Identitätskonstruktion durch Performanz als Ausdruck des neuen autobiographischen Diskurses

Am Beispiel von Guillermo Gómez Peñas "Dangerous Border Crossers - The artist talks back"


Hausarbeit, 2007

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Autobiographisches Schreiben als Form der Selbstdarstellung
1. Autobiographisches Schreiben von Augustinus bis heute
2. Identitätskonstruktion durch autobiographisches Schreiben

III. Performanz als Ausdruck des neuen autobiographischen Diskurses
1. Der Begriff des Performativen
2. Die performative Wende
3. Performanzen und ihre Charakteristika
3.1 Das Verhältnis Akteur - Zuschauer
3.2 Körper und Körperlichkeit

IV. Guillermo Gómez-Peña:
„Dangerous Border Crossers - The artist talks back“
1. Der Mensch und Künstler Guillermo Gómez-Peña
2. Selbstdarstellung Guillermo Gómez-Peñas
2.1 Identitätskonstruktion durch autobiographisches Schreiben
2.2 Performative Strategien des Künstlers
2.3 Körper und Körperlichkeit

V. Zusammenfassung
1. Schlussbetrachtung
2. Resumen español

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Was ist Identität? Wie konstruiert sie sich? Und vor allem: Wie stellt sie sich dar?

Dass Identität nicht als feste, stabile Größe anzusehen ist, steht in den Kultur- und Sozialwissenschaften seit längerem außer Frage. Vielmehr muss sie sich im Laufe eines Prozesses konstituieren. Dabei muss sie nicht nur hergestellt, sondern auch repräsentiert werden, denn sie bedarf der Legitimation durch Andere. Zur Darstellung ihres „Ich“ nutzen viele Künstler heute die verschiedensten Strategien, Medien und Möglichkeiten. Autobiographisches Schreiben kann als eines dieser Verfahren zur Selbstdarstellung angesehen werden. Besonders das Autobiographieverständnis des 20. Jahrhunderts liefert die dafür nötigen Freiräume, denn es bricht mit den traditionellen Regeln des Schreibaktes und weicht die Vorstellung eines kohärenten „Ich“ auf. Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entfaltete sich mit der performativen Wende in den Künsten eine weitere Form der Selbstdarstellung. Performanz wird hier als neuer autobiographischer Diskurs betrachtet, da er vorher nicht da gewesene Räume der Autorepräsentation schafft.

In einem postmodernen Kontext wird Identität oft auch im Zusammenhang mit Hybridität betrachtet. Denn wie de Toro konstatiert, brachte bzw. bringt die Globalisierung der Welt Hybridität geradezu hervor. „Die Abwertung der Heimatkultur bei gleichzeitiger Aufwertung der hegemonialen Kultur der Kolonialmächte zur Norm führte zu einem Gefühl der ‚Bedrohung’ der eigenen Identität“ (de Toro 2002, 33). Er bezieht dies besonders auf die Begegnung und Zusammenkunft der lateinamerikanischen Kultur mit der westlichen Welt. Zahlreiche Künstler lateinamerikanischen Ursprungs verarbeiten in ihren Werken eben diese Problematik und dabei insbesondere das Verhältnis zum nordamerikanischen Kontinent.

Einer von ihnen ist der Schriftsteller und Performance- Künstler Guillermo Gómez-Peña. Bewusst betont er seine unabgeschlossene, hybride Border Identity , die auf seiner mexikanischen Herkunft und seinem jetzigen Leben in den USA beruht. In seiner Kunst verarbeitet er das Anderssein, das Misstrauen und die Angst gegenüber dem Fremden sowie seine vielseitige Identität und bedient sich dabei unterschiedlicher Medien. In der vorliegenden Arbeit soll der Blick nun einerseits auf die Hervorbringung seiner Identität in dem autobiographischen Werk „Dangerous Border Crossers - The artist talks back“ und andererseits auf seine Performanzen gerichtet werden.

