Die Sidi Okba Moschee

Die Ursprünge der islamischen Gebetsarchitektur - eine Spurensuche in Kairouan


Hausarbeit, 2007

38 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALT

I. EINLEITUNG

II. HAUPTTEIL
II.1 KONTEXT: ISLAMISCHE EXPANSION UND DIE ENTSTEHUNG VON KAIROUAN
II.2 GRUNDKONFIGURATIONEN ISLAMISCHER GEBETSARCHITEKTUR
II.2.1 BEDEUTUNG DER MOSCHEE
II.2.2 EINIGE WIEDERKEHRENDE BESTANDTEILE VON MOSCHEEN UND IHRE ENTWICKLUNGSLINIEN13
II.2.3 BESCHREIBUNG, DATIERUNG UND ANALYSE DER EINZELNEN BAUTEILE
II.3 SCHLUSSFOLGERUNGEN ZUR BEDEUTUNG DER SIDI OKBA MOSCHEE

III. RESUMÉE

IV. ABSTRACT

V. ANHANG
V.1 ZEITTAFEL ZUR SIDI OKBA MOSCHEE IN KAIROUAN
V.2 ABBILDUNGEN

VI. LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

„ A race of fanatics, nomads scarcely able to build walls, coming to a land covered with the ruins left by their predecessors, picked up here and there whatever seemed most beautiful to them, and, in turn, with these debris all of one style and one order, raised, under the guidance of heaven, a dwelling for their god, made of pieces torn from crumbling towns, but as perfect as the purest conceptions of the greatest workers of stone. ” 1

Einführung

Zu Beginn des siebten Jahrhunderts nach Christi Geburt bricht ein vergleichsweise gering entwickeltes Volk von (zum Teil nomadischen) Stämmen aus seiner angestammten Heimat, der Arabischen Halbinsel, auf. In weniger als einem Jahrhundert erobern die Araber ein Reich von zuvor ungekannter Ausdehnung. Geeint durch den Islam, kontrollieren sie um 730 ein zum Teil nur locker zusammenhängendes Herrschaftsgebiet vom Indus im Osten bis an die Pyrenäen im Westen. Die Konsolidierung und Festigung dieses Reiches, nach Innen wie nach Außen, setzte unmittelbar nach der Eroberung ein. In Folge erlebte dieses, nun von muslimischen Arabern beherrschte und zumindest zum Teil islamisierte Gebiet, ab Mitte des 8. Jahrhunderts und im 9. Jahrhundert ein so genanntes Goldenes Zeitalter. Insbesondere im ‚fruchtbaren Halbmond‘2 erreichen verschiedenste Wissenschaften und Künste, aber auch Architektur und Wirtschaft ein hohes Niveau. Eindrucksvolle Bauten wie die Große Moschee von Samarra, die Entwicklung der nashki- und kufi -Schrift und bedeutende Fortschritte in der Mathematik und Geometrie sind einige Zeugen für den hohen Stand der damaligen islamischen Kultur.

