Saladin in Europa

Überblick über die Rezeptionen Saladins im christlichen Europa


Hausarbeit, 2007
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

INHALT

I. EINLEITUNG

II. HAUPTTEIL
II.1 KONTEXT KREUZZÜGE UND DAS LEBEN SALADINS
II.2 SAGEN UM SALADIN IM CHRISTLICHEN EUROPA
II.2.1 GRUNDSTRUKTUREN DER SAGEN
II.2.2 GRUPPE I - NEGATIVE DARSTELLUNGEN
II.2.3 GRUPPE II - POSITIVE DARSTELLUNGEN
II.2.4 GRUPPE III - SALADIN IN DER LITERARISCHEN REZEPTION DER NEUZEIT

III. RESUMÉE

IV. ABSTRACT

V. ANHANG ZEITTAFEL: SALADIN UND DIE KREUZZÜGE

VI. LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

„ Ich kan eu waerlich nicht verdagen, von ainem künig(e) will ich sagen, Der was gehaizen Salatein, z´wâr, der kund´nicht milter gesein, Er gab ros und (auch) gewant, sôman sie wol vail(e) vant, Silber, Gold, [edel] gestain(e) gab er alles gemain(e), Sein milt´sich nicht vor ê ren spielt, wan er neur ainen tisch behielt, Der was ain safir grôz, daz nie man vand sinen genôz, Bezzer dann´ain rubein; Kann [es] hort kund´nicht bezzer gesein, Wan der selbe(e) tisch was. ” 1

Wer ist dieser König Salatein, dessen Großzügigkeit und Milde in diesem Gedicht von Jans Enenkel mit allem bildlichen Überschwang der mittelalterlichen Dichtung gehuldigt wird? Niemand anderes ist gemeint als der in der Vergangenheit sagenumwobene ayyubidische Sultan Saladin aus dem nordirakischen Tikrit. Wie findet dieser bedeutende muslimische Feldherr und erfolgreiche Herrscher Einzug in die Prosa eines mittelalterlichen Wiener Dichters? Zufall ist dies nicht. Im Gegenteil, die Person Saladins erfuhr in der mittelalterlichen Literatur Europas und darüber hinaus bis in das 19. Jahrhundert reges Interesse. Unmittelbar nachdem das christliche Europa im Jahr 1187 schockhaft der Person Saladins gewahr wurde, begann die lang anhaltende Beschäftigung mit seinem Leben und seiner Person. Viele Berichte und Sagen um sein Leben und dessen Wirkung entstanden. Er fand Eingang in eine Vielzahl von Chroniken, Briefen und anderen Berichten. Aber auch in Gedichten, Liedern, Erzählungen und in der mündlichen Überlieferung war er ab dem Ende des 12. Jahrhunderts präsent. Saladin verschwand nicht etwa nach dem Ende der Kreuzzüge oder mit dem Ende des Mittelalters aus dem kulturellen Gedächtnis Europas. Im Gegenteil, in der der Zeit der Aufklärung und im romantischen 19. Jahrhundert erfuhr er erneute Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Das Leben Saladins erfuhr sowohl im christlichen als auch im muslimischen Raum vielfältige und oftmals sehr unterschiedliche Rezeptionen. In ihren jeweiligen (Zeit-)Räumen waren die Sagen um Saladin überaus wirkungsmächtig - wobei im muslimischen Raum sich ein steigendes Interesse an Saladin erst im 19. Jahrhundert manifestierte. Die Rezeptionen Saladins im Osten und Westen formten dabei jeweils voneinander abgeschlossene Diskurse. Sie differierten inhaltlich, zeitlich und in ihrer Reichweite außerordentlich voneinander. Die Wahrnehmung seiner Person im Osten unterschied sich inhaltlich bis auf einige allgemeine Motive wie Großzügigkeit und Sieghaftigkeit fundamental von der christlich-europäischen Sichtweise des Westens.2 Es ergibt sich dementsprechend das Bild zweier voneinander getrennter Sammlungen von Erzählungen. Diese zwei Sagensammlungen vereint die Referenz auf die historische Figur Saladin die jeweils in verschieden Kontexten aufgenommen und unterschiedlich aufgeladen wird.

