Kulturpolitik in Italien - Auswirkungen der legge Ronchey auf Museen


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Kulturpolitik in Italien – Von den Stati preunitari bis zum Codice

3 Funktion und Entwicklung der Museen

4 Situation der Museen und Entstehungsgeschichte der legge Ronchey

5 Die legge Ronchey
5.1 Inhalt
5.2 Bedeutung und Hintergrund
5.3 Beurteilung

6 Ergebnisse

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Text der legge Ronchey
8.2 Meinungen zur legge Ronchey

1 Einleitung

Italien beherbergt eine unbestimmte Vielzahl historischer Gebäude, Denkmäler und Unmengen beweglicher Kunstwerke und nicht bloß Stadtkerne sondern centri storici und ganze città d’arte. Dieses Erbe wurde relativ spät hinsichtlich ihrer ökonomischen Bedeutung und Wertschöpfung wahrgenommen; bis dahin hatten vornehmlich der pädagogische Nutzen und der ideelle Wert der Patrimonialgüter im Vordergrund gestanden.[1] Obwohl die beni culturali[2] als ganz offensichtlich authentischste Ressource des Belpaese gelten und diesem einen unstreitbaren Wettbewerbsvorteil einbringen, sind die damit verbundenen Konsequenzen in nur sehr bescheidenem Ausmaße in das praktische Handeln eingeflossen.

Die Gesetzgebung hat erst kürzlich Grundlagen geschaffen, die den Kultureinrichtungen finanzielle Spielräume eröffnen und sie an Methoden und Potenziale erwerbswirtschaftlicher Unternehmen heranführen sollen. Als ein bedeutender Schritt in diese Richtung gilt die unter dem Namen legge Ronchey bekannte legge 14 gennaio 1993 n°4. Sie erlaubte erstmals die Institutionalisierung von Zusatzleistungen (im Sinne der Erweiterung der Museen um Shops, Restaurants, Cafés, etc.), die schon aus didaktischer Sicht unentbehrlich sind.

Die nachfolgenden Seiten machen sich zur Aufgabe, die praktischen Auswirkungen des Gesetzes gut fünfzehn Jahre nach dessen Einführung zu beleuchten und eventuelle Problemfelder sowie Möglichkeiten zur Nachbesserung zu benennen. Einführende Beobachtungen zu den kulturpolitischen Voraussetzungen und den Rahmenbedingungen musealer Tätigkeiten in Italien sollen die Tragweite und Bedeutung der mit dem Gesetz getroffenen Entscheidungen veranschaulichen. Den Hauptteil bildet eine Gegenüberstellung verschiedener Meinungen zu den geltenden Bestimmungen. Sie sind der Sekundärliteratur und primären Befragungen entnommen.[3] In diesem Zusammenhang gilt es, die aktuelle Relevanz und Effektivität der bisherigen Anwendung herauszustellen.

2 Kulturpolitik in Italien – Von den Stati preunitari bis zum Testo unico

Das Gebiet des heutigen Italien – ein geschichtsträchtiger Boden und Bewahrer antiker Zeugnisse sowie vielfältiger Einflüsse und Hinterlassenschaften verschiedener Kulturen – bot ideale Voraussetzungen für die Entstehung des Humanismus bzw. das Studium der Kunst und dem damit verbundenen Schaffen. Die wirtschaftliche Blüte, ein schon im Mittelalter aufstrebendes Bürgertum und die mit dem Partikularismus einhergehende Vielfalt begünstigten zusätzlich ein reges Ausbreiten dieser Bestrebungen. Die unmittelbaren Gründe für die hierdurch erhöhte Kunstproduktion waren allerdings nicht nur von ästhetischen Erwägungen und der Liebe zur Kunst aber auch zur Stärkung der eigenen Legitimation geprägt: Als Auftraggeber zahlreicher Kunstwerke überflügelten sich die dem Mäzenatentum verschriebenen, einflussreichen Familien, um den Reichtum, die Macht und nicht selten auch einen sozialen Aufstieg zu zementieren.

Mit dem allmählichen Rückgang der Aufträge des Klerus und Adels zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahmen deren Aufgaben zum Schutz und dem Erhalt der schon vorhandenen Kulturgüter zu.[4] Das noch heutige weitestgehend gültige Konzept der staatlichen Aufsicht über die Kulturgüter ist auf die legge 1089/1939 (legge Bottai) zurückzuführen. Es erweiterte in der Hauptsache die Kompetenzen des Ministero per l’educazione, delle scienze e delle arti und begünstigte, einen wirtschaftlich nunmehr liberalen Standpunkt folgend, den Kulturgüterverkehr zwischen Privatpersonen vor dem Hintergrund eines sinnvollen Ausgleichs öffentlicher und privater Interessen. Mit der republikanischen Verfassung erklärte sich das Land nach dem Zweiten Weltkrieg zum Stato di cultura.[5] Die Riforma Bottai ist erst kürzlich durch den Testo unico (d.lgs. 490/1999), und dieser wiederum durch den Codice dei beni culturali e del paesaggio (d.lgs. 42/2004) ersetzt worden.[6] Die Richtigkeit der Veräußerung staatlichen Eigentums, wie sie neuerdings das geltende Gesetz erlaubt, dominiert die aktuelle Debatte.

