Mediale Inszenierung von Politikern am Beispiel Karl-Theodor zu Guttenbergs


Bachelorarbeit, 2010
44 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Medien und Politik

3. Inszenierung in der Politik
3.1 Entwicklung politischer Inszenierung
3.2 Inszenierung von Politikern heute
3.3 Akteure der medialen Inszenierung
3.3.1 Public Relations
3.3.2 Journalismus
3.3.3 Grenzpunkte und Symbiose von PR und Journalismus
3.3.4 Goffmann

4. Public Relations Instrumente und Strategien
4.1 Instrumente der politischen Public Relations
4.2 Phänomen der Personalisierung in den Medien
4.3 Agenda Setting
4.4 Inszenierungen von Ereignissen und symbolische Politik
4.5 Gespräche

5. Analyse
5.1 Methodik und Vorgehensweise
5.2 Analyse der medialen Berichterstattung des Auftritts von zu Guttenberg anhand seines Antrittsbesuchs bei der Luftwaffe am 11.01.2010 5.3 Strategien anhand von Intermediavergleich 5.4 Ergebnis der Analyse

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einführung

Im Januar dieses Jahres veröffentlichte das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ eine Fotostrecke mit dem Titel „Schloss mit lustig“ und dem Untertitel „Punk? Hip-Hop? Indie? Von wegen - neuerdings wollen deutsche Jugendliche am liebsten aussehen wie der Karl-Theodor zu Guttenberg (und seine Frau).“1 Es werden junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren gezeigt, die sich in ähnlichem Stil wie der des amtierenden Verteidigungsministers kleiden. Die meisten Bilder der Fotostrecke sind mit Aussagen der abgebildeten Personen untertitelt, die die Affinität zu diesem Kleidungsstil erläutern. Einen Monat später veröffentlichte „Spiegel Online“ einen Artikel, der im ersten Teil einen Abriss über die modischen Auftritte des Verteidigungsministers bei verschiedenen offiziellen Anlässen gibt. Der Titel hier lautet: „Baron zu Stil und Bruch“.2 Die Liste der Veröffentlichungen, die sich mit der Optik oder dem Kleidungsstil von Politikern befassen, ließe sich beliebig fortsetzen. Augenscheinlich hat die Anzahl der Artikel, die so ein bestimmtes Image eines Politikers und damit seiner Partei transportieren, in den letzten Jahren zugenommen - politische Inhalte werden über neue, andere Kanäle und Zugänge transportiert. Seit seinem Amtsantritt im Oktober ist der CDU-Politiker auffällig stark in den Medien vertreten. Hinter Angela Merkel rangiert er auf Platz zwei der beliebtesten Politiker.3

In der vorliegenden Arbeit soll eine Übersicht darüber gegeben werden, wie Politiker in den Medien präsentiert werden. Es wird herausgestellt, wie diese inszeniert werden und welche Strategien und Möglichkeiten bei der Inszenierung bestehen. Zudem soll erarbeitet werden, unter Mithilfe welcher Akteure diese Darstellung erreicht wird, und welche Rolle diese einnehmen. Dazu wird zunächst ein Überblick über das Wechselspiel von Medien und Politik gegeben. Im anschließenden Kapitel wird das Thema der medialen Inszenierung von Politik behandelt. Es wird eine Übersicht über die historische Entwicklung medialer Inszenierung sowie den heutigen Stand des Themas gegeben. Unter dem Abschnitt „Akteure“ werden die spezifischen Aufgaben der Public Relations der Politik sowie des Journalismus der Medien herausgearbeitet und Grenzpunkte zwischen den Systemen erläutert.

Der darauf folgende Abschnitt beschäftigt sich mit der Theatermetapher von Goffman und den daraus abgeleiteten Handlungsräumen für Politik und Medien. Im darauf folgenden Kapitel werden ausgewählte PR-Strategien vorgestellt, mit besonderem Fokus auf dem Phänomen der Personalisierung. Auf Grundlage der theoretisch erarbeiteten vorangegangenen Ausführungen wird im letzten Kapitel der Auftritt des Verteidigungsministers bei seinem Antrittsbesuch bei der Luftwaffe im Januar 2010, analysiert. Anhand dreier medialer Berichterstattungen sollen auf text- und bildanalytischer Ebene die medialen Darstellungslogiken und in einem anschließenden Intermediavergleich die Inszenierungstechniken und gegebenenfalls Besonderheiten herausgestellt werden. Dabei wird sich insbesondere herausstellen, wie der Auftritt des Bundesverteidigungsministers in den Medien bewertet wird.

