Fremd sein – Freund sein zwischen 1939, 2009 und 2050

Persönlicher Zwischenbericht eines Comeniusprojektes


Projektarbeit, 2010
9 Seiten

Leseprobe

Fremd sein – Freund sein zwischen 1939, 2009 und 2050

Ein persönlicher Zwischenbericht eines COMENIUS-Projektes

1. Hintergründe und Motive für das Projekt

Das Theodor-Fliedner-Gymnasium der Evangelischen Kirche im Rheinland (TFG) hat bereits seit 40 Jahren eine Partnerschaft mit einer Schule in Yifat (Israel), seit mehr als 15 Jahren mit einer Schule in Dzialdowo (Polen) und seit 5 Jahren mit einer Schule in Nimwegen (Niederlande). Im Frühjahr 2008 entstanden in unserem Kollegi­um – zunächst unabhängig voneinander – folgende Fragen:

1) Wie können wir diese Partnerschaften lebendig erhalten, da sie alle nicht mit Sprachen verknüpft sind, die an unserer Schule gelehrt werden. Den Hintergrund hierzu bildete ne­ben dem zunehmenden Zeitdruck unter G8 die Erfahrung, dass die Frankreichpartner­schaft beendet werden musste, weil die französische Kollegin die Schule gewechselt hat­te und sich trotz vieler Versuche unsererseits weder an der einen noch an der anderen Schule eine Fortsetzung möglich machen ließ.
2) Wäre es nicht mal sinnvoll ein Projekt mit allen Partnerschulen gemeinsam durchzufüh­ren, um hier eine Vernetzung der 4 Schulen und einen Abgleich der verschiedenen Aus­tauschtraditionen zu ermöglichen, um so neue Ideen ausprobieren zu können?
3) Sollte unsere Schule nicht bei dem bevorstehenden II. Ökumenischen Kirchentag als Mit­wirkende präsent sein und nicht nur einige Schüler als Teilnehmende entsenden?

Wann, wie und wo die Idee geboren wurde, alle 3 Fragen durch ein internationales Kultur-Pro­jekt gemeinsam zu beantworten, ist nicht mehr genau nachzuvollziehen, aber seit Herbst 2008 hat sich eine kleine Gruppe am TFG gebildet, die erste Entwürfe einer Projektidee formuliert und diese über die jeweils Verantwortlichen mit unseren Partnerschulen abgestimmt hat. Da einer der Beteilig­ten schon mehrfach internationale Straßentheaterprojekte durchgeführt hat, war auch schnell klar, dass wir den Zugang über diese Methode wählen wollten[1].

Nachdem die Kollegen in den Partnerschulen ihre Zustimmung signalisiert hatten, begann die Suche nach möglichen Finanziers für ein solches Projekt. Einen Versuch unternahmen wir bei einem Wettbewerb zum Thema „Fremd sein, Freund sein“ in Geschichte und Gegenwart, bei dem die Schüler sich mit entsprechenden Darstellungen in verschiedenen Medien auseinandersetzen sollten. Unser Vorschlag wurde zwar nicht akzeptiert, aber wir hatten so unser Thema und die Idee gefunden, uns in den 3 Dimensionen von Vergangenheit (1939), Gegenwart (2009) und Zukunft (2050) mit dem Thema auseinander zu setzen. Außerdem ist von dieser Bewerbung die Methode 'hängen geblieben', erst parallel in den 3 Schulgruppen einen Film zu gucken und zu bearbeiten und davon ausgehend Szenen für ein Theaterstück zu entwickeln, die bei verschiedenen Vortreffen vorgestellt und miteinander diskutiert werden sollen.

Da an den Schulen in Yifat, Nijmegen und Düsseldorf, Theaterspielen entweder als Schulfach oder als AG angeboten wird, gab hier keine größeren Probleme mit der gewählten Methode. Die Schule in Dzialdowo entschied sich für eine Kooperation mit dem örtlichen Jugendkulturhaus und der dortigen Theaterpädagogin, um so auch einen eigenen Beitrag leisten zu können.

