Rousseaus Gesellschaftsvertrag - eine reliable Berufungsinstanz für Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
33 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie

3. Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag

4. Gemeinsamkeiten beider Theorien
4.1 Die Ablehnung einer naturrechtlichen Fundierung der Politik
4.2 Die Ablehnung von Repräsentation
4.3 Das Konzept des Gemeinwillens
4.4 Die Transformation des Individuums zum sittlichen Bürger
4.5 Die Figur des Gesetzgebers

5. Unterschiede beider Theorien
5.1 Differenzen in Methodik und Intention
5.2 Die Frage der angemessenen Staatsgröße
5.3 Die Zivilreligion
5.4 Die Reichweite politischer Partizipation
5.4.1 Die Bedeutung des Diskurses für die Entscheidungsfindung
5.4.2 Institutionelle Aspekte politischer Partizipation
5.4.3 Der Ausschluss von Frauen an politischer Partizipation

6. Fazit

Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Es ist in empirischer Hinsicht kaum zu leugnen, dass die Wahlbeteiligung in jüngster Zeit signifikant gesunken ist - besonders manifestierte sich dies an den letzten Landtagswahlen. Man kommt in diesem Zusammenhang nicht an der viel zitierten Politikverdrossenheit vorbei, welche in der Analyse sogleich konstatiert wird. Doch aus welchen Faktoren resultiert eine derartige Abwendung des Interesses der Bürger von elementaren Aspekten der Politik? Theoretiker einer auf mehr Partizipation zielenden direktdemokratischen Theorie kritisieren die zu Apathie führenden fehlenden Einflussmöglichkeiten der Bürger im liberal- repräsentativen System und gehen davon aus, dass reale Einflussmöglichkeit und Teilnahme an der Politik zwei korrelierte Faktoren sind.

Einen derartigen Ansatz verfolgt auch der amerikanische Demokratietheoretiker Benjamin Barber, dessen Werk „Starke Demokratie“ von 1984 über die Landesgrenzen hinaus bekannt und zehn Jahre später auch ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Ansatz liegt in einer profunden Kritik am Liberalismus, dessen Konsequenz unter anderem in politischer Apathie bestehe.1 Um dazu ein Gegenmodell zu entwerfen, präsentiert er das Konzept einer starken, d.h. auf Bürgerbeteiligung ausgelegten Demokratie.

Wie prinzipiell jedes staatstheoretische Werk bedarf auch dieses einer aussagekräftigen Begründung und Fundierung, um Legitimation gegenüber konträren Positionen erhalten zu können. Ein Teil der Legitimation kann sicherlich aus der in der Gegenwart diagnostizierten Krise heraus erbracht werden, aber eine eventuelle Stütze in ideengeschichtlichen Klassikern würde diese beträchtlich erhöhen. Ein Klassiker der Direktdemokratie, der auf den ersten Blick für die ideengeschichtliche Untermauerung von Barbers Werk in Frage kommt, ist der berühmte französische Staatsphilosoph Jean-Jacques Rousseau mit seinem politiktheoretischen Hauptwerk „Vom Gesellschaftsvertrag“.

Die Leitfrage der Arbeit wird vor diesem Hintergrund auf die Eruierung fokussiert sein, inwiefern Rousseaus Gesellschaftsvertrag eine reliable Berufungsinstanz für Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie sein kann. In konkretisierter Form lässt sich fragen, ob man der These von Reese-Schäfer „Barbers Konzept einer televisionären Graswurzeldemokratie ist das Konzept eines radikal modernisierten und auch für eine Massendemokratie geeigneten Rousseau“2 zustimmen kann.