Notwendigerweise muss sich aus diesen unterschiedlichen Rezeptionswegen eine doppelsträngige Erforschung des Rezeptionsphänomens Saladins ergeben. Das grundlegende Verfahren ist dabei ähnlich und verläuft wie folgt: Darstellungen Saladins werden mit den Erkenntnissen über den historischen Saladin und seine Zeit kontrastiert. So kann eine vergleichende Analyse der Rezeption der Person Saladins - im Osten beziehungsweise Westen - erstellt werden. Die jeweiligen Texte mit ihren unterschiedlichen Rezeptionen legen reiches Zeugnis von den unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen der Schreiber und ihres Publikums in der jeweiligen Zeit ab. Daher würde eine solche Analyse Erkenntnisse über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der regionalen Kulturentwicklungen, sowie deren jeweilige Bedingungen ermöglichen.

Die vorliegende Arbeit stellt die Teilskizze eines solchen Forschungsprojektes dar. Der Fokus liegt hierbei auf der europäischen Rezeption von Saladin. Dies stellt zum einen eine dem vorgesehenen Umfang der Arbeit angemessene Einschränkung dar. Auch ist dies der im Vergleich zur östlichen Rezeption besseren Literaturgrundlage geschuldet. Die wissenschaftliche Forschung hat sich in der Vergangenheit ähnlich orientiert. Eine gründliche Aufarbeitung] der Saladin-Sagen im Osten fehlt bisher.3

Es existiert keine singuläre ursprüngliche Geschichte zu Saladin. Sondern die Sage von Saladin (bei Jubb ‚Legend‘ in der Literatur stellenweise auch Mythos) ist ein wissenschaftlicher Hilfsterminus, der zusammenfassend eine Vielzahl von einzelnen Berichten über Saladin bezeichnet, die von verschiedenen Autoren zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden. Treffender wäre es also, den Plural ‚Sagen‘ zu verwenden. In der vorliegenden Arbeit wird überdies der Begriff der Sage gegenüber dem der Legende oder dem Mythos bevorzugt. Obwohl die Geschichten um Saladin sowohl mythologische als auch legendäre Züge aufweisen, beschreiben sie doch auch überwiegend hier nicht zutreffende Aspekte. Der Begriff Sage ist somit der offenste und damit auch der treffendste.4

Obgleich gegenseitige Beeinflussungen von verschiedenen Autoren nicht selten waren, präsentieren sich die europäischen Aussagen über Saladin vielschichtig und uneinheitlich. Das heißt, sie weisen unterschiedlichste Inhalte und Schwerpunkte auf. Diese stehen unter Anderem in Relation zu Entstehungszeit, Entstehungsort und Aussageabsicht. Als Untersuchungsrahmen für die nachfolgende Analyse steht daher folgende Annahmen: Die Darstellungen über Saladin sind kontextuell bedingt. Die Saladin-Sagen können, indem sie Ausdrucksformen der westeuropäischen Kulturen sind, als Spiegel für die sich zu einer bestimmten Zeit diesen Kulturen stellenden Herausforderungen und deren Lösungsversuchen dienen. Kontrastiert man diese Geschichten zur historischen Person Saladins und berücksichtigt gleichzeitig die kulturellen Kontexte, dann lassen sich weitreichende Aussagen zur Mentalität treffen. So zum Beispiel über tief empfundene Bedrohungen, Schwierigkeiten, Wünsche, Ziele und zur Entstehungszeit kursierende Ideen. Indem die Auswahl der präsentierten Informationen, die Schwerpunktlegung sowie die Art der Verarbeitung der Stoffe untersucht und eine eingehende Textanalyse vorgenommen wird, werden auch nuancierte und detaillierte Erkenntnisse über einzelne Autoren und deren diskursive Verwobenheit möglich.5

Fragestellung

Die vorliegende Arbeit ist eine Überblicksdarstellung der umfangreichen Rezeption Saladins im Abendland. Es wird dargelegt warum und in welcher Weise er im Westen rezipiert wurde. Als Unterfragen werden insbesondere folgende formuliert: Womit wird seine Figur besetzt? Wofür steht er? Um die Motive für unterschiedliche Kategorien von Darstellungen zu eruieren, erfolgt punktuell die Verortung des jeweiligen Darstellungsschemas in seinem spezifischen zeitlichen Zusammenhang. Den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet nachstehende These: Saladin wurde von Beginn an im Westen nur selten realistisch, pragmatisch, das heißt als die historische Person, wahrgenommen. Sondern der historische Kern seines Lebens erscheint vielfach nur noch verschleiert und verzerrt durch die Anreicherung mit fiktionalen Elementen. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Wahrnehmung Saladins ist dabei uneinheitlich und insbesondere in der Frühzeit (etwa 12. und 13. Jahrhundert) inhaltlich flexibel und zum Teil (in sich) widersprüchlich. In der Zusammenschau verschiedener Quellen erscheint Saladin scheinbar als paradoxe Vereinigung von Gegensätzen.

