Henrik Ibsen: Ein Volksfeind

Ein Theaterstück und seine Rezeption in Spanien


Seminararbeit, 1998
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Biografie Henrik Ibsens
1.2 Ibsens Verhältnis zur Figur des Dr. Stockmann

2. Aufbau und Hintergrund des Dramas

3. Die Figuren neben Dr. Stockmann

4. Liberalismus und Bürgertum zur Zeit Ibsens

5. Die Entwicklung des Dr. Stockmann – Psychogramm eines "Anarchisten"?

6. Der Freiheitsbegriff bei Ibsen

7. Der Volksfeind in Spanien

8. Schluss

Literatur

1. Einleitung

1.1 Biografie Henrik Ibsens

Henrik Ibsen kommt am 20. März 1828 in Skien (Südnorwegen) im Hause Stockmanns Gaard1 zur Welt. Sein Vater Knud, ein wohlhabender Kaufmann, gilt als lebenslustig und dem Alkohol zugetan, während seine Mutter Mariechen als eher lebensängstlich und als pietistisch beschrieben wird. Henrik hat vier jüngere Geschwister, doch eine tiefere Beziehung existiert nur zu seiner Schwester Hedwig.

1836 macht Knud Ibsen bankrott, und die Familie siedelt für einige Jahre auf das Landgut Venstøp über. Sowohl diese Niederlage des Vaters als auch das neue Heim hinterlassen in Henrik tiefe Spuren. Er selbst gilt als ernster Junge, der sich gern mit Lektüre beschäftigt.

Als Henrik fünfzehn Jahre alt ist, kehrt die Familie nach Skien zurück; einige Monate später wird er nach Grimstad in eine Apothekerlehre geschickt. Er beginnt dort ein Verhältnis mit einem zehn Jahre älteren Dienstmädchen und hat mit ihr einen 1846 geborenen unehelichen Sohn, für den er vierzehn Jahre lang Alimente zahlen muss. Hieraus ist geschlossen worden, dass Ibsen keine wirkliche Jugend gehabt habe.

Henrik befasst sich früh mit der Politik, vor allem mit den zeitgenössischen in- und ausländischen Freiheitsbewegungen. 1850 geht er nach Christiania (dem heutigen Oslo), wo er 1851 gemeinsam mit P. Botten-Hansen und A. O. Vinje das Wochenblatt Andhrimner herausgibt. Ibsens Plan, Medizin zu studieren, scheitert an der Aufnahmeprüfung. In Christiania begegnet Ibsen dem norwegischen Dramatiker B. Bjørnson; diese Bekanntschaft wirkt sich sehr nachhaltig auf sein späteres Schaffen aus.

1851 wird Ibsen als Bühnenleiter und Theaterdichter nach Bergen berufen, wo er bis 1857 bleibt. 1852 unternimmt er auf Kosten des Theaters eine Studienreise nach Kopenhagen und Dresden, wo er Bühnentechnik und Dramaturgie studiert. Die