Adornos Kulturkritik an den Massenmedien


Essay, 2007

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

„Adornos Kulturkritik an den Massenmedien“

Thema öffentlicher Diskussionen ist oftmals das sinkende Niveau aktueller Fernseh-produktionen. In Deutschland hatte diese Debatte wohl den letzten Höhepunkt, als Marcel Reich-Ranicki den deutschen Fernsehpreis ablehnte und in einem anschließenden Gespräch mit Thomas Gottschalk den Inhalt heutiger Sendungen als „falsch, schlecht, und übel“ bezeichnete. Die Reaktionen auf diesen Rundumschlag gegen das heutige TV-Programm waren überraschenderweise, neben Vorwürfen elitärer Arroganz, überwiegend positiv. Wie zu erwarten, blieb jedoch eine entsprechende Reaktion der Regie führenden Intendanten aus.

Den Produzenten der Massenmedien und auch den meisten Konsumenten ist bewusst, dass die „Quote“ das Programm bestimmt. Als gängige Rechtfertigung dieses Mechanismus dient die Annahme, dass das Programm von Menschen wohl so gewünscht bzw. sozusagen demokratisch legitimiert ist. Demnach müsste die Qualität des Fernsehens primär durch den Willen der relevanten Zuschauergruppen zu erklären sein. Vorweggenommen kann gesagt werden, dass Adorno der Kritik von Reich-Ranicki wohl zugestimmt hätte. Ziel der kritischen Theorie ist es jedoch nicht, die Zuschauer wegen ihres schlechten Geschmacks für den Inhalt der Kulturprodukte verantwortlich zu machen. Die Bedürfnisse werden vielmehr als legitime Anpassung an die Funktionsweisen des Systems und als von den Massenmedien geformt verstanden.Ziel dieses Essays soll es sein, die zentralen Thesen Adornos zur Kulturindustrie anschaulich darzustellen. Zentral sind hierbei die Charakteristika heutiger Kulturprodukte, Konsequenzen für Mensch und Gesellschaft sowie die Wechselwirkung zwischen Subjekt und Massenmedien. Ein Fazit soll die gewonnenen Erkenntnisse kritisch bewerten.

Hauptteil

Zentral für Adornos Kulturkritik ist die Unterscheidung zwischen Kunst bzw. traditioneller Kultur und den Produkten der Massenmedien. Erstere haben nach dessen Überzeugung den Anspruch, nicht nur ein Abbild der Realität zu sein, sondern immer auch Einspruch gegen die verhärteten Verhältnisse zu erheben. Die Kunst, so heißt es im Text „Prolog zum Fernsehen“, habe es mit dem Protest des von der Zivilisation verschandelten Unbewussten zu tun.[1]

Die heutige Kultur, im allgemeinen unter dem Begriff der Massenmedien zusammengefasst, habe diese Funktion jedoch verloren. Seien es Fernsehen, Radio oder der Film, die Produkte seien allesamt zur Ware verkommen. Vor diesem Hintergrund wählten Horkheimer und Adorno ganz bewusst den Begriff der Kulturindustrie. Denn analog zu den Produzenten der Industrie, regiert auch im Bereich der Medien das Dogma der Profitmaximierung. Auch wendet sich eine solche Beschreibung gegen den „verharmlosenden“ Begriff der Massenmedien, welcher eine nützliche Funktion für die Massen suggeriert.

Die Trennlinie zwischen der Kultur als Ware und den Produkten geistiger Autonomie wurde oftmals als unhaltbare Dichotomie kritisiert. Nach Adorno ist die Unterscheidung jedoch als eine idealtypische Illustration der Verhältnisse zu verstehen:

Die Autonomie der Kunstwerke, die freilich kaum je ganz rein herrschte und stets von Wirkungszusammenhänge durchsetzt war, wird von der Kulturindustrie tendenziell beseitigt (...). Der Unterschied zwischen Kunst und Kulturindustrie ist dann der, dass diese zwar immer auch Ware war, jene aber stets durch und durch nur Ware ist.“[2]