Untersuchungsablauf

Der Bearbeitungsrahmen dieser Arbeit erstreckt sich über den Zeitraum vom Ende des 12. bis in das 19. Jahrhundert. Keinesfalls können alle Sagen berührt werden da das Material dafür bei Weitem zu umfangreich ist. Daher werden wichtige Hauptgedanken durch prägnante Beispiele vertreten herausgegriffen. Als Kontrastfolie dient dabei eine zusammenfassende Darstellung des Lebens der historischen Person Saladins, so wie es die heutige wissenschaftliche Forschung beschreibt. Diese Darstellung, sowie ihre Einbindung in die Geschichte der Kreuzzüge, bildet den Einstieg in den analytischen Teil. Darauf aufbauend und bezugnehmend wird in den folgenden drei Abschnitten die Sagenwelt um Saladin vorgestellt. Im ersten Teil wird die überwiegend negative Darstellung der Frühzeit und insbesondere ihr Zusammenhang mit dem augustinischen Weltbild analysiert. Darauf folgt die Analyse der Sagen die sich mit Saladin als dem ‚edlen Heiden‘ beschäftigen. Die Topoi, die sich überwiegend im 13. und 14. Jahrhundert herausbilden, werden in der frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert fortgeschrieben und wiederum rezipiert. Dies wird im dritten Abschnitt erarbeitet. Dabei wird insbesondere die Indienstnahme Saladins für Ideale der Aufklärung und Romantik betrachtet. Der Fokus der Arbeit ist aus zweierlei Gründen eher auf das Mittelalter gerichtet. Zum einen erfreute sich Saladin im 12. bis 16. Jahrhundert offensichtlich einer wesentlich höheren Attraktivität. Zum anderen ist dies auch durch den Sachzwang der unzureichenden Literatur gegeben, da in der Fachliteratur gute zusammenhängende Aufarbeitungen nur für den mittelalterlichen Zeitabschnitt vorliegen.

Als Kontrapunkt zur vorliegenden Arbeit könnte eine Darstellung der Rezeption Saladins in der muslimisch-arabischen Welt im Rahmen einer weiteren vergleichenden Arbeit zur Saladinrezeption dienen. Dies würde die spezifisch christlich-europäischen Charakteristika der westlichen Saladin Rezeption noch stärker hervortreten lassen.

Literaturgrundlage und Forschungsstand

Aufgrund der andauernden Präsenz Saladins in der Literatur der christlich- europäischen Welt erwachte spätestens im 18. Jahrhundert auch das Interesse am historischen Saladin. Ein Versuch, der Person und dem Leben Saladins mit geschichtswissenschaftlichen Methoden näher zu kommen, lässt sich zum Beispiel in der Schrift Voltaires „ Essai sur les moeurs “ (1756) erkennen.6 Die Übersetzung arabischer Quellen im 18. Jahrhundert ermöglichte erstmals auch einen Blick auf die ‚andere Seite‘ der zeitgenössischen Wahrnehmung Saladins. Im 18. und insbesondere zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts dauerte die wissenschaftliche Beschäftigung mit Saladin in einzelnen Werken fort. So zum Beispiel in den Publikationen von Gibbon („ Decline and Fall of The Roman Empire “ 1776- 1778), Stebbin („ The History of Chivalry and the Crusades ” 1829-30) und in der wegweisenden Saladin Biographie von Lane-Poole („ Saladin and the Fall of the Kingdom of Jerusalem ” 1898). Die Untersuchungen dieser Forscher ließen ein ausgeglicheneres Bild entstehen. Doch oft lässt sich auch bei diesen noch der Einfluss persönlicher Urteile feststellen. Beispielsweise sieht Lane-Poole Saladin als eine Art ‚Proto-Gentleman‘ im 12. Jahrhundert. Außerdem ist feststellbar, dass die Forschungen des 19. Jahrhunderts zu Saladin nicht selten ‚nationale Färbungen‘ aufwiesen. So wurden bestimmte nationale - beispielsweise englische - Interessen durch die Art der Behandlung des Themas besonders gefördert wurden. Im 20. Jahrhundert wird die Forschung zu Saladin vielfältiger. Sie stützt sich überwiegend auf Primärtexte und versucht bewusst den historischen vom sagenhaft-mythisch-legendären Saladin zu differenzieren. Wichtige Erkenntnisse, speziell aus der Übersetzung arabischer Originaltexte, wenn auch tendenziell oft noch zu positiv interpretiert und mit religiösem Einschlag, wurden von Sir Hamilton Gibb (besonders „ The Life of Saladin “ 1973) beigesteuert.7 Eine pragmatisch-realistischere Aufarbeitung und Deutung des Lebens von Saladin setzt sich unter Anderem bei Ehrenkreutz („ Saladin “ 1972) und Möhring (Siehe Literaturliste) durch.8

