleuchtet werden, wie Weber gesellschaftliche Entwicklung versteht, wenn er die entwickelte Gesellschaft als Er- gebnis eines Rationalisierungsprozesses auffasst, aus dem schließlich die moderne Welt her- vorgegangen ist. Dass dabei Entscheidungshandeln eine wichtige Rolle zukommt, soll ange- deutet werden.

Weber selbst macht Greve zufolge in einer Anmerkung in „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ auf die Vieldeutigkeit der Begriffe Rationalität oder Rationa- lismus aufmerksam (vgl. Weber 1988, S. 35, Greve 2006, 114). So kann man in Webers Ge- samtwerk eine Reihe von Synonymen ausmachen. Brubaker entdeckt, so schreibt Greve, sechzehn Aspekte der Weberschen Verwendung, die sich auf die Dimensionen Wissensba- siertheit , Unpers ö nlichkeit und Kontrolle reduzieren lassen (vgl. Greve 2006, S. 115). Weiß kommt in seiner Analyse auf insgesamt elf unterschiedliche Zugehörigkeiten, wobei sich für ihn als zentrale Elemente des Rationalisierungskonzepts „Sinnhaftigkeit“ und „Kommunika- bilität“ auszeichnen (Weiß 1992). Kalberg sieht die gemeinsame Basis des Rationalitätskon- zepts in kognitiven Prozessen, die auf eine bewußte Beherrschung der Wirklichkeit abzielen.“ (Kalberg 1981, S. 20) Erschwerend käme hinzu, so Greve, dass Weber den Rationalitätsbeg riff in unterschiedlichen Dimensionen in einer Reihe von Begriffspaaren12 gebrauche. Greve kommt schließlich zu dem Schluss, dass „Webers Rationalitätsbegriff mehrdimensional nicht nur im Hinblick auf diese Unterscheidungen, sondern ebenfalls im Hinblick auf verschiede- nen Analyseebenen“ (Greve 2006, S. 116) ist. Diese Einsichten sagen uns bisher nicht mehr, als dass diese „Mehrdimensionalität“ im Grunde genommen genau diesen Rationalisierungs- prozess beschreibt, der sich im Zentrum des Werkes von Weber - formuliert in der Rationali- sierungs- und Entzauberungsthese - wieder findet. Dies haben Winckelmann, Schluchter, Bendix und Tenbruck so herausgearbeitet.13 Weber stellt die Frage nach der Erklärung des europäischen Kapitalismus und seine Antwort formuliert er in der Rationalisierungsthese. Er sieht vor allem in der protestantischen Entzauberung und im wissenschaftlichen Rationalis- mus den Totengräber der traditionalen Gesellschaften. „Der moderne Rationalismus ist für ihn aber ein universalgesellschaftlicher Prozeß, der alle Sphären der Kultur durchdringt. Kogniti- ve Rationalisierung zerstört affektive, gewohnheitsmäßige und traditionelle Grundlagen der mittelalterlichen Kultur und schafft die Basis für das Fortschreiten und die Einzigartigkeit der modernen europäischen Kultur.“ (Oesterdieckhoff 2001, S. 25f.) Den wichtigsten Ursprung dieses Rationalisierungsprozesses macht Weber, so Oesterdieckhoff, in kognitiven und moti- vationalen Vorgängen aus, die aus insbesondere religiösen und ideellen Entwicklungen her- rühren. Kognitive Vorgänge schaffen Raum für Entscheidungen, die, wie gezeigt, nicht im affektiven, gewohnheitsmäßigen oder traditionellen Handeln integriert werden können. Für Weber überwindet erst der asketische Protestantismus in Form der calvinistischen Kirche die traditionelle Ethik. Der bewussten Entscheidung für die Abkehr von der traditionellen Ethik lag der Prädestinationsgedanke zu Grunde, der die Menschheit in Erlöste und Verdammte teilte. „Die Protestanten glaubten an einen Zusammenhang von Erlösung und Lebensführung, dem zufolge dessen ethische Qualität Indiz des Gnadenstatus sei.“ (Oesterdieckhoff 2001, S. 29) Es muss also immer sinnvoll abgewogen werden, welches auszuführende Handeln „zur aktiven Selbst- und Weltbeherrschung“ (Müller 2007, S. 96) einen Beitrag leistet und welches nicht. Die Prädestinationslehre zwingt mehr denn je zu Entscheidungshandeln in Form eines sinnvoll bewussten Abwägens von erfolgversprechenden Alternativen, zwingt so jeden Puri- taner zu möglichst erfolgreicher Berufsarbeit als Bewährungsprobe zum ausschließlichen Ruhme Gottes.

