Die Erziehungstheorie von J.-J. Rousseau

Ein Vergleich zwischen Émile und der Nouvelle Héloïse


Examensarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Einflüsse auf Rousseaus Pädagogik

2. Die Erziehungstheorie im Émile

3. Die Umsetzung der im Émile formulierten Erziehungstheorie in der Nouvelle Héloïse

Schlusswort

Bibliographie

Vorwort

Rousseau schreibt die Nouvelle Héloïse und den Émile in derselben Zeit. Eine genaue Datierung der Genese erweist sich jedoch als schwierig, da Rousseau schon in jungen Jahren – während seiner Anstellung als Hauslehrer bei M. de Mably im Jahre 1740 und fünf Jahre später als Sekretär der Dupin, einer reichen Bankiers Familie der hohen Bourgeoisie – den Entschluss fasst Politik- und Erziehungsschriften zu verfassen und über deren Konzepte nachdenkt. So arbeitet Rousseau schon ab dem Jahre 1751, zurückgezogen in Ermitage und später in Montmorency, gleichzeitig am Entwurf der Nouvelle Héloïse, dem Lettre à d’Alembert und an Des Institutions politiques (welche später den Contrat social ergeben werden). Als Rousseau 1757 mit dem Verfassen des Émile beginnt, ist er also mit verschiedenen Projekten beschäftigt, unter anderem mit der Endfassung und Anordnung der Briefe für die Nouvelle Héloïse. Dieses gleichzeitige Arbeiten an verschiedenen Werken, erklärt, wie es möglich war, dass zwei monumentale Romane wie die Nouvelle Héloïse und Émile mit nur einem Jahr Unterschied (1761, 1762) erscheinen konnten.

Diese beinahe zeitgleiche Genese der Nouvelle Héloïse und des Émile wirft die Frage auf, ob es, nebst der Arbeitsweise Rousseaus, auch formale und inhaltliche Parallelen gibt. Auf den ersten Blick könnten beide Romane unterschiedlicher nicht sein. Während Émile formal dem klassischen Erziehungsroman entspricht (die wichtigsten Erziehungsschritte sind in aufeinanderfolgende Bücher unterteilt), ist die Nouvelle Héloïse in der Form eines Briefromanes verfasst.[1] Auch die Geschichten beider Romane unterscheiden sich stark voneinander. Im Émile verfolgen wir das geführte Heranwachsen eines Kindes, fernab von der Gesellschaft, zum erwachsenen Mann. Wie der Titel Émile ou de l‘éducation es unverkennbar ankündet, ist in diesem Werk Rousseaus die Erziehung Programm. Mit der Nouvelle Héloïse erzählt Rousseau die Geschichte von Julie und St-Preux, zweier Jugendlicher, die sich Hals über Kopf ineinander verliebt haben.[2] Im Zentrum der Nouvelle Héloïse steht also nicht die Erziehung, sondern die Weisheit der Liebenden, welche die Heirat der verwandten Seele jener einer guten Partie vorziehen aber an den Konventionen der Gesellschaft hoffnungslos scheitern. So wurden Rousseaus Romane, La Nouvelle Héloïse und Émile, bei ihrer Veröffentlichung im Jahre 1761 und 1762 von der Kritik gänzlich verschieden aufgenommen. Die Nouvelle Héloïse wurde gefeiert und zu einem der meist gelesenen Liebesromane des 18. Jahrhunderts, während Émile als ein sich gegen die katholische Kirche und den französischen Staat auflehnenden Erziehungsroman rezipiert wurde und nur wenige Leser erreichte.[3]

Trotz einer differierenden Form, einer in ihren Grundzügen nicht vergleichbaren Geschichte und einer sehr unterschiedlichen Rezeption, lassen sich die Nouvelle Héloïse und Émile aus pädagogischer Sicht vergleichen und in vielen Punkten gleichstellen. In dieser Arbeit möchte ich die Theorie der Erziehung im Émile darstellen und sie dann mit jener der Nouvelle Héloïse vergleichen. Ich beschäftige mich dabei hauptsächlich mit der Frage, inwieweit Rousseau das theoretische Erziehungsmodell des Émile in die Handlung der Nouvelle Héloïse implementiert? Oder allgemeiner formuliert: Lässt sich die konstruierte Erziehungstheorie eines utopischen Romans glaubwürdig in die Geschichte eines realistischen Romans umsetzen?