Dabei möchte der Verfasser jedoch zuerst die Entwicklung autobiographischen Schreibens von Augustinus’„Confessiones“ bis hin zum Autobiographieverständnis des 20. Jahrhunderts darlegen, um „Dangerous Border Crossers - The artist talks back“ später einordnen zu können. Ebenso soll in diesem Kontext reflektiert werden, welche Rolle autobiographischem Schreiben im Prozess der Identitätskonstruktion zukommen kann.

Des Weiteren wird der Aspekt der Performanz als neuer autobiographischer Diskurs dargestellt. Dabei soll eine Begriffsexplikation des Performativen ebenso geliefert werden wie ein Überblick über die performative Wende der sechziger Jahre. Auch wird auf zwei wesentliche Attribute von Performanzen eingegangen: einerseits das besondere Verhältnis zwischen Akteur und Betrachter innerhalb performativer Aufführungen, andererseits auf Körper und Körperlichkeit. Letzteres spielt besonders bei Gómez-Peña eine wesentliche Rolle, denn er nutzt seinen Körper als Botschaft, als eigenes Zeichen um seine vielfältigen Identitäten zu repräsentieren.

Abschließend findet dann eine Betrachtung des Künstlers statt. Dabei wird untersucht, wie er seine Identität in „Dangerous Border Crossers“ hervorbringt, welche Rolle seine Performanzen im Prozess der Selbstdarstellung spielen und wie er dabei seinen Körper einsetzt.

II. Autobiographisches Schreiben als Form der Selbstdarstellung

1. Autobiographisches Schreiben von Aurelius Augustinus bis heute

Autobiographische Publikationen sind heutzutage wichtiger Bestandteil des literarischen Marktes. Obwohl sie lange um ihren Status als Gattung kämpfen mussten, nahmen schriftliche Selbstdarstellungen ihre Anfänge schon sehr früh. Bereits Marc Aurels „Ermahnungen an sich selbst“ können als Vorstufe autobiographischen Schreibens angesehen werden (vgl. Moog-Grünewald 2004, x). Unmittelbar eingeleitet wurde es jedoch zur Wende vom vierten zum fünften Jahrhundert mit Augustinus von Hippo und seinen „Confessiones“ (vgl. Finck 1995, 283). Die „Bekenntnisse“ des Kirchenvaters beinhalten insgesamt 13 Bücher und können als erster Text, „in dem das Ganze einer individuellen Lebensgeschichte aus der Perspektive der Endlichkeit faktischen Daseins zur Darstellung gelangt“ (Kreuzer 2004, 22), betrachtet werden. Augustinus selbst beschrieb den Inhalt seines Werkes folgendermaßen: „Vom ersten bis zum zehnten Buch handeln sie von mir, in den drei übrigen von der Heiligen Schrift“ (Kulenkampff 1999, 45). Der hier angesprochene Bezug zur Bibel wird durch die Gestaltung des Textes in Gebetsform und die zahlreichen Zitate aus der Heiligen Schrift im gesamten Werk deutlich (vgl. Kulenkampff 1999, 31/ 39). Als Vertreter der Gnadenlehre (vgl. Kreuzer 2004, 23) war Augustinus der Auffassung, dass nur die Gnade Gottes den Menschen erlösen kann, da der Gebrauch des freien Willens zu der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies geführt hatte. Die „Bekenntnisse“ stellen also „den großen Zusammenhang menschlichen Daseins im kirchlich gebundenen Glauben an Gott in den Mittelpunkt“ (Kulenkampff 1999, 51).