Auf das Ergebnis der Analyse folgt ein Fazit der Arbeit, welches den theoretischen und praktischen Teil zusammenbringt.

2. Medien und Politik

Medien und Politik stehen in einem Wechselspiel zueinander. Politikvermittlung geschieht über die Medien, diese fassen Inhalte zusammen, selektieren und bereiten auf, um sie somit für den Außenstehenden verständlicher zu machen. Auf der anderen Seite gibt die Politik die Schranken vor, in denen die Me]dien agieren dürfen. Im vorliegenden Kapitel soll dieses Verhältnis genauer beleuchtet werden.

Das beschriebene Verhältnis von Medien und Politik wird in der Wissenschaft auf mehreren Ebenen diskutiert, die davon abhängen, welches Forschungsinteresse hinter einer Fragestellung steht. Sarcinelli schlägt die Aufteilung in drei Paradigmen vor, die das Verhältnis zwischen Medien und Politik von jeweils verschiedenen Standpunkten beschreiben.4

Das erste Paradigma geht davon aus, dass Medien die Position der 4. Gewalt im Staat einnehmen. Sie übernehmen eine Kontrollfunktion und sind Legislative, Exekutive und Judikative gegenübergestellt. Das setzt voraus, dass die Medien als vollständig autonomes System betrachtet werden und somit eine distanzierte Betrachtungsweise des demokratischen Systems gewährleisten. Der Anspruch an das mediale System an der Umsetzung dieser Betrachtungsweise reicht von absoluter Neutralität bis hin zur Ausübung von Kritik und Kontrolle - es wird vorwiegend auf der makroanalytischen Ebene gearbeitet.

Als zweites Paradigma nennt Sarcinelli das Instrumentalisierungsparadigma. Dabei wird unterstellt, dass nur eine Seite, also entweder die Medien oder die Politik eine dominante Position einnehmen. Es wird angenommen, dass ein System jeweils das andere steuert. Nehmen die Medien die dominante Position ein, so wird davon ausgegangen, dass diese einen zunehmend starken Einfluss auf das politische System haben. Die Politik steht in einem Abhängigkeitsverhältnis und unterwirft sich dem Diktat der Massenmedien. Aus diesen Aussagen kann geschlussfolgert werden, dass die Politik bei der Unterstellung dieses Verhältnisses die Inhalte hauptsächlich für die Medien produziert und nicht für das System selbst. Im Gegensatz dazu wird bei einer Dominanz der Politik davon ausgegangen, dass die Medien politische Inhalte lediglich „aufbereiten“. Das politische System beeinflusst diese also mit gezielt inszenierten Inhalten, die für das mediale System zur Verfügung gestellt werden. Die Politik instrumentalisiert in diesem umgekehrten Falle also die Medien.

Das dritte Paradigma, das die gängigste aktuelle Ansicht zum Verhältnis von Medien und Politik aufgreift, ist das einer Wechselbeziehung, bzw. das von Sarcinelli als Interdependenz und Symbiose bezeichnete Verhältnis. Es herrscht eine Beziehung des Austauschs, bei der „Informationen gegen Publizität - und umgekehrt - eingetauscht wird.“5 Zum einen ist das politische System nach dieser Definition auf die Medien angewiesen, da diese die politischen Geschehnisse und Informationen aufarbeiten und in für den Zuschauer verständliche Formate übertragen. Zum anderen sind die Medien abhängig vom Input, den die Politik liefert, um so überhaupt senden zu können.