Um diese Frage beantworten zu können, werden zunächst beide Theorien zusammenfassend dargestellt, um einen Überblick über deren essenzielle Charakteristika zu erhalten. Dies ist auch im Hinblick darauf wichtig, dass im Folgenden die Darstellung Rousseaus nicht in konsequent aufeinander folgender Weise gegeben ist, denn die Fragestellung erfordert, dass zuerst das jeweilige Konzept Barbers und dann erst die diesbezügliche Argumentation Rousseaus analysiert wird. Die Intention ist es schließlich nicht, Rousseaus Theorie komplett darzustellen und sie dann auf eine Rezeption durch Barber zu untersuchen, stattdessen werden - jeweils im getrennten Bereich Gemeinsamkeiten und Unterschiede - die Bezugspunkte Barbers auf Rousseau in der Reihenfolge unter die Lupe genommen, wie der amerikanische Denker sie selbst vornimmt. Im sich anschließenden Kapitel zu den Gemeinsamkeiten beider Theoretiker werden deren Standpunkte zur Ablehnung einer naturrechtlichen Fundierung der Politik und die strikte Zurückweisung der Repräsentation dargestellt. Es folgen Abschnitte zur Eruierung der Gemeinsamkeiten in der Konzeption eines Gemeinwillens, der Transformation zum sittlichen Bürger sowie der Figur des Gesetzgebers. Im Zuge der Analyse der Gemeinsamkeiten treten jedoch schon erste Differenzen zwischen beiden Konzeptionen hervor. Da sich diese im direkten Zusammenhang mit den Gemeinsamkeiten offenbaren, werden sie dementsprechend schon dort und nicht erst im Kapitel zu den Unterschieden betrachtet. Auch diese müssen unter die Lupe genommen werden, denn es ist möglich, dass sich zwar viele Gemeinsamkeiten ergeben und man aus diesem Grund geneigt ist, die Frage nach der reliablen Berufungsinstanz zu bejahen. Eine Antwort kann indessen nicht gegeben werden, bevor nicht auch die Unterschiede analysiert wurden, denn erst ein Aufschluss darüber erlaubt eine fundierte Evaluation der Chance Barbers, sein Anliegen auf den französischen Klassiker zu stützen. Zu diesem Zweck werden die Differenzen in Methodik und Intention, sowie die konträren Positionen zur angemessenen Staatsgröße, der Zivilreligion und zur Reichweite politischer Partizipation untersucht, wobei letzterer Punkt analytisch in die Bedeutung des Diskurses und institutionellen Aspekten sowie der politischen Rolle der Frau getrennt wird.

Die Relevanz der Fragestellung liegt zum einen darin, einen Aufschluss über die Exaktheit der Argumentation Barbers zu erhalten. Da sich der amerikanische Demokratietheoretiker in einigen Passagen auf Rousseau beruft, ist es zunächst wichtig zu wissen, ob diese Berufung sachlich korrekt ist. Zum anderen - und diese Relevanz ist noch größer - kann die Aktualität des französischen Klassikers analysiert werden. Sollte sich im Zuge der Untersuchung der Frage nach reliabler Berufungsmöglichkeit Barbers auf Rousseau herausstellen, dass beide Theorien in großem Ausmaß kongruent sind, besteht eine sehr verlässliche Möglichkeit zur Stützung auf Rousseau. Als Konsequenz dessen würde sich eine weitreichende Aktualität des Franzosen und damit korreliert die generelle Möglichkeit einer stärkeren Untermauerung direktdemokratischer Denker ergeben.

Eine besondere methodische Diffizilität resultiert aus dem Umgang mit Werturteilen, die in Anlehnung an Max Weber vom Autor strikt abgelehnt werden, „Denn praktisch-politische Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde und Parteistellungen ist zweierlei.“3 Die Feststellung von Fakten und deren Wertung sind zwei verschiedene Dinge4, die zur Wahrung einer Objektivität, die zwar nicht vollständig erreicht werden kann (jeder hat eine spezifisch-subjektive Weltsicht), aber trotzdem angestrebt werden soll, getrennt werden müssen. In diesem Sinne soll zum Beispiel kein Urteil darüber gefällt werden, ob die starke Demokratie eine bessere Politik bewirken würde als das liberale Modell. Es geht auch in keiner Weise um politische Präferenzwertungen, sondern vielmehr darum, in struktureller Hinsicht einen Aufschluss darüber zu erlangen, ob sich Barber in reliabler Weise auf Rousseau stützen kann oder nicht.