Augustinus widmete sich in seinen „Confessiones“ vorrangig der Betrachtung seiner eigenen Vergangenheit sowie der Entwicklung seines Denkens (vgl. Kreuzer 2004, 25), aber z. B. auch psychologischen Abhandlungen über das Gedächtnis und dabei speziell über Bewusstsein und Erinnerung sowie philosophischen Betrachtungen über die Zeit und Lobpreisungen an Gott. In der Auseinandersetzung mit der Frage nach Erinnern und Identität unterteilt er in ein erlebendes und ein reflektierendes Ich. Das erlebende Ich kann dabei immer nur durch die Erinnerung des erzählenden Ich konstituiert werden. Aus einer festgelegten gegenwärtigen Position heraus ordnet, wählt und interpretiert das reflektierende Ich bedeutende Ereignisse in einer chronologischen Darstellung.

Wieso Augustinus’ Werk letztendlich als Grundstein autobiographischen Schreibens betrachtet werden kann, fasst Kulenkampff folgendermaßen zusammen: „Es wird deutlich, wie der Autor der ‚Confessiones’ mit seinem biographischen Material umgeht und dieses leser- bzw. hörerorientiert darbietet: Durch die Einbringung seiner selbst ermöglicht Augustin seinen (menschlichen) Hörern/ Lesern die Identifikation.“ (Kulenkampff 1999, 49).

Mit der Renaissance erlangte autobiographisches Schreiben dann seine Blütezeit. Dabei wurden vorrangig Stadtchroniken, Reiseaufzeichnungen, Berufsbiographien, etc. verfasst, die jedoch kaum mit späteren Autobiographien verglichen werden können (vgl. Finck 1995, 283). Es bildete sich zu dieser Zeit ein neues Selbstverständnis in Form von Individualismus heraus, welches aber nach Auffassung von Georg Misch noch immer ein statisches Menschenbild und das Fehlen eines Entwicklungsgedanken innehatte (vgl. Finck 1995, 285). Selbst in dieser Blütezeit wurde Autobiographik jedoch nicht als Literatur angesehen. Vermutlich kann dies auf die damals internalisierte aristotelische Unterscheidung zwischen poetischer und historischer Erzählung zurückgeführt werden, die eine strikte Trennung von Fiktion und Nonfiktion verlangte. „Ein historischer Text musste einem solchen Diktum zufolge einen Mangel an imaginativem Potential wie an poetischem Raffinement aufweisen; was Wunder also, wenn er unter literarischen Gesichtspunkten für nicht beachtenswert gehalten wurde. Ein gleiches Urteil traf autobiographische Schriften.“ (Finck 1995, 284). Von Interesse war also der Inhalt einer Autobiographie und nicht die Art und Weise wie die jeweiligen Informationen vermittelt wurden. Nach Auffassung Johann Gottfried Herders z.B. galt der Geschichtsschreiber als Vorbild für den Autobiographen und Wilhelm Dilthey betrachtete Autobiographie sogar als ein „Höchstes von Geschichtsschreibung“ (Finck 1995, 285).

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde durch Georg Misch, einen Schüler von Dilthey, und sein Werk „Die Geschichte der Autobiographie“ eine intensive Beschäftigung mit der Gattung „Autobiographie“ eingeleitet (vgl. Finck 1995, 282). Misch betrachtete diese Entwicklung als Ausdruck wachsenden Selbstbewusstseins des Individuums und vertrat ebenso die Auffassung, dass die Anlagen der Persönlichkeit, entgegen den Vorstellungen der Renaissance, bereits im Jugendalter vorhanden sind und sich nicht erst langsam und unter wechselnden Einflüssen entfalten. Er sprach in diesem Zusammenhang von einer Einheit des Individuums und dessen unverwechselbarer Identität, die jederzeit gegeben sei (vgl. Finck 1995, 285).