Für die vorliegende Arbeit sind die Forschungen der drei nachfolgend kurz vorgestellten Autoren besonders wichtig. Die Publikation: „ Die Persönlichkeit des Sultans Saladin im Urteil der abendländischen Quellen “ von Johannes Hartmann aus dem Jahr 1933 bietet eine gründliche Analyse hauptsächlich der frühen europäischen Primärtexte. Hartmann macht dort ausdrücklich auf die enge Verschränkung von christlich-augustinischem (Heils-) Geschichtsbild und mittelalterlicher Historiographie aufmerksam, und zeigt wie diese die Wahrnehmung Saladins entscheidend prägte. Hannes Möhrings vielfältige Arbeiten zu Saladin sind zum einen als Darstellung des Lebens Saladins wichtig. Des Weiteren bietet er eine Vielzahl von prägnanten Erklärungsmustern, um sowohl die ablehnende als auch die vereinnahmend-positive Rezeption Saladins zu erklären. Möhring unterstreicht ebenfalls den Einfluss des christlichen Geschichtsbildes auf die Rezeption. Gleichzeitig weißt er aber auch auf das überaus negative Islambild der Europäer hin, vor dessen Hintergrund Saladins Taten besonders herausstehen. Margaret Jubb bietet in ihrem Buch „ The Legend of Saladin in Western Literature and Historiographie “ (2000) die derzeit wohl umfangreichste Analyse der Saladinrezeptionen in der europäischen Literatur und Geschichtsschreibung. Sie schafft eine differenzierte Aufarbeitung der verschiedenen wiederkehrenden Motive in der Saladinrezeption und nimmt auch Bezug auf deren geschichtliche Entstehungsbedingungen. Vor allem zeigt sich in ihrer Darstellung, die den Zeitraum vom 12. bis 20. Jahrhundert umfasst, die außerordentliche Wandlungsfähigkeit des westlichen Saladinbildes. Ihre Beschreibung reicht von der zuerst überwiegend negativen Betrachtung Saladins im 12. und 13. Jahrhundert über die danach folgende positivere Aneignung Saladins als westlichem Adoptivheld und ritterlichem Ideal bis in das 19. Jahrhundert.

Eine Synthese der drei Arbeiten ergäbe das derzeit wohl umfassendste und vollständigste Bild zur Rezeption Saladins in der europäischen Literatur und Geschichtsschreibung. Im Rahmen dieser Arbeit wird der Versuch unternommen, eine solche Synthese zu skizzieren.

II. Hauptteil

II.1 Kontext Kreuzzüge und das Leben Saladins

Die folgenden summarischen Abschnitte zu Saladins Leben9 10 werden als Kontrastfolie für die im späteren Verlauf folgenden Darstellungen zur Rezeption seines Lebens dienen. Der erste Kreuzzug (1096-99) gestaltete sich über alle Maße erfolgreich für die christlichen Kreuzfahrer. Hauptgründe hierfür waren Uneinigkeit und interne Kriege, die die Kräfte der Muslime zersplitterten. Das abbasidische Kalifat war schwach und nur noch ein Spielball divergierender seldschukischer Interessensgruppen. Immer wieder war es den Franken möglich, Gruppen gegeneinander auszuspielen oder sich mit einem Machtblock gegen einen rivalisierenden anderen zu verbünden und damit das eigene Fortbestehen zu sichern. Zum Teil ein Produkt des christlichen Drucks war die schrittweise (noch fragile) Einigung des syrischen Raums unter den Zangiden.