„Soweit die Macht puritanischer Lebensauffassung reichte, kam sie unter allen Umständen - und dies ist natürlich weit wichtiger als bloße Begünstigung der Kapitalbildung - der Tendenz zu bürgerlicher, ökonomischer rationaler Lebensführung zugute; sie war ihr wesentlichster und vor allem: ihr einzig konsequenter Träger. Sie stand an der Wiege des modernen »Wirtschaftsmenschen«.“ (Weber RS, S. 195)

Aus dieser Lebensführung erwächst der moderne Rationalismus, der Drang zu Ordnung, Ra- tionalität und Perfektion in Ethik, Beruf, Ökonomie, Kultur und Wissenschaft. Wenn man Weber folgt, so hätte die westliche kapitalistische Gegenwartsgesellschaft ohne christliche Grundlagen nie entstehen können. Hier sieht man aber auch, dass Weber diesen Rationalis- mus bereichspezifisch fasst. Für Weber erwächst auf der Ebene unaufhebbarer Differenzen zwischen den genannten „Rationalismen“ die Differenzierung der modernen Gesellschaft in gegeneinander relativ autonome und immer wieder miteinander in Widerstreit geratende „Wertsphären“. Die mit dieser Grundlage verbundene Lebensführung zwingt geradezu - so mein Eindruck - zum Entscheidungshandeln (als Kampf der Kulturen): zum Herbeiführen und Bewältigen von Entscheidungssituationen, um mit bewusster und sinnvoller Überlegung und Planung als Lohn ein Mehr an Selbst- und Weltbeherrschung (z.B. in Form von Kapital) zu erringen.

3. System-Entscheidungen:

Die systemtheoretische Perspektive Niklas Luhmanns

Das Werk Niklas Luhmanns ist geprägt von Durchsicht- und Undurchsichtigkeit. Verständnisschwierigkeiten treten meist im Zusammenhang mit dem hohen Abstraktionsniveau und der komplexen Theoriesprache auf, mit der Luhmann arbeitet. Aufgrund der hohen Komplexität der Theorie gibt Seyfarth Studierenden folgende Ratschläge:

„Für die vertiefende Auseinandersetzung mit einer Theorie des Zuschnitts der Luhmannschen Sys- temtheorie ist es notwendig, zum einen stets die Verbindung und Abgrenzung zu anderen, vor al- lem älteren Theorien (in diesem Fall insb. T. Parsons und M. Weber) und zum anderen „materiel- le“ Probleme und ihr alltägliches Verständnis oder etwa Bearbeitung in anderen theoretischen Per- spektiven im Blick zu haben. Sonst bleibt man in einer komplexen Theorie, wenn man überhaupt in sie hineinkommt, wie ein Hamster in seiner Tretmühle oder eine Maus in der Falle hängen.“ (Seyfarth 2004, S. 1)

Ob dies in der vorliegenden Arbeit gelungen ist, muss hier noch offen bleiben. Die Gefahr besteht bei Luhmann jedenfalls immer, rein in der Theoriesprache zu verweilen, ohne dass dabei wirklich etwas ausgesagt wird. Man ist sich allerdings bei der Rekonstruktion der Luh- mannschen Gedanken auch nicht immer sicher, ob man zuerst die Grundgedanken herausdes- tillieren und anschließend in die Tiefe der Theorie vorstoßen sollte oder ob es sinnvoller ist, direkt und ohne Umweg an der Frage anzusetzen, die man von Luhmann beantwortet haben möchte. In der vorliegenden Arbeit wurde ein Kompromiss aus beiden Vorgehensweisen ge- wählt.

