Über Alexander Solschenizyms "Der Archipel Gulag"

Versuch einer künstlerischen Bewältigung


Essay, 2008
6 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Alexander Solschenizym: Der Archipel Gulag – Versuch einer künstlerischen Bewältigung

Der Begriff Gulag (russisch: Главное Управление Лагерей) bezeichnet die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und steht gleichzeitig als Synonym für ein umfassendes Repressionssystem in der Sowjetunion, bestehend aus Zwangsarbeitslagern, Straflagern, Gefängnissen und Verbannungsorten. Dieses Lagersystem wurde vor allem in der Frühphase der Stalinzeit von nationalen Autoren weitgehend verherrlicht. Die ersten kritischen Literaturwerke zum Gulag erschienen in der Sowjetunion während der Periode des Tauwetters. Zwar wurden einzelne Passagen zum Gulag der Stalin-Ära geduldet, eine Gesamtdarstellung war jedoch ebenso tabu wie die Erwähnung der aktuellen Lage im Gulag von Chruschtschow bis in die Gegenwart. Daher erschienen Werke über den Gulag im Samisdat[1] und Tamisdat[2]. Eines der einflussreichsten davon war das Werk „Der Archipel Gulag“ des russischen Schriftstellers und Trägers des Nobelpreises für Literatur Alexander Issajewitsch Solschenizyn, welches in Paris 1973 bis 1975 im Tamisdat erschien. Es führte dazu, dass das Wort Gulag in vielen Sprachen zur Bezeichnung für das politische Repressionssystem der Sowjetunion mit Lagern, Gefängnissen und Verbannungsorten wurde. Solschenizyns Buch wirkte vor allem in Westeuropa und auch in den USA sehr stark, da es schlagartig das bisher im Ostblock konsequent verdeckte Unterdrückungssystem enthüllte, welches auch im gesamten Westen aus Rücksicht gegenüber den Ostblock-Ländern und um das Idealbild des Sozialismus nicht zu beschädigen, in den meisten Medien und Publikationen kaum behandelt wurde.

Solschenizyn liefert in seinem eine sehr materialreiche, literarische und doch wirklichkeitsgetreue Aufarbeitung des Systems der politischen Verfolgungen, Verhaftungen, Untersuchungsgefängnisse, der Verhöre, der Folter, der Verurteilungen und des Systems von Zwangsarbeitslagern und Straflagern mit ihren unmenschlichen, durch Hunger, Kälte, Überanstrengung, unhygienische Zustände, Krankheiten und mangelnde medizinische Versorgung geprägten Lebensbedingungen. Ziel des nun vorliegenden Essays ist es Form und Inhalt des Archipel Gulag näher zu betrachten und die Art der Aufarbeitung des Erlebten genauer zu untersuchen. Dabei soll nun zunächst auf Entstehung und Gliederung des Werkes eingegangen werden.

Alexander Solschenizyn verbrachte viele Jahre seines Lebens in den Straflagern Sibiriens und in der Verbannung. Gestützt auf seine eigenen Erfahrungen und die Berichte von über 200 Überlebenden schrieb er zwischen 1958 und 1967 „Der Archipel Gulag“, das die „unmenschliche Macht von Menschen über Menschen“ bezeugen sollte. Solschenizyn hielt die Veröffentlichung jedoch zunächst zurück und versteckte das Manuskript. Eine Publikation des „Archipel Gulag“ und die danach mögliche Verhaftung hätten die Arbeit daran unmöglich gemacht, die er erst 1975 abzuschließen dachte. Im August 1973 entdeckte der KGB das Manuskript, dadurch hatte es für Solschenizyn keinen Sinn mehr, das Werk weiterhin geheim zu halten. Ein russischer Emigrantenverlag, der über eine Kopie des Manuskriptes verfügte, wurde von ihm angewiesen, das Buch sofort zu drucken. Anfang Januar 1974 erschien es in Paris und kurz darauf in Übersetzungen vieler westlicher Länder. Solschenizyns Archipel Gulag wurde in Russland erst 1989 freigegeben.