Im Gegensatz zur Behauptung Mahers11 wurde Saladin12 im Jahre 1138 wahrscheinlich nicht aus adeligem Blut geboren. Saladins Vater Ayyub und dessen Bruder waren beide Aufsteiger unter der Herrschaft Zangidendynastie. Beide verfolgten politisch- militärische Karrieren unter Zengi dem Herrscher von Mosul. Ayyub wurde letztendlich Stadthalter von Damaskus, wo Saladin einen großen Teil seiner Jugend verbrachte, und auch erste administrative Aufgaben übernahm. Quellen ist zu entnehmen, dass Saladin um 1161, während der Oberherrschaft von Nurraddin dem Nachfolger Zangis, Chef der Damaszener Polizei war. Damaskus ist zu dieser Zeit eine der Metropolen der mittelalterlichen islamischen Welt. Wenn es auch einiges von seinem Glanz in den Wirren der Machtstreitigkeiten des 10. und 11. Jahrhundert verloren hatte, war es trotzdem noch eine der bedeutendsten Städte dieser Region. Direkt an der Grenze zwischen dem islamisch-arabischen Raum und dem mediterranen Raum gelegen, war es Schnittstelle zwischen Ost und West. Die Kreuzzüge und die Bildung der lateinischen Königreiche hatten seine Bedeutung eher noch erhöht wenn auch seine Lage prekärer schien. Der Einfluss der weltoffenen Stadt Damaskus auf die Persönlichkeit Saladins dürfte nicht gering gewesen sein, wenn er sich auch kaum durch Quellenbelege konkretisieren lässt. Er erfuhr eine Ausbildung in Recht, islamischen Religionswissenschaften sowie eine Ausbildung im Kriegshandwerk. Für letzteres hatte er vorerst anscheinend wenig übrig. So berichten Quellen, dass er der Aufforderung Nuraddins, seinen Onkel Shirkuh auf dem Kriegszug nach Ägypten zu begleiten, Anfangs nur widerwillig Folge leistete.

Nichtsdestoweniger bewährte er sich glänzend an der Seite seines Onkels bei der im Auftrag der sunnitischen Abbasiden durchgeführten Expedition der Zangiden in das schiitische Reich der Fatimiden am Nil. Während dieser Expeditionen kam es immer wieder auch zu Konfrontationen mit Amalrich, dem König von Jerusalem. Amalrich, der durchaus verhindern wollte, das die Zangiden, die ihn schon im Westen bedrohten, sein Königreich wie in einer Zange auch von Süden einschließen würden, versuchte mehrfach erfolglos durch Kooperationen mit den Fatimiden die Einnahme Ägyptens zu verhindern. Aus Sicht der Lateiner trat Saladin im Zuge dieser Auseinandersetzungen noch nicht prominent hervor. Die fatimidische Herrschaft über Ägypten endete mit der Okkupation durch die Zangiden. Dies war nicht zuletzt durch innere Kämpfe, schwache Herrscher und die Angriffe der Kreuzfahrer bedingt. Shirkuh übernahm das Amt des Wesirs. Diesen Posten übernahm Saladin 1169 nach dessen Tod. Der endgültige Sturz der Fatimiden erfolgte 1171 als auf Anordnung Saladins im Freitagsgebet erstmals wieder der abbasidische Kalif genannt wurde und gleichzeitig die letzten Fatimiden entweder getötet oder fest gesetzt wurden. Die neu gewonnene Macht forderte die administrativen Fähigkeiten Saladins. Dieser betriebt erfolgreich eine intensive Reorganisation Ägyptens und stärkte den orthodoxen Islams. Dieser Lebensabschnitt in Ägypten scheint für Saladin eine wichtige Rolle bei der Ausbildung und Erprobung sowohl seiner militärischen, als auch seiner administrativen und diplomatischen Fähigkeiten gespielt zu haben. Der sich mit Saladins Anstrengungen neu formierende Machtblock erweckte anscheinend schnell das Misstrauen Nurraddins. Dieser plante, offenbar nur durch seinen frühzeitigen Tod 1174 verhindert, einen Feldzug gegen Saladin.

[...]


1 Mittelhochdeutsches Gedicht von Jans Enenkel aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zitiert nach MAHER 1996 S.161f ursprünglich in: von der Hagen, Friedrich Heinrich: Gesamtabenteuer. Hundert altdeutsche Erzählungen. Bd. 2. Darmstadt 1961 (Reprint).