Bis in die sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts herrschte die Auffassung vor, dass im Mittelpunkt einer jeden Autobiographie die Entwicklungsgeschichte bzw. der Lebenslauf des Individuums zu stehen habe. Autobiographien besaßen nach damaliger Vorstellung eine Abbildfunktion und wurden weiterhin getrennt von fiktionalen Textsorten betrachtet. Die Begründung für letzteres lag „zum einen in der Vorstellung des Subjekts als intentionalen (beabsichtigt, zweckbestimmt) Bewußtseins und zum anderen in der Auffassung von Sprache als dessen transparenten Ausdrucksmediums“ (Finck 1995, 286). Der Text sollte also eine wahrheitsgetreue Abbildung vom Leben des Autors präsentieren und es durfte keine Unterscheidung zwischen einem Subjekt des Textes, also dem Autobiographen in seiner Funktion als Autor und einem Subjekt im Text, sprich dem Autor als Textgegenstand vorgenommen werden. Dennoch wurde der Autor, wie widersprüchlich es auch klingen mag, außerhalb des Textes angesiedelt und war somit eine unabhängige Instanz, „die den Text ursprünglich organisiert und ihm ultimativ seinen Sinn verleiht“ (Finck 1995, 286). Nur so kann der Autor über sich schreiben ohne dass sein autobiographisches Schreiben ihn verändert und die Identität von autobiographischem Subjekt und autobiographischem Objekt nicht mehr gewährleistet ist.

In Bezug auf Sprache kann festgehalten werden, dass die Vorstellung eines autonomen Subjekts und einer transparenten Sprache dominant war. Die Materialität des Sprachzeichens tritt, laut diesem Prinzip, hinter dem von ihm Bezeichnetem zurück und das sprachliche Zeichen ist somit durchsichtig, damit es den Blick auf das Außersprachliche freigeben kann und ihn nicht verstellt. Erste ernsthafte Kritiken an dieser Vorstellung äußerten poststrukturalistische Denker, die auf eine Verflechtung von Sprache und Subjekt bestanden. Sie stellten das klassische Repräsentationsmodell von Sprache und dessen zugrunde liegenden transparenten Zeichenbegriffs in Frage (vgl. Finck 1995, 288) und fassten Sprache als eine Kette von Signifikanten auf, „die in einem komplizierten Verweisungszusammenhang den Referenten - als Signifikat - erst hervorbringen […]“ (Finck 1995, 288). Jede Bedeutung konstituiert sich erst und ist dabei nie endgültig. Es geht hierbei also nicht um eine subjektive Bedeutungszuweisung, sondern um eine Vorgehensweise bei der neben anderen Bedeutungen auch die des Subjekts entsteht. Das Verständnis autobiographischen Schreibens änderte sich also durch diese gegenseitige Abhängigkeit von Subjektkonstitution und Sprache grundlegend, denn „Der Autobiograph, der sich seiner Subjektivität sprachlich zu vergewissern suchte, brächte diese zuallererst hervor, und zwar in genau demselben Medium“ (Finck 1995, 288).

Im 20. Jh. vollzog sich auch eine grundlegende Veränderung der Konzeption und Erfahrung von Subjektivität, denn die literarische Subjektivität zeigte sich in veränderten Konstitutions- und Repräsentationsformen (vgl. de Toro/ Gronemann 2004, 7). Das Feld der neuen Autobiographie konzentriert sich seitdem auf „Die unmögliche Repräsentation eines kohärenten Ich auf der Basis einer diegetischen Struktur mit dem Resultat einer (Lebens-) Geschichte sowie- umgekehrt- die mangels eindeutiger und abgeschlossener Signifikationen problematischer als je zuvor gewordene Stabilität des Ich bzw. die auf einen Subjektkern rekurrierende Identität “ (de Toro/ Gronemann 2004, 7). Die Autonomie des Subjektes und die der Möglichkeit sprachlicher Referentialität werden also heutzutage angezweifelt und die klassischen, formalen Kriterien wurden revidiert. So zum Beispiel wird häufig auf eine lineare Abfolge von Leben und Schreiben, also auf „eine chronologische, kausale Kohärenz suggerierende Erzählweise und auf die teleologische Ausrichtung der dargestellten Lebensgeschichte“ (Finck 1995, 290) verzichtet. Weitere Merkmale neuer Autobiographien lassen sich z. B. in der Fragmentierung und Brüchigkeit von Erinnerungen und deren sich ständig wiederholender, seriell-rhizomatischer Entfaltung sowie in der Unabgeschlossenheit des Schreibaktes finden (vgl. de Toro/ Gronemann 2004, 11). Produktivität und semantische Offenheit des Textes werden jetzt hervorgehoben und nicht seine mimetische, repräsentative Funktion, was zu einer Annäherung von Leser und Erzähler auf der Grundlage der Vorstellung eines „Wi (e) derschreibens“ (vgl. de Toro/ Gronemann 2004, 8) führt. Im Hinblick auf Sprache wird nach „einem adäquaten sprachlichen Ausdruck, einer Repräsentation für dessen generelle Brüchigkeit und Unzugänglichkeit“ (de Toro/ Gronemann 2004, 8) gesucht und die Fokussierung von Sprache ist als grundlegendes Postulat der Postmoderne anzusehen.

