Adornos Gesellschaftsbegriff


Essay, 2008

9 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhalt

„Adornos Gesellschaftsbegriff“

Hauptteil

Fazit

Verzeichnis der verwendeten Literatur

„Adornos Gesellschaftsbegriff“

In der modernen Soziologie sind Begriffe wie Wissensgesellschaft oder Informations-gesellschaft schon längst zum Schlagwort vieler Diskussionen geworden. So gilt beispielsweise das Wissen in manchen Theorien als die entscheidende Produktivkraft der Zukunft. Auch wenn soziologische Thesen natürlich weit über ihre Schlüsselbegriffe hinausgehen, scheint es dennoch sehr gewagt, etwas so komplexes wie die Gesellschaft bzw. gesellschaftliche Prozesse der globalisierten Welt unter einem möglichst passenden Begriff subsumieren zu wollen. Zunächst ist ganz gleich welchen Hintergrund diese Beschreibungsversuche haben, sei es ein menschliches Bedürfnis die Welt in Schubladen zu packen oder der Versuch eines Wissenschaftlers, sich unter den Kollegen einen Namen zu machen. Fest steht jedoch, dass es in der Soziologie verschiedenste Versuche gibt, sich dem Gegenstand der Gesellschaft zu nähern. Thema dieses Essays ist die dialektische Herangehensweise Adornos. Dabei soll sowohl auf Argumente der kritischen Theorie eingegangen werden, welche sich gegen eine Definition des Gesellschaftsbegriffs wenden als auch der Gegenstand im Sinne Adornos beschrieben werden. Die eher allgemeinen Ausführungen zur Gesellschaft genießen dabei notwendigerweise eine große Aufmerksamkeit. Auch wenn das spezifisch dialektische der Gesellschaft somit zunächst in den Hintergrund rückt, garantiert ein solches Vorgehen ein Verständnis für die Thematik. Abschließen soll der Essay mit einem Fazit, welches die gewonnen Erkenntnisse kritisch bewerten soll.

Hauptteil

Oftmals wird unter dem Begriff der Gesellschaft die Gesamtheit aller, in einem bestimmten Zeitabschnitt lebenden, Menschen begriffen. Einer solchen Umschreibung folgen nicht nur Disziplinen wie das Recht, in welcher im juristischen Sinn die Gesellschaft als ein Verbund mehrerer Personen beschrieben wird, sondern in ähnlicher Weise auch einige Sozialwissen-schaftler. Für Max Weber ist beispielsweise die Gesellschaft ein Netzwerk von Individuen, das sich durch soziale Beziehungen zwischen den Individuen auszeichnet.[1] Auch für Georg Simmel „ist Gesellschaft im weitesten Sinn (...) da vorhanden, wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten.“[2]

Natürlich gehen diese Definitionen bereits über ein bloßes nebeneinander hinaus, doch inwiefern sich Klassiker der Soziologie von der zuerst genannten Umschreibung des Gesell-schaftsbegriffs abheben, kann im Rahmen dieses Essays leider nicht diskutiert werden. Fest steht jedoch, dass es genügend Ansätze gibt, den Gesellschaftsbegriff für die Wissenschaft funktional zu definieren. Des Weiteren charakteristisch für viele Definitionen – für den späteren Gedankengang des Essays wichtig – ist die zentrale Stellung des Individuums. Ein solches Vorgehen scheint gerade für eine Wissenschaft von der Gesellschaft, wie es die Soziologie ist, zunächst notwendig. Denn nur eine möglichst präzise Definition des Gegen-standes macht ein wissenschaftliches Arbeiten damit erst möglich. So hängt die Nachvollzieh-barkeit von Texten immens von der inhaltlichen Interpretation zentraler Begriffe ab.

Eine Gegenposition, welche an Hand mehrerer Argumente entwickelt wird, vertritt Adorno. Bevor nun dessen Gesellschaftsbegriff diskutiert wird, kann vorweggenommen werden, dass er diesen nicht definiert bzw. eine Definition des Begriffs für unmöglich hält. Seiner Ansicht nach suggeriert eine Definition, welche Gesellschaft lediglich als die „Totalität der in einem Zeitraum lebenden Menschen [beschreibt, S.N.], (...) dass die Gesellschaft eine von Menschen, dass sie menschlich sei, unmittelbar ein mit ihren Subjekten; als bestünde nicht das spezifisch Gesellschaftliche im Übergewicht von Verhältnissen über die Menschen, deren entmächtigte Produkte diese nachgerade sind.“[3] Demnach sind also nicht die Menschen, sondern die geschaffenen und bestimmenden „Verhältnisse“, auf welche ich noch eingehen werde, ein entscheidendes Moment in der Theorie Adornos.