Beispielhaft für die kraftvolle Entwicklung der islamischen Kultur in dieser Zeit ist ihre Architektur. Wichtige Bauten des Islam stellen die Gebetsplätze dar, besonders die Freitags- bzw. Versammlungsmoscheen3 (masdschid i dschuma bzw. dschami masdschid übersetzt bedeutet es etwa: ‚Ort des gemeinschaftlichen Niederwerfens vor Gott‘). Sie sind von zentraler Bedeutung für das religiöse und soziale Leben in der islamischen Kultur und als solche hervorragender Ausdruck ihrer Mentalität. Von der Gemeinschaft besonders geschätzt und gepflegt, blieben sie über Jahrhunderte erhalten und sind oftmals die einzigen noch erhalten gebliebenen Bauwerke. Zu allen Zeiten manifestierte sich in ihnen, zur Ehre Gottes, zum Nutzen der Gemeinschaft und des Stifters, die Blüte der islamischen Kunst. Im 8. bis 10. Jahrhundert entwickelte sich, den Bedürfnissen der Gemeinschaft und des islamischen Kultes folgend, die Hallen- oder Hypostylmoschee. Sie nahm dabei die Einflüsse verschiedener vorislamischer Kulturen auf. Dieser Moscheentyp war eine der maßgeblichen Matrizen, von der ausgehend sich die islamische Moscheenarchitektur in den folgenden Jahrhunderten weiterentwickelt hat. Gerade weil die islamische Kunst der ersten drei Jahrhunderte auch in späterer Zeit noch einen so fundamentalen Einfluss im Moscheenbau ausübte, stellt sich aus kunstgeschichtlicher Perspektive die Frage, wie genau die Genese der islamischen Architektur verlaufen ist. Das heißt: Ausgehend von der anerkannten These, das die Araber als Wüstenvolk bis zur Entstehung des Islam kaum eine entwickelte Architektur besaßen4, ist die Entwicklung der islamischen Architektur im ersten Jahrhundert nach Mohammed als Aufnahme der schon vorhanden Architekturtraditionen aus den von ihnen eroberten Räumen zu verstehen. Die frühe islamische Architektur ist also ein Kompositum unterschiedlicher Architekturtraditionen verschiedenster Kulturen. Sie ist eine ‚Kompositkunst‘5. Vor diesem Hintergrund ist zu erforschen, ob und in welcher Form sich Charakteristika zusammengesetzter Kunst in einzelnen Bauwerken ermitteln lassen. Die Identifikation und Zuordnung von kulturellen Einflüssen eröffnet im Anschluss die Möglichkeit, weiterführende Aussagen über Austausch- und Anpassungsprozesse zwischen Kulturen zu treffen. Darüb]er hinaus ist gerade auch das Transformierte und das Nichtzuordenbare, also das Neue von herausragendem Interesse, denn gerade an diesen Stellen zeigt sich der Wille zur eigenen, selbstbewussten Schöpfung besonders deutlich.

Fragestellung

Einer der bedeutenden, großen Moscheebauten des 9. Jahrhunderts ist die ‚Große Moschee von Kairouan‘6. Sie ist einer der Bauten des frühen Islam, an dem sich mehrere der genannten ‚Neuheiten‘ noch heute identifizieren lassen. In der Großen Moschee von Kairouan kristallisieren sich die architektonischen Entwicklungen Nordafrikas heraus. Hutt bestätigt dies: indem er über den Neubau des 8. Jahrhunderts sagt: „ [ … ] it formed the kernel of Aghlabid Architecture. “ 7 Die Sidi Okba Moschee war und ist eines der religiösen Zentren der Muslime in Nordafrika. Gemeinsam mit anderen bedeutenden Vorbildern hat die Große Moschee von Kairouan (Hauptbauzeit vom 8. bis Anfang des 10. Jahrhunderts durch die Dynastie der Aghlabiden) als Inspirationsquelle für die Baumeister der nachfolgenden Jahrhunderte gedient. Gerade da sie zum Vorbild für andere Moscheebauten wurde, ist es von besonderem Interesse zu entschlüsseln was die Große Moschee von Kairouan architekturgeschichtlich ausmacht, was sie charakterisiert.

Den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet nachstehende These: Die islamische Architektur und ihre Ausgestaltung, wie sie sich in der Großen Moschee von Kairouan in ihrem Ausbau bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts manifestiert, ist nicht ausschließlich als reine Kompositkunst zu bezeichnen. Die Große Moschee von Kairouan ist als architektonische Manifestation eines selbstbewussten Islam8 zu verstehen, der das Erbe anderer (älterer) Kulturen, den Bedürfnissen der jungen Glaubensgemeinschaft entsprechend, selektiv aufnimmt und sie, diesen Bedürfnissen entsprechend, kreativ umformt oder auch mehrere solcher Einflüsse miteinander kombiniert und synthetisiert. Auf diese Weise entsteht eine genuin islamische Kunst. Im Sinne der Übernahme und Angleichung von Elementen fremder Kulturen in die sich ausdifferenzierende Gemeinschaft des Islam ist von mehreren architektonischen - oder weiter gefasst - künstlerischen Akkulturationen des Islam im Mittelmeerraum und in Persien zu sprechen. In Folge dieser kulturellen Anpassungs- und Austauschprozesse entsteht in den ersten vier Jahrhunderten nach der hi ra9 das, was als islamische Kunst beziehungsweise Künste anzusprechen ist.10