Das ursprüngliche Buch enthält die Teile I und II (Die Gefängnisindustrie und Ewige Bewegung). Später wurde daraus eine 3-bändige Ausgabe, die in 7 Teile gegliedert ist. Band 2 und Band 3 wurden 1975 beziehungsweise 1978 veröffentlicht. 1985 erschien außerdem eine gekürzte, einbändige Gesamtausgabe, die als leichter lesbar gilt. Im ersten Band steht die geschichtliche Entwicklung des Systems im Mittelpunkt, Band 2 schildert die Lagerwelt aus der Sicht der verschiedenen Gruppen, die sie bevölkerten und beschreibt den Weg der Häftlinge von der Einlieferung bis zum Tode durch Erschöpfung, Krankheiten oder den Sadismus der Bewacher. Mit dem dritten Band ist das Werk abgeschlossen. Er handelt von der Bestrafung politischer Häftlinge unter dem zaristischen und dem bolschewistischen System, schildert die Massenvertreibung ganzer Klassen, die Zwangsumsiedlung ganzer Völker und gibt einen Ausblick auf die Zeit nach Stalin. Solschenizyn selbst nennt sein Werk den „Versuch einer künstlerischen Bewältigung“, „all jenen gewidmet, die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen“.

„Der Archipel Gulag“ wirkt dabei einerseits als Sachbuch, sowie als wissenschaftliche Arbeit mit dem dazugehörigen Anhang, wie einem biographischen Namensverzeichnis und einem Verzeichnis der Abkürzungen. Außerdem existieren zahlreichen Anmerkungen in der Fußzeile der Seiten. Solschenizyn stützt sich auf seine eigenen Erfahrungen, auf die Aussagen von mehreren hundert anderen Verurteilten und Häftlingen, auf offizielle, öffentliche und geheime Dokumente und Untersuchungen. Auf der anderen Seite ist das Buch ein im zynischen Tonfall gehaltenes politisch-literarisches Manifest, ein Pamphlet und eine Anklage an die Zustände in Justiz und Lagerwesen der Sowjetunion. Im Kern ist es den Opfern gewidmet, es versteht sich als Erinnerung und Würdigung ihres Lebens und Leidens und als eine Anklage gegen die Unmenschlichkeit, gegen die Unfreiheit und gegen den Terror:

"All jenen gewidmet, die nicht genug Leben hatten um dies zu erzählen.
Sie mögen mir verzeihen, dass ich nicht alles gesehen, nicht an alles mich erinnert, nicht alles erraten habe"

[...]


[1] bezeichnete in der UdSSR und später auch in anderen so genannten realsozialistischen Staaten die Verbreitung von alternativer, nicht systemkonformer Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen, zum Beispiel durch Handschrift, Abtippen oder Fotokopie und das Weitergeben der so produzierten Exemplare.

[2] Bezeichnung für verbotene Literatur aus den sozialistischen Ländern des Ostblocks, die von in ihren Heimatländern lebenden Autoren verfasst aber im Westen gedruckt wurde.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Über Alexander Solschenizyms "Der Archipel Gulag"
Untertitel
Versuch einer künstlerischen Bewältigung
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Historisches Institut)
Veranstaltung
KZ und Gulag: Deutsch-Russische Strategien des Überlebens
Note
1,2
Autor
Jahr
2008
Seiten
6
Katalognummer
V163928
ISBN (eBook)
9783640785827
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Essay ohne Sekundärliteratur
Schlagworte
Gulag, Konzentrationslager, Hitler, Drittes Reich, Russland, Alexander Solschenizym, Verfolgung, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Florian Rübener (Autor), 2008, Über Alexander Solschenizyms "Der Archipel Gulag" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163928

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