Als Kommunikationssprache zwischen den Lehrern bot sich zunächst Deutsch an, da in Nimwegen und Dzialdowo Deutschkolleginnen das Projekt leiteten. Je mehr Kollegen aus beiden Schulen sich aber am Projekt beteiligten (und insbesondere im Blick auf die Israelis) umso mehr wechselte die Kommunikation ins Englische. Bei den Schülern war es eh (fast) immer das Englische.

Trotz einiger Bedenken wegen der - fast schon sprichwörtlich gewordenen - umfangreichen und detailverliebten EU-Anträge entschieden wir uns – mangels Alternativen – dazu, einen Comeniusantrag zu stel­len. Das Ausfüllen der Formulare machte noch viele Telefonate, E-Mails und Skype-Konferenzen nötig, doch stand am Ende der Mühen die erhoffte Bewilligung. Dieser EU-Zuschuss ermöglichte es also den Schulen in Polen, den Niederlanden und Deutschland intensiv zusammen zu arbeiten. Die Schule in Israel, für die eigene, kirchliche Fördergelder gefunden werden konnten, wurde über den Projektfortschritt regelmäßig informiert, damit sie möglichst gleichberechtigt am ersten Höhepunkt, den Auftritten beim II. Ökumenischen Kirchentag, mit einer kleinen Gruppe (6 Schü­ler plus 2 Lehrerinnen) teilnehmen konnte.

Als Ziel formulierten wir: „Generelles Ziel des Projektes ist es, ein dauerhaftes Netzwerk zwischen den beteiligten Schulen einerseits und den Jugendlichen andererseits aufzubauen, so dass die Schulen ihre europäische und interkulturelle Bildungsarbeit weiter qualifizieren können und die Jugendlichen (nach dem Schulabschluss) ohne den institutionellen Rahmen der Schulen die entstandenen Kontakte weiterführen können. ...

Als Mittel dazu werden die Schülerinnen und Schüler lokal, überschulisch und bei gemeinsamen Treffen Medien und mediale Darstellung als Ort und Quelle freundlichen und feindlichen Verhaltens erfahren und Wege suchen, eigene thematische Aussagen medial in unterschiedlichen Formen zu gestalten und einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren sowie den eigenen Lernprozess dokumentieren, evaluieren und valorisieren.”

2. Projektverlauf – geplant, realisiert

Dank einer intensiven Kommunikation zwischen den beteiligten Lehrern in Nimwegen, Dzialdowo und Düsseldorf konnten wir schon vor dem offiziellen Programmstart am 1.8. einige Fragen klären, die laut Antrag erst beim ersten Projekttreffen besprochen werden sollten. So haben wir uns z.B. recht früh gemäß gemeinsamer Kriterien (der Film sollte möglichst aktuell sein und in möglichst vielen Übersetzungen vorliegen) auf den von allen zu guckenden Film einigen können. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ wurde gewählt da er (im Vergleich zu „Schindlers Liste) aktuell war, in 3 der 4 Sprachen vorlag und im Vergleich zu „Der Pianist“ weniger offene Gewalt enthielt. Inhaltlich bietet die Beziehung zwischen den beiden Kindern am Stacheldrahtzaun natürlich auch viel Stoff über Fremd sein, Freund sein, Grenzen und Grenzüberschreitungen, … nach zu denken, was auch an allen drei Schulen im September/Oktober geschah. Die jeweiligen Treffen wurden mit kleinen Protokollnotizen und Fotos dokumentiert und den anderen Gruppen zur Verfügung gestellt.

Nach dem symbolischen Start des Projektes am 1. September 2009 stellte sich schnell heraus, dass wir unserem Plan weit voraus waren und der Wunsch, die Schüler aktiv an dem Projekt zu beteiligen, von diesen auch geteilt und eingefordert wurde. Deshalb änderten wir den Plan dahin gehend, dass am ersten Treffen im November in Nimwegen nicht nur 2 Lehrer, sondern auch 5 Schüler teilnehmen sollten.