Untersuchungsablauf

Die Große Moschee von Kairouan steht im Focus dieser Arbeit. Sie dient als prominentes Beispiel für den nordafrikanischen Entwicklungsstrang der islamischen Kunst. Anhand des Baukörpers der Sidi Okba Moschee werden Spuren dieser Entwicklungen aufgezeigt. Sie ist heute besonders gut für eine solche Untersuchung geeignet, denn „ [ … ] the general arrangement of the building has scarcely changed, and looks today much as it did in the eleventh century. “ 11

Im Hauptteil der Argumentation wird in einem Zweischritt verfahren. An erster Stelle steht eine doppelte kontextuelle Einbettung der Entstehung der Großen Moschee von Kairouan. Dies geschieht zum einen in Form einer kurzen Geschichte der islamischen Expansion nach Nordafrika. Dabei wird erläutert, werden welchen Einflüssen die islamisch- arabische Kultur während ihrer Expansionsbewegung ausgesetzt war, um dadurch die Art der Einflüsse zu eruieren. Zum anderen erfolgt eine Zusammenfassung der Bedeutung und Grundkonfiguration islamischer Gebetsarchitektur und ihrer bestimmenden Faktoren. Nachdem derartig der Bezugsrahmen abgesteckt wurde, ist die nächste Vorraussetzung für ein fundiertes Verständnis ihrer Entstehungsdeterminanten die gründliche Analyse des Baukörpers der Großen Moschee. Die Basis hierfür bildet eine komprimierte Beschreibung und Datierung der einzelnen Bauteile. Es folgen Analysen der baulichen Grundstruktur, der Bauform und ihrer Ausgestaltung sowie Betrachtungen zur Verwendung von dekorativen Elementen. Die einzelnen Bauelemente, in ihrer konkret vorliegenden künstlerischen Ausformung, werden dahingehend untersucht, was sie in Hinsicht auf erkennbare künstlerische Vorbilder preisgeben. Weiterhin ist die Herkunft der verwendeten Materialien von Interesse. Eine dritte Aussageebene erschließt sich bei der Betrachtung der übergreifenden Ordnung der Bauteile in Hinsicht auf mehrere feststellbare Großstrukturen. Bei diesen Betrachtungen wird auch die Frage nach der Rolle und Präsenz der Bauherren und der Baumeister von Bedeutung sein. Weiterhin wird untersucht, ob Hinweise vorhanden sind, die Auskunft geben können über intendierte Aussagen und Wirkungen.

Forschungstand und Literaturgrundlage

Die Forschungen zu islamischer Architekturgeschichte haben insbesondere in der westeuropäischen Forschung in den 1960er bis 1980er Jahren große Fortschritte gemacht. Leider sind nur wenige neuere aktuelle Publikationen vorhanden. Besonders was die archäologische und kunsthistorische Aufarbeitung und Publikation von bedeutenden Einzelmonumenten anbelangt ist die Forschungslage zum Teil noch mangelhaft.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Großen Moschee von Kairouan ist durchwachsen. Diese Arbeit stützt sich daher, neben einer Anzahl von allgemeinen Werken12, auf die beiden einzigen Werke, die sich intensiv mit der Großen Moschee von Kairouan beschäftigen. Die wichtigste architekturgeschichtliche Publikation mit dem Titel „The Great Mosque of Kairouan“ stammt von Sebag aus dem Jahr 1965. Sie bietet eine sehr gute, wenn auch kompakte Beschreibung und Deutung der Gesamtanlage wie auch der einzelnen Bauteile der Großen Moschee. Sie vermag zum Teil auch Antworten auf die Frage nach der Herkunft bestimmter Architekturelemente geben. Sebags Buch nimmt jedoch nur ansatzweise eine kulturgeschichtliche Einordnung der Moschee, hinsichtlich ihrer Implikationen für und ihrer Aussagefähigkeit über die Entwicklung der islamischen Kunst vor.