Luhmann entwirft in seiner Schaffenszeit eine Theorie sozialer Systeme und weiterführend eine allgemeine Gesellschafts- und Evolutionstheorie.14 Während sein Buch „Soziale Systeme“ 1984 die autopoetische Wende markiert und die Selbstproduktion von Systemen in den Mittelpunkt stellt, so entwickelt Luhmann mit Hilfe des Begriffs der strukturellen Kopplung und einer eingeführten Beobachtungsperspektive in seinem Spätwerk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ 1997 explizite systemtheoretische Modelle (vgl. Miebach 2006).

Luhmann konnte sich lange Zeit nicht zwischen Handeln und Kommunikation als sys- temische Grundoperation entscheiden, wie Stichweh schreibt (vgl. Stichweh 2003, S. 212). Schmid zufolge stand sogar Entscheiden als Grundoperation von Systemen zur Wahl.15 Die Kontroverse zwischen Handlungs- und Systemtheorie, die vor allem in den 70er und 80er Jahren heftig geführt wurde16, entkräftigt Luhmann: „[...] die Systemtheorie hat sich in ihrer soziologischen Tradition immer als Handlungstheorie, als eine Theorie von Handlungssyste- men begriffen“ (Luhmann 2004, S. 255). Die Begriffe Handeln , Erleben , Entscheiden und Erwarten bleiben allerdings klärungsbedürftig, da sich auch Luhmann dem in der Soziologie verbreiteten Sprachgebrauch - der Verknüpfung von Handlungstheorie und Rational- Choice-Theorie - anschließt. Die beiden Theorien unterscheiden sich allerdings in wesentli- chen Punkten voneinander. Die Klärung dieser Begriffe und die Beantwortung der Frage, wie Luhmann den Vorgang des Entscheidens systemtheoretisch als Kommunikation fasst, wird in den Kapiteln 3.1 und vor allem 3.2 herausgearbeitet.17 Kapitel 3.3 befasst sich explizit mit dem Thema Kommunikation und Entscheidung im Kontext von Organisationssystemen.

Gesellschaftliche Entwicklung und die Eigenart der Moderne sind für Luhmann mit zunehmender Ausdifferenzierung autonomer, selbstreferentiell operierender funktionaler Teilsysteme verbunden, die teilsystemische Codes ausbilden und prinzipiell nicht steuerbar sind. Seine Annahmen werden in wesentlichen Punkten in Kapitel 3.4 dargestellt.

Ausgehend von der klassischen Handlungstheorie erfolgt die bewusste Auswahl einer Handlungsalternative nach bestimmten rational abgewogenen Kriterien. Nach welchen Kriterien entscheiden Systeme? Diesem Problem muss sich die Systemtheorie annehmen, wenn sie dem Anspruch einer „universalistischen Supertheorie“ (Luhmann 1984, S. 19) gerecht werden will. In seinem in der Frühphase der Entwicklung seiner Systemtheorie erschienenen Buch „Zweckbegriff und Systemrationalität“ von 1968 weist Luhmann explizit darauf hin, dass der Rationalitätsbegriff, wie er handlungstheoretisch zweckgerichtet gebraucht wird, im systemtheoretischen Zusammenhang umgedacht werden muss (vgl. Luhmann 1968, S. 1ff.). Angesprochen sind hier Bedingungen der Bestandserhaltung von Systemen. Mit der autopoietischen Wende wird auch dieses Konzept der Systemrationalität weitreichender Modifikationen unterzogen. Darauf soll in Kapitel 3.4 eingegangen werden.