Zudem gibt die Politik in Form von Gesetzen den Handlungsrahmen vor, in dem Medien agieren können oder gegebenenfalls, zum Beispiel im Falle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, agieren müssen - und zwar im Rahmen der Erfüllung des Rundfunkstaatsvertrages.6

Über die von Sarcinelli vorgeschlagenen Paradigmen hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Ansätze, die auf den Überlegungen Sarcinellis fußen. Deswegen lässt sich auch das dritte von Sarcinelli angeführte Paradigma der Interdependenz zwischen Medien und Politik in diesen weiteren Ausführungen wieder finden:

„Politische Kommunikation ist der zentrale Mechanismus bei der Formulierung, Aggregation, Herstellung und Durchsetzung kollektiv bindender Entscheidungen - und somit kaum von Politik zu trennen. Politik in den Medien kann sowohl als Ergebnis von bestimmten Strukturen (Politik- wie auch Medien- und Interaktionsstrukturen) als auch als das Ergebnis einzelner Produktionsprozesse angesehen werden. […] Zugleich versuchen sie, durch Interaktionen auf die vorhandenen Regeln und Normen einzuwirken und dadurch strukturstabilisierend oder gar strukturbildend zu wirken.“7

Die vorliegende Arbeit erhebt den Anspruch, auch aufgrund der großen Übereinstimmung zwischen den zahlreichen weiteren Ansätzen verschiedener Wissenschaftler, die zu bearbeitende Fragestellung ebenfalls jeweils von zwei Seiten zu beleuchten, sowohl vom Standpunkt der Medien als auch vom Standpunkt der Politik aus. Es wird von einer Symbiose zwischen den zwei Systemen ausgegangen, die erst dazu führt, dass bestimmte Phänomene im Rahmen von medialer und politischer Inszenierung auftreten können. Im Folgenden soll daher genauer auf den Begriff der Inszenierung eingegangen werden. Dieses Themenfeld eröffnet sich erst aus dem Verständnis heraus, dass ein Wechselspiel zwischen Medien und Politik herrscht.

3. Inszenierung in der Politik

Der Begriff der Inszenierung, der aus dem Bereich des Theaters entlehnt ist und sich von dem französischen Begriff „Mise-en-scène“ ableitet, bezeichnet eine bewusst eingerichtete, bereichsübergreifende Darstellung jedweder Form:

„Sobald wir sprechen, greifen wir automatisch auf vielfache Elemente der Inszenierung zurück. Worte und damit Inhalte werden betont, angeordnet und mit Gesten unterlegt. Inszenierung ist insofern ein Medium, in dem sich ein Gehalt überhaupt erst mitteilen kann.“8

Im Feld von Medien und Politik gewinnt der Begriff der Inszenierung zunehmend an Bedeutung, obwohl politische Inszenierung keine Erscheinung der Neuzeit ist. Bereits in der Antike spielte diese eine große Rolle, ein viel zitiertes Beispiel ist die symbolhafte öffentliche Reinwaschung der Hände Pontius Pilatus nach dem Urteilsspruch zur Kreuzigung Jesu - zur Demonstration seiner Unschuld. Eine Auflistung politischer Akte mit einem derart hohen symbolischen Gehalt, ließe sich beliebig fortsetzen. Inszenierung hat im Laufe der Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen, sodass heute von einer Inszenierungsgesellschaft gesprochen wird.9 Die damit einhergehende zunehmende Professionalität bei der Inszenierung des Politischen führt dazu, dass das Fällen von demokratischen Entscheidungen unter Umständen eine völlig neue Dimension gewinnt. Es stellt sich die Frage, wie sich die professionelle Inszenierung gestaltet und damit auch, wie sich das auf die Qualität des Politischen auswirkt. Zudem müssen die veränderten Bedingungen im Hinblick auf Personalauswahl oder Strukturierung der politischen Programme seitens der Politik beachtet werden. Steigende Popularität von Politikern und ein um sie inszenierter „Starkult“ sind ebenfalls Themen, die mit der Inszenierung von Politik einhergehen.

In diesem Kapitel soll zunächst ein Überblick über die historische Entwicklung der politischen Inszenierung gegeben werden, wozu auch noch einige kurze Beispiele dargestellt werden. In den darauf folgenden Abschnitten soll auf die Inszenierung von Politikern, insbesondere unter dem Aspekt der Personalisierung, eingegangen werden sowie auf die an medialen Inszenierungen beteiligten Akteure. Abschließend zu diesem Kapitel werden verschiedene konkrete PR-Strategien und deren Möglichkeiten und Grenzen aufgezeigt, die allesamt das Ziel verfolgen, politische Inhalte so greifbar und zugänglich wie möglich zu gestalten.

