Seneca´s Epistulae morales

Interpretation Brief 86


Seminararbeit, 2010

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Briefanalyse ep. 86
2.1 Inhaltszusammenfassung
2.2 Information zu Ort und Personen
2.3 Stellung der ep. 86 in den „Epistulae morales“
2.4 Römische Bäder und Thermen
2.5 Interpretation zentraler Begriffe
2.5.1 Erste Briefhälfte: Badekultur als Indiz für Luxus und Dekadenz (86,1-13)
2.5.2 Zweite Briefhälfte: Ölbaumverpflanzung als Metapher (86,14-21)
2.6 Zusammenfassung: Senecas Aussageabsicht in ep. 86 über das recte vivere

3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Die Epistulae morales ad Lucilium umfassen einen Corpus von 124 Briefen, die Seneca in ihrer Gesamtheit an Lucilius adressiert hat. In der Forschung war die Echtheit des Lucilius lange umstritten, doch die These eines fiktiven Adressaten kann abgelehnt werden. Die Briefsammlung ist ungefähr zwischen den Jahren 62-64 n.Chr. entstanden, nachdem sich Seneca aus der Politik zurückgezogen hatte. Folglich kennzeichnet die epistulae eine gewisse Distanz zu dem hektischen Treiben der politischen Geschäfte in Rom. Seneca nutzte diese Briefe als Mittel, um verschiedene Aspekte seiner philosophischen Denkweise darzustellen. Zugleich gewähren sie dem Leser einen Einblick in das alltägliche Leben, wie auch die Denkweise des antiken Roms. Das immer wiederkehrende Leitthema in seinen Briefen ist die Erziehung zu einem glücklicheren Menschen, der stoische Grundwerte wie Apathie, Autarkie und Ataraxie verinnerlicht hat.

Auch der 86. Brief, der zentraler Gegenstand dieser Hausarbeit sein soll, spiegelt Teile der Philosophie Senecas wider, zudem enthält er eine Kritik an der Lebensführung der römischen Oberschicht. Er nutzt einen Besuch in Scipios Villa als Anlass, um die mos maiorum der Dekadenz seiner Zeit gegenüberzustellen.

Im weiteren Verlauf von ep. 86 vertieft er sich in die Darstellung sehr spezieller Aspekte der Landwirtschaft. Die Funktion dieser detaillierten Beschreibung des Ackerbaus, die dem Leser zunächst nicht ersichtlich ist, soll in einem zweiten Teil dieser Hausarbeit untersucht werden.

Im Vordergrund der gesamten Interpretation soll die oben bereits erwähnte Erziehung zu einem glücklicheren Menschen stehen. Es wird untersucht, welche Philosophie bzw. Weisung Seneca dem Leser mit auf den Weg geben möchte und wie sich seine stoische oder auch epikureische Denkweise äußert.

In einem Ausblick am Ende der Hausarbeit soll Bezug genommen werden auf mögliche Einsatzmöglichkeiten des 86. Briefes im Schulunterricht.

2 Briefanalyse ep. 86

2.1 Inhaltszusammenfassung

Inhaltlich gliedert sich der Brief in zwei Hauptteile: In einen ersten Teil von 86,1-86,13 und in einen zweiten Teil von 86,14-86,21 (Schluss).

Seneca beginnt den ersten Briefteil mit einer Standortbestimmung zur Zeit seiner Briefabfassung: er schreibt unmittelbar aus der Villa Scipios. Er schließt eine Lobpreisung Scipios an und bewundert seine egregiam moderationem pietatemque (86,1). In 86,2 legt er Scipio einen kurzen Redeteil in den Mund, wie er ihn großherzig gesprochen haben könnte. Mit dem Satz exeo, si plus quam tibi expedit crevi (86,2) aus der fingierten Rede, betont Seneca noch einmal den in 86,1 bereits erwähnten freiwilligen Rückzug des Scipio aus Rom. Im folgenden Paragraphen 86,3 setzt sich der Lobpreis und die Wertschätzung Scipios fort: Quidni ego admirer hanc magnitudinem animi […]? Im Anschluss schwenkt Seneca in den Abschnitten 86,4f. und zu Beginn von 86,8 von der Person Scipios zu der Beschreibung seiner Villa und insbesondere der Baderäumlichkeiten über. In den dazwischen liegenden Paragraphen 86,6f. und am Ende von 86,8 beschreibt er die luxuriös ausgestatteten Bäder seiner Zeit. Exemplarisch beschreiben dies nachstehende Ausdrü>Der erste Briefteil wird im Paragraphen 13 geschlossen, indem Seneca zur Bestärkung seiner Sichtweise ein Zitat von Horaz anführt und nun speziell noch einmal das Salböl, welches zum Baderitus der Römer gehörte, kritisiert: Es müsse mehrmals am Tag erneuert werden und die Männer rühmen sich zudem noch eines Wohlgeruchs, der nicht ihr eigener ist.