3.1 Erwartungen als Strukturen psychischer und sozialer Systeme

Das zentrale Bezugsproblem der Systembildung ist die Reduktion von Komplexität. Aus der Alltagswelt ist bekannt, dass Akteure aus der Fülle möglicher Handlungsmöglichkeiten in einer gegebenen Situation immer nur eine beschränkte Auswahl verwirklichen und auch nur verwirklichen können. „[...] die Zahl der verbleibenden Möglichkeiten, die durch Systembil- dung ermöglicht werden“ (Luhmann 1968, S. 4), definiert Luhmann als Komplexität . System- bildung ist deshalb untrennbar mit Komplexitätsreduktion verbunden, wobei zwischen System und Umwelt ein Komplexitätsgefälle konstitutiv ist.18 Aber wie kann Komplexität reduziert werden? Luhmanns Antwort: durch Selektion auf der Basis von Sinn . Daran anschließend muss dann gefragt werden, welche Selektion Sinn macht und welche nicht. Kontingenz ist hier ein weiterer Kernbegriff des systemtheoretischen Bezugsrahmens. „Komplexität in dem angegebenen Sinn heißt Selektionszwang, Selektionszwang heißt Kontingenz, und Kontin- genz heißt Risiko.“ (Luhmann 1984, S. 47) Der Handelnde ist sich durch Reflexion und ge- mäß dem Sinnmodell bei der Auswahl einer Handlungsalternative der Kontingenz dieser Ent- scheidung bewusst, die auch anders hätte ausfallen können. Dieses „auch anders möglich sein“ bezeichnet Luhmann als Kontingenz. „Sinn fungiert als Prämisse der Erlebnisverarbei- tung in einer Weise, die die Auswahl von Bewußtseinszuständen ermöglicht, dabei jeweils das nicht Gewählte aber nicht vernichtet, sondern es in der Form von Welt erhält und zugäng- lich bleiben lässt.“ (Luhmann 1968, S. 34) Schneider dazu:

„Dieses Sich-Bewegen oder Prozessieren im Medium Sinn geschieht durch das ständige Umschlagen von (immer nur jeweils einigen) Möglichkeiten in Wirklichkeiten, von der so erreichten Wirklichkeit in die Projektion eines veränderten Möglichkeitshorizontes usf. [...] Durch Sinn wird der Umgang mit Komplexität über die Zeitdimension reguliert, oder kürzer formuliert, Komplexität wird temporalisiert (=verzeitlicht).“ (Schneider 2002a, S. 254)

Das beantwortet allerdings noch nicht die Frage, welchen „Sinn“ es macht, sich gerade für diese oder jene Möglichkeit des Erlebens und Handelns zu entscheiden. Hierfür sieht Luhmann den Strukturbegriff vor und begreift Erwartungsstrukturen als Leistung des Systems: die Differenz von Aktualität und Potentialität , durch die Sinn definiert wird, nutzbar zu machen. Diese Leistung kann von psychischen wie sozialen Systemen in Anspruch genommen werden, da beide zu den sinnverarbeitenden Systemen zu rechnen sind.

Ich sehe dunkle Wolken am Himmel und erwarte , dass es regnet. Ich treffe aufgrund dieser Erwartung die Entscheidung, nicht aus dem Haus zu gehen. Allerdings erwarte ich nicht, dass, nachdem ich einen Fuß vor die Tür gesetzt habe, ein Flugzeug in den Vorgarten stürzt. „Erwartungen erfüllen ihre Reduktionsleistung gerade dadurch, daß sie die unerwarteten Möglichkeiten en bloc (und nicht in der Form einer unüberschaubar großen Menge genau spezifizierter negativer Erwartungen) ausschließen.“ (Schneider 2002a, S. 257) Sinn grenzt so die Komplexität des Systems - und damit die im System zugelassenen Relationen - aus der Umweltkomplexität aus.19 „Also zwingt die Sinnform durch ihre Verweisungsstruktur den nächsten Schritt zur Selektion .“ (Luhmann 1984, S. 94)