Das Treffen, das ursprünglich von Sonntag bis Mittwoch stattfinden sollte, musste dann wegen Nebel über Danzig, der den Abflug des Billigfliegers verhinderte, kurzfristig auf Montag (9. November) bis Donnerstag verschoben werden. Dies tat der Stimmung aber keinen Abbruch, sondern stärkte im Gegenteil noch den Zusammenhalt angesichts des Engagements der polnischen Gruppe, die nun – dank einer Nacht im Zug - statt von Danzig von Breslau aus los flog.

Das Programm in Nimwegen, das von den niederländischen Schülern vorbereitet worden war, sah – immer unter dem Gedanken „Fremd sein, Freund sein” - neben Gesprächen mit der lokalen Beauftragten für die Städtepartnerschaften und die Euregio auch Besuche des Befreiungsmuseums sowie des Museums Orientalis (zu den 3 Religionen Judentum, Christentum, Islam) vor. Daneben gab es für die Schüler Zeit für eigenständige Aktivitäten in der Gesamtgruppe oder mit den gastgebenden Familien. Als Höhepunkt stellte sich aber der erste gemeinsame Theaterworkshop heraus, bei dem Talente entdeckt und Ideen entwickelt wurden. Ungeahnte Langzeitwirkungen zeigte auch eine kleine Einheit im Computerraum, die die Schüler auf unseren Vorschlag hin zur Etablierung einer „Comeniusgruppe“ auf Facebook nutzten, in die in kürzester Zeit auch die Nicht-Anwesenden integriert wurden und auf der bis heute immer wieder neue Fotos der Treffen eingestellt werden und so der Austausch intensiv gepflegt wird.

Zu einer Nebenspur des Gesamtprojektes hat sich die spontane Idee einiger niederländischer und deutscher Schüler entwickelt, gemeinsam den Weihnachtsmarkt in Düsseldorf zu besuchen. Mittlerweile hat sich daraus ein reger, eigenständiger nachbarschaftlicher Austausch entwickelt, der von den Lehrern nur moralisch unterstützt wird.

Die Zeit zwischen den Treffen in Nimwegen (Nobvember 2009) und Dzialdowo (Februar 2010) sollte von allen drei Schulgruppen dazu genutzt werden, eigene Szenen zu entwickeln, die dann in Dzialdowo vorgestellt und diskutiert werden sollten. Dies geschah auch und erforderte einen ganzen, anstrengenden „Studientag“. Es zeigte sich aber auch, dass die Idee „Straßentheater“ und nicht „Bühnentheater“ zu spielen, nur von der deutschen Gruppe umgesetzt worden war, was zu ersten Diskussionen darüber führte, wie verbindlich diese Absprache zu verstehen ist und wie sinnvoll sie sei angesichts der Aussicht, beim Ökumenischen Kirchentag drei- von viermal auf einer Bühne (und nicht auf der Straße) zu spielen.

Auch hier kamen inhaltliche Aspekte – Führung durch die deutsch-jüdisch-polnische Stadt Thorn/Thorun und durch Dzialdowo/Soldau – sowie Freizeitaspekte nicht zu kurz. Als besonders kommunikationsfördernd und 'Eisbrecher' im polnischen Winter, erwies sich die gemeinsame Anreise der deutschen und niederländischen Gruppe, was ein Kennen Lernen in kleiner Runde ermöglichte, sowie die Abholung vom und das Begleiten zum Flughafen durch die polnische Gruppe, für die dieses Engagement jeweils knapp 8 Stunden Busfahrt bedeutete.

Als praktisches Element konnten wir in diesen Tagen mit einem polnischen Informatik-Kollegen das Konzept einer trilateralen Projekthomepage besprechen, das er nachher so überzeugend realisiert hat, das diese ungewöhnlich viele Zugriffe zu verzeichnen hat.[2]

Am nächsten Treffen in Düsseldorf/Solingen und München, das am 8.Mai begann, nahm auch eine Gruppe von 6 Schülern und 2 Lehrern aus Yifat/Israel teil. Das Treffen begann am Samstagnachmittag in der Evangelischen Jugendbildungsstätte „Hackhauser Hof“ in Solingen und war bis zum Dienstag von intensivem Theaterspielen, selbstgestalteten Freizeitaktivitäten (Sport, Disco, spontaner Besuch der nahegelegenden Kirmes, etc.) und kurzen Nächten geprägt.

