Interpretation des fünften Briefes 'Oenone an Paris' der ovidischen Heroides

Das Ende einer Jugendliebe


Seminararbeit, 2009

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Knappe Informationen zum Werk „Heroides“ und seinem Autor

3 Fünfter Brief ‚Oenone an Paris’ der ovidischen Heroides
3.1 Mythologischer Hintergrund
3.2 Knappe Inhaltszusammenfassung des Briefes
3.3 Interpretation des fünften Briefes
3.3.1 Oenones Gefühle für Paris
3.3.1.1 Ausgangssituation (V. 1-8)
3.3.1.2 Erinnerungen an gemeinsame Zeiten (V. 9-32)
3.3.1.3 Abschied (V. 41-57)
3.3.1.4 Zorn und Hass (V. 58-76)
3.3.1.5 Erste Selbst(an)preisung Oenones (V. 77-90)
3.3.1.6 Abwertung Helenas (V. 91-130)
3.3.1.7 Zweite Selbst(an)preisung Oenones (V. 130-150)
3.3.1.8 Appell an Paris (V. 151-158)

4 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit ist der fünfte Brief „Oenone an Paris“ der ovidischen Heroides. Im Vordergrund der Betrachtung sollen die Gefühle der Hauptfigur Oenone zu ihrem früheren Geliebten Paris stehen. Es soll unter anderem festgestellt werden, ob sich diese im Briefverlauf verändern oder konstant bleiben.

Es wurde dieser Brief ausgewählt, da die Liebesbeziehung zwischen Oenone und Paris, eine Jugendliebe, kaum bekannt ist im Gegensatz zu seinen späteren Liebschaften, wie zum Beispiel mit Helena.

Für ein besseres, umfangreicheres Verständnis des Briefes wird vor Beginn der Interpretation eine kurze Einführung in das Werk Heroides gegeben, dem auch dieser fünfte Brief „Oenone an Paris“ entnommen ist, und zudem knapp der Autor Ovid im Verhältnis zu diesem eingeordnet. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird der mythologische Hintergrund zu diesem Brief erschlossen werden, sodass der Zusammenhang von den Geschehnissen mit diesem Brief deutlich wird. Eine sehr kurze Wiedergabe des Briefinhalts soll einen ersten Überblick über den Inhalt geben. Im Anschluss hieran beginnt die eigentliche Interpretation des Briefes unter der oben bereits genannten Fragestellung, sodass der Inhalt des Briefes ausführlicher deutlich wird.

Der Interpretationsteil wird fein untergliedert, damit abschnittsweise die Gefühle Oenones betrachtet werden können.

Die bei der Interpretation verwendete lateinische Textausgabe ist die von Heinrich Dörrie (1971), da diese auch einen textkritischen Apparat enthält.

2 Knappe Informationen zum Werk „Heroides“ und seinem Autor

Die „Heroides“, auch „Epistulae heroidum“ genannt, sind ihrer äußeren Form nach fiktive Briefe mythologischer Frauengestalten an ihre abwesenden, in der Ferne verweilenden Männer oder Geliebten. Ihre innere Form ist die des inneren Monologs. Der Titel dieses ovidischen Werks ist nicht genau geklärt, da der Titel des Buches nicht überliefert ist[1] und der Titel nur eine sekundäre Hinzufügung der einzelnen Herausgeber ist. Sie enthalten vierzehn Briefe berühmter Heldinnen, jedoch lässt Ovid auch mythologische Nebenfiguren zu Wort kommen, einen Brief von Sappho (historisch greifbare Persönlichkeit: antike griechische Dichterin) an Phaon und drei Briefpaare männlicher Gestalten aus dem Mythos an ihre Frauen mit den Antwortbriefen ihrer Frauen. Die äußere Form der Heroides ist das elegische Distichon. Inhaltlich umfassen sie ein weites Spektrum der Liebe und der Leidenschaft. Mal steht die Sehnsucht im Vordergrund (Penelope an Odysseus), mal der Versuch der Rückgewinnung des Geliebten (Oenone an Paris), mal der Vorwurf der Treulosigkeit (Ariadne an Theseus). Die Briefe unterliegen ähnlichen Aufbauschemata und Inhalten, sodass sie nicht dazu geeignet sind in einem Zug gelesen zu werden. Je nach Stimmung des Lesers, kann ein Brief ausgewählt werden.

Der Autor dieses Werkes Publius Ovidius Naso (kurz: Ovid) und sein Lebenslauf dürften als bekannt vorausgesetzt werden, sodass im weiteren Verlauf nur auf die Beziehung zu diesem Werk und seine Rezeption eingegangen wird. Verfasst wurden die „Epistulae heroidum“ vermutlich um das Jahr 2 n.Chr. herum. Die Heroides spiegeln seinen „psychologischen Scharfblick“[2] wieder, insbesondere Ovids tiefgründiges Verständnis für die weibliche Psyche und zeigen abermals seinen spielerisch leichten Umgang mit dem Thema Liebe auf. Charakteristisch für den Schreibstil der Heroides ist seine Orientierung an antiken Vorlagen, jedoch wandelt er diese größtenteils ab, sodass ihm eine eigene Interpretation des mythischen Stoffes bzw. der jeweiligen Vorlage gelingt.