„Der Vollzug der Operation führt nicht dazu, daß die Welt schrumpft; man kann nur in der Welt lernen, sich als System mit einer Auswahl aus möglichen Strukturen einzurichten. Andererseits re- formuliert jeder Sinn den in aller Komplexität implizierten Selektionszwang, und jeder bestimmte Sinn qualifiziert sich dadurch, daß er bestimmte Anschlußmöglichkeiten nahelegt und andere un- wahrscheinlich oder schwierig oder weitläufig macht oder (vorläufig) ausschließt.“ (Luhmann 1984, S. 94)

Diese Ansicht legt nahe, dass - im Gegensatz zur Weberschen Handlungstheorie - Luhmann die situativ vorgegebenen Restriktionen und Opportunitäten wesentlich stärker gewichtet als rationale Motive (vgl. Schneider 2003, S. 43).

Die genannten Beispiele beziehen sich auf Erwartungen des Einzelnen hinsichtlich des Eintretens von Umweltereignissen. Eine daran geknüpfte Selektion (Entscheidung) ist nicht abhängig vom Verhalten eines anderen, weshalb kein soziales Handeln vorliegt. Anders ver- hält es sich, wenn eine Situation eintritt, in der Ego sein Verhalten an den Erwartungen be- züglich dem Verhalten von Alter knüpft (entsprechend einer sozialen Beziehung bei Weber). Luhmann spricht in diesem Kontext von doppelter Kontingenz und meint damit, dass „jedes psychische System eine Auswahl aus unterschiedlichen Verhaltensmöglichkeiten trifft, die auch anders hätte ausfallen können und seine eigene kontingente [..] Auswahl von der kontin- genten Auswahl des anderen abhängig macht.“ (Schneider 2002a, S. 257)

„Das Problem der doppelten Kontingenz ist virtuell immer präsent, sobald ein Sinn erlebendes psychisches System gegeben ist. Es begleitet unfocussiert alles Erleben, bis es auf eine andere Person oder ein soziales System trifft, dem freie Wahl zugeschrieben wird. Dann wird es als Problem der Verhaltensabstimmung aktuell.“ (Luhmann 1984, S. 151)

Um das Problem der doppelten Kontingenz zu lösen, reichen einfache Erwartungen nicht mehr aus, weshalb sogenannte Erwartungserwartungen nötig werden. „Ich tue das was Du willst, wenn Du tust, was ich will.“ (Luhmann 1984, S. 166) Schneider weist in diesem Zu sammenhang darauf hin, dass Erwartungserwartungen als Strukturen in psychischen wie auch in sozialen Systemen fungieren, dass aber diese Feststellung nicht aber die Annahme einer irgendwie gearteten Überschneidung dieser Systeme implizieren dürfe:

„Treten zwei einander unbekannte Personen erstmals in einer nicht näher bestimmten Situation miteinander in Kontakt, dann verfügen beide zunächst nur über psychisch repräsentierte Erwar- tungserwartungen; nur in dem Maße, in dem diese Erwartungserwartungen als Grundlage der Verkettung der Verhaltenbeiträge von Ego und Alter beansprucht und als tragfähige Basis der In- teraktion bestätigt werden, funktionieren sie auch als Strukturen des sozialen Systems.“ (Schneider 2002a, S. 260)