Weiterhin wird der heutigen Autobiographie ein hybrider Charakter zugeschrieben, da sie sich oft zwischen Fakt und Fiktion bewegt (vgl. Finck 1995, 288 f.). Doch wo fängt Autobiographie an und wo hört sie auf? Welche Rolle darf Fiktion dabei spielen und welche nicht? Paul de Man zieht eine Konsequenz aus dieser Diskussion und bewertet alle Versuche einer Unterscheidung von Autobiographischem und nicht Autobiographischem als absurd. Seiner Meinung nach besteht die eigentliche Funktion von Autobiographie darin, dass sie „auf schlagende Weise die Unmöglichkeit der Abgeschlossenheit und der Totalisierung aller aus tropologischen Substitutionen bestehenden textuellen Systeme demonstriert“ (Finck 1995, 289). Es kann also festgehalten werden, dass die traditionelle Trennung von Realität und Fiktion in neuen Autobiographien überwunden wird (vgl. de Toro/ Gronemann 2004, 8). Blickt man auf die Inhalte neuerer Autobiographien, fällt auf, dass sich das Interesse nationaler, kultureller und individueller Identität hin ]zu einer Wahrnehmung von Grenz- und Differenzerfahrungen verlagert und somit ein „fundamental verändertes erkenntnistheoretisches Modell, das die einzig mögliche Repräsentation des Ich in einer mäanderartigen Bewegung der Schrift aufzeigt“ (de Toro/ Gronemann 2004, 9), dargelegt wird. De Toro und Gronemann beschreiben den autobiographischen Akt weiterhin als r éé criture des Vergangenen, in dem Prozesse der Erinnerung und Verarbeitung stattfinden. Der autobiographische Text wird also auf der Grundlage von Erinnerungsfragmenten immer wieder neu geschrieben und erlebt. Es steht hier nicht das Resultat im Vordergrund, sondern der Prozess, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und „die Unordnung und Vielfalt von Identitäten zu begreifen“(de Toro/ Gronemann 2004, 10). Durch ein permanentes Reflektieren des Schreibaktes verwandelt sich die Autobiographie in einen Metatext bzw. in eine Meta-Autobiographie. Diese Metatextualität sehen de Toro und Gronemann als Mittel, den Wahrheitsanspruch des autobiographischen Aktes als unerfüllbar zu präsentieren. Ebenso beschreiben sie die Erfahrung der Andersheit, welcher sich das Subjekt ausgesetzt fühlt. „Diese Textstrategie widerspiegelt das notwendige Scheitern eines jeden Versuchs, die Vergangenheit wahrhaftig zu erzählen, weil sie weder dem gegenwärtigen Ich zugänglich ist noch dem vergangenen je zugänglich war: das Subjekt kann sich nur als Anderes wahrnehmen.“ (de Toro/ Gronemann 2004, 10).

