Irrationales Verhalten von Privatanlegern

Ein Literaturüberblick


Diplomarbeit, 2010

59 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Motivation und Struktur der Arbeit

2 Begriff der Rationalität und Irrationalität
2.1 Entscheidungstheoretische Betrachtung
2.2 Betrachtung im Rahmen der Effizienzmarkthypothese
2.3 Grenzen der Arbitrage

3 Behavioral Finance
3.1 Grundlagen und Überblick
3.2 Prospect Theory
3.2.1 Wertfunktion der Prospect Theory
3.2.2 Framing

4 Untersuchungen empirischer Datensätze auf ausgewählte Anomalien
4.1 Disposition Effect
4.2 Feedback Trading
4.3 Home Bias
4.4 Weekend Effect

5 Kritik am Konzept der Behavioral Finance

6 Abschlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Gesetze

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellung einer typischen Wertfunktion der Prospect Theory

Abbildung 2: Darstellung einer Müller - Lyer Täuschung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleichsmatrix zeigt Unterschiede zwischen neoklassischer Finanzierungstheorie und Behavioral Finance

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Motivation und Struktur der Arbeit

Privatanleger investierten im Jahr 2009 wieder verstärkt in Wertpapiere. Dabei wurden Aktienfonds und Mischfonds bevorzugt, aber auch Exchange Traded Funds (ETF) und Direktinvestitionen in Aktien wurden in zunehmendem Maß beobachtet.[1] Ein bedeutender Anteil entfällt dabei auf staatlich geförderte Verträge, das heißt auf vermögenswirksame Leistungen (vL), Riester- und Rürup-Fonds.[2] So erfreut sich die private Altersvorsorge im Rahmen der Riesterrente auf Fondsbasis oder in fondsgebundener Form vermehrter Beliebtheit. Auch die private Vermögensbildung mit Investmentfonds und fondsgebundenen Produkten mit staatlicher Förderung durch vL und die Arbeitnehmersparzulage sind selbst nach der Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 weiterhin sehr beliebt.[3]

Diese Beobachtung erscheint überraschend positiv, denn die Anleger haben sich rückblickend scheinbar rational verhalten und investieren ihr Vermögen weiterhin am Kapitalmarkt.[4] Das zukünftige Vermögen der Privatanleger hängt maßgeblich von deren Fähigkeit ab, gute Investmententscheidungen treffen zu können. Oft jedoch werden gerade Privatanleger als systematisch irrational charakterisiert.[5] Auch die berühmten Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes und Adam Smith waren der Meinung, dass die Psychologie der Anleger die Preise von Vermögenswerten beeinflusst.[6] Irrationales Verhalten bei der Altersvorsorge und Vermögensbildung würde unbeabsichtigte und weitreichende, negative Konsequenzen für die Anlagerendite und zu erreichende Endwerte aufweisen. Dabei wird der zu erreichende Endbetrag maßgeblich durch die Rendite eines Finanzproduktes beeinflusst. Bereits kleine jährliche Renditeunterschiede haben auf längere Zeiträume, wie sie bei Altersvorsorge und auch Vermögensbildung durchaus üblich sind, enorme Auswirkungen.[7]

Die private Altersvorsorge gewinnt gerade unter Beachtung der demografischen Entwicklung weiterhin an Bedeutung und sollte deshalb nicht durch irrationales Fehlverhalten der Privatanleger gefährdet werden. Demzufolge wird für den Privatanleger die Auswahl einer optimalen Anlagestrategie und damit verbundene Vermögenswerte zwingend erforderlich. Systematisches Fehlverhalten sollte unbedingt vermieden werden, um diese Anlageziele nicht zu gefährden.

Neue Erkenntnisse der Behavioral Finance geben Aufschluss über systematisches Fehlverhalten der Privatanleger. Diese Erkenntnisse sollten zur Verbesserung der Anlageergebnisse bei Altersvorsorge und Vermögensbildung beitragen und müssen zwingend Berücksichtigung finden. Das tatsächliche Entscheidungsverhalten des Menschen erfüllt in aller Regel nicht die strengen Rationalitätsannahmen, die der ökonomischen Theorie zugrunde liegen. Behavioral Finance analysiert die Abweichungen des realen Entscheidens von fiktiven Entscheidungen des Homo oeconomicus auf Finanzmärkten.

Die vorliegende Arbeit soll der Einführung in die Grundlagen der Behavioral Finance dienen und anhand ausgewählter Anomalien verschiedene heuristische Methoden zur Untersuchung empirischer Kapitalmarktdaten vorstellen.