Im zweiten Briefteil steht der neue Besitzer des Landgutes, Aegialus, im Vordergrund. Von diesem lernt Seneca bei seinem Besuch diverse landwirtschaftliche Kniffe, während er ihm bei seinen landwirtschaftlichen Tätigkeiten zusieht. Zentral ist die detaillierte Beschreibung von zwei Arten der Ölbaumverpflanzung von 86,17-19. Im Anschluss beschreibt Seneca eine Weinstockverpflanzung (86,20) und die Notwendigkeit der Bewässerung mit Zisternenwasser (86,21). Er schließt seine Belehrung mit einem persönlichen Satz an Lucilius.

2.2 Information zu Ort und Personen

Seneca besuchte die Villa des Publius Cornelius Scipio Africanus, genannt Scipio, um das Jahr 50 n.Chr.[1] Scipio lebte von 236 bis 183 v.Chr. Er war Feldherr im Zweiten Punischen Krieg und Staatsmann der Römischen Republik. Im Jahr 205 v.Chr. war er Konsul und seine Bekanntheit erlangte er durch den Sieg über Hannibal in der Entscheidungsschlacht bei Zama im Jahr 202 v.Chr. Dieser Sieg brachte ihm Ruhm und Ehre ein, wie auch sein cognomen Africanus. Seine Karriere endete jedoch schmachvoll, als ihm und seinem Bruder Lucius Cornelius Scipio Asiagenes vorgeworfen wurde, in dem von ihnen geführten Krieg gegen Antiochos im Jahr 190 v.Chr. Kriegsbeute unterschlagen zu haben oder vom König bestochen worden zu sein. Aus diesem Grund gab es 184 v.Chr. einen Prozess, der aber eingestellt wurde, weil Scipio sich freiwillig auf sein Landgut in Liternum zurückzog, wo er dann auch starb.[2] Scipio ist der erste große Römer, von dem bekannt ist, dass er ein Landgut besaß und dieses nicht ausschließlich zum landwirtschaftlichen Nutzen verwendete, sondern auch als Rückzugsmöglichkeit aus dem geschäftigen Treiben in der Stadt.[3] Seit dem Scipionenkreis zeichneten sich Formen ab, die für die Gestaltung des otium entscheidend waren.[4]

Die Villa liegt in der Stadt Liternum in der Region Kampanien. „Die Lage Liternums ist eine der melancholischsten, die man sich denken kann.“[5]

Über Vetulenus Aegialus ist sehr wenig bekannt. Er war „the son of a former slave“[6] und Plinius beschreibt ihn „als einen der berühmtesten Weinbauern”[7].

2.3 Stellung der ep. 86 in den „Epistulae morales“

In der Gesamtheit der Epistulae morales existieren drei Briefe, deren inhaltlicher Gegenstand eine Villa ist. Dies sind die Briefe 12, 55 und der in dieser Hausarbeit untersuchte Brief 86. In ep. 12 steht Senecas eigene Villa im Vordergrund, in ep. 55 die Villa des Vatia und in ep. 86 die Villa Scipios. Die Beschreibung des Landguts des Vatia bildet das negative Pendant zu der Beschreibung der scipionischen Villa. Im Gegensatz zum modernen, aufwendigen Anwesen des Vatia repräsentiert die Villa des Scipio in ihrer Einfachheit, frei von Luxus, die traditionellen römisch-republikanischen mores, wie beispielsweise die temperantia der vier virtutes cardinales.

2.4 Römische Bäder und Thermen

Die Thermen haben ihren Ursprung in Griechenland und sind somit keine römische Erfindung. Sie waren „in den Abmessungen [die] größten Bauten der römischen Antike“[8]. In ihrer Blütezeit „ballte sich in diesen Bauten […] alles zusammen, was das Römische Reich an kulturellen Leistungen in Baukunst, Malerei, Bildhauerkunst, an Raumschmuck […] [und] an technischem Können aufweisen konnte“[9]. Vom 1. Jh. n.Chr. bis in die späte Kaiserzeit[10] hinein waren die Thermen „Kommunikationszentren“[11], wie auch zentraler Mittelpunkt für alle erdenklichen Tätigkeiten und Freizeitbeschäftigungen jeglicher gesellschaftlicher Schichten. Zu der römischen Therme gehörten oftmals Sportanlagen, Einrichtungen für Erziehung, Platz für Vorführungen und Vorträge aller Art, wie auch angeschlossene Bibliotheken und Raum für Spaziergänge.[12] Die Kaiserthermen, die die prunkvollsten und mächtigsten Anlagen waren, wurden zu einem „Instrument der Massenbeeinflussung durch die Herrscher des Reichs“[13], da es „das großzügigste Geschenk der Kaiser an die Einwohner des Imperiums, der bis in unsere Tage reichende großartige Ausdruck der technischen und raumgestaltenden Leistungsfähigkeit der römischen Zivilisation“[14] war.

