Interpretation der Kurzgeschichte "Zentralbahnhof" von Günter Kunert


Seminararbeit, 2010
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Günter Kunert
1.1 Leben und Werk

2. Die Kurzgeschichte im Dritten Reich
2.1 Vergleich: ursprüngliche und ideologisierte Kurzgeschichte

3. Übersicht: Die Kurzgeschichte „Der Zentralbahnhof“
3.1 Inhalt
3.2 Aufbau und Struktur

4. Interpretation: „Der Zentralbahnhof“

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Günter Kunert: Biographie

1.1 Leben und Werk

Günter Kunert wurde am 06.03.1929 in Berlin als Sohn einer jüdischen Mutter geboren. Als Halbjude war es ihm unter dem NS-Regime verboten, eine höhere Schule zu besuchen. Mit Beginn des 2. Weltkrieges wurde er für wehrunwürdig erklärt und musste so nicht als Soldat dienen. Ab 1943 begann er erste Gedichte zu schreiben. Zu dieser Zeit verdiente er sein Geld noch als Angestellter in einer Tuchwarenhandlung. Bereits zu dieser Zeit setzte Kunert sich in seinen Schriften kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges studierte er zunächst Graphik in Berlin, brach jedoch bereits nach einem Jahr das Studium ab und widmete sich ab diesem Zeitpunkt ganz seiner Schriftstellertätigkeit. Erste Veröffentlichungen folgten. 1947 erschien in der Berliner Tageszeitung „Berlin am Mittag“ sein Gedicht „Ein Zug rollt vorüber“. Neben Gedichten schrieb er auch Glossen Parodien, Kurzprosa und andere Texte. Zu dieser zeit lebte Kunert in Ostberlin.

1950 erschein sein Lyrikband „Wegschilder und Mauerinschriften“, durch dessen Veröffentlichung Berthold Brecht und Johannes Becher auf ihn aufmerksam wurden. Sie unterstützen ihn in seiner Arbeit. In der Folgezeit brachte Kunert eine Reihe Lyrikbände auf den Markt. Ehrungen und internationale Bekanntheit waren das Resultat erfolgreicher Schriften in den frühen 60ern.

Kunert war zwar Mitglied der SED, äußerte sich aber zunehmend kritisch über das sozialistische Regime der DDR. Nach seiner Aufnahme in die „Akademie der Künste“ 1976 wurde er nur ein Jahr später wieder ausgeschlossen, weil er seine Verärgerung über die Ausgliederung des Liedermachers Wolf Biermann öffentlich machte.

1979 siedelte er schließlich nach Westdeutschland über, nachdem die DDR ihm eine Ausreise nahelegte. Damit entledigte sich die Regierung auf unkomplizierte Weise eines unbequemen sozialkritischen Autors und Kunert konnte ab diesem Zeitpunkt ohne Furcht vor staatlichen Sanktionen schreiben. In den 80ern folgten neben weiteren Prosastücken und Essays auch Theaterstücke.

Kunert erhielt viele Preise und Auszeichnungen, darunter den „Johannes Becher Preis“, der „Heinrich Heine Preis“ und insgesamt drei Ehrendoktorwürden in den USA und Italien.

Kunert lebt heute in Schleswig-Holstein und zählt immer noch zu den vielschichtigsten und produktivsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegszeit. Dabei hat er sich in nahezu allen Genres versucht und neben unterhaltender Literatur immer wieder sozialkritische Schriften verfasst. Resignation und Beklemmung waren oft Motiv seiner Gedichte und Geschichten. Auch das Werk, mit dem sich diese Hausarbeit beschäftigt, wird in einer beklemmenden Atmosphäre dargestellt und enthält Elemente der Resignation.

2. Die Kurzgeschichte im Dritten Reich

2.1 Vergleich: ursprüngliche und ideologisierte Kurzgeschichte

Nach der Machtübernahme 1933 durch die Nationalsozialisten war der Vertrieb von amerikanischer Literatur – in diesem Fall der amerikanischen Short story – zunächst noch erlaubt. Zwar waren einige Autoren gewissen Verbotsgrenzen unterworfen, es gab jedoch kein allgemeines Verbot ausländischer Literatur.

Die Kurzgeschichten boten ein breites Spektrum an Möglichkeiten, Alltagsgeschehen kritisch oder unterhaltsam darzustellen, weshalb sie nach wie vor einen großen Reiz auf viele Autoren ausübte.