In einem ersten Schritt möchte ich mögliche Einflüsse auf Rousseaus Pädagogik aufdecken. Wie weit distanziert sich Rousseau von pädagogischen Vorgängern oder wird von ihnen inspiriert? Wie weit ist sein Erziehungskonzept von eigenen Erfahrungen geprägt? In einem zweiten Schritt möchte ich einen Überblick über die im Émile formulierte Erziehungstheorie geben. Was versteht Rousseau unter negativer Erziehung? Warum soll die Erziehung privat und nicht öffentlich sein? In einem dritten Schritt gilt es die gewonnenen Erkenntnisse aus Émiles Erziehungstheorie in der Nouvelle Héloïse zu überprüfen. Wo wird im Liebesroman die Erziehungsfrage thematisiert? Steht das von den Romanfiguren realistisch gelebte und erlebte Erziehungskonzept im Einklang mit der im utopischen Émile formulierten Erziehungstheorie? Zuletzt möchte ich einen kurzen Einblick in die von Rousseau vorgesehene Gesellschaft bieten (Émile stellt schliesslich lediglich eine Zwischenphase zur Erlangung jener Gesellschaft dar). Die Geschichte der Nouvelle Héloïse spielt sich nicht oder nur teilweise in dieser von Rousseau angestrebten Gesellschaft ab. Lässt sich etwa hier der Grund für das Scheitern des Liebespaares finden?

1. Einflüsse auf Rousseaus Pädagogik

Wir finden in Rousseaus Werk nur sehr wenige Referenzen an pädagogische Vorgänger oder Zeitgenossen. Was nicht heissen soll, dass Rousseau diese nicht gekannt oder gelesen hat, aber er sah sich selten verpflichtet seine Quellen anzugeben. Die wenigen Autoren (Château 1962, S. 69ff.), die im Zusammenhang mit seinem Erziehungskonzept erwähnt werden, sind: Fénelon, Montaigne, Montesquieu und Locke – wobei Montaignes Einfluss eher philosophisch als pädagogisch erscheint. Des Weiteren müssen Diderot und Condillac – Philosophen der Enzyklopädie, die Rousseau persönlich kannte – sein pädagogisches Denken angeregt haben.[4] Wie Locke wollen aber diese Philosophen die Vernunft ins Zentrum der Erziehung stellen, sie wollen mit dem Kind denken – eine Vorgehensweise, die Rousseau scharf kritisiert (die Vernunft soll bei Rousseau erst im späteren Alter eine wichtige Rolle spielen – nicht in der Kindheit, sondern erst in der Jugend). Zuletzt erscheinen Autoren der Antike wie Platon und Plutarch. Diese bieten für Rousseau Modelle einer perfekten Erziehung, die aber in der modernen Gesellschaft nicht mehr umsetzbar sind.

Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass Rousseaus eigene Erfahrungen in der Kindheit den grössten Einfluss auf sein Erziehungskonzept hatten (ebd., S. 73ff.). Im Rousseau der Confessions finden wir frappante Parallelen zum Émile: Einsamkeit in der Jugend, eine besondere Auffassungsgabe, eine Kindheit unter Erwachsenen, eine liberale Ausbildung, die das Lernen nie als Bürde erscheinen liess, aber ein Verbot sich frei zu bewegen, mit den anderen Kindern auf der Strasse zu rennen, usw. Es wäre natürlich falsch diesen Vergleich zu weit zu treiben, aber es ist offensichtlich, dass einige der charakteristischen Züge von Émiles Erziehung auch diejenigen von Jean-Jacques Erziehung waren.

Die eigene Beziehung Rousseaus zu Kindern dürfte genau so entscheidend gewesen sein für die Entstehung seines pädagogischen Werkes (ebd., S.75ff.). Zuerst muss festgehalten werden, dass Rousseau seine eigenen Kinder – vier an der Zahl – den „Enfants trouvés“, einer Art Abgabestelle für Waisenkinder, abgegeben hat. Er glaubte, nicht in der Lage zu sein für ihre Erziehung sorgen zu können – aus finanziellen Gründen aber auch aus Überzeugung. Rousseau schreibt in einem Brief an Mme de Francueil: « je gagne au jour la journée mon pain avec assez de peine; comment nourrirais-je encore une famille? Non, madame, il vaut mieux qu’ils soient orphelins que d’avoir pour père un fripon. »[5] Was aber nicht heissen soll, dass Rousseau die Kinder im Allgemeinen nicht geliebt hat, er hat sie einfach mit Vorliebe aus einiger Entfernung beobachtet und aus ihrem Verhalten das passende Erziehungsmodell abgeleitet (ebd., S.79ff.). Rousseaus eigene pädagogische Erfahrung beschränkt sich auf eine kurze Anstellung als Musiklehrer (zwei Monate) und eine Stelle als Hauslehrer bei M. de Mably – welche bereits nach einem Jahr gekündigt wurde. Es wird deutlich, dass Rousseaus Pädagogik nicht auf eigenen Erfahrungen im Umgang mit Kindern beruht, sondern vielmehr auf einer Mischung aus Erziehungsschriften, Gesprächen mit zeitgenössischen Erziehern und Philosophen, persönlichen Erfahrungen während der Kindheit und nicht zuletzt dem Beobachten der Kinder im Umgang miteinander und ihren Eltern.

