Die Geschichte der Moderne wurde von Prof. Kittsteiner als in drei Stufen verlaufend vorgestellt. In dem vorliegenden Essay wird der von Kittsteiner bereitgestellte Reflexionsrahmen für die Reflexion des Schaffens von Richard Wagner fruchtbar gemacht. Wagner wird als Exponent der Bewegungsmoderne vorgestellt. Gleichzeitig wird skizziert wie er Ideen der heroischen Moderne antizipierte und damit als geistiges Bindeglied zu avantgardistischen Strategien des 20. Jahrhunderts diente.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
II.1 Leiden an der Welt
II.2 Denkstationen auf der Suche nach Erlösung
I.1 Erlösung in der Kunst - Das Gesamtkunstwerk
II. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des Gesamtkunstwerks von Richard Wagner als eine Antwort auf die Entfremdungserfahrungen der Moderne. Ziel ist es, Wagners Schaffen in den Kontext der "Bewegungsmoderne" zu stellen und aufzuzeigen, wie er mit seiner Idee einer Kunstreligion bereits avantgardistische Strategien des 20. Jahrhunderts vorwegnahm.
- Wagners Rolle als Exponent der Bewegungsmoderne
- Das Leiden an der Welt als Triebkraft des künstlerischen Schaffens
- Die Transformation von Kunst zur Ersatzreligion
- Das Gesamtkunstwerk als Synthese von Form und Inhalt
- Die Instrumentalisierung des Mythos zur gesellschaftlichen Sinnstiftung
Auszug aus dem Buch
I.1 Erlösung in der Kunst - Das Gesamtkunstwerk
Nach dieser kurzen Erörterung von Wagners gedanklichem Werdegang, in der skizzenhaft einige der wesentlichen Impulse für sein Denken diskutiert wurden, wird nun die Verwirklichung dieser Positionen in der Kunst betrachtet. Es gilt dabei zu beleuchten, wie Wagner die zukünftige Rolle der Kunst in der Gesellschaft entwirft und wie diese Kunst gestaltet sein solle.
Als Ausgangspunkt seiner konzeptionellen Überlegungen in den Züricher Kunstschriften konstatierte Wagner, dass die vormals vereinigten Künste in Einzelkünste zerfallen seien. Ebenso wie die Gesellschaft, mit der sie ja eng zusammenhingen, sah er sie als desintegriert und nur als Einzelkünste existieren. Kunst sei nur noch „Betrieb“, Luxus für die Reichen und nur „[...] Honig der Musik zwischen dem essigsauren Schweiß des misshandelten Fabrikarbeiters, zur einzig möglichen Linderung seiner Leiden [...]“. Wagner nahm, in Bezug auf die Kunst, einen allmählichen Verfall der Menschheit seit der griechischen Antike an. Dies wird nachfolgend knapp erläutert.
Die Urform des integrierten menschlichen Kunstschaffens sei die attische Tragödie gewesen, denn sie war Produkt der sozialen und religiösen Zusammenhänge der polis und wirkte auf diese zurück. Doch da die antike griechische Gesellschaft selbst schon durch den Makel der Sklaverei belastet gewesen sei, musste diese nach Meinung Wagners untergehen und mit ihr notwendigerweise das Gesamtkunstwerk Tragödie. Desweiteren hätte das rationale, zersetzende Philosophieren der griechischen Denker zum Verfall geführt. Deutlich wird an diesen beiden Kritikpunkten wie Wagner von ihm kritisch empfundene Vorstellungen und Problemstellungen seiner eigenen Zeit schon in der historischen Zeit der athenischen Antike als prekär charakterisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung verortet Richard Wagner als Exponenten der Bewegungsmoderne und führt den theoretischen Rahmen ein, um Wagners Suche nach Erlösung in der Kunst zu analysieren.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Weltleidens als Grundproblematik, die Darstellung der ideologischen Denkstationen Wagners sowie die Analyse des Gesamtkunstwerks als dessen zentrales Lösungsmodell.
II.1 Leiden an der Welt: Wagner wird als Komponist vorgestellt, der das Auseinanderfallen von Mensch, Natur und Kunst als Entfremdung diagnostiziert und hierfür in der Kunst einen Ausweg sucht.
II.2 Denkstationen auf der Suche nach Erlösung: Dieses Kapitel skizziert die Strategien Wagners, von frühen frühsozialistischen Impulsen bis hin zum Einfluss von Schopenhauers Philosophie, die den Fokus von der Liebe auf die Entsagung verschob.
I.1 Erlösung in der Kunst - Das Gesamtkunstwerk: Hier wird Wagners theoretisches Konzept der Resynthese der Einzelkünste analysiert, welches durch den Mythos eine neue gemeinschaftliche Identitätsstiftung erreichen soll.
II. Resümee: Das Resümee fasst Wagners Wirken als Versuch zusammen, in einer zunehmend säkularisierten und entfremdeten Welt durch ein geschlossenes System aus Mythos und Kunst religiöse und soziale Sinnstiftung zu ersetzen.
Schlüsselwörter
Richard Wagner, Gesamtkunstwerk, Moderne, Bewegungsmoderne, Entfremdung, Kunstreligion, Erlösung, Mythos, Musikdrama, Züricher Kunstschriften, Avantgarde, Gesellschaftsutopie, Kulturkunst, Gattungswesen, Ästhetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt Richard Wagners theoretisches Konzept des Gesamtkunstwerks als Antwort auf die gesellschaftlichen und kulturellen Krisenerfahrungen der sogenannten Bewegungsmoderne im 19. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Musikästhetik, Religionsgeschichte, Sozialutopie und moderne Philosophie, insbesondere im Hinblick auf Wagners Rolle als Kritiker bürgerlicher Verhältnisse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, wie Wagner das Gesamtkunstwerk als Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Entfremdung konstruierte und inwiefern er damit bereits avantgardistische Denkweisen antizipierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von Wagners "Züricher Kunstschriften" im Kontext eines von Prof. Kittsteiner entwickelten Reflexionsrahmens für die Stufen der Moderne.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Leiden Wagners an der modernen Welt, seine verschiedenen Versuche der Selbsterlösung durch soziale und ästhetische Konzepte sowie die technische Umsetzung des Gesamtkunstwerks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Kernbegriffe umfassen Richard Wagner, Gesamtkunstwerk, Entfremdung, Kunstreligion, Mythos und Bewegungsmoderne.
Wie beeinflusste Schopenhauer Wagners späteres Denken?
Die Lektüre von Schopenhauers Werk führte bei Wagner zu einem Umschwung von der Hoffnung auf Erlösung durch Liebe hin zu einer Philosophie der Entsagung und der Kontemplation.
Welche Rolle spielt der Mythos bei Wagner?
Der Mythos dient Wagner als archetypisches Medium, das frei von Abstraktion das Allgemeinmenschliche anspricht und so eine kollektive, gemeinschaftsbildende Wirkung entfalten soll.
- Arbeit zitieren
- M.A. Thomas Steller (Autor:in), 2008, Die Kunst der Zukunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164056