Als unerlässlich für die Evaluation dieser Leitfrage erweist sich das Arbeiten mit den Originaltexten sowohl von Barber als auch Rousseau, welche somit die wichtigsten verwendeten Werke der vorliegenden Arbeit sind. Aus diesem Grund wird in der Analyse auf hermeneutische Weise vorgegangen.

2. Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie

Barbers Werk „Strong Democracy“ beginnt mit einer profunden Liberalismuskritik. Eines der zentralen Argumente dabei ist, dass der Liberalismus innere Schwächen und Widersprüche nach sich zieht, welche als die Konsequenz seiner eigenen Theorie anzusehen sind.5 Des Weiteren charakterisiert er die liberale Theorie als „’thin’ theory of democracy“6, die sich auf individualistische Zwecke fokussiere und daher keinen Ansatz von Partizipation und staatsbürgerlicher Tugend erwarten lasse.7 In seiner weiteren Kritik des Liberalismus bezeichnet Barber dessen Politikmodell als „Zookeeping“8, weil es vielmehr darum gehe, die Bedürfnisse und Interessen des Einzelnen zu befriedigen und ihn von seinen Mitmenschen zu trennen als in Kontakt mit ihnen zu treten.9

Die auf diese Weise polemisch wirkende Kritik legt es nahe, Barber als exemplarischen Vertreter der Strömung des Kommunitarismus zu charakterisieren. Bekräftigt wird diese Kategorisierung mit dem für Kommunitarier typischen Ansatz Barbers, Freiheit nicht mit Freiheitsrechten gleichzusetzen, sondern eher eine auf öffentlichen Pflichten basierende gemeinsame Lebensweise von Aktivbürgern zu entwerfen.10 Das Ideal politischer Partizipation indiziert jedoch auch eine republikanische Traditionslinie in seiner Theorie, sodass man Barbers Konzeption in Abgrenzung von anderen kommunitaristischen Strömungen wie zum Beispiel der integrationistischen von MacIntyre als partizipatorische bezeichnen kann. Dies unterstreicht der amerikanische Theoretiker mit der These, dass das liberale Freiheitsmodell mit Apathie und Entfremdung verbunden sei11, weshalb sein Ziel darin bestehe, ein neues, auf politischer Aktivität beruhendes Modell zu entwerfen.12 Dieses bezeichnet er als „’strong democracy’ to distinguish it from its thin, representative cousin […]“.13

Seine starke Demokratie definiert er formal als „politics in the participatory mode where conflict is resolved in the absence of an independent ground through a participatory process of ongoing, proximate self-legislation and the creation of a political community capable of transforming dependent, private individuals into free citizens and partial and private interests into public goods.”14

Barber sieht jedoch in der fehlenden modernen Praxis ein Problem für die Überzeugungskraft seiner Konzeption: „Strong democracy may derive from an attractive theoretical tradition, but it is without a convincing modern practice.”15 Eine überzeugende Anleitung für die Praxis will er selbst liefern, wofür er ein Zwölf-Punkte-Programm entwirft, welches unter anderem ein landesweites System von Nachbarschaftsversammlungen, auf denen diskutiert werden soll, die Möglichkeit zu nationalen Volksabstimmungen, die Besetzung kommunaler Ämter durch Losentscheid sowie einen allgemeinen Bürgerdienst vorsieht.16 Seine Intention ist es jedoch nicht, das bestehende liberale System zu erschüttern, vielmehr betrachtet er die Partizipationsmöglichkeiten als Ergänzung.17 Seine auf der politischen Aktivität der Bürger basierende Konzeption lässt sich auch als „kommunale Graswurzeldemokratie“18 bezeichnen.