An dieser Stelle soll noch darauf hingewiesen werden, dass von einer Verdrängung des traditionellen autobiographischen Schreibens dennoch kaum die Rede sein kann. Vielmehr existieren beide Autobiographieverständnisse nebeneinander und verstehen sich als Ergänzung, denn z. B. werden auch heute noch Autobiographien verfasst, die die chronologische Lebensgeschichte des Autors erzählen. Die Grenzen haben sich jedoch erweitert und Schriftstellern steht ein größeres Repertoire an Möglichkeiten und Strategien zur Verfügung.

2. Identitätskonstruktion durch autobiographisches Schreiben

In diesem Kapitel soll nun der Frage nachgegangen werden, wie sich Identität konstituiert und welche Rolle autobiographisches Schreiben dabei spielen kann.

Schmidt konstatiert, dass Identität nicht als feste Größe, sondern eher als ein Resultat von Prozessen anzusehen ist (vgl. ebd. 2003, 2) und auch de Toro und Gronemann betonen, wie schon erwähnt, dass von einer Stabilität des Ich bzw. von der auf einen Subjektkern zurückführenden Identität nicht die Rede sein kann . Identität muss also hergestellt werden. Laut Schmidt ist dieser Vorgang stets gebunden an die Konstrukte „Bewusstsein“, „Selbstbewusstsein“ und „Ich“. „Bewusstsein“ nimmt dabei immer Bezug auf etwas und bedarf Referenzräumen wie Körper, Umwelt und Gemeinschaft. Es konstruiert sich also durch kontinuierliche Bezugnahmen und kann keineswegs als „autarke intelligible Substanz“ sondern vielmehr als „etwas, was - gefährdet und ungesichert - sich erst bildet […]“ (Kreuzer 2004, 27) angesehen werden. „Selbstbewusstsein“ als die Grundlage von Identität ist ebenfalls als Konstruktionsprozess zu betrachten, der dynamisch variiert (vgl. Schmidt 2003, 3). An dieser Stelle soll ein Gespräch zwischen Sokrates und Alkibiades erwähnt werden, in dem Sokrates feststellt, dass die Voraussetzung für richtiges Handeln Selbsterkenntnis ist. Voraussetzung dafür ist wiederum die Sorge um das Selbst, sprich die Selbstsorge, welche in der Praxis des Dialoges erworben wird. Um sich selbst zu erkennen und das eigene Ich zu vervollkommnen, muss man sich um das Selbst sorgen, also um seine Seele (vgl. Moog-Grünewald 2004, vii f.). Nach damaliger Vorstellung war das Ziel dieser Selbstsorge „[…] in der Übung des reinen Denkens das Selbst selbst zu transzendieren und über die auch dem Menschen gegenwärtige göttliche Vernunft teilzuhaben am Selbst selbst der Gottheit.“ (Moog-Grünewald 2004, ix). Das Menschliche wurde als vom Göttlichen determiniert angesehen und der Einzelne bestimmte sich in seinem Verhältnis zum Ganzen. Der Gedanke der Selbstkonstitution spielte also keine Rolle. Heute ist er von zentraler Bedeutung, wobei in diesem Kontext Selbst- und Fremdbeobachtung bzw. die Begriffe „Ego“ und „Alter“ erwähnt werden müssen..

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Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Identitätskonstruktion durch Performanz als Ausdruck des neuen autobiographischen Diskurses
Untertitel
Am Beispiel von Guillermo Gómez Peñas "Dangerous Border Crossers - The artist talks back"
Hochschule
Universität Leipzig  (Romanistik)
Veranstaltung
Autorepresentaciones latinoamericanas
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
30
Katalognummer
V163940
ISBN (eBook)
9783640792726
ISBN (Buch)
9783640792863
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätskonstruktion, Performanz, Ausdruck, Diskurses, Beispiel, Guillermo, Gómez, Peñas, Border-, Crossers-
Arbeit zitieren
Ariane Bahr (Autor:in), 2007, Identitätskonstruktion durch Performanz als Ausdruck des neuen autobiographischen Diskurses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163940

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