Erwartungen können im Allgemeinen zutreffen oder enttäuscht werden. Ein System kann aus Enttäuschungen lernen , sofern es die Enttäuschung nicht auf ein Fehlverhalten des anderen zurückführt. Erwartungsstrukturen können sich dann im Enttäuschungsfall als relativ instabil erweisen. Es bleibt zu fragen, auf welche alternative Erwartungsstruktur in einer vergleichba- ren Situation zurückgegriffen wird. Was kommt in Frage, macht Sinn? Komplexität kann auf vielerlei Arten reduziert werden, aber ein bewusstes und sinnhaftes Abwägen von Handlungs- alternativen setzt voraus, dass Ego und Alter unsicher bezüglich ihrer Erwartungserwartungen sind. Sie müssen eine Wahl treffen, die wiederum auch anders getroffen werden kann. Diese Situation tritt ein, wenn nicht auf institutionalisierte Erwartungsstrukturen zurückgegriffen werden kann oder im Modus der Verarbeitung von Erwartungsenttäuschungen Lernen bzw. ein Umdenken stattgefunden hat.

Luhmann ist in dieser frühen Phase seines Theorieprojektes letztendlich nur an der Lösung des Problems der Erfassung und Reduktion von Komplexität interessiert. D.h. er fragt nach der jeder Erwartungsstruktur vorgeordneten Funktion dieser Struktur. Einzige Lösungs- bedingung des Komplexitätsproblems ist nur, „daß eine Komplexitätsdifferenz zwischen dem (intern weniger komplexen) System und der (komplexeren) Umwelt erhalten bleibt.“ (Schnei- der 2002a, S. 272) Handeln wird deshalb von Anfang an unter der Annahme von Kontingenz beobachtet.

Sinnverarbeitende Systeme zeichnen sich „durch die Verarbeitung von Möglichkeits- überschüssen aus, die sie prinzipiell selektiv nutzen“ (Stichweh 2003, S. 209f.) Dies betrifft psychische wie auch soziale Systeme, die beide im Medium Sinn operieren und über Sinn und Sprache strukturell miteinander gekoppelt sind, sonst allerdings als streng von einander ge- trennt operierende Systeme gedacht werden müssen.

[...]


1 Vgl. z.B. managerSeminare, Ausgabe 10/2005.

2 Ihre philosophische Wurzel ist der Utilitarismus, wie er erstmals von Bentham (1748-1832) dargestellt wurde. Die ö konomische Wurzel liegt in der Konzeption eines egoistisch handelnden und gerade so dem Allgemeinwohl dienenden Wirtschaftssubjekts (Smith, Mill). Die mathematische Wurzel ist in der Wahrscheinlichkeitstheorie (Bernoulli, Laplace) begründet. Durch die Verknüpfung von Nutzen- und Wahrscheinlichkeitstheorie wurde die Basis für die Behandlung von Entscheidungen unter gleichzeitiger Berücksichtigung sowohl des Wertes als auch der Unsicherheit der Konsequenzen gelegt.

3 Weber konzentriert sich auf das zweckrationale Handeln und betrachtet andere Handlungstypen als „Ablen- kung“. Diese „rationalistische“ Forschungsstrategie „darf aber natürlich nicht als ein rationalistisches Vorurteil

4 Die Orientierung an Normen erfolgt für Weber nach dem Grad des Bewusstseins, des „Eingelebtseins“, mit dem sie in der einzelnen Handlung präsent sind. Der subjektiv gemeinte Sinn verbindet eine Norm als Wert, aber auch als leidiges Muss. Nach der Art der Befindlichkeit und damit nach der Art der Strenge der Sanktionen können Muss-Normen (Gesetze), Soll-Normen (z.B. Sitten) und Kann-Normen (z.B. Bräuche, Gewohnheiten) voneinander unterschieden werden. Weber zufolge konstituieren sich Normen, aufgefasst als „geltende Ordnungen“ beliebiger Art, über „eingelebte“ soziale Beziehungsmuster.