Zwar kann im Rahmen dieses Essays nicht genauer auf den Unterschied zwischen dem Gebrauchswert und Tauschwert eines Objekts eingegangen werden, dennoch lohnt es sich, näher auf den Warencharakter heutiger Produkte und insbesondere auf die Folgen für das Bewusstsein der Konsumenten einzugehen. Adorno hat zu diesem Zweck besonderen Wert auf die Inhaltsanalyse der Produkte gelegt. Grundlage für seinen Text „Fernsehen als Ideologie“ war beispielsweise das Material aus vierunddreißig Fernsehspielen [=Fernsehsendungen; S.N.]. Im Ergebnis konstatiert er den Inhalten dabei eine ideologische Starrheit, welche eine Art Verdopplung der Wirklichkeit nach sich zieht. Im Gegensatz zur traditionellen Kunst, welche den eigentlichen Gehalt nicht direkt vermittelt, sondern im günstigsten Fall über den Kontext des gesamten Werkes eine Aussage entfaltet, beschränke sich die Botschaft der Kulturindustrie auf das Immergleiche, sich ständig Wiederholende. Die Produkte aus Film, Radio, Magazinen etc. bilden demnach ein geschlossenes System und sollen dem Zuschauer zu verstehen geben:

„wenn du Humor hast, gutmütig bist, rasch-geistig und charmant, brauchst du dich nicht allzusehr über deinen Hungerlohn aufzuregen; du bleibst doch immer noch, was du bist.“[3]

Als Beispiel nennt Adorno in diesem Zusammenhang eine damals preisgekrönte Fernsehsendung über das Schicksal einer jungen Lehrerin. Unterbezahlt und an den Auflagen des Direktors leidend, versucht diese durch zahlreiche Tricks, beispielsweise Versuche sich von Bekannten zum Essen einladen zu lassen, sich durchs Leben zu schummeln. Auch wenn die Pläne jedes mal aufs neue scheitern, scheinen dabei ihre glücklichen Eigenschaften als Entschädigung für ihr armseliges Los. Um für diesen Essay ein aktuelles Beispiel dieses propagierten Menschenbildes zu finden, genügte ein flüchtiger Blick auf den Inhalt aktueller Fernsehserien. So sind die Protagonisten der bekannten Serie „King of Queens“ bereits in der ersten Folge vor das Problem gestellt, aufgrund eines Hausbrandes sich den ohnehin kleinen Wohnraum mit zwei weiteren Personen teilen zu müssen. Zahlreiche Konflikte entstehen und Lösungsversuche, wie z.B. die Verlegung des Fernsehraumes in das Schlafzimmer oder aber das Aufstellen von verbindlichen Regeln, scheitern jedes mal an unvorhersehbaren Folgen. Bezeichnend wirkt auch das Ende der Folge, wenn die Hauptdarsteller - welche wie oben skizziert, dem „Wahnsinn“ geistig überlegen wirken - ihre Probleme erkennen, diese jedoch als Schicksal akzeptieren. Nicht demütig, sondern in dem Wissen, zu sein, was man ist.

Zwar werden dem Zuschauer alltägliche Probleme serviert, letztendlich predigt der Inhalt jedoch eine Anpassung an die bestehenden Verhältnisse. Adorno hat dieses Prinzip auf anschauliche Weise formuliert:

„Die Ordnungsbegriffe, (...) [welche die Kulturindustrie; S.N.] einhämmert, sind allemal solche des status quo. Sie werden unbefragt, unanalysiert, undialektisch unterstellt, auch wenn sie keinem derjenigen mehr substantiell sind, die sie sich gefallen lassen. Der kategorische Imperative der Kulturindustrie hat, zum Unterschied vom Kantischen, mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken.“

Die Parallelen der Darstellungen sind unverkennbar groß. Wenn man bedenkt, dass zwischen Produktionen ca. 50 Jahre liegen, spricht dies zudem für den starren Charakter der Ideologie. Auch würden sich beim Blick ins Fernsehprogramm etliche weitere Beispiele finden lassen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass Adorno diesen Inhalt nicht nur spezifischen Sendungen attestiert. So lässt sich der Warencharakter auch bei den untschiedlichsten Produkten und Niveaus, sei es im Fernsehen, Radio oder Film, feststellen.