Eine ganze Reihe von neuen wichtigen Erkenntnissen in Bezug auf Detailfragen präsentieren Ewert und Wisshak in ihrer Untersuchung zu den Vorstufen der almohadischen Moschee aus dem Jahr 1981. Neben der detaillierten Bauaufnahme sind ganz besonders ihre Aussagen zur Verwendung antiker Spolien und deren Anordnung, in über die Moschee hinausverweißenden Mustern, äußerst bedeutungsvoll. Diese Erkenntnisse ermöglichen es erst, die Gesamtaussage der Moschee für die aghlabidische Zeit zu entschlüsseln und geben ferner Hinweise zur Verbindung der Aghlabiden-Dynastie zum abbasidischen Kalifat.

Zum jetzigen Zeitpunkt existiert keine zusammenhängende Publikation, die alle Erkenntnisse zur Großen Moschee von Kairouan bündelt und reevaluiert. Die Notwendigkeit dafür besteht, da die verschiedenen Autoren in Einzelfragen zum Teil unterschiedliche oder gar widerstreitende Positionen vertreten13. Auch, und dies ist besonders zu bedauern, fehlt bisher die gründliche Aufarbeitung und Veröffentlichung der archäologischen Untersuchungen und Restaurierungen aus den 1970er bis 1980er Jahren. Es bleibt an dieser Stelle zu hoffen, dass die Zuerkennung des Status als Weltkulturerbe durch die UNESCO für die Medina von Kairouan im Jahr 1988 ein solche Publikation in Zukunft doch noch nach sich zieht.

II. Hauptteil

II.1 Kontext: islamische Expansion und die Entstehung von Kairouan

Die Analyse der Architektur der Großen Moschee von Kairouan setzt die Kenntnis der Geschichte der Expansion des Islams und die Geschichte der Aghlabiden voraus, daher folgt hier ein knapper Überblick.

Die politische und kulturelle Ausgangsituation im Nahen Osten war zu Beginn der islamisch-arabischen Expansion im 7. Jahrhundert äußerst günstig für diese. Die beiden im Osten des Mittelmeeres verbliebenen Großreiche, Byzanz (Das Nachfolgereich des römischen Reiches) und die persischen Sassaniden, waren durch jahrelange Grenzkriege untereinander und durch Seuchen geschwächt. Im Westen des Mittelmeeres und in Nordafrika hatte die Völkerwanderung vielerorts nur schwache oder ständig wechselnde Reichsgebilde hinterlassen. In diese Zeit fallen die Offenbarungen des Propheten Mohammed (~570 - 632) in Mekka. Unter dessen Führung beginnt in den 620er Jahren die Ausbreitung des Islam. Das rasche Vorwärtsdringen der Araber in den folgenden Jahren lässt sich durch verschieden Faktoren erklären. Motiviert und vorwärts gezogen von der Aussicht auf unermessliche Beute und erfüllt von einem Gefühl der Stärke, gewonnen aus ihrer neu gefundenen Einheit, verbunden mit religiösem Eifer, wurden sie gleichzeitig getrieben durch wirtschaftliche Not auf der arabischen Halbinsel. Die Aussicht auf bessere Lebensbedingungen und der wenig effektive Widerstand der gegnerischen Völker waren weitere Erfolgsfaktoren. Innerhalb von dreißig Jahren Expansion umfasste das islamisch-arabische Herrschaftsgebiet nicht nur die Arabische Halbinsel sondern auch das Zweistromland, das Gebiet des heutigen Syrien und Ägypten.14 (Siehe Abbildung 1)