5 Hier könnte man vielleicht im Anschluss an Weber, Eisenstadt und Lepsius von charismatischem Handeln sprechen.

6 Während bei Weber die Typen des traditionalen, affektuellen, wert- und zweckrationalen Handelns in ihrer idealtypischen Ausprägung als normfreie Handlungstypen konzipiert sind, schließt bei Parsons jede Art des Handelns normative Elemente mit ein. So wird für ihn eine Entscheidung weder aus Zufall gefällt, noch ist sie ausschließlich aus den situativen Handlungsbedingungen bestimmt. Weber hält hingegen bewusst normative Strukturprinzipien aus seinem Konzept der Idealtypen heraus. Die Orientierung des Handelns an einer, wie auch immer gearteten „geltenden“ Ordnung, begreift Weber nur als „Chance“, dass orientiert an dieser Ordnung tatsächlich sinnhaft gehandelt wird. Konsequenterweise bewegt sich die Begriffsfolge in den Grundbegriffen vom Handeln zum sozialen Handeln über die soziale Beziehung zur (geltenden) Ordnung, die durch Zuschreibung von Wert- und Kulturbedeutung durch Subjekte überhaupt erst Sinn erfährt.

7 Luhmann würde von einer notwendigen Reduzierung von (Welt-)Komplexität sprechen.

8 Weber bezeichnet ein affektuelles Handeln als Sublimierung , „wenn das affektuell bedingte Handeln als be- wu ß te Entladung der Gefühlslage auftritt: es befindet sich dann meist (nicht immer) schon auf dem Wege zur »Wertrationalisierung« oder zum Zweckhandeln oder zu beiden.“ (Weber WuG, S. 12) Weber möchte damit nur darauf hinweisen, dass mit diesem Handlungstyp durchaus ein gewolltes emotionales Handeln verbunden ist, dessen Sinn und Zweck bzw. die damit verbundenen Wirkungen dem Handelnden wohl bekannt und erwünscht sind (z.B. ein Beleidigen aus einer affektuellen Gefühlslage heraus, verstanden als „bewusste Entladung“ ).

9 Vgl. Schluchter 2000, S. 130. Schluchter betont zudem, dass Zweck- und Wertrationalität bei Weber begrifflich gleichrangige normative Standards der Orientierung des Handelns darstellen. Nach Schluchter will Weber das neoklassische Handlungsmodell der Nationalökonomie (Grenznutzen) durch die Gleichrangigkeit von wert- und zweckrationalen Orientierungen als normative Standards überwinden. „Eine Typologie der Handlungsorientie- rungen muss breiter ansetzen, als dies das Handlungsmodell der neoklassischen Nationalökonomie vermag. Diese Einsicht führt Weber zu einer Differenzierung der Handlungsorientierungen, der gerade nicht mehr, wie im Kategorienaufsatz von 1913, die absolute Zweckrationalität des Handelns als Konstruktionsprinzip zugrunde liegt, so dass die absolute Wertrationalität des Handelns den abweichenden Fall darstellt.“ (Schluchter 2000, S. 130)

10 Nach Weber ist dies allerdings nur ein Fall, der Bildung und Anwendung von Idealtypen. „Gerade dem logi- schen Prinzip nach versieht er diese Rolle prinzipiell nicht anders wie, unter Umständen, ein zweckmäßig ge- wählter »Irrtumstypus« sie, je nach dem Zweck der Untersuchung, auch versehen kann. Für einen solchen ist freilich noch immer die Distanz gegen das »Gültige« maßgebend. Aber logisch ist es auch kein Unterschied: ob ein Idealtypus aus sinnhaft verständlichen oder aus spezifisch sinnfremden Zusammenhängen gebildet wird. Wie im ersten Fall die gültige »Norm«, so bildet im zweiten Fall eine empirisch zum »reinen« Typus sublimierte Faktizität den Idealtypus. Auch im ersten Fall ist aber nicht das empirische Material geformt durch Kategorien der »Geltungssphäre«. Sondern es ist eben nur der konstruierte Idealtypus dieser entnommen. Und es hängt durchaus von den Wertbeziehungen ab, inwieweit gerade ein Richtigkeitstypus als Idealtypus zweckmäßig wird.“ (Weber WL, S. 437f.)