Ein wesentlicher Knackpunkt für das Projekt war die von den Schülern angeregte Diskussion zur Frage, ob es wirklich ein gemeinsames Stück geben sollte, wie ursprünglich überlegt und im Projektantrag formuliert, oder ob es nicht besser wäre, die vier bestehenden, detailliert ausgearbeiteten und mühsam erprobten Szenen zu erhalten und zu einem Stück zu verbinden. Hauptargument der Schüler dabei war, warum sollen wir das, was wir in wochenlanger Arbeit zuhause erarbeitet haben durch etwas ersetzen was wir jetzt 'auf die Schnelle' hier erstellen. Und der Vorschlag, evt. einige Schüler unter den Gruppen auszutauschen, um so das Gemeinsame zu betonen, wurde ebenso zurück gewiesen, da es kaum für andere möglich sei, in kurzer Zeit die Rolle zu lernen, die man selbst mühsam erarbeitet habe. Das Ergebnis, das interessierte Beobachter als „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“[3] beschrieben, ließ deutlich die Bedeutung erkennen, die der Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ in der weiteren Verarbeitung des Themas in den jeweiligen Gruppen gespielt hatte (spielerisch-assoziative oder sehr direkte thematische Vorlage). Ob die jeweilige Akzentsetzung mehr in den individuellen Vorlieben des jeweiligen Theaterpädagogen oder in gruppen- bzw. schultypischen oder gar kulturellen Faktoren begründet ist, wurde zwar kurz in abendlichen Gesprächen angesprochen, aber in der Gesamtgruppe nicht weiter diskutiert.

Nach der Rückkehr aus Solingen hatte die Gesamtgruppe von 46 Schülerinnen und Schülern und 8 Lehrerinnen und Lehrern insgesamt 5 Auftritte mit der erarbeiteten Performance zu absolvieren. Die erste Präsentation in der Ruine der Kaiserpfalz in Düsseldorf-Kaiserswerth, dem Heimatort des TFG, hatte immerhin knapp 100 Zuschauer darunter Freunde, Mitschüler, Lehrer, Schulleitungen aus Nimwegen und Düsseldorf sowie wegen des leider sehr schlechten Wetters nur einige wenige Spaziergänger.

[...]


[1] Zu den fachlichenHintergründen der beiden Initiatoren des Projektes s. Schulz, Hans-Peter:Von persönlicher Selbstentdeckung zu ästhetischer Gestaltung. Theaterpädagogische Arbeit mit Gruppen - ein Beitrag zu einer integrierten pädagogischen Theorie des Selbst. - Baden-Baden 2003; Scholten, Alfons: Ratgeber Internationale Begegnungen. - Neuss 2001

[2] Die Adresse der Eingangsseite ist: http://www.zsnr1.dmkproject.pl/marek/comenius/index.php?doc=comenius um den deutschsprachigen Teil zu erreichen bitte auf den Button “TFG Düsseldorf” klicken

[3] vgl. Scholten 2001, 45ff

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Fremd sein – Freund sein zwischen 1939, 2009 und 2050
Untertitel
Persönlicher Zwischenbericht eines Comeniusprojektes
Veranstaltung
COMENIUS Projekt: Fremd sein, Freund sein zwischen 1939, 2009 und 2050
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V164025
ISBN (eBook)
9783640793310
ISBN (Buch)
9783640793969
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Comenius, Projekt, international, Begegnung, Theater, Niederlande, Israel, Polen, interkulturelles Lernen, Ökumenischer Kirchentag, Fremd sein, Freund sein, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, 1939, Film, Der Junge im gestreiften Pyjama, Theodor-Fliedner-Gymnasium der EKiR
Arbeit zitieren
Alfons Scholten (Autor), 2010, Fremd sein – Freund sein zwischen 1939, 2009 und 2050, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164025

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