3. Jean-Jacques Rousseaus Gesellschaftsvertrag

Rousseau geht von einem Naturzustand der Menschen aus, der durch Selbstliebe, aber auch ein Gefühl des Mitleids gegenüber den Mitmenschen geprägt ist.19 Im Zuge der Sesshaftwerdung setzte dann jedoch ein Prozess moralischer Dekadenz ein, in dessen Verlauf die Selbstliebe zur Selbstsucht entartete, was schließlich zu einer Konkurrenzgesellschaft mit unterschiedlichen Besitzverhältnissen und einer despotischen politischen Ordnung führte.20 Die natürliche Freiheit des Menschen ist damit verloren gegangen - vor diesem Hintergrund lässt sich der berühmte Ausspruch „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“21 verstehen. Rousseaus Intention liegt darin, diesem Wandel Rechtmäßigkeit zu geben22, wofür er nicht die natürliche Freiheit wiederherstellen, sondern diese durch die Konstituierung einer legitimen politischen Ordnung zu einer bürgerlichen Freiheit verändern will.23

Wie eine derartige Ordnung aussehen soll, stellt der französische Denker in seiner Schrift „Vom Gesellschaftsvertrag“ dar. Das grundlegende, durch den Gesellschaftsvertrag zu lösende Problem ist gemäß Rousseau: „Finde eine Form des Zusammenschlusses, die mit ihrer ganzen gemeinsamen Kraft die Person und das Vermögen jedes einzelnen Mitglieds verteidigt und durch die doch jeder, indem er sich mit allen vereinigt, nur sich selbst gehorcht und genauso frei bleibt wie zuvor.“24 Das hier auftretende Paradox, sich mit anderen zusammenzuschließen und dabei so frei zu bleiben wie zuvor, wird bei ihm durch den Abschluss des Gesellschaftsvertrages gelöst: „Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur des Gemeinwillens; und wir nehmen, als Körper, jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.“25 Aufgrund des Abschlusses dieses Vertrages wird aus dem vom egoistischen Privatinteresse geprägten bourgeois der sittliche citoyen; aus dessen Vereinigung resultiert der stets auf das objektiv Gute, d.h. das Gemeinwohl abzielende Gemeinwille.26 Der Gemeinwille ist somit, um es mit einem soziologischen Terminus zu sagen, „nicht einfach objektive Gegebenheit, sondern Produkt der Vergesellschaftung.“27 Er ist an die Sittlichkeit der Bürger, nicht jedoch an eine quantitative Mehrheit gebunden und äußert sich in Gesetzen, die von der Versammlung aller Bürger erlassen werden.28 Damit vertritt er das Konzept radikaler Volkssouveränität, welches sich darüber hinaus an deren Unveräußerlichkeit und Unteilbarkeit manifestiert.29 Der souveräne Wille kann Rousseau zufolge nicht delegiert werden, was in der Konsequenz den Ausschluss von Repräsentation bedeutet. Der Allgemeinwille kann - wie es der Name bereits impliziert - stets nur auf allgemeine Aspekte, nicht jedoch auf Einzelfälle zielen. Die Legislativgewalt setzt daher eine Regierung ein, welche den Auftrag hat, ihren Beschluss konkret in die Praxis umzusetzen.30

Rousseau wird mit seiner Theorie zum neuzeitlichen Begründer direkter Demokratie, wobei eine Anlehnung an die politische Praxis des antiken Rom und Griechenlands deutlich hervortritt. Da das Volk Gesetze beschließt, denen es zugleich als Untertan unterworfen ist, lässt sich seine Konzeption auch als identitäre Demokratie bezeichnen.31 Darauf basiert auch seine Definition von Freiheit als „Gehorsam gegen das selbst gegebene Gesetz“.32 Kann Rousseau mit dieser Theorie zu einer reliablen Berufungsinstanz für Barbers Konzept der starken Demokratie werden? Um diese Frage zu klären, wird sich die Analyse im Folgenden darauf fokussieren, Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Theorien unter die Lupe zu nehmen.