Nordafrika und Kairouan

Ab dem Jahr 647 stießen die Araber auch nach Ifriqiya15 , der ehemaligen römischen Provinz Africa vor. Dieses reiche Gebiet war durch den Niedergang des Byzantinischen Reiches geschwächt und wurde nur mangelhaft verteidigt. Allerdings gelang es den Arabern erst unter der Führung des Feldherrn Sidi Okba ibn Nafi (622-683), sich dauerhaft in Afrika zu etablieren. Die Provinz war im folgenden Jahrhundert vom jeweiligen Kalifen abhängig. Dessen Stadthalter schafften es jedoch nie in Nordafrika dauerhaft Ruhe zu schaffen.16 (Siehe Abbildung 2)

Die Geschichte der Stadt Kairouan beginnt 670 als Feldlager. Die sagenumwobene Gründung erfolgte durch Okba Ibn Nafi an strategischer Stelle. Der Standort der Stadt Kairouan geht wahrscheinlich nicht - wie viele andere Städte Nordafrikas - unmittelbar auf eine frühere römische Besiedlung zurück17, vielmehr handelt es sich vermutlich um die erste eigenständige islamische Stadtgründung in Nordafrika. Gleichwohl existierten in der Nähe ehemalige römische Siedlungen, die nächste Namens Jellula etwa 40 km entfernt am Fuße des Tell-Hochplateaus. Die Gründung Kairouans erfolgte in feindlicher Umgebung. Rebellische Berberstämme und später aufständige arabische Garnisionen verursachten immer wieder Unruhen. Diese Schwierigkeiten konnten das Wachstum der Stadt jedoch nicht nachhaltig behindern.18

Im 8. Jahrhundert folgte eine umfassende Islamisierung und teils auch eine Arabisierung Nordafrikas. Trotz weiter schwelender und immer wieder aufflammender, auch religionsinterner Konflikte setzte ab dem zweiten Drittel des 8. Jahrhunderts eine Periode des überwiegenden Friedens, der fortschreitenden Entwicklung und der Prosperität ein. Diese dauerte über den relativ langen Zeitraum von etwa dreihundert Jahren an und wurde nur durch einzelne Aufstände immer wieder kurz unterbrochen.19

Die Aghlabiden

Nachdem Ifriqiya zu großen Teilen islamisiert war, schaffte es der Feldherr Ibn El- Aghlab ( 812) des Abbasidenkalifen Harun Er-Raschid Ibrahim, es zu großen Teilen zu befrieden und vereinigte zu Beginn des 8. Jahrhunderts Teile Algeriens, Tunesien und die Tripolitana unter seiner Herrschaft. In Folge suchte er noch zeitweilig pro forma den Anschluss an den Kalifen, erschuf aber de fakto ein eigenes Reich und begründete die Herrscherdynastie der Aghlabiden (~800-~908). Während der Aghlabidendynastie vollendete sich die Umwandlung Kairouans vom befestigten Militärstützpunkt hin zu einer Stadt, die ein bedeutendes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum für das unmittelbare Umland und auch darüber hinaus darstellte. In dieser Zeit erreichte sie ihre größte Ausdehnung in vormoderner Zeit und mit einer Bevölkerungszahl von bis zu 80.000 Einwohnern. Kairouan stellte damit eines der bedeutenden Zentren des Mittelmeerraumes dar. (Siehe Abbildung 3)

Die wichtigste Baumaßnahme dieser Zeit war der Neubau der Großen Moschee unter dem aghlabidischen Emir Ziyadat Allah I. Dies geschah, um der zunehmenden Rolle Kairouans als spirituellem Zentrum gerecht zu werden.20

Die Fatimiden

Kairouan hatte Mitte des 9. Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht. Die Stadt hatte einen Durchmesser von etwa 4 km mit fünfzehn Durchgangsstraßen, strahlenförmig ausgehend von der Großen Moschee. Die Stadt war ein wirtschaftliches Zentrum am Schnittpunkt einer Reihe von Handelswegen. Für mehr als vier Jahrhunderte war Kairouan ein intellektuelles Zentrum für den gesamten Maghrebraum. Am Ende des 10. Jahrhunderts existierte eine Hochschule, welche sich mit den bedeutenden Einrichtungen Bagdads messen konnte. Auch auf religiöser Ebene gingen wichtige Einflüsse von Kairouan aus.21 Nichtsdestoweniger verlor Kairouan in den 150 Jahren nach der schiitischen Rebellion, beginnend im Jahr 908, Schritt für Schritt seinen einstigen Glanz.22