Warum die Menschen trotz dieser Eintönigkeit immer mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen, im Jahr 2005 waren es im bundesdeutschen Durchschnitt 210 Minuten täglich, erklärt Adorno durch die Abhängigkeit der Rezipienten. Dabei fungiert die Kulturindustrie sozusagen als Schmerzmittel gegen unerfüllte Bedürfnisse. Zur Passivität verdonnert, sitzt der Zuschauer vor dem Fernseher und träumt von der romantischen Liebe oder dem Leben im Luxus. Dass diese Wünsche jedoch meist nicht in Erfüllung gehen, zeigt die Realität. Aufzugeben braucht man die Bedürfnisse jedoch nicht, da man vor dem Bildschirm sieht, dass es anderen nicht besser geht und die Chance auf eine endgültige Befriedung besteht. Die Botschaft laut also nur, dass jeder aufsteigen kann, das Glück jedoch vom Schicksal verteilt wird.[4]

Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist nach Adorno und Horkheimer, seien es die Auswirkungen auf das Individuen oder die Gesellschaft, der einer Anti-Aufklärung. Die Bildung eines autonomen, unverfälschten Geistes werde verhindert und das Bewusstsein an die bestehenden Verhältnisse gefesselt. Zwar erkennt auch Adorno, dass auch die Einstellung der Konsumenten gegenüber der Kulturindustrie gespalten ist, zwischen dem vorschriftsmäßigen Spaß und einem verborgenen Zweifel an ihren Segnungen, dennoch mahnt er den Einfluss nicht zu unterschätzen.[5] Neben Auswirkungen der starren Ideologie auf das Bewusstsein der Konsumenten, bestehe zudem die Gefahr eines steigenden Phantasieverlustes. Dem Beobachter sei es letztendlich unmöglich das Programm und dessen Inhalt zu bestimmen. Diese erzwungene Passivität des Rezipienten, das Nicht-Eingreifen-Können in das kulturelle Geschehen, seien es TV-Formate oder Sportveranstaltungen, führe zur Entmündigung des Menschen. Auch würden die Kulturprodukte zwar durchwegs Eigenschaften wie Promptheit, Beobachtungsgabe oder Versiertheit vermitteln, eine geistige Aktivität dem Beobachter jedoch geradezu verboten, wolle er nichts von der Flut an Informationen verpassen.

Dem Argument, die Massenmedien würden nützliche Funktionen für die Gesellschaft übernehmen, kann Adorno kein Verständnis entgegenbringen. So wird oftmals angeführt, dass unabhängige Medien die nötigen Informationen bereitstellen, welche eine Basis für öffentliche Diskussionen und die eigenständige Meinungsbildung bieten. Im Sinne der kritischen Theorie sind die Kulturschaffenden jedoch weder unabhängig, da die Produktauswahl dem Primat der Profitmaximierung unterliegt, noch kann deren Inhalt als pluralistisch oder informativ bezeichnet werden. Auch gibt es Stimmen, die den heutigen Kulturprodukten eine Sinn stiftende bzw. ordnende Funktion für die Gesellschaft zuschreiben. Dieser Effekt kann zwar nicht bestritten werden, zu fragen ist jedoch, inwiefern dieser auch wünschenswert ist. So heißt es in Adornos Text „Résumé über die Kulturindustrie“: „Die Berufung auf Ordnung schlechthin, ohne deren konkreten Bestimmung; auf die Verbreitung von Normen, ohne das diese in der Sache oder vorm Bewusstsein sich auszuweisen brauchten, ist nichtig. Eine objektiv verbindliche Ordnung, wie man sie den Menschen aufschwätzt, weil es ihnen an einer fehlte, hat keinerlei Recht, wenn sie es nicht in sich und den Menschen gegenüber bewährt, und eben darauf lässt kein kulturindustrielles Produkt sich ein.“[6]