3 Funktion und Entwicklung der Museen

Als erstes Gebäude, das teilweise zum Zweck der Ausstellung von Kunstwerken erbaut wurde, öffneten die Uffizien im späten 16. Jahrhundert ihre Tore. Die breiten Räume und Gänge des Obergeschosses entsprachen in der Bewegungsfreiheit und der ungehinderten Ansicht der Gemälde und Plastiken einem neuen Niveau der Nutzbarmachung. Von dieser profitierte allerdings nur eine elitäre Minderheit. Denn erst mit dem Aufstieg einer breiteren Bevölkerungsschicht ab dem 18. Jahrhundert, der Verbreitung der Ideale der Französischen Revolution und in Folge eines stetig expandierenden Kunstmarktes kam eine breite Öffentlichkeit allmählich in den Genuss der Exponate. Deren Anordnung und Ausstellung wurden nun explizit an den Rundgängen der Besucher ausgerichtet.[7] Die frühen Kuriositätenkabinette wichen in der Folge Sammlungen, die in ihrer Zusammensetzung weniger willkürlich waren sondern thematisch und auch zeitlich eine gewisse Geschlossenheit aufwiesen.

Mit der Überführung dieser Sammlungen in staatliches und kommunales Eigentum wurden später besonders die Bedeutung der Bekanntheitssteigerung der untergebrachten Objekte und die Bildung einer ästhetischen Wahrnehmung betont. Eine vermeintliche Verkörperung des nationalen Charakters in der Kunst, die die Rezeption in ganz Europa zu Anfang des 19. Jahrhunderts bestimmte, wurde durch die italienischen Einrichtungen erst nach der Einheit und besonders während des Faschismus forciert hervorgehoben. Insgesamt prägten das 20. Jahrhundert eine verstärkte Berücksichtigung zeitgenössischer Kunst und eine strengere Beachtung wissenschaftlicher Standards.

Seit den 80er Jahren wird der Begriff der Wertschöpfung (valorizzazione) im Kontext musealer Tätigkeiten verwendet, während bis dahin vornehmlich pädagogische, persönlichkeitsbildende, kunstbezogene und bildungsrelevante Aspekte thematisiert worden waren.[8] Den aktuellen Diskurs bestimmt die Forderung einer intensiveren kommerziellen Nutzung und Verwertung (fruizione) der Patrimonialgüter unter Berücksichtigung der Besucherwünsche.[9] Die gegenwärtige Funktion kennzeichnet das Museum als Gedächtnis seiner Umgebung, als Ort der Erinnerung, Bildung, Vermittlung, Verwahrung, der ästhetischen Auseinandersetzung und Kontemplation als auch der optimalen Nutznießung seitens des Besuchers.

4 Situation der Museen und Entstehungsgeschichte der legge Ronchey

In höchstem Grade anachronistisch wirken die spärlichen und verspäteten Bemühungen zum Zwecke einer effektiven Kulturpolitik. Erst 1974 wurden die kulturellen Angelegenheiten und die Kompetenz über sie zu beraten einem eigenständigen Ministerium, dem Ministero per i Beni Culturali e Ambientali dem heutigen Ministero per i Beni e le Attività Culturali übergeben. Da verwundert es nicht, wenn die erste Zählung der Museen auf die 70er-Jahre zurückgeht und zuvor keinerlei Informationen über die jeweiligen Standorte und Sammlungsschwerpunkte vorlagen.[10] Häufig geht man von ca. 3.500 Museen aus, von denen mehr als die Hälfte im Besitz der öffentlichen Hand ist.[11] Auch eine Definition des Terminus „Museum“ hat es erst mit dem Testo unico gegeben.[12]

Ende der 80er-Jahre suchte man in Italien wie auch in Deutschland nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten zur Aufrechterhaltung bzw. Stärkung der musealen Infrastruktur. Gerade in Italien war Letzteres ein wichtiges Anliegen, zumal viele Museen aufgrund fehlender Mittel geschlossen blieben.[13] Als ausgesprochen willkommenes Desideratum wurde ein Wirtschaften nach Vorbild der U.S.A. beschworen. Besonders die Betätigungsfelder wie das Sponsoring und Fundraising wurden mit einem Mal als Lösung aller finanziellen Engpässe ausgegeben. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass diese Erwartungen wegen der mangelnden gesellschaftlichen und gesetzgeberischen Voraussetzungen und realitätsfernen Einschätzungen, nicht erfüllt werden konnten.[14]