3.1 Entwicklung politischer Inszenierung

Das eingangs erwähnte Beispiel einer politischen Inszenierung greift zwar weit zurück in die Antike, ist damit aber keine Ausnahme. Alle Epochen sind, bis heute, von verschiedensten Formen politischer Inszenierung geprägt - immer mit der Absicht, Macht und Herrschaft durch Dramaturgie und Theatralität zu verdeutlichen, Stabilität zu suggerieren und dem geltenden Herrschaftssystem ein Gesicht zu geben. Was sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte verändert hat, sind die Möglichkeiten, die im Rahmen einer politischen Inszenierung zur Verfügung stehen. Arnold, Fuhrmeister und Schiller setzen den Startpunkt für einen spürbaren Wandlungsprozess im 18. Jahrhundert an.10

Mit dem Entstehen einer bürgerlichen Öffentlichkeit11 erwachsen auch neue Wege politischer Inszenierung. Eine weitere wichtige Entwicklungsstufe ist die Mediatisierung Ende des 20. Jahrhunderts - das heißt durch die Verbreitung und Nutzung von Medien werden Meinungen und Handlungen zunehmend durch diese geprägt. Politik kann nun auf noch vielfältigeren Wegen inszeniert und damit vermittelt und zugänglich gemacht werden:

„Symbolische oder symbolisierende Politik, transportiert durch vielfältige Inszenierungen, scheint zusehends zum Politik-Substitut der zwischen Fragmentierung und Globalisierung oszillierenden Gesellschaften zu mutieren.“12

Das 20. Jahrhundert und das beginnende 21. Jahrhundert lassen sich als Zeitalter der politischen Inszenierung beschreiben. Besonders aussagekräftige Beispiele liefern die politischen Inszenierungen zu Zeiten des Nationalsozialismus, oder allgemeiner gesprochen, aller totalitären Herrschaftssysteme, so auch beispielsweise die der Sowjetunion. Inszenierungen haben in diesen Systemen einen eher manipulativen Charakter. In Demokratien wird mit politischer Inszenierung Vermittlung und Sinnstiftung bezweckt. Dabei nahmen Inszenierungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Funktion ein, das Wahlvolk zur konkreten Teilhabe an öffentlichen Massenveranstaltungen zu bewegen. Von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und bis heute hat sich der Trend, wegen einer noch stärkeren Ausprägung der Mediatisierung dahingehend verschoben, dass besonders Einzel- und Selbstinszenierungen von politischen Persönlichkeiten im Fokus stehen.

Drei interessante Fälle politischer Inszenierung aus den letzten 60 Jahren stellt Thomas Meyer einleitend in „Die Inszenierung des Scheins“13 vor. Diese sollen hier angeführt werden, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie sehr sich die politische Inszenierung als roter Faden durch die jüngere bundesdeutsche Geschichte zieht.

Im Jahr 1957, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, ließ Konrad Adenauer (CDU) Plakate aufhängen, die den Slogan „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“ trugen. Das Plakat zeigte eine Karikatur eines Gesichts, das eine Mütze mit den Symbolen Hammer und Sichel trug. Damit wollte Adenauer verdeutlichen, dass SPD-Anhänger mit ihrer Wahl dazu beitragen, die Bundesrepublik den Sowjets „auszuliefern“. Das Resultat dieser offensichtlich gelungenen Inszenierung war eine gewonnene Wahl für die CDU.

Eine Kampagne im Jahr 1976, bei der die CDU versuchte, durch Werbespots, die unter dem Motto „Freiheit statt Sozialismus“ die Bilder von Mauer und Stacheldraht zeigten, einen „Seitenhieb“ auf die SPD auszuüben, scheiterte hingegen. Es sollte suggeriert werden, dass die SPD gleichbedeutend für den Sozialismus steht, der in der Bundesrepublik abgelehnt wurde. Es sollte eine Gleichsetzung der Wörter „Sozialismus“ und „Demokratischer Sozialismus“ erreicht und durch die Bilder untermauert werden.