Unschwer zu erkennen ist, dass die zentralen Inhalte gänzlich im Interesse der herrschenden Klasse liegen. Falsch wäre nach Adorno jedoch die Annahme, der Charakter heutiger Kulturprodukte sei das Resultat einer Verschwörung der herrschende Klasse, sozusagen ausschließlich als Mittel zur Beruhigung der Massen gedacht. Dieser manipulative Effekt tritt natürlich ein, sein Ursprung liegt jedoch nicht im Kalkül einer kleinen Elite, sondern ist nach Adorno den allgemeinen Gesetzen des Kapitals entsprungen. Ähnlich wie die Produzenten der Metall-, Chemie oder sonstigen Industriezweige, würden sich auch Kulturschaffende den allgemeinen Marktmechanismen unterwerfen. Nicht als Beweis, aber als erstes Indiz dient hierbei der Verweis auf die Herkunft der Kulturindustrie. Um Millionen Konsumenten zu erreichen, war es notwendig, die Bedürfnisse mit Standardgütern zu beliefern. So hat nach Adorno erst der Zwang, sich als ästhetischer Experte dem Geschäftsleben einzugliedern, den Künstler erst gänzlich an die Kandare genommen.[7] Die Technik machte eine solche Serienproduktion zwar möglich, ihr kann nach Adorno jedoch kein eigenständiges Bewegungsgesetz unterstellt werden, sondern lediglich ihrer Funktion in der Wirtschaft.

Weiter seien die Eliten zutiefst in das kapitalistische System eingebunden. Erfolg und somit auch Einfluss auf die Kulturprodukte hat demnach nur der, wer sich in das System eingliedert. So heißt im Text „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“: „Der Sache näher kommt schon die Erklärung durchs Eigengewicht des technischen und personellen Apparats, der freilich in jeder Einzelheit als Teil des ökonomischen Selektionsmechanismus zu verstehen ist. Hinzutritt die Verabredung, zumindest die gemeinsame Entschlossenheit der Exekutivgewaltigen, nichts herzustellen oder durchzulassen, was nicht ihren Tabellen, ihrem Begriff von Konsumenten, vor allem ihnen selber gleicht.“[8]

Die Gründe für diese Entwicklung sind nach der kritischen Theorie jedoch nicht als monokausaler Funktionszusammenhang zu verstehen. Wie bereits oben skizziert, gibt nach Adornos Überzeugung die Kulturindustrie vor, Bedürfnisse zu befriedigen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass gerade der Wunsch der Zuschauer nach Befriedigung den manipulativen Charakter der Produkte prägt. Die geistige Verfassung des Publikums, so Adorno, die vorgeblich und tatsächlich das System der Kulturindustrie begünstigt, ist also ein Teil des Systems, nicht aber dessen Entschuldigung. Die Entwicklung des Inhaltes, muss demnach als ein Zirkel aus Manipulation durch die Kulturindustrie und rückwirkendem Bedürfnis der Konsumenten verstanden werden, in dem sich die Einheit des Systems immer dichter zusammenschließt.[9]

[...]


[1] Adorno, Theodor W.: Kultukritik und Gesellschaft II. In: Gesammelte Schriften Band 10.2, Frankfurt/M. 1977, S. 515.

[2] Kausch, Michael: Kulturindustrie und Populärkultur. Kritische Theorie der Massenmedien, Frankfurt/M. 1988, S. 84.

[3] Adorno, Theodor W.: Fernsehen als Ideologie. In: Gesammelte Schriften Band 10.2, Frankfurt/M. 1977, S. 515.

[4] Kausch (1988, S. 91).

[5] Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie. In: Gesammelte Schriften Band 10.1, Frankfurt/M. 1977, S. 341.

[6] Adorno (1977, S. 343).

[7] Vgl. Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1984², S. 154.

[8] Horkheimer/Adorno (1984², S. 154).

[9] Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie. In: Gesammelte Schriften Band 10.1, Frankfurt/M. 1977, S. 342.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Adornos Kulturkritik an den Massenmedien
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Adornos Soziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
9
Katalognummer
V164118
ISBN (eBook)
9783668750302
ISBN (Buch)
9783668750319
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Adorno, kritische Theorie, Kulturindustrie, Marx, dialektik
Arbeit zitieren
Nikolai Schön (Autor), 2007, Adornos Kulturkritik an den Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164118

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