In diesem Sammelband werden Texte von Trakl, Kafka, Musil, Celan, Géza Ottlik und István Turczi in bezug auf literaturtheoretische Grundsatzfragen interpretiert und zum Teil Wege einer Neuorientierung gezeigt. Versucht wird dabei die Sichtweise der literarischen Hermeneutik in Richtung ontologische Literaturtheorie zu erweitern.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Mythoepisches Sprechen in Celans „Tenebrae“
Hermeneutische Glossen zu Georg Trakls „De profundis”
Mehrdeutigkeiten in Kafkas „Der Wunsch Indianer zu werden“
Lyrik, Liturgie und Literarizität in István Turczis „Ein Jahr“
Literatur und Hermeneutik
Die Struktur wissenschaftlicher Resolutionen I
Die Struktur wissenschaftlicher Resolutionen II
Die Aspekte der Poeto-Linguistik und der Horizont der Hermeneutik
Literatur und Zeitlichkeit in Ottliks „Schule an der Grenze“
Das Zeitproblem der Literatur bei Lessing und Herder
Wissenschaftlich-klassizistische Zeitlichkeit der Gattungen bei Goethe
Interpersonalität des Gedenkens in Robert Musils „Amsel“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ontologischen und hermeneutischen Grundlagen der Literaturtheorie durch eine kritische Auseinandersetzung mit literarischen Texten und traditionellen Deutungskonventionen. Das primäre Ziel ist es, die gängige "hylomorphische" Literaturwissenschaft, die Dichtung als künstliches, herstellbares Produkt versteht, zu hinterfragen und stattdessen Literatur als einen Seinsmodus des Menschen im Sinne einer ontologischen Hermeneutik zu begründen.
- Ontologische Differenz und ihre Bedeutung für die Literaturwissenschaft
- Kritik an der instrumentellen und poietologischen Literaturtheorie
- Hermeneutische Analyse von Texten durch Celan, Trakl, Kafka, Musil u.a.
- Das Konzept der "Geworfenheit" und der literarischen Existenz
- Die Problematik der Anwendung naturwissenschaftlicher Paradigmatheorien auf die Literaturwissenschaft
Auszug aus dem Buch
Mythoepisches Sprechen in Celans „Tenebrae“
Das Interesse am Werkzeug und am Werkzeugsgebrauch der Wissenschaften rührt von der offensichtlichen Universalität des methodologischen Denkens her. Dieses ist ein Erbe der klassischen griechischen Philosophie, die bis in unsere Tage alle wissenschaftlichen Disziplinen in Denken, Ahnen und Tun bestimmt und ihnen in unterschiedlichem Ausmaß altehrwürdige Denkkategorien an die Hand gibt. Die von der philosophischen Tradition bedingte medial-instrumentale Durchdringung der Wissenschaften erfolgt indessen aus einer inneren metaphysischen Notwendigkeit. Metaphysisch ist jedes Seiende (nur) morphologisch faßbar, da das wandlungsreiche, denn wandelbare hylé sich in die vollendete, entwandelte morphé, in die Form wandelt.
Kunst, d. w. s. das handwerkliche Können (techné) heißt in diesem Zusammenhang eine folgenreiche Tätigkeit menschlicher, folglich natürlicher Wesen, die etwas Entstehendes, denn erst allmählich als es selbst Seiendes durch geschickte Bearbeitung in eine Form entlassen, die von der Natur nicht hätte bewirkt werden können und somit zu Recht als künstlich gilt.
Der qualitative Sprung ins Künstlerische nimmt dem Kunstding dieses Künstliche keineswegs. Die Kunst ist künstlich-künstlerisches Schöpfertum. Die auf der Poetik des Aristoteles beruhende Literaturwissenschaft hat daher – wie dies die russischen Formalisten so deutlich sahen – diese Entstehung zu ihrem Gegenstand. Sie hat historisch, morphologisch, ästhetisch, soziologisch und medialwissenschaftlich zu ergründen, wie das komplexe und dynamische Wechselverhältnis von schöpferischer Intention, wirkungspragmatischer Rezeption und individuellem Verständnis entsteht und im fiktiv-illusionär-ästhetischen Gebilde des Kunstwerks am Werk ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Mythoepisches Sprechen in Celans „Tenebrae“: Das Kapitel kritisiert die gängige Celan-Philologie und deren biographische Deutungskonventionen, um eine fundamental-hermeneutische Lesart des Gedichts zu etablieren.