Was unterscheidet nun das Erziehungskonzept Rousseaus von der Pädagogik seiner Vorgänger aber auch von vielen seiner Zeitgenossen? Als massgebend kann man hier die unterschiedliche pädagogische Sicht auf das Kind erachten (Grandière 1998, S. 129ff.). In der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert ist der pädagogische Diskurs zweigeteilt. Die eine Sicht könnte man als kirchlich-konservativ, die andere als wissenschaftlich-progressiv bezeichnen. Die Konservativen sehen im Kind ein Kind Gottes, vorbelastet mit der Erbsünde aber auch von Geburt aus mit einer guten Saat bestückt. Diese Voraussetzung erfüllen alle Kinder Gottes. Aufgabe der Erziehung ist, diese gute Saat zu kultivieren und so die bösen Neigungen zu ersticken. Mit Hilfe der den Menschen natürlichen Vernunft gilt es Regeln und Prinzipien zu vermitteln damit die gute Saat Wurzeln schlagen kann. Bei dieser Sicht des pädagogischen Auftrages ist das Kind von Anbeginn bereit, Instruktionen aller Art zu erhalten. Auf der anderen Seite entsteht mit der Aufklärung eine wissenschaftliche Sicht auf das Kind. Hier ist das Kind ein Kind der Natur, grundsätzlich unschuldig und gut, unbelastet und ohne angeborene Konzeption – nicht einmal jene Gottes – aber bereit, durch die Sinnesorgane alle Eindrücke zu erhalten, die man ihm gibt (ebd., S. 132). Auch wenn Rousseau nicht ganz dieser wissenschaftlich-progressiven Sicht zugeordnet werden kann, verdankt er ihr und ihren wichtigsten Vertretern (Condillac, Diderot, Helvetius und Bonnet) doch die Grundlage seiner durch die Natur bestimmten Erziehung. Es gibt in dieser Erziehung keine christlichen Regeln mehr, es gilt lediglich den Weg der Natur zu verfolgen. Auch wenn Gott auf diesem Weg der Natur wiedergefunden werden soll, ist der Unterschied zu einer christlichen Erziehung deutlich spürbar: das Kind ist bei der Geburt frei von christlichen Vorbelastungen. Ziel ist nicht, Gott auszuschliessen, aber er ist nicht mehr das alles bestimmende Prinzip.

Nach dem Überblick über die Einflüsse auf Rousseaus Pädagogik möchte ich mich nun seinem massgebenden Erziehungswerk Émile widmen.

[...]


[1] Der Briefroman ist sehr populär im 18. Jahrhundert. Rousseau steht hier in der Tradition eines Montesquieu, der mit den Lettres Persanes (1721) einen Briefroman geschrieben hat dessen philosophische Ideen das Jahrhundert prägte.

[2] Inspiration war für Rousseau die mittelalterliche Geschichte der ersten und eigentlichen Héloïse, einer Studentin, die sich in den Theologen Abélard verliebte, was beiden zum Verhängnis wurde.

[3] Unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wird Emile vom französischen Parlament zur Verbrennung freigegeben und der Autor sollte in Gewahrsam genommen werden. Rousseau flüchtet nach Genf. Nach kurzer Zeit wird aber auch hier das Buch verboten und Rousseau aus dem Territorium verbannt. Er findet schliesslich Obhut in Neuenburg, einem der ehemaligen Länder des preussischen Königs.

[4] Diderot und Condillac teilen mit Rousseau z. B. die Auffassung gewisse Fächer, wie das Latein, zu reduzieren und andere, wie die Geschichte und die Psychologie, zu intensivieren (Château 1962, S. 72).

[5] Château 1962, S. 76.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Erziehungstheorie von J.-J. Rousseau
Untertitel
Ein Vergleich zwischen Émile und der Nouvelle Héloïse
Hochschule
Universität Zürich
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V163768
ISBN (eBook)
9783640786107
ISBN (Buch)
9783640786312
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehungstheorie, Rousseau, Vergleich, Nouvelle, Héloïse, Thema Rousseau
Arbeit zitieren
lic. phil. I David Stamm (Autor), 2010, Die Erziehungstheorie von J.-J. Rousseau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163768

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