4. Gemeinsamkeiten beider Theorien

4.1 Die Ablehnung einer naturrechtlichen Fundierung der Politik

Benjamin Barber nennt als essenzielles Merkmal seiner starken Demokratie, dass sie im politischen Prozess unabhängig von externen Normen, vorpolitischen Wahrheiten und natürlichen Rechten sei.33 Er konzediert allerdings sogleich: Politik der starken Demokratie, „it would be foolish to deny, does operate in a world of values and truth-claims […]“.34 Seine Intention liegt also nicht darin, die Existenz des Naturrechts zugunsten positivistischer Politik zu bestreiten, sondern vielmehr darin, keine apriorisch fixierten Annahmen ins Zentrum partizipatorischer Demokratie zu stellen. Stattdessen zielt Barber darauf ab, der Überzeugung jedes Einzelnen gleiche Startchancen zu geben, indem die Legitimität von Werten von deren Status im öffentlichen Diskurs und in der politischen Aktion bestimmt wird.35

Im ersten Kapitel des „Gesellschaftsvertrags“ bezeichnet Rousseau die gesellschaftliche Ordnung als „ein geheiligtes Recht, das allen anderen zur Grundlage dient“36 und ergänzt sogleich: „Trotzdem stammt dieses Recht nicht von der Natur, es beruht also auf Vereinbarungen.“37 Anhand dieser Aussage wird evident, dass er sich - auch wenn seine Art direkter Demokratie an die Antike angelehnt ist - in Bezug auf das Naturrecht von deren Tradition gelöst hat und nicht wie zum Beispiel Cicero den überpositiven Charakter des Naturrechts als Leitfaden für tugendhafte Politik betrachtet. Das bedeutet jedoch nicht, dass Rousseau die Existenz eines höheren Gesetzes zurückweist.38 Vielmehr sieht er die Grundlage des Rechts in den Vereinbarungen, wobei das Naturrecht keine Rolle spielt.

Zwischen den Ansätzen beider Theoretiker besteht die Gemeinsamkeit, dass sie das Naturrecht nicht bestreiten wollen, es aber nicht als verbindliche apriorische Kondition für ihr Politikmodell betrachten. In dieser Hinsicht kann sich Barber in reliabler Weise auf Rousseau berufen.

Dennoch verweisen beide Ansätze bereits auf eine Differenz, die im Kapitel zu den Unterschieden beider Theorien noch wesentlich ausführlicher behandelt werden soll: Während Barber den öffentlichen Diskurs und die politische Aktion als Instanzen für die Legitimität von Werten ansieht, bezieht sich Rousseau in kontraktualistischer Tradition auf Vereinbarungen, auf denen das Recht beruhe. Somit ergibt sich zwar im Ansatz, nicht hingegen in vollem Umfang eine Kongruenz der beiden Konzeptionen.

4.2 Die Ablehnung von Repräsentation

Benjamin Barbers auf die politische Aktivität der Bürger zielendes Modell starker Demokratie konfligiert seiner Ansicht zufolge deutlich mit einem repräsentativen Institutionensystem, denn „The representative principle steals from individuals the ultimate responsibility for their values, beliefs, and actions.“39 Er bezeichnet daher Repräsentation als inkompatibel mit Freiheit, weil sie den politischen Willen delegiere und somit entfremde, was zu Kosten von Selbstregierung und Autonomie gehe.40 Vor diesem Hintergrund lässt sich seine Kritik verstehen, „that under a representative government the voter is free only on the day he casts his ballot.“41

Auch die Kritik des französischen Staatsphilosophen fällt sehr heftig aus. Er betont zunächst: „[…] der Wille kann nicht vertreten werden: er ist derselbe oder ein anderer, ein Mittelding gibt es nicht. Die Abgeordneten des Volkes sind also nicht seine Vertreter, noch können sie es sein […].“42 Des Weiteren bezieht sich Rousseau auf das repräsentative System Englands: „Das englische Volk glaubt frei zu sein, es täuscht sich gewaltig, es ist nur frei während der Wahl der Parlamentsmitglieder; sobald diese gewählt sind, ist es Sklave, ist es nichts.“43 Diese Aussage ist beinahe die gleiche wie Barbers „that under a representative government the voter is free only on the day he casts his ballot.” Zudem wird Rousseau zur direkten Berufungsinstanz für Barber, der ihn mit den Worten „The instant a people allows itself to be represented it loses its freedom”44 passend zitiert.