Die Ziriden

Der Abzug der Herrscherschicht der Fatimiden nach Ägypten und die damit verbundene Wegführung vieler Künstler und Handwerker, aber auch die Verlagerung von wirtschaftlichen und finanziellen Ressourcen traf die Stadt weniger stark, als die Folgen des nun einsetzenden Kampfes um die Macht in Tunesien. Diese Machtkämpfe führten innerhalb kurzer Zeit zur Verschwendung wichtiger Ressourcen und zur Zerstörung von gewachsenen Strukturen. Obwohl die sieghaften Ziriden für ihre Prachtentfaltung berühmt waren, stellte das doch nur die letzte Blüte der einstigen Kraft dar. Insbesondere im Fernhandel büßte Kairouan seine Rolle als Umschlagplatz immer mehr ein. In der Mitte des 11. Jahrhunderts litt Kairouan wieder unter sehr einschneidenden Unruhen durch den Einfall nomadischer Stämme (Beni Hilal) aus dem ägyptischen Raum. Außerdem wuchs der militärische Druck durch christliche Reiche im Mittelmeer immer stärker, bis diese im 11. Jahrhundert die Kontrolle über die Handelswege im Mittelmeer übernahmen. Geschwächt durch die vielfältigen Schäden und den Verlust der wirtschaftlichen Führungsrolle und der Kontrolle des Fernhandels, sollte Kairouan in Folge nie wieder zu seiner früheren Blütezeit im 9. und 10. Jahrhundert zurückfinden.23

II.2 Grundkonfigurationen islamischer Gebetsarchitektur

„ Alleöffentlichen Bauten und Räume, die in der europäischen Stadt getrennt in Erscheinung traten, wie Rathaus, Dom und Stadtplatz, waren in der Moschee und ihrem Innenhof zu einer einzigen Anlage zusammengefasst, die keine Spaltung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich zuließ.24

In vorislamischer Zeit kannten die Araber kein gemeinsames Gebet und verfügten, abgesehen von der singulären Pilgerstätte in Mekka, über keine Architekturtradition, die die Konstruktion eines dafür angemessenen Gebetsraumes ermöglicht hätte. Sie sahen sich also der Herausforderung gegenüber, einen Raum zu schaffen, der zur Anbetung des einen, unsichtbaren, nicht symbolisch oder figürlich darstellbaren, unnahbaren Gottes geeignet sei.

II.2.1 Bedeutung der Moschee

Im Prinzip kann jeder Muslim überall und allein beten, aber das Gebet in Gemeinschaft wird als religiös verdienstvoller und gleichzeitig als der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls dienend angesehen.25 Da der Islam sich als einheitliche, verbindliche und alle Lebensbereiche umfassende und beeinflussende Verhaltenslehre versteht, kann eine strikte Trennung zwischen Weltlichem und Sakralem nur irreführen. Die Moschee ist kein sakraler Ort im Sinne einer christlichen Kirche, sie wird auch nicht durch die Anwesenheit von Allah oder etwas anderem geheiligt, sondern „ [d]as Gebet macht den Ort relevant und nicht der Ort das Gebet. “ 26 Die Freitagsmoschee ist das spirituelle und soziale Herz der jeweiligen islamischen Gemeinschaft und erfüllt als solches verschiedene (auch profane) Funktionen. Die Moschee entwickelte sich aus dem Forum politisch-gesellschaftlich-religiösem Lebens heraus, welches das Haus des Propheten darstellte. Dementsprechend dienen den die großen Lagermoscheen des ersten und zweiten islamischen Jahrhunderts (zu denen ihrem Ursprung nach auch die Große Moschee von Kairouan zählt) als Ratsplatz, dem gemeinsamen Gebet, sowie der Heeresversammlung und verschiedenen weiteren Funktionen27. Die Moschee war in ihrer Entstehungsphase der wichtigste Ort dieser nicht mehr nur tribal sondern (später primär) religiös zusammengehaltenen Gemeinschaft. Schlussfolgernd ist festzuhalten: die Existenz einer Moschee ist in dieser Zeit geradezu Bedingung von islamischem Leben.28