Norbert Blüm, Spitzenkandidat der CDU bei der Landtagswahl in Nordrhein- Westfalen 1990, wählte eine Inszenierungsstrategie, die dem Bereich der Personalisierung zuzuschreiben ist - er inszenierte sich intensiv auf allen möglichen medialen Kanälen als „der Mensch Blüm“. Der Versuch, die Sozialsten, die sich von der SPD abgewandt haben, für sich zu gewinnen, indem er sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit in Szene setzte: „Blüm, der Mensch, allein gegen Pinochet und dessen Foltersystem, im Sommer 1987. Blüm, der Mensch, als Feuerwehrmann, als Bauarbeiter, als Mensch unter Menschen auf Jahrmärkten, im Zirkus, beim Karneval“14 scheiterte. Hier wurde zu offenkundig, zu vordergründig agiert. Die Inszenierung war so offensichtlich, dass die potenziellen Wähler sie erkannten und Norbert Blüm bzw. die Partei mit einem zu geringen Stimmanteil straften.

Diese Beispiele zeigen sehr deutlich, wie umfangreich der Bereich der politischen Inszenierung ist und wie unterschiedlich sich diese, besonders in ihren Resultaten, niederschlagen kann. Besonders am Beispiel Norbert Blüm wird deutlich, wie sich die Inszenierung der Politik, durch Persönlichkeiten im Vordergrund, geändert hat. Da es aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit nicht möglich ist, auf diese historischen Beispiele näher einzugehen, soll der Fokus in den folgenden Abschnitten auf die Inszenierung von politischen Persönlichkeiten in der Gegenwart gelegt werden.

3.2 Inszenierung von Politikern heute

Ziel einer politischen Inszenierung ist es, sich möglichst positiv in der Öffentlichkeit darzustellen. Für den Politiker geht es dabei in erster Linie um seine eigene Person, übergeordnet jedoch prägt er mit seiner Darstellung das Image der Partei. Der Trend zum „Politainment“, also der politischen Unterhaltung bzw. unterhaltenden Politik wird damit untermauert und verstärkt. Eine positive Wirkung wird bei den meisten Inszenierungslogiken erst durch die Ausstrahlung im Fernsehen erreicht. Dabei muss jedoch, trotz oder gerade wegen der zahlreichen Vorwürfe, dass Politik mehr Unterhaltung als Information sei, beachtet werden, dass besonders dann, wenn Kameras auf eine Person gerichtet sind, eine große Professionalität an den Tag gelegt werden muss.

Thomas Meyer15 macht auf den signifikanten Unterschied zwischen medialer Inszenierung und Selbstinszenierung aufmerksam: Mediale Inszenierung bedeutet, dass politische Inhalte nach bestimmten Regeln der beabsichtigten Wirkung präsentiert werden. Selbstinszenierung hingegen bezeichnet eine Inszenierung um ihrer selbst Willen. Es geht hier also um eine „Pseudo“- Inszenierung. Es soll ein personenbezogenes Image kreiert werden. Aktuelle politische Kontroversen haben einen hohen Inszenierungscharakter. Heinrich F. Plett charakterisiert diese aktuelle Form der Politikvermittlung:

„Derartige Inszenierungen stellen aus, bieten ein Spektakel der Sinne, das mehr auf die affektische Suada der Bilder und Symbole setzt, als auf die Überzeugungskraft rednerischer Rationalität. Sie fiktionalisieren Realität (Reality-TV oder präsentieren Wirklichkeitssurrogate des schönen oder häßlichen Scheins) [...] Nicht die Kunst imitiert das Leben, sondern das Leben die Kunst [...] Das Image subsumiert die Person, das Bildsymbol die Nachricht, das Infotainment die Information. Im multimedialen Show-Spiel wird die rhetorische Inszenierung zum Selbstzweck.“16