Hermeneutische Glossen zu Georg Trakls „De profundis”: Die Untersuchung setzt sich mit der Relation von Scriptura und litteratura auseinander und hinterfragt die traditionelle Trennung von Theologie und Philologie in der Trakl-Interpretation.
Mehrdeutigkeiten in Kafkas „Der Wunsch Indianer zu werden“: Hier wird die Ambiguität als existentielles Spiel und nicht als bloßer Kunstfehler oder intentionale Konstruktion verstanden.
Lyrik, Liturgie und Literarizität in István Turczis „Ein Jahr“: Anhand des Gedichtzyklus wird das Problem der Gegenstandsbestimmung der Literaturwissenschaft als ontologische Herausforderung dargestellt.
Literatur und Hermeneutik: Der Text erarbeitet den ontologischen Bezug zwischen Literatur und Hermeneutik jenseits von Subjekt-Objekt-Dichotomien.
Die Struktur wissenschaftlicher Resolutionen I: Das Kapitel prüft kritisch, ob Kuhns Paradigmatheorie aus den Naturwissenschaften legitimerweise auf die Literaturwissenschaft übertragen werden kann.
Die Struktur wissenschaftlicher Resolutionen II: Die Reflexion über Paradigmawechsel wird vertieft, wobei die Unanwendbarkeit des naturwissenschaftlichen Fortschrittsmodells auf die Geisteswissenschaften betont wird.
Die Aspekte der Poeto-Linguistik und der Horizont der Hermeneutik: Dieser Abschnitt analysiert das Textverständnis der Linguistik und kontrastiert es mit einem hermeneutisch-ontologischen Ansatz.
Literatur und Zeitlichkeit in Ottliks „Schule an der Grenze“: Es wird dargelegt, wie die Existenzialontologie hilft, die Zeitproblematik in Ottliks Roman jenseits technizistischer Konstruktionen zu begreifen.
Das Zeitproblem der Literatur bei Lessing und Herder: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Auffassung von Literatur als "Zeitkunst" bei Lessing und Herder nach.
Wissenschaftlich-klassizistische Zeitlichkeit der Gattungen bei Goethe: Hier werden Goethes Überlegungen zur zeitlichen Beschaffenheit epischer und dramatischer Dichtung einer erkenntnistheoretischen Prüfung unterzogen.
Interpersonalität des Gedenkens in Robert Musils „Amsel“: Die Analyse des Textes konzentriert sich auf die Indisponibilität von Zeit und Erinnerung in einem Grenzerlebnis-Kontext.
Schlüsselwörter
Ontologie, Hermeneutik, Literaturtheorie, Aristoteles, Handwerksanalogie, Celan, Trakl, Kafka, Musil, Zeitlichkeit, Poietologie, Phronesis, Paradigmatheorie, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit hinterfragt kritisch die Grundlagen der herkömmlichen Literaturwissenschaft, die Literatur vorwiegend als künstliches, durch Handwerk herstellbares Objekt betrachtet, und schlägt eine ontologische Neuausrichtung vor.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Literatur und Ontologie, die Kritik an poetologischen und linguistischen Literaturtheorien sowie das Problem der Zeitlichkeit in literarischen Texten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Literatur als einen fundamentalen Seinsmodus des Menschen zu begreifen und die "hylomorphische" (stoffliche) Betrachtungsweise der Literaturwissenschaft zu überwinden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutisch-ontologische Methode angewandt, die sich maßgeblich auf Heideggers Seinsdenken und eine kritische Auseinandersetzung mit der aristotelischen Tradition stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert exemplarisch Werke von Celan, Trakl, Kafka, Ottlik, Goethe und Musil, um die theoretischen Thesen an konkreten Textphänomenen zu erproben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Ontologie, Hermeneutik, Handwerksanalogie, Zeitlichkeit und eine kritische Poetologie definiert.
Wie bewertet der Autor die Übertragbarkeit der Kuhnsche Paradigmatheorie auf die Geisteswissenschaften?
Der Autor lehnt die Übertragung der wissenschaftstheoretischen Paradigmatheorie von Thomas S. Kuhn auf die Geisteswissenschaften als irreführend ab, da sie das Wesen der Geisteswissenschaften verkenne.
Welche Rolle spielt der Begriff der "Handwerksanalogie" in der Kritik des Autors?
Die Handwerksanalogie nach Aristoteles ist das zentrale Ziel der Kritik, da sie Literatur auf eine technizistische "Herstellung" reduziert und damit das ontologische Sein der Literatur verdeckt.
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- Dr. Károly (Karl) Vajda (Author), 2010, Sinn, Deutung, Paradigma, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163886