In der fast 1400 Jahre dauernden Architekturentwicklung des Islam zeigte sich allerdings die Tendenz, weltliche Funktionen, wenn sie über das Bereitstellen eines Schutzbeziehungsweise Ruheraumes hinausgingen, vom zentralen Baukörper der Freitagsmoschee auszugliedern. Die vorrangige Stelle nimmt immer der Versammlungsraum für das gemeinschaftliche Gebet ein.

Die Form und Gestaltung dieses Raumes ist primär durch Zweckmäßigkeit gekennzeichnet. Die islamische Liturgie stellt nur geringe Anforderungen. Der Gläubige benötigt weder bestimmte Gegenstände zum Gottesdienst, noch ist ein Mittler zwischen Gott und dem Gläubigen erforderlich. Die persönliche Beziehung zu Gott steht im Vordergrund. Das gemeinschaftliche Gebet benötigt daher nur einen geschützten Raum, eine umgrenzte Fläche.29 Moscheen scheinen für den an christliche Kirchen gewöhnten Besucher eine gewisse Leere aufzuweisen und gerade dies ist eine ihrer Qualitäten, denn nichts soll von der direkten Anrede Gottes ablenken. Der Gebetsraum von Säulenhallenmoscheen ist meist bewusst wenig dynamisch gestaltet – ausgenommen die Ausrichtung auf den mihrab hin – eher ist er geprägt von Ruhe, scheinbarer Gleichförmigkeit und Raumentgrenzung. Dieser Eindruck entsteht unter Anderem durch den scheinbar unendlichen Säulenwald, welcher durch additive Wiederholung von Säulen-Bögenmodulen entsteht. Weiterhin trägt die Ausgestaltung mit vermeintlich anfangs- und endloser Ornamentik erheblich zur Entstehung des beschriebenen Raumeindrucks bei.30

[...]


1 Maupassant in Sebag 1965, 22.

2 Fruchtbares Gebiet im Nahen Osten das halbmondförmig Teile von Syrien und Iraks umfasst. Speziell um die Flüsse Euphrat und Tigris.

3 Auch genannt Große Moscheen in Unterscheidung zu einfacheren Stadtteil- oder gar Familienmoscheen. Eine nähere Erläuterung folgt unten.

4 Unter Anderem folgende Autoren vertreten diese These: Creswell 1958, 1, Renz 1977, 38ff, Frishman 1995, 30, Hattstein & Delius 2000, 35, Sebag 1965, 65f.

5 Sebag benutzt den Begriff Kompositkunst zur Beschreibung der Enstehung der islamischen Kunst. „A composite art it is often called, made up of many diverse elements.“ (Sebag 1965, 85).

6 Sie wird auch Sidi Okba Moschee - nach ihrem legendären Gründer Okba ibn Nafi - genannt.

7 Hutt 1977, 16.

8 Islam hier nicht nur religiös verstanden sondern als Kultur, das heißt als einheitliche, verbindliche und alle Lebensbereiche umfassende und beeinflussende Verhaltenslehre. (Siehe auch weiter unten)

9 Der arabische Begriff hi ra bezeichnet den Auszug des Propheten aus Mekka im September 622 und damit den Beginn der islamischen Zeitrechnung.

10 Der Begriff Islamische Kunst, als Bezeichnung für einen mehr oder minder einheitlichen Stil im islamischen Herrschaftsgebiet, ist mit Einschränkungen nur für die ersten vier islamischen Jahrhunderte angemessen. Mit dem fortschreitenden Zerfall des Abbasidenreiches und der zunehmenden Regionalisierung der Herrschaftsräume etwa ab dem 10. Jh. setzt eine wesentlich stärkere Ausdifferenzierung der Stile ein. Diese sind dann korrekterweise eher als regionale Stile unter islamischem Vorzeichen anzusprechen. (Siehe insbes. Frishman & Khan 1995, 11ff).