Voraussetzung für eine Inszenierung ist das Setzen eines Handlungsrahmens. Es muss also eine Situationsdefinition bestimmt werden, die den Rahmen für die Inszenierungshandlung vorgibt. Jochen Hoffmann gibt die folgende Definition zum Rahmen: „Inszenierung ist eine Handlung zur Darstellung eines Rahmens, der seinerseits eine Handlung oder Handlungsabsicht begründet.“17 Der Rahmen bestimmt also die Handlung. Besonders wichtig ist es dabei, Rollenwechsel zu vermeiden, denn die Handlungsrahmen brauchen ein dominantes Merkmal, um als authentisch wahrgenommen zu werden. Das Wahlvolk muss die Rolle, die vom Politiker eingenommen wird, mit dessen Identität „verwechseln“, um diese als geltend anzunehmen. Es dürfen keine Unstimmigkeiten in der einmal gewählten Ausdrucksform auftauchen, denn sonst kann die Inszenierung nicht oder kaum erfolgreich sein. Ein Politiker, bzw. dessen Handeln, wird immer nur unter einer dominanten Eigenschaft wahrgenommen. Diese muss positiv konnotiert sein, um ein Image zu kreieren, das durch die Medien als solches vom Volk wahrgenommen wird. Betrachtet man die Entwicklung zur Mediengesellschaft, so erscheint es geradezu logisch, dass aus einem zunehmenden Kundgebungszwang auch das theatralische Handeln in den Medien und für sie zunimmt. Die Rolle des Publikums ist dabei passiv, jedoch nicht irrelevant - denn es kann zwar nicht handeln, beeinflusst aber das Handeln des Politikers: „Nur Menschen, nicht Strukturen können inszenieren - doch Strukturen als verfestigte Erwartungen an Rollen bleiben nicht ohne Relevanz für die Entscheidung, was letztlich auf dem Spielplan steht.“18

Ronald Hitzler gibt in seinem Aufsatz „Die mediale Selbstinszenierung von Politikern“19 einen Überblick über die konkreten Anforderungen, die diese erfüllen müssen um einen nachhaltigen Auftritt in den Medien zu bestreiten. Voraussetzung für einen guten Eindruck beim Publikum ist Professionalität, „ein moderat wirkender Interaktionsstil, d.h. der Verzicht auf Gefühlsausbrüche einerseits und auf Verlautbarungs-Gehabe andererseits“20 sowie ein damit einhergehendes angemessenes nonverbales Verhalten bilden die Grundlage für einen authentischen Auftritt21. Die Äußerungen des Politikers müssen leicht verständlich sein und der Zugang zu den Ausführungen muss problemlos sein. Dabei muss die Brücke geschlagen werden zu einem andauernden, positiven, aber unaufdringlichen Auffallen und ständigem Zeigen der multimedialen Präsenz. Nach Meyer werden Politikerkarrieren durch die von den Massenmedien beförderte Personalisierung vorangetrieben. Der potentielle Spitzenpolitiker muss „Farbe“ bekennen, er muss Mut, Kompetenz und Humor zeigen und so seine „menschliche“ Seite unter Beweis stellen. Er muss stets zum richtigen Zeitpunkt in einer Szene auftauchen und darin wie zufällig so agieren, dass er ständig im Gespräch ist. Dem Volk muss suggeriert werden, dass der Politiker auch persönlich für ein von ihm thematisiertes moralisches Anliegen eintreten würde. Jede Selbstinszenierung ist auch eine Staatsrepräsentation und ein sinnstiftender und vor allem ein höchst symbolischer Akt – der Politiker muss ein sowohl politisch als auch sozial geordnetes Leben repräsentieren und erklären können, insbesondere um einen möglichst hohen Grad an Sicherheit zu vermitteln.

[...]


1 „Süddeutsche Zeitung Magazin“, Onlineausgabe 02/2010, Abrufdatum 23.04.2010.

2 „Spiegel Online“, Veröffentlichung vom 25.02.2010, Abrufdatum 23.04.2010.

3 Forsa Umfrage April, Veröffentlichung Onlineausgabe „Handelsblatt“ 07.04.210, Abrufdatum 01.06.2010.

4 Sarcinelli, Ulrich: Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System, 2. üb. u. erw. Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009, 118-121.

5 Ebd. 119.

6 „Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen […].“ Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (Rundfunkstaatsvertrag - RStV) vom 31.08.1991, in der Fassung des Dreizehnten Staatsvertrages zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge vom 10.03.2010 (vgl. GBI. S. 307), in Kraft getreten am 01.04.2010. Abschnitt II, §11, Abs. (1) und (2). http://www.alm.de/111.html Abrufdatum 02.05.2010.