[...]


1 Vgl. Barber, Benjamin: Strong Democracy. Participatory Politics for a New Age. University of California Press, Berkeley/Los Angeles 2003, S. 24

2 Reese-Schäfer, Walter: Was ist Kommunitarismus?. 2. Auflage, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1995 (= Reihe Campus Einführungen Band 1078), S. 102

3 Weber, Max: Wissenschaft als Beruf. In: ders.: Politik und Gesellschaft. Zweitausendeins Verlag, Frankfurt/Main 2006, S. 1030

4 Vgl. ebd., S. 1031

5 Vgl. Barber, Strong Democracy, S. 4

6 ebd.

7 Vgl. ebd.

8 ebd., S. 20

9 Vgl. ebd., S. 20-21

10 Vgl. Haus, Michael: Kommunitarismus. Einführung und Analyse. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, S. 221 und 224

11 Vgl. Barber, Strong Democracy, S. 24

12 Vgl. ebd., S. 25

13 ebd.

14 ebd., S. 132

15 ebd., S. 261

16 Vgl. ebd., S. 307

17 Vgl. ebd., S. 262

18 Reese-Schäfer, Was ist Kommunitarismus?, S. 88

19 Vgl. Oberndörfer, Dieter / Rosenzweig, Beate (Hrsg.): Klassische Staatsphilosophie. Verlag C.H. Beck, München 2000, S. 306, siehe auch Grafik 1 im Anhang

20 Vgl. ebd., siehe auch Grafik 2 und 3 im Anhang

21 Rousseau, Jean-Jacques: Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts. Übersetzt und hrsg. von Hans Brockard. Reclam Verlag, Ditzingen 2008, S. 5

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. Oberndörfer / Rosenzweig (Hrsg.), Klassische Staatsphilosophie, S. 306

24 Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 17

25 ebd., S. 18

26 Vgl. Oberndörfer / Rosenzweig (Hrsg.), Klassische Staatsphilosophie, S. 307

27 Maier, Hans: Jean-Jacques Rousseau. In: Maier, Hans und Denzer, Horst (Hrsg.): Klassiker des politischen Denkens. Band 2 Von Locke bis Max Weber. 2. Auflage, Verlag C.H. Beck, München 2004, S. 69

28 Vgl. Oberndörfer / Rosenzweig (Hrsg.), Klassische Staatsphilosophie, S. 307

29 Vgl. ebd., S. 305

30 Vgl. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 62, eine entsprechende zusammenfassende Grafik zum gesamten Gesellschaftsvertrag findet sich in Abbildung 4 im Anhang

31 Vgl. Bevc, Tobias: Politische Theorie. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2007, S. 41

32 Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 23

33 Vgl. Barber, Strong Democracy, S. 135

34 ebd., S. 135-136

35 Vgl. ebd., S. 136

36 Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 6

37 ebd.

38 Vgl. Plamenatz, John: „Was nichts anderes heißt, als dass man ihn zwingen wird, frei zu sein“. In: Brandt, Reinhard / Herb, Karlfriedrich (Hrsg.): Jean-Jacques Rousseau. Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des

39 Barber, Strong Democracy, S. 145

40 Vgl. ebd.

41 ebd.

42 Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 103

43 ebd.

44 Barber, Strong Democracy, S. 145, das Zitat findet sich bei Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 105

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Rousseaus Gesellschaftsvertrag - eine reliable Berufungsinstanz für Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie?
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V163875
ISBN (eBook)
9783640791743
ISBN (Buch)
9783640791248
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseau, Barber, Demokratie, starke Demokratie, Direktdemokratie, Gesellschaftsvertrag, Berufungsinstanz
Arbeit zitieren
Steffen Radtke (Autor), 2010, Rousseaus Gesellschaftsvertrag - eine reliable Berufungsinstanz für Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163875

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