11 „Es sind für die Soziologie 1. der mehr oder minder annähernd erreichte Richtigkeitstypus, 2. der (subjektiv) zweckrational orientierte Typus, 3. das nur mehr oder minder bewußt oder bemerkt, und mehr oder minder eindeutig zweckrational orientierte, 4. das nicht zweckrational, aber in sinnhaft verständlichem Zusammenhang, 5. das in mehr oder minder sinnhaft verständlichem, durch unverständliche Elemente mehr oder minder stark unterbrochenem oder mit bestimmtem Zusammenhang motivierte Sichverhalten, und endlich 6. die ganz unverständlichen psychischen oder physischen Tatbestände »in« und »an« einem Menschen durch völlig gleitende Uebergänge verbunden.“ (Weber WL, S. 435)

12 Wertrationales vs. Zweckrationales Handeln, formale vs. materiale Rationalität, theoretische vs. praktische Rationalität und objektive Richtigkeitsrationalität vs. subjektive Zweckrationalität.

13 Vgl. Winckelmann, Johannes (1986): Max Webers hinterlassenes Hauptwerk. Die Wirtschaft und die gesell- schaftlichen Ordnungen und Mächten. Mohr-Siebeck. Tübingen. Bendix, Reinhard (1964): Max Weber - das Werk: Darstellung, Analyse, Ergebnisse. Piper Verlag. München. Siehe auch: Schluchter (1998), Tenbruck (1975).

14 Die von Luhmann 1992/93 gehaltenen Vorlesungen mit den Titeln „Einführung in die Systemtheorie“ und „Einführung in die Theorie der Gesellschaft“ an der Universität Bielefeld (Luhmann/Baecker 2004, 2005) deuten darauf hin, dass Luhmann selbst für eine klare Trennung zwischen System- und Gesellschaftstheorie plädiert.

15 Michael Schmid bei einem persönlichen Gespräch mit Constans Seyfarth.

16 vgl. Willke, H. (1978): Systemtheorie und Handlungstheorie - Bemerkungen zum Verhältnis von Aggregation und Emergenz. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 7, Heft 4, S. 380-389.

17 Die über die Theorieentwicklung eingeführten Begriffe wurden im Laufe der Zeit von Luhmann deutlich er- weitert. Mit der Einführung der Autopoiesis-Idee in sein Theoriegebäude und dem damit verbundenen Paradig- menwechsel ab 1980 (von geschlossenen zu offenen Systemen) werden die bereits früher gefassten Begriffe allerdings nicht obsolet, sondern im Sinne des Konzepts Selbstreferenz / Selbstorganisation modifiziert und wei- terentwickelt.

18 „Die These, daß die Umwelt für jedes System komplexer ist als das System selbst, setzt keine Konstanz des Komplexitätsgefälles voraus. Generell gilt zum Beispiel, daß Evolution nur bei dafür hinreichender Komplexität der Systemwelten möglich und in diesem Sinne Co-evolution von Systemen und Umwelten ist.“ (Luhmann 1984, S. 48)

19 Vgl. Miebach 2006, S. 257

Ende der Leseprobe aus 92 Seiten

Details

Titel
Entscheidungen als Bestimmungsmomente sozialen Handelns
Untertitel
Zu den Grundlagen von Uwe Schimanks Theorie einer „Entscheidungsgesellschaft“
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
92
Katalognummer
V163666
ISBN (eBook)
9783640786077
ISBN (Buch)
9783640786275
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entscheidungen, Bestimmungsmomente, Handelns, Grundlagen, Schimanks, Theorie
Arbeit zitieren
Jochen Hiller (Autor), 2008, Entscheidungen als Bestimmungsmomente sozialen Handelns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163666

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