2 Vgl. MÖHRING 2005, 121ff & JUBB 2000, 221ff Siehe unten.

3 Hauptgrund für dieses relative Ungleichgewicht ist, dass Saladin über mehrere Jahrhunderte als aktives Motiv im kulturellen Gedächtnis des christlichen Europas präsent war. Daher geriet er dort eher in das Blickfeld der geschichtlichen Selbsterforschung, als im Osten. Dementsprechend wurde über diesen Rezeptionsstrang mehr geforscht. Weiterhin mögen mangelnde Sprachkenntnisse der Wissenschaftler und Unzugänglichkeit der arabischen Quellen Analysen zur muslimischen Rezeption verhindert haben.

4 Der Begriff der Legende bezeichnet im Mittelalter die, zum Teil schon zu Lebzeiten begonnene,

Lebensbeschreibung eines Heiligen. Diese hat dokumentarischen Charakter kann aber auch fiktionale Ausschmückungen enthalten. Beides trifft auch auf viele Berichte über Saladin zu. Insofern ergeben sich Überschneidungen. Um Missverständnisse zu verhindern, sollte der Begriff Legende gleichwohl vermieden werden. Mythen sind Darstellungen übernatürlichen bzw. göttlichen Wirkens in der Welt. Sie sind funktionalistisch betrachtet Versuche das Unbegreifliche in der Welt (bspw. Naturphänomene) durch Erklärungen übernatürlichen Eingreifens zu kompensieren. Auch diesen erklärenden Impetus finden wir in einigen Darstellungen von Saladin. Gleich wohl sind diese wenn überhaupt im Sinne von Kerényi als unechte Mythen einzuschätzen. Vgl. Horstmann in Ritter, J. & Gründer, K. (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Schwabe & Co, Basel/Stuttgart 1948. S. 306-318.

5 Vgl. Jubb 2000, 1ff, 167.

6 Trotzdem sind auch noch bei Voltaire moralisierende Tendenzen nicht zu verleugnen. Ähnlich wie in Lessings „ Nathan der Weise “ (1779) - darüber wird später noch zu sprechen sein - nutzt Voltaire Saladin, um ‚Ideale‘ der Aufklärung wie zum Beispiel Toleranz, herauszustellen und ihn als Herrschervorbild erscheinen zu lassen. Voltaire bewegt sich im Grenzgebiet zwischen dem mittelalterlichen sagenbestimmten Bild von Saladin und dem Versuch einer objektiveren Betrachtungsweise. Vgl. JUBB 2000, 206.

7 Jubb spricht ausführlicher von der Persistenz von sagenhaften Elementen in der Forschung des 19. und 20. Jahrhundert. Vgl. Jubb 2000, 206-219.

8 Vgl. JUBB 2000, 206-215.

9 Vgl. MÖHRING 2005, MADDEN 1999, 65-99, LOCK 2006, BULLOCK in COMMIRE 1994, 564-68.

10 Für eine komprimierte chronologische Übersicht siehe die Zeittafel im Anhang.

11 Mahers Lebensbeschreibung Saladins, widerspricht stellenweise erheblich denen anderer Historiker. Erkennbar ist die Tendenz, Saladin positiver, also in seinem Sinne fortschrittlicher und frommer darzustellen, als er tatsächlich war. Es liegt die Vermutung nahe, dass Maher, unwillentlich selbst noch einige der Sagen bzw. Mythen fortschreibt, die er versucht zu enthüllen. Siehe MAHER in MÜLLER & WUNDERLICH 1996, 157-161.

12 Der volle Name lautet Al-Malik (An-Nasir [ein Ehrentitel der nach seinem Tod zumeist als Teil seines Namens genannt wird]) (as- Sultan [ebenfalls ein Titel]) Salah-u-ddin (eigentlich ebenfalls ein Ehrentitel bed. Etwa: der die Religion ehrt) Yussuf ibn Ayyub ibn Schadi. In Europa taucht er als Saladin, Salatin, Salatein, oder Saladino auf. Vgl. MAHER in MÜLLER & WUNDERLICH 1996, 157.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Saladin in Europa
Untertitel
Überblick über die Rezeptionen Saladins im christlichen Europa
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V164053
ISBN (eBook)
9783640789757
ISBN (Buch)
9783640790364
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Saladin, Kreuzzüge, Mythos, Rezeption
Arbeit zitieren
M.A. Thomas Steller (Autor), 2007, Saladin in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164053

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