Die ersten Bäder lagen in engen, dunklen Räumen und man badete in Wannen,[15] welche von Hand mit warmem Wasser gefüllt und entleert wurden. Man vermutet als erste römische balnea Bäder von Privathäusern in Kampanien aufgrund der lokalen Warmwasserquellen, die genutzt werden konnten. Ein entscheidender Fortschritt in der Entwicklung der Bäder gelang mit der Einführung der Hypokaustheizung, sodass durch dieses Prinzip der Unterbodenheizung die Möglichkeit für eine zentrale Wärmeregulierung einzelner Wannen oder Räume geschaffen war. Die Stabianertherme in Pompeji gilt als erste große Therme mit Hypokaustheizung.

Die Bäder nehmen innerhalb der römischen Kultur eine herausragende Stellung ein, wie in keiner anderen Gesellschaft vor oder nach den Römern. Deutlich wird dies durch die Häufigkeit und gründlichste Beschäftigung mit den Thermen in der Fachliteratur, aber auch in Briefen, Gedichten, medizinischen Ratgebern, Biografien und Spottversen. Die Badekultur im Islam setzt die römische Tradition am ehesten fort, doch gibt es hier eine enge rituelle Bindung, die dem römischen Badewesen völlig fremd war.[16]

2.5 Interpretation zentraler Begriffe

2.5.1 Erste Briefhälfte: Badekultur als Indiz für Luxus und Dekadenz

(86,1-13)

Seneca lobt das schlichte, rustikale Leben der Vorfahren, indem er die Prunksucht seiner Zeit den mores maiorum am Beispiel der Villa Scipios gegenüberstellt. Dem Römer seiner Zeit ist nichts prächtig genug: Eo deliciarum pervenimus, ut nisi gemmas calcare nolimus (86,7). Er zeigt in diesem Brief vor allem eine negative Entwicklung des Badewesens auf. Er vergleicht elementare Charakteristika der neuen Bäder mit den alten: Der alte Baderaum war angustum (86,4), tenebricosum (86,4), obscura (86,10) und gregali tectorio (86,10). Der neue Baderaum hingegen muss so eingerichtet sein, ut totius diei solem fenestris amplissimis recipiant (86,8) und zudem sollte der vornehme Römer aus seinem Bad einen guten Ausblick auf agros ac maria (86,8) haben und beim Baden durch die hohe Sonneneinstrahlung gebräunt werden. Weiterhin soll das Wasser argentea epitonia fuderunt (86,6) und das Wasserbecken mit thasischem Stein eingefasst sein, welcher früher selbst in Tempeln ein seltener Anblick war. Bei den Bädern der Alten stand die zweckmäßige Reinigung im Vordergrund und nicht das gegenseitige, öffentliche Wetteifern nach Prunk und Protz (vgl. 86,8). Seneca führt noch weitere Vergleichspunkte an, doch exemplarisch sollen die an dieser Stelle genannten zur Veranschaulichung reichen.

Die Ansprüche des modernen Römers an (s)ein Bad waren hoch. Seneca beschreibt, dass sie jedes Bad als blattaria balnea (86,8) bezeichnen, wenn es nicht den oben genannten Ansprüchen genügt. Blatta ist die Schabe, sodass man blattaria balnea mit dem Schimpfwort „Schabenloch“ bezeichnen könnte.

[...]


[1] Vgl. Mielsch, Harald: Die römische Villa. Architektur und Lebensform. München 1987 (Beck´s Archäologische Bibliothek), S. 37.

[2] Vgl. Elvers, Karl-Ludwig: Art. “P. C. Scipio Africanus”. In: Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. 3 (1997), Sp. 182.

[3] Vgl. Mielsch, Harald: Die römische Villa. Architektur und Lebensform. München 1987 (Beck´s Archäologische Bibliothek), S. 37.

[4] Vgl. a.a.O., S. 95.

[5] Vgl. Beloch, Julius: Campanien. Geschichte und Topographie des antiken Neapel und seiner Umgebung. Rom, 2. erw. Aufl. 1964 (Studia Historica, 11), S. 377.

[6] Henderson, John: Morals and villas in Seneca´s Letters. Places to dwell. Cambridge 2004, S. 160.

[7] Vgl. Beloch, Julius: Campanien. Geschichte und Topographie des antiken Neapel und seiner Umgebung. Rom, 2. erw. Aufl. 1964 (Studia Historica, 11), S. 379.

[8] Brödner, Erika: Die römischen Thermen. Darmstadt 1983, S. IX.

[9] Ebd.

[10] A.a.O., S. 1f.

[11] A.a.O., S. IX.

[12] Brödner, Erika: Die römischen Thermen. Darmstadt 1983, S. 1f.

[13] A.a.O., S. 242.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Weber, Marga: Antike Badekultur. München 1996 (Beck´s Archäologische Bibliothek), S. 17ff.

[16] Vgl. Brödner, Erika: Die römischen Thermen. Darmstadt 1983, S. 271.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Seneca´s Epistulae morales
Untertitel
Interpretation Brief 86
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Römische Philosophie: Seneca, Epistulae morales
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V163999
ISBN (eBook)
9783640789696
ISBN (Buch)
9783640790319
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Seneca, Epistulae morales, Sen. ep. 86
Arbeit zitieren
B.A. Ann-Christin Graé (Autor), 2010, Seneca´s Epistulae morales, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/163999

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