„Das unkonventionelle Werben der Frau um den Mann war eine noch ungewohnte Erscheinung in der römischen Gesellschaft“[3]. Ovid greift somit sowohl inhaltlich fortschrittlich der Zeit der Antike voraus, als auch formal, denn die Heroides können als Vorläufer des inneren Monologs als eigene Gattung verstanden werden. Er scheint hiermit die konventionelle Gesellschaft schockiert zu haben.[4] Ovid hat die Rollen von Mann und Frau im Gegensatz zur römischen Liebeselegie umgekehrt und lässt die Frauen über Liebe sprechen.[5] In der Nachwelt erfreute sich jedoch die Literaturgattung Heroide „größter Beliebtheit“[6]. Michael von Albrecht formuliert die dichterische Intention der „Epistulae heroidum“ „als Brennspiegel von Ovids Rezeption der bisherigen klassischen und hellenistischen Dichtung, seines dichterischen Selbstverständnisses und seiner eigenen bisherigen Werke“[7].

3 Fünfter Brief ‚Oenone an Paris’ der ovidischen Heroides

3.1 Mythologischer Hintergrund

Ovid greift in diesem Brief eine weniger bekannte Liebesgeschichte aus der Jugendzeit des Paris auf: seine Liebesbeziehung zu der Nymphe Oenone (Vater: Flussgott Kebren; Fluss in der Troas). Der mythologische Inhalt stammt aus dem trojanischen Sagenkreis. Paris wurde in den Wäldern des Ida (Berg in der Troas) als Säugling ausgesetzt, denn seine Mutter Hekuba (auch Hekabe) träumte kurz vor seiner Geburt, dass sie ein brennendes Holzscheit gebären werde. Sein Vater war der trojanische König Priamos. Somit ist Paris der Bruder des Hektor und der Kassandra. Hekubas Traum wurde symbolisch so gedeutet, dass Paris eine Gefahr für Troja darstelle und seinen Untergang herbeiführen werde (Inbrandsetzung Trojas).

Nach seiner Aussetzung wurde Paris von einer Bärin gesäugt, bis ihn ein Hirte fand und ihn in seinem Haus großzog. Oenone verliebte sich in den Hirten/Sklaven Paris und heiratete ihn. Sie lebten in der phrygischen (Kleinphrygien: Landschaft im nordwestlichen Kleinasien) Bergwelt zusammen und hatten einen Sohn: Korythos.

Im Parisurteil entschied er sich für Aphrodite und erhielt als Preis Helena zur Frau. In Troja nahm er an seinen eigenen Leichenspielen teil, wo seine Schwester Kassandra ihren längst für tot gehaltenen Bruder durch ihre wahrsagerischen Fähigkeiten erkannte. Paris wird wieder in die trojanische Königsfamilie aufgenommen. Als königlicher trojanischer Prinz fuhr er dann gegen den Willen Oenones nach Sparta, um dort Helena zu rauben.

Zu allem Unglück verliebte sich der herangewachsene Korythos in Helena und wurde aus Eifersucht von seinem eigenen Vater erschlagen, der ihn nicht erkannte.

Im Trojanischen Krieg wurde Paris von dem griechischen Bogenschützen Philoktetes mit einem vergifteten Heraklespfeil schwer verwundet. Er fleht Oenone um Hilfe an, diese verweigert sie ihm jedoch, da sie zutiefst von ihm verletzt worden ist. Oenone bereut ihre Entscheidung und eilt Paris nach, doch dieser ist bereits gestorben. Vor lauter Kummer bringt sie sich selber um. Sie schichtet für Paris einen Scheiterhaufen auf und stürzt sich anschließend zu ihm in die Flammen.

3.2 Knappe Inhaltszusammenfassung des Briefes

In der fünften Epistel wirbt Oenone um die Liebe des Paris, obwohl dieser sie verlassen hat und nicht mehr der Ihrige sein möchte. Sie schwelgt in Erinnerungen ihrer vergangenen, jedoch sehr schönen Liebesbeziehung. Sie klagt Paris´ Unbeständigkeit an und bringt ihre Verletzung und ihren durchlebten Schmerz zum Ausdruck. Oenone appelliert an das Gewissen des Paris, der in ihrer Schuld stehe, da sie sich seiner, trotz seiner einfachen Herkunft als Hirte, angenommen habe. Oenone redet schändlich über Paris’ neue Gattin Helena und preist sich im Gegenzug als „sich Verzehrende“ und „Reine“ an. Im letzten Satz bittet Oenone Paris darum, die letzte Lebenszeit gemeinsam mit ihm verbringen zu dürfen.