Dazu wird zunächst der Begriff der Rationalität im Rahmen der Entscheidungstheorie und in Bezug auf die Theorie effizienter Märkte betrachtet. Durch das Aufzeigen verschiedener Grenzen der Arbitrage werden Verletzungen der Effizienzmarkthypothese dokumentiert. Anschließend erfolgt eine kurze Vorstellung der Behavioral Finance und ihrer Grundlagen. Dabei wird insbesondere auf verschiedene Aspekte der Prospect Theory[8] eingegangen. Bis heute wurden eine Vielzahl von Heuristiken, Bias und Anomalien entdeckt, die mit Hilfe der Behavioral Finance erklärt werden können. Eine abschließende Aufzählung würde jedoch jeglichen Rahmen sprengen. Diese Arbeit beschränkt sich daher auf die Diskussion der unten aufgeführten Anomalien.[9] Im Hauptteil dieser Arbeit werden verschiedene heuristische und theoretische Konzepte, sowie Methoden zur Untersuchung empirischer Kapitalmarktdaten vorgestellt. Hierbei werden zuerst der Disposition Effect und das Feedback Trading analysiert, um im Folgenden auf die Auseinandersetzung mit dem Home Bias und Week-end Effect überzugehen. Eine kurze Einführung in unterschiedliche Kritikpunkte am Konzept der Behavioral Finance rundet die Diskussion ab. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in der Abschlussbetrachtung kurz zusammengefasst.

2 Begriff der Rationalität und Irrationalität

Oft wird das Verhalten von Privatanlegern als irrrational bezeichnet.[10] Um diese Charakterisierung näher erörtern zu können, wird der Begriff der Rationalität nachfolgend im Rahmen der Entscheidungstheorie und der Theorie effizienter Märkte betrachtet.

2.1 Entscheidungstheoretische Betrachtung

Im Rahmen der Entscheidungstheorie werden Entscheidungsprobleme untersucht und Handlungsempfehlungen oder Lösungen für Probleme herausgearbeitet. Die Entscheidungstheorie wird dabei normativ genutzt, um aus bestimmten Handlungsalternativen in Verbindung mit Nebenbedingungen und verschiedenen Zielgrößen eine Empfehlung ableiten zu können.[11] Normativ bedeutet, die Entscheidungstheorie zeigt im Ergebnis, wie sich ein rationaler Entscheider verhalten sollte. Im Gegensatz dazu beschreibt eine deskriptive Theorie wie die Behavioral Finance, welches Verhalten tatsächlich beobachtet werden kann.

In der Entscheidungstheorie wird vielfach ein Prinzip von Daniel Bernoulli angewandt, nach dem der Entscheider seinen erwarteten Nutzen maximiert.[12] Dieses Prinzip wurde 1948 durch von Neumann und Morgenstern mit axiomatischen Grundlagen vollendet.[13] Werden alle Entscheidungskriterien eingehalten, so spricht man von rationalem Verhalten. Ein Anleger der gegen die Maximierung seines Erwartungsnutzens verstößt, handelt im Rahmen dieses Entscheidungsprinzips irrational. Dieses Prinzip setzt außerdem die Kenntnis der jeweiligen Präferenz- oder Nutzenfunktion der verschiedenen Individuen voraus. Die Ermittlung dieser Nutzenfunktion kann sich als äußerst problematisch erweisen, insbesondere wenn das Individuum Anreize erfährt, seine wahre Präferenz zu verschweigen.[14] Eine Zusammenfassung der Axiome und deren Verletzungen in der Empirie finden sich bei Fishburn (1988).[15] Das Allais Paradoxon demonstriert, dass das tatsächlich beobachtbare Verhalten nicht immer dem Prinzip der Maximierung des erwarteten Nutzens entspricht.[16]

Wird ein anderes klassisches Entscheidungsprinzip, wie zum Beispiel (z. B.) das Hurwicz-Kriterium[17] oder das Savage-Niehans-Kriterium[18] verwendet, dann finden dessen Kriterien bei der Analyse Beachtung. Ein Verstoß gegen diese Kriterien würde wiederum als irrational bezeichnet werden. Würden die Kriterien jedoch erfüllt, wäre die Entscheidung rational im Sinne des Entscheidungsprinzips.

Die Bezeichnung einer Entscheidung als irrational hängt also maßgeblich von dem zugrunde gelegten Entscheidungsprinzip ab. Eine Entscheidung kann nach einem Entscheidungsprinzip rational und nach einem anderen irrational sein. Das Hauptproblem dieser Analyse besteht darin, einen Maßstab zu entwickeln, nach dem beurteilt werden kann, ob eine bestimmte Entscheidung vernünftig und somit rational ist.

Wie der Begriff der Rationalität in Bezug auf die heute allgemein anerkannte Effizienzmarkthypothese einzuordnen ist, wird im Folgenden analysiert.

2.2 Betrachtung im Rahmen der Effizienzmarkthypothese

Die Effizienzmarkthypothese wurde 1970 durch Eugene Fama detailliert beschrieben.[19] Ein aktuelles Bild im Lichte neuer Forschung zeichnete er erneut im Jahr 1991.[20] Vermutlich wurde die Idee der effizienten Märkte zuerst 1900 von Louis Bachelier in seiner Arbeit "Théorie de la Spéculation" zusammen mit einer Idee zur Preisermittlung von Optionen geäußert.[21]

Kapitalmarkteffizienz darf nicht mit dem Begriff des vollkommenen Kapitalmarktes verwechselt werden. Erstere bezieht sich auf die Informationsverarbeitung an Kapitalmärkten und wird auch als Informationseffizienz bezeichnet. Kapitalmarkteffizienz ist ein Bestandteil eines vollkommenen Marktes.[22]

Die Effizienzmarkthypothese basiert auf drei wichtigen Annahmen.

1. Investoren verhalten sich rational.
2. Fehler der Investoren sind unkorreliert und heben sich gegenseitig auf.
3. Arbitrage gleicht Preisunterschiede aus.

Nach Famas Aussage ist die Hauptfunktion des Kapitalmarktes die Allokation von Investitionskapital. Alle relevanten und verfügbaren Informationen zu einem Unternehmen werden durch den Preis jedes Wertpapiers korrekt wiedergegeben. Der Markt ist dann informationseffizient. Die Preise am Kapitalmarkt geben dabei die richtigen Signale zur Kapitalallokation, da sie den Wert aufgrund der Informationseffizienz vollständig repräsentieren. Fama definiert drei Formen der Markteffizienz, die maßgeblich vom Grad der verfügbaren Informationen abhängig sind. In der schwachen Form reflektiert der Preis alle relevanten Informationen aus historischen Kursentwicklungen. In der halbstrengen Form schließt der Preis alle öffentlich verfügbaren Informationen, alle vergangenen Kursentwicklungen und Gewinnvoraussagen ein. Bei der strengen Informationseffizienz werden sogar nicht öffentliche Informationen wie z. B. Insiderinformationen durch den Preis repräsentiert.[23]

Die Effizienzmarkthypothese setzt voraus, dass für die Informationsbeschaffung und -auswertung keine Kosten anfallen.[24] Das ist in der realen Welt äußerst selten der Fall,[25] da hier die Informationsbeschaffung und -auswertung Kosten verursachen, selbst wenn keine monetären Preise zu zahlen sind. So ist doch jeder Informationsvorgang mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden.

Transaktionskosten sind durch die Effizienzmarkthypothese ebenfalls ausgeschlossen,[26] denn diese würden die Anpassung der Preise an neue Informationen beeinträchtigen.

Überschussrenditen sind unter der Annahme eines Kapitalmarktes im Gleichgewicht nicht möglich. Jeder Privatanleger, der versucht eine höhere risikoadjustierte Rendite als die marktübliche Rendite zu erzielen, verhält sich also irrational.[27] Ein rationaler Privatanleger würde folglich stets die marktübliche Rendite erzielen wollen und somit Produkte wie beispielsweise kostenarme Indexprodukte ohne aktives Management bevorzugen. In der Realität verhalten sich jedoch viele Privatanleger irrational im Rahmen der Effizienzmarkthypothese, da sie aktiv gemanagte Produkte wie z. B. Aktienfonds mit Anlageschwerpunkten und ausgewähltem Managementstil wählen.[28]

Kritik an der Effizienzmarkthypothese kommt auch von Vertretern der Behavioral Finance. So stellten DeBondt und Thaler Anomalien an den Kapitalmärkten fest. Zum einen scheinen die Märkte zu Überreaktionen zu neigen, welche sich anschließend ins Gegenteil umkehren. Dieses Verhalten wird als Mean Reversion bezeichnet.[29] Zum anderen scheinen verschiedene saisonale Effekte aufzutreten.[30] Mit dem Weekend Effect wird im Kapitel 4.4 ein saisonaler Effekt untersucht. Saisonalitäten und Überreaktionen sind mit der Effizienzmarkthypothese nur bedingt vereinbar. Sie wären allerdings durch Risikoanpassungen des Marktes auch innerhalb der Effizienzmarkthypothese erklärbar.[31]

Ein fiktiver Akteur, der alle oben genannten Kriterien beachtet, wird im Allgemeinen als Homo oeconomicus bezeichnet. Er handelt nie irrational, ist immer darauf bedacht seinen Nutzen zu maximieren und verfügt stets über vollständige Informationen.[32] In der Realität ist der Mensch jedoch nicht immer völlig rational und neigt sowohl zu Emotionen als auch Vorurteilen.

Sollten sich die Preise an einem Kapitalmarkt nicht auf rationalem Niveau befinden, würde sofort Arbitragehandel einsetzen. In einem effizienten Kapitalmarkt besteht im Allgemeinen keine Möglichkeit Nutzen aus Arbitrage zu ziehen, da die Preisunterschiede sofort durch andere Kapitalmarktteilnehmer ausgeglichen werden. Nachfolgend werden verschiedene Grenzen der Arbitrage vorgestellt.

2.3 Grenzen der Arbitrage

Die Grundlagen der Arbitrage basieren darauf, dass rationale Anleger die Fehler anderer Anleger erkennen und ungerechtfertigte Preisdifferenzen ausgleichen, indem sie entgegen der Fehler anderer handeln und z. B. ein zu teures Wertpapier verkaufen oder zu billige Wertpapiere aufkaufen. Durch die Arbitrage werden die Preise wieder auf ein rationales Niveau zurückgeführt und das Marktgleichgewicht wird gesichert.[33] Die hier betrachtete Definition der Arbitrage soll etwas weiter als üblich gefasst werden.[34] Die völlige Risikofreiheit, Gleichzeitigkeit sowie die Durchführung ohne eigenen Kapitaleinsatz soll hier nicht gefordert werden. Vielmehr soll auf den Ausgleich irrationaler Preisdifferenzen bei geringem Risiko geachtet werden.[35] Diese Definition ist praxisorientiert und weniger streng wissenschaftlich, aber dennoch für diese Betrachtung ausreichend.

Der Arbitrage sind verschiedene Grenzen gesetzt. So können Transaktionskosten, fundamentale Risiken oder das Noise Trader Risk[36] die Arbitrage einschränken oder behindern. Außerdem sind verschiedene Regulierungen der Kapitalmärkte ein Hindernis der Arbitrage. So hemmen z. B. die frühere Uptick Rule in den United States of America (USA)[37] oder das neue Verbot ungedeckter Leerverkäufe in Deutschland[38] die Arbitrage.[39]

Auch Transaktionskosten behindern die Arbitrage. Überschreiten die Transaktionskosten den Arbitragegewinn, dann würde ein Arbitrageur einen Verlust in Höhe der Differenz zwischen Gewinn und Transaktionskosten erleiden. Derartige Transaktionen werden somit nicht getätigt, weshalb die Arbitrage erst einsetzen kann, wenn die Transaktionskosten mindestens gedeckt sind. Wahrscheinlich wird eine Arbitrage erst beginnen, wenn ein adäquater Gewinn die eingegangenen Risiken der Arbitrage rechtfertigt.[40]

Fundamentale Risiken entstehen durch neue und unerwartete Informationen, die eine Preisabweichung rechtfertigen und vorher nicht bekannt waren. So können neue Gewinnprognosen den Kurs eines Wertpapieres beeinflussen und einen vorher ungerechtfertigt hohen oder niedrigen Preis bestätigen. Somit würden die Akteure am Kapitalmarkt ihre Einschätzungen entsprechend dem Satz von Bayes anpassen und einen neuen, rationalen Preis finden. Ein Arbitrageur, der vorher gegen den irrationalen Preis spekuliert hätte, würde folglich Verluste erleiden, da der frühere irrationale Preis nun rational gerechtfertigt ist. Selbst wenn der Arbitrageur eine Gegenposition durch ein Substitut eingehen möchte, um so die Position gegen fundamentale Risiken abzusichern, bleibt festzustellen, dass in der Regel nicht immer perfekte Substitute an den Wertpapiermärkten existieren.[41]

Gabaix, Krishnamurthy und Vigneron stellen fest, dass in besonders illiquiden Märkten ein Risikoaufschlag rational vertretbar ist. Denn die allzeitige Handelbarkeit dieser Vermögenswerte kann nicht gewährleistet werden. Besonders bei negativen Schocks wären illiquide Wertpapiere nicht mehr zu rationalen Preisen handelbar, da mögliche Käufer niedrige Preise diktieren könnten. Ihre Untersuchung konzentriert sich auf den Markt der Mortgage Backed Securities (MBS).[42]

Das Konzept des Noise Trader Risk wurde 1990 durch De Long et al. vorgestellt. De Long geht davon aus, dass Noise Trader durch ihr Handeln den Preis eines Wertpapiers fortwährend weiter vom rationalen Gleichgewichtspreis entfernen. Würde ein Arbitrageur folglich darauf spekulieren, dass der Preis zu seinem rationalen Niveau zurückkehrt, würde er zwischenzeitlich hohe Verluste erfahren. Möglicherweise müsste er Margin Calls beantworten und so weitere liquide Mittel in dieser Position binden. Wären diese liquiden Mittel nicht vorhanden, würde die Arbitrageposition mit Verlusten glattgestellt. Der Arbitrageur erfährt so zumindest kurzfristige Verluste. Wenn also Preise vom rationalen Niveau abweichen können, dann können diese Abweichungen auch zunehmen und es ist nicht vorherzusagen, wann sich die Kurse wieder auf ein rational gerechtfertigtes Niveau zurückbewegen. Schließlich kann auf das Verhalten des Noise Traders mit rationalen Argumenten kein Einfluss genommen werden, denn er handelt per Definition nicht auf Grundlage rationaler Überlegungen, sondern wird durch Gerüchte und Vorurteile beeinflusst.[43]

Shleifer und Vishny zeigen in ihrem Aufsatz von 1997, dass Arbitrage scheitern kann und dann nicht wie erwartet die aufgetretene Anomalie ausgleicht. Somit verursachen Arbitragebemühungen in der Folge hohe Verluste, während die Preisanomalie weiterhin bestehen bleibt. Shleifer und Vishny schlagen ein Modell vor, mit dem bestimmt werden kann, in welchen Bereichen der Kapitalmärkte Anomalien wahrscheinlich sind und warum die Arbitrage diese nicht beseitigen kann.[44]

Reale Arbitrage ist also mit Kosten und Risiken verbunden und entspricht somit nur zum Teil den Annahmen der Effizienzmarkthypothese.[45]

Aufbauend auf der modernen Finanzierungstheorie versuchte der Fonds Long Term Capital Management (LTCM) Arbitragegeschäfte in großem Rahmen und mit hohem Verschuldungsgrad durchzuführen. Ziel war es, eine Vielzahl von Arbitragegeschäften abzuwickeln und so von irrationalen Preisabweichungen zu profitieren. Im Zuge der Russlandkrise 1989 fand der Fonds 4 Jahre nach seiner Gründung ein schnelles Ende und wurde durch ein Bankenkonsortium übernommen und aufgelöst. Dies zeigt an einem praktischen Beispiel die Risiken und Grenzen von Arbitragebemühungen.[46]

Wie die Behavioral Finance aufbauend auf den oben genannten Erkenntnissen Anomalien am Kapitalmarkt entdeckt und zu neuen Erklärungen gelangt, wird im nachstehenden Kapitel erörtert.

[...]


[1] Vgl. BVI (2010), S. 9 - 19.

[2] Vgl. BVI (2010), S. 17.

[3] Vgl. BVI (2009), S. 1 - 2.

[4] Vgl. BVI (2010), S. 16, sowie S. 57 - 60.

[5] Vgl. u. a. Kahneman/Tversky (1979), S. 263 - 291, und Barber/Odean (2005), S. 543 - 569, sowie Shefrin (2007), S. 105 - 156.

[6] Vgl. Akerlof/Shiller (2010), S. 1 - 7, und Fabozzi/Jones/Modigliani (2010), S. 263.

[7] Dieser Zusammenhang ist durch den Zinseszinseffekt bekannt. Hierbei haben kleine Änderungen des Zinssatzes bei großen Anlagelaufzeiten enorme Auswirkungen auf den zu erwartenden Endbetrag.

[8] Um Missverständnisse zu vermeiden, werden die aus dem Englischen stammenden Fachbegriffe im Original verwandt und nicht ins Deutsche übertragen, das gilt insbesondere für die Bezeichnung spezifischer Bias, Anomalien oder Heuristiken.

[9] Eine kurze und praxisbezogene Übersicht bietet Montier (2007). Shefrin (2001) gestattet einen empfehlenswerten, umfangreichen und wissenschaftlichen Einblick in drei Bänden.

[10] Vgl. u. a. Kahneman/Tversky (1979), S. 263 - 291, und Barber/Odean (2005), S. 543 - 569, sowie Shefrin (2007), S. 105 - 156.

[11] Vgl. Bitz (1981), S. 5 - 6.

[12] Vgl. Bernoulli (1738), S. 172 - 192.

[13] Vgl. Morgenstern/von Neumann (1944), S. 1 - 625.

[14] Gründe für das Verschweigen der eigenen Nutzenfunktion können sich aus der Moral-Hazard-Problematik ergeben.

[15] Vgl. Fishburn (1988), S. 267 - 283.

[16] Vgl. Conlisk (1989), S. 392 - 408.

[17] Vgl. Hurwicz (1951), S. 1 - 16.

[18] Vgl. Niehans (1948), S. 446 - 450, und Savage (1951), S. 55 - 67.

[19] Vgl. Fama (1970), S. 383 - 417.

[20] Vgl. Fama (1991), S. 1575 - 1617.

[21] Vgl. Bachelier (1900), S. 23 - 86.

[22] Vgl. Bruns/Steiner (2007), S. 39.

[23] Vgl. Fama (1970), S. 383, und Fama (1991), S. 1575.

[24] Vgl. Fama (1970), S. 387 - 388.

[25] Vgl. Fama (1991), S. 1575 - 1576.

[26] Vgl. Fama (1991), S. 1575 - 1576.

[27] Vgl. Fama (1970), S. 384 - 387, und S. 401 - 404, sowie Fama (1991), S. 1577 - 1581.

[28] Vgl. BVI (2010), S. 9 - 19.

[29] Vgl. DeBondt/Thaler (1985), S. 793 - 805.

[30] Vgl. DeBondt/Thaler (1987), S. 557 - 581.

[31] Vgl. Chan (1988), S. 147 - 163, und Ball/Kothari (1989), S. 51 - 74.

[32] Eine genauere Beschreibung des Homo Oeconomicus findet sich bei Persky (1995).

[33] Vgl. Barberis/Thaler (2005), S. 3 - 4.

[34] Eine durchaus übliche Definition der Arbitrage findet sich bei Bruns/Steiner (2007), S. 487.

[35] Diese Auffassung folgt den Erkenntnissen von Barberis/Thaler (2005), S. 6.

[36] Der Begriff des Noise Traders wurde 1985 durch Fischer Black in seinem Aufsatz Noise geprägt. Vgl. hierzu Black (1985), S. 529 - 543.

[37] SEC (2009) diskutiert neue Vorschläge zur Regulierung von Leerverkäufen.

[38] Vgl. § 30h Wertpapierhandelsgesetz (WpHG).

[39] Vgl. Barberis/Thaler (2005), S. 4 - 8.

[40] Vgl. Barberis/Thaler (2005), S. 6 - 8.

[41] Vgl. Barberis/Thaler (2005), S. 4 - 5.

[42] Vgl. Gabaix/Krishnamurthy/Vigneron (2007), S. 557 - 595.

[43] Vgl. De Long et al. (1990), S. 703 - 738, sowie Barberis/Thaler (2005), S. 5 - 6.

[44] Vgl. Shleifer/Vishny (1997), S. 35 - 55.

[45] Vgl. Barberis/Thaler (2005), S. 6.

[46] Eine Zusammenfassung der Ereignisse um LTCM findet der geneigte Leser bei Lowenstein (2002) und Dunbar (2001).

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Irrationales Verhalten von Privatanlegern
Untertitel
Ein Literaturüberblick
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Finanz- und Bankwirtschaft)
Autor
Jahr
2010
Seiten
59
Katalognummer
V163890
ISBN (eBook)
9783640787388
ISBN (Buch)
9783640787609
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behavioral Finance, Rationalität, Effizienzmarkthypothese, Grenzen der Arbitrage, Prospect Theory, Framing, Disposition Effect, Feedback Trading, Home Bias, Weekend Effect
Arbeit zitieren
Uwe Trambo (Autor), 2010, Irrationales Verhalten von Privatanlegern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163890

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