Geschaffen werden diese Verhältnisse durch einen Funktionszusammenhang zwischen ihren Elementen bzw. den Individuen. Diesen Zusammenhang kann man beispielsweise am Grad der Arbeitsteilung ablesen. So ist gegenwärtig fast jeder Mensch auf die Handlungen Dritter angewiesen und nimmt gleichzeitig eine Position in dem Geflecht aus Funktionen ein. Wie in seinem Aphorismus zum Begriff der „Monade“, welcher in der Biologie die Form eines Einzellers beschreibt, kann also nach Adorno das Individuum als kleinstes Teil des Getriebes Gesellschaft gesehen werden.

Aus diesem Funktionszusammenhang zwischen den „Atomen“ der Gesellschaft heraus, entsteht nach Adorno erst das spezifisch Gesellschaftliche. Erkennen kann man dabei die Gesellschaft beispielsweise an „Verhaltensweisen, die weder rationale Ursachen haben, noch auch - vielleicht nur gar zu sehr – aus der individuellen Psychologie der dabei Beteiligten folgen, sondern die so etwas wie eingeschliffene Riten sind.[4] Beispiele hierfür wären traditionales Handeln im Weberschen Sinne, oder aber auch kollektive Verhaltensweisen, welche nur allzu schwer aus der Logik heraus erklärt werden können. Als Erklärung für solche Phänomene und Handlungen dient das spezifisch Gesellschaftliche, also Zwänge, denen sich jedes Mitglied fügen muss.

Nach Adorno resultieren diese Zwänge primär aus dem Tauschgesetz des kapitalistischen Systems. Als Tauschgesetz ist hierbei das Prinzip „Ware gegen Geld“ gemeint, welches einen abstrakten Handel erst ermöglicht. Inwiefern der Tausch nach Adorno in seinem Wesen abstrakt ist, wie der Warenkreislauf des Kapitalismus sich von vorhergehenden Tauschformen unterscheidet und welche Dimensionen der „Tausch“ in der kritischen Theorie annimmt, kann im Rahmen dieses Essays leider nicht dargestellt werden. Wichtig ist zunächst, dass die Gesellschaft objektive Strukturgesetze aufweist – wie z.B. die Zwangsmechanismen - welche sich durch das Tauschgesetz konstituieren. Mit diesem Einwand entgegnet Adorno auch dem Vorwurf, er zeichne lediglich ein Bild der Gesellschaft, in der Alles irgendwie mit Allem zusammenhängt. Denn hinter dem „Tausch“ – welcher für Adorno bis zuletzt der Schlüssel zur Gesellschaft war, verbirgt sich die Herrschaft des Menschen über den Menschen. So verbietet es die Totalität des Systems, sich dem Funktionszusammenhang gänzlich zu entziehen. Jeder ist schließlich, sofern er nicht zu Grunde gehen oder ein ausserordentlich guter Lebenskünstler ist, von Essen, Kleidung, einem Wohnsitz und somit auch vom Kapital anhängig. Dabei ist der Großteil der Gesellschaft gezwungen, sich einem Arbeitsverhältnis zu unterstellen wie auch seine Arbeitskraft zu verkaufen. Von einer ökonomischen Freiheit kann in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden. So drückt sich der gesellschaftliche Zwangsmechanismus auch dahingehend aus, dass fast niemand seinen Traumberuf frei ergreifen kann. Diejenigen, die ihr Ziel doch erreicht haben, mussten sich auf dem Weg dorthin ebenfalls unangenehmer Arbeit widmen.

[...]


[1] Internet: http://fuchs.icts.sbg.ac.at/technsoz/weber.html (aufgerufen am: 4.11.2008)

[2] Ritsert, Jürgen: Einleitung in die Soziologie anhand von Schriften Theodor W. Adornos, S. 44. In: Internet: http://ritsert-online.de/materialien.htm#Vorlesungen_ab_Sommersemester_2004. (aufgerufen am: 8.11.2008)

[3] Adorno, Theodor W.: Soziologische Schriften I. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Band 8, Konstanz 1972, S. 9.

[4] Adorno, Theodor W.: Einleitung in die Soziologie, Frankfurt 1968, S. 65.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Adornos Gesellschaftsbegriff
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Adornos Soziologie
Note
1,6
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V164119
ISBN (eBook)
9783640794102
ISBN (Buch)
9783640794218
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adorno, kritische theorie, gesellschaft, soziologie, tausch, marx
Arbeit zitieren
Nikolai Schön (Autor), 2008, Adornos Gesellschaftsbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164119

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