11 Sebag 1965, 59.

12 Einige allgemeine Werke konnten, da sie nur in Fremdsprachen (insbes. Arabisch) vorlagen, die dem Autor nicht verständlich sind, nicht berücksichtigt werden. Die wesentlichen Informationen, soweit überhaupt erforscht, waren jedoch zugänglich.

13 Insbesondere Brandenburgs (Brandenburg 1971) Beitrag zur Großen Moschee von Kairouan weicht oft von

zeitgenössischen und aktuellen Beiträgen ab und ist stellenweise sehr kritisch zu betrachten. Creswells (Creswell 1958) einflussreiches Buch zur islamischen Architekturgeschichte ist stellenweise veraltet. Ähnliches gilt mit Einschränkungen für Renz 1977 und Hutt 1977.

14 Krämer 2005, 22-40.

15 Ifriqiya ist die arabische Bezeichnung für das Gebiet zwischen der Tripolitania und dem Atlantik.

16 Hattstein & Delius 2000, 130ff.

17 Es bestehen zu diesem Punkt unterschiedliche wissenschaftliche Positionen: Jervis sagt ausdrücklich das keine Ansiedlung aus römischer Zeit an dieser Stelle bestand (Jervis, 1998, 40). Mazot spricht von der „[…] Nähe der Ruinen einer antiken Stadt.“ ( in Hattstein & Delius 2000, 132). Sebag führt sich widersprechende Quellen an und weißt auf die Möglichkeit eines byzantinischen Forts namens Qamuniya an diesem Ort hin (Sebag 1967, 16). Eine kompetente Entscheidung kann an dieser Stelle schwerlich getroffen werden. Sicher ist, das Africa in römischer Zeit eine der am meisten verstädterten Landschaften mit einer hohen Bevölkerungsdichte war und darum die Nähe frühere Siedlungen zum Gründungsort Kairouans nicht unwahrscheinlich ist.

18 Jervis 1989, 40. Siehe auch Fußnote 17 .

19 Krämer 2005, 110f.

20 Rammah 2002, 26ff und Sebag 1965, 30.

21 Assad Ibn Al Furat und Sahun Ibn Said unternahmen in der Mitte des 9. Jahrhunderts weitreichende und entscheidende Anpassungen und Ausarbeitungen, um die fortan in Nordafrika dominierende malikitische Rechtsschule zu formieren.

22 Rammah 2002, 26f.

23 Rammah 2002, 28ff und Jervis 1989, 36, 42f.

24 Bianco, Stefano in Alder 2003, 11.

25 Lemmen 2000, 3f und Alder 2003, 3.

26 Lemmen 2000, 1.

27 Hier eine unvollständige Aufzählung von Funktionen die eine Moschee annehmen konnte: Gebetsort, Ratsplatz, Ort der Freitagspredigt, Aufenthaltsort, Rechtsprechung durch den quadi (Richter), Bildungseinrichtung, Obdach für Reisende, Bibliothek, Krankenbetreuung, Armenspeisung, Spendensammlung, Wasserspeicherung, Schatzkammer.

28 Kuban, Do an in Frishman 1995, 77-80; Lemmen 2000, 1 und Alder 2003, 3.

29 Lemmen 2000, 2.

30 Vogt-Göknil 1978, 11ff.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Die Sidi Okba Moschee
Untertitel
Die Ursprünge der islamischen Gebetsarchitektur - eine Spurensuche in Kairouan
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
38
Katalognummer
V164051
ISBN (eBook)
9783640789740
ISBN (Buch)
9783640790357
Dateigröße
15491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sidi Okba Moschee, Große Moschee von Kairouan, Tunesien, Nordafrika, Islam
Arbeit zitieren
M.A. Thomas Steller (Autor), 2007, Die Sidi Okba Moschee , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164051

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