7 Jarren, Otfried/ Donges, Patrick (2006): Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine Einführung. 2. , überarbeitete Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften l GW Fachverlage GmbH: 38.

8 Siller, Peter (2000): Politik und Ästhetik in Politik als Inszenierung. Nomos Verlagsgesellschaft: Baden-Baden. 11.

9 Vgl. Meyer (2000)

10 Arnold, Sabine R./ Fuhrmeister, Christian/ Schiller, Dietmar (1998): Politische Inszenierung im 20. Jahrhundert: Zur Sinnlichkeit der Macht. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag: 10

11 Bürgerliche Öffentlichkeit lässt sich folgendermaßen definieren: „Der repräsentative Parlamentarismus und die moderne Öffentlichkeit entstanden annähernd gleichzeitig im ausgehenden 18. Jahrhundert. Die moderne, auch als »bürgerlich« bezeichnete öffentliche Sphäre war dadurch gekennzeichnet, dass in ihr Privatleute über kulturelle, wirtschaftliche und politische Angelegenheiten räsonnierten und dabei aufgrund der drucktechnischen Entwicklung und der fortschreitenden Alphabetisierung ein stetig wachsendes Publikum erreichten.“ http://www.kgparl.de/projekt-parl-medien.html, Abrufdatum 09.05.2010

12 Arnold/ Fuhrmeister/ Schiller (1998): 10.

13 Meyer, Thomas (1992): Die Inszenierung des Scheins. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. 7

14 Meyer, Thomas (1992): 16.

15 Meyer, Thomas (2000): Die Inszenierung des Politischen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH: 128.

16 Plett, Heinrich F. (1996): Die Aktualität der Rhetorik. München: Fink: 20.

17 Hoffmann, Jochen (2003): Inszenierung und Interpretation. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH: 81.

18 Hoffmann, Jochen (2003): 85.

19 Hitzler, Ronald: Die mediale Selbstinszenierung von Politikern. Eine personalisierte Form der „Staatsrepräsentation“ in: Gauger, Jörg-Dieter/ Stagl, Justin (1992): Staatsrepräsentation. S. 205-222. Berlin: Reimer.

20 Hitzler, Ronald (1992): 207.

21 Inwieweit im Kontext von Inszenierung überhaupt von Authentizität gesprochen werden kann, also von einer Einheit von innerem und äußerem Handeln, ist schwierig zu beurteilen. Diese Kombination bildet nämlich genau betrachtet ein Paradox. In Siller, Peter (2000): Politik als Inszenierung. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft. 15 wird dieses wie folgt beschrieben: „Der Versuch einer Inszenierung von Authentizität verstrickt sich zwangsläufig in ein Paradox, durch das der Begriff der Authentizität zur Leerformel wird. Authentizität als Handeln gemäß der mir eigenen Überzeugung schließt offensichtliche Elemente der Inszenierung im Sinne eines „So tun als ob“ aus. In der expliziten Beanspruchung von Authentizität liegt ein starkes Indiz fehlender Authentizität, da sich das Authentische gerade in der selbstverständlichen und damit implizit bleibenden Einheit von Person und Handeln zeigen kann. Schließlich lässt sich das Attribut der Authentizität überhaupt nur im Rahmen der unmittelbaren und umfassenden Anschauung einer Person vergeben. Die medialen Authentizitätsinszenierungen sind demgegenüber auf extreme Vermittlungen angewiesen, die eben jene Voraussetzung der unvermittelten Anschauung einer Person radikal untergraben.“

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Mediale Inszenierung von Politikern am Beispiel Karl-Theodor zu Guttenbergs
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
44
Katalognummer
V164054
ISBN (eBook)
9783640787449
ISBN (Buch)
9783640787647
Dateigröße
1064 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inszenierung, Beispiel, Karl-Theodor, Politiker, Medien, zu Guttenberg, Mediale Inszenierung, Politische Inszenierung, Medienpolitik, Politische PR
Arbeit zitieren
Verena Kern (Autor), 2010, Mediale Inszenierung von Politikern am Beispiel Karl-Theodor zu Guttenbergs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164054

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