3.3 Interpretation des fünften Briefes

3.3.1 Oenones Gefühle für Paris

3.3.1.1 Ausgangssituation (V. 1-8)

Oenone legt direkt zu Beginn ihres Briefes ihre tiefe Verletzung offen und beklagt sich über Paris: „laesa queror de te […] ipsa meo“ (V. 4). Sie stellt ihre Berühmtheit im selben Satz heraus („Phrygiis celeberrima silvis“, V. 3), sodass die Verletzungen des Paris für die Leser doppelt schwer scheinen. Auch im späteren Verlauf betont sie nochmals, dass sie eine gute Abstammung besitzt: „edita de magno flumine nympha fui“ (V. 10). Sie schließt zwei rhetorische Fragen an, die aufzeigen, dass sie sich keiner Schuld bewusst ist und einen Schicksalsschlag, das fehlende Wohlwollen eines Gottes, hinter den Umständen sieht:

„Quis deus opposuit nostris sua numina votis?

Ne tua permaneam, quod mihi crimen obest?” (V. 5 und 6)

Weiterhin lässt sich aus diesen beiden Versen schließen, dass sie die Schuld nicht allein bei Paris sucht. Dadurch, dass Oenone einen ihrer Liebe missgestimmten Gott als möglichen Grund in Anbetracht zieht, wird deutlich, dass ihre Hoffnung auf die Rückkehr des Paris zu ihr noch sehr groß ist. Der Gott muss nur wieder positiv gestimmt werden und schon lässt er Paris zu ihr zurückkommen. Sie fragt zwar auch, was ihr für ein „crimen“ (V. 6) zuteil wird, doch dies ist nur eine rhetorische Frage, da sie im folgenden Vers ihren Schmerz als unverdientermaßen bezeichnet.

3.3.1.2 Erinnerungen an gemeinsame Zeiten (V. 9-32)

In den folgenden Versen 9-32 erinnert Oenone Paris detailliert an ihre schönen gemeinsamen Erlebnisse. In diesem Abschnitt macht sie abermals deutlich, dass sie eine bessere Stellung als er innehatte, jedoch „cum te contenta marito“ (V. 9) war und „servo nubere nympha tuli“ (V. 12). In dem folgendem Abschnitt erinnert sie sich an die schönen gemeinschaftlich verbrachten Zeiten (V. 13-V. 20), an Jagderlebnisse und gemeinsame Nächte. Die Bedeutsamkeit dieser Erinnerungen für sie wird auch stilistisch zum Ausdruck gebracht, indem das Wort „saepe“ immer wieder verwendet wird. Sowohl beginnt der Abschnitt ihrer Erinnerungen in Vers 13 mit dem „saepe“ als auch ihre Erinnerungen in Vers 20 hiermit schließen. Dazwischenliegend wird das „saepe“ noch weitere dreimal aufgegriffen. Durch die Verwendung dieser Anapher wird zum Einen die Bedeutung dieser Verse hervorgehoben, zum Anderen aber auch die Häufigkeit ihrer schönen Zeiten unterstrichen. Paris soll zurückdenken und sich der vielen schönen Zeiten bewusst werden, die vielleicht bei ihm schon in Vergessenheit geraten sind. Weiterhin hebt auch die Alliteration „saepe super stramen“ (V. 15) das Gewicht der wundervollen Zeit ihrer Liebe hervor und in diesem Fall leitet die Alliteration ihre Schwelgungen an die zusammen verbrachten Nächte ein.

[...]


[1] In der ältesten Handschrift „P“ ist kein Titel überliefert.

[2] Holzberg, Niklas: Ovid. Dichter und Werk, S. 97.

[3] Von Albrecht, Michael: Ovid. Eine Einführung, S. 120.

[4] Vgl. Oppel, Eberhard: Ovids Heroides. Studien zur inneren Form und zur Motivation. Diss., Erlangen-Nürnberg 1968, S. 2.

[5] Vgl. Von Albrecht, Michael: Ovid. Eine Einführung. Stuttgart 2003, S. 128.

[6] Oppel, Eberhard: Ovids Heroides. Studien zur inneren Form und zur Motivation. Diss., Erlangen-Nürnberg 1968, S. 2.

[7] Von Albrecht, Michael: Ovid. Eine Einführung. Stuttgart 2003, S. 129.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Interpretation des fünften Briefes 'Oenone an Paris' der ovidischen Heroides
Untertitel
Das Ende einer Jugendliebe
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur und literarischer Betrieb in Rom
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V164000
ISBN (eBook)
9783640789702
ISBN (Buch)
9783640789238
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ovid Heroides, Heroides, Oenone und Paris, Ovidische Heroides
Arbeit zitieren
B.A. Ann-Christin Graé (Autor), 2009, Interpretation des fünften Briefes 'Oenone an Paris' der ovidischen Heroides , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164000

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