Mit dem Näherrücken des Krieges und der Straffung der Kontrolle und Zensur, „als Feinliteratur nicht mehr angezeigt werden durfte, Übersetzungen verhindert wurden bzw. im Ausland erschienen und die Abteilung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda das Verzeichnis englischer und amerikanischer Schriftsteller (1942) herausgab, das den Volks-, Werk- und Leihbüchereien als Hilfsmittel für die Herausnahme von Autoren der Feinländer dienen sollte“[1], verlor die Kurzgeschichte ihren ursprünglichen Charakter und wurde an die propagandistischen Bedürfnisse angeglichen. Zu diesen Änderungen gehörte eine geographische Beschränkung auf die deutschen Lande, eine Herabsetzung des literarischen Niveaus, um die Geschichten allen Gesellschaftsschichten zugänglich zu machen, und eine gesellschaftliche Reduktion auf deutsche Personen innerhalb der Geschichten. Alle Kurzgeschichten erfuhren eine literarische Gleichschaltung, wodurch sie eher einem oberflächlichen propagandistischen Unterhaltungsbuch ähnelten als einer künstlerisch wertvollen Lektüre. Inhaltlich konzentrierten sich die Geschichten auf wenige zentrale Aspekte wie z.B. die „Hitlerjugend, Arbeitsdienst- und SA-Kurzgeschichte[n] [und] Kriegs- und Soldatenkurzgeschichte[n].“[2] Grundlage für jede Geschichte bildete immer die nationalsozialistische Ideologie. Dadurch wirken die Geschichten steril und konstruiert und verlieren Raum für Entwicklung und Abwechslung. Bei der zeitlichen Darstellung fällt auf, dass immer nur sehr begrenzte Ausschnitte beschrieben werden, z.B. nur das Feuern eines einzelnen Flugzeuges auf ein bestimmtes Ziel anstatt der gesamten Schlacht. Hingegen wurden viele Dialoge zwischen den handelnden Personen geführt, die immer wieder ihre ideologische Gesinnung deutlich machten bzw. ein Bild von Regimetreue und Pflichtbewusstsein vermitteln wollten. Hans Pflug - überzeugter Nationalsozialist - schreibt 1940: „Der Heimatgedanke, die Kameradschaft und damit der Gemeinschaftsgedanke, die soziale Idee, die Gerechtigkeit, das sittliche Gewissen usw. sind die Hintergründe der deutschen Kurzgeschichte. Ihr dichterischer Wert liegt nicht nur im dichterischen Wort und in der dichterischen Gestaltung eines Vorwurfes, sondern auch in ihrer tragenden Idee.“[3]

3. Übersicht: Die Kurzgeschichte „Der Zentralbahnhof“

3.1 Inhalt

Die Kurzgeschichte beginnt an einem vermeintlich normalen Tag. „Jemand“, auf dessen Identität nicht weiter eingegangen wird, bekommt ein amtliches Schreiben, dass er sich am 5. November diesen Jahres am Zentralbahnhof in der Kabine Nr. 18 der Herrentoilette einfinden soll, um sich hinrichten zu lassen. In dem handschriftlichen, aber amtlich emotionslosen Schreiben wird geschildert, wie sich derjenige zu verhalten hat: Der „Jemand“ soll pünktlich um 08.00 Uhr da sein und möglichst wenig Kleidung tragen, um den Prozess der anschließenden Entsorgung zu erleichtern. Beim Fernbleiben am Tag der Hinrichtung droht das Amt mit Sanktionen.

Der Verurteilte sucht Hilfe bei seinen Freunden, stößt aber auf taube Ohren. Sie versuchen ihn zunächst zu beschwichtigen und über die Fakten hinwegzusehen und sind zuletzt froh, dass „jemand“ unverrichteter Dinge wieder gehen muss.

Er sucht Rat bei seinem Anwalt. Dieser reagiert ähnlich wie die Freunde des Verurteilten und versucht den Sachverhalt mir beschwichtigenden Aussagen zu verharmlosen. Der Anwalt rät ihm, sich an entsprechendem Ort einzufinden und sich nicht so viel Sorgen zu machen, es können sich ja nur um einen Fehler handeln.

Er macht sich zunehmend Sorgen um sein Leben und würde sogar mit einer Fliege tauschen, die er in seinem Zimmer fliegen sieht. Verzweifelt und nicht in der Lage zu schlafen, wendet er sich mitten in der Nacht an seinen Nachbarn und klingelt an dessen Tür. Auf das Klingeln an der Tür reagiert sein Nachbar trotz Anwesenheit nicht.

[...]


[1] Marx, Leonie, Die deutsche Kurzgeschichte, Metzler Verlag (Hg.), Stuttgart, 2005, 3. Auflage, S. 105

[2] Marx, Leonie, Die deutsche Kurzgeschichte, Metzler Verlag (Hg.), Stuttgart, 2005, 3. Auflage, S. 107

[3] Marx, Leonie, Die deutsche Kurzgeschichte, Metzler Verlag (Hg.), Stuttgart, 2005, 3. Auflage, S. 109

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Interpretation der Kurzgeschichte "Zentralbahnhof" von Günter Kunert
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Proseminar Deutsch
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V163860
ISBN (eBook)
9783640791729
ISBN (Buch)
9783640791620
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunert, Günter, Interpretation, Zentralbahnhof
Arbeit zitieren
Joachim Schwarz (Autor), 2010, Interpretation der Kurzgeschichte "Zentralbahnhof" von Günter Kunert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163860

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