Eine Belastung weiterer staatlicher, finanzieller Ressourcen war in Anbetracht der Finanzmisere zu Anfang der 90er Jahre undenkbar, die Schuldentilgung unaufschiebbar, nachdem das öffentliche Haushaltsdefizit die Höhe des Bruttoinlandsprodukts übertroffen hatte. In dieses Klima finanzpolitischer Notwendigkeit – im Zuge der manovra Amato bzw. als dringende Maßnahme zur Entlastung des Staates und Eindämmung der tempesta valutaria – fiel die Ausarbeitung der legge Ronchey.

[...]


[1] Seit 1980 sind die Eintrittspreise um das zwanzigfache gestiegen, der Begriff museo azienda ist mittlerweile Teil des Sprachgebrauchs eines jeden Bürgermeisters; vgl. Paolucci, S. 7; vgl. ferner Moretti, S. 119 und Paoli, S. 11.

[2] Unter bene culturale wird – gemäß der Commissione di studio Franceschini der 60er-Jahre – eine „testimonianza materiale avente valore di civiltà“ (legge 490/1999), also ein Zeugnis von kultureller und historischer Bedeutung verstanden; eine ausführliche Definition liefert Bottari, 2007, S. 4-12.

[3] Die ungekürzten Inhalte der Stellungnahmen italienischer Fachwissenschaftelr finden sich im Anhang. Sie beanspruchen keine Repräsentativität sondern sind als stichprobenartige, individuelle Äußerungen eines in seiner Gesamtheit komplexeren Meinungsbilds zu verstehen.

[4] Die ersten nennenswerten Verordnungen, die zum Schutz der Kulturgüter erlassen wurden, gehen auf das 18. Jahrhundert zurück. Nach den Edikten der Kardinäle Albani (1726), Valente (1750) und Doria Pamphili (1802) war es das editto del cardinale Pacca aus dem Jahr 1820, das erste zusammenhängende und einheitliche Maßnahmen zur Erhaltung der Hervorbringungen von künstlerischem und historischem Wert sowie deren Inventarisierung vorsah. Die Fortschritte auf legislativer Ebene blieben mit der Einheit Italiens bzw. der Einführung des Statuto Albertino mangels einer anhaltenden Auseinandersetzung bezüglich der Denkmalpflege unverändert. Vierzig Jahre ließ die legge Rosadi (364/1909), ein für ganz Italien einheitliches Gesetz, dass u.a. die Unveräußerlichkeit der im Staatsbesitz befindlichen Kulturgüter, die Einrichtung der verantwortlichen Organe festlegte und damit die Verantwortlichkeit des Staates hervorhob, auf sich warten.

[5] So lautet der Art. 9, co. 2, Cost.: „La Repubblica promuove lo sviluppo della cultura e la ricerca scientifica. Tutela il paesaggio e il patrimonio storico artistico della nazione“; vgl. www.quirinale.it/costituzione/costituzione.htm.

[6] Zum Codice vgl. Balzani; Cosi, S. 35-68; Masi.

[7] Vgl. Bottari, 2002, S. 138f.

[8] Vgl. Paolucci, S. 7f.

[9] Vgl. Buttiglione, S. 114ff.

[10] Vgl. Bottari, 2002, S. 156.

[11] Die schon zwanzig Jahre zurückliegende Zählung von Primicerio (S. 16) geht von 3.311 Museen aus; weitere Zahlen nennen u.a. Bottari, 2002, S. 159 und Solima, S. 28. Zu den verschiedenen Museumstypologien vgl. Bottari, 2002, S. 102-106.

[12] Danach ist ein Museum eine „struttura comunque denominata organizzata per la conservazione, la valorizzazione e la fruizione pubblica di raccolte di beni culturali“; vgl. Art. 99, co. 2, lettera a).

[13] Vgl. Ceccuti, S. 94.

[14] Vgl. Bazzanella, S. 42f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kulturpolitik in Italien - Auswirkungen der legge Ronchey auf Museen
Hochschule
Hochschule für Musik und Theater Hamburg
Note
2,7
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V163902
ISBN (eBook)
9783640957965
ISBN (Buch)
9783640958320
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturpolitik, italien, auswirkungen, ronchey, museen
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Kulturpolitik in Italien - Auswirkungen der legge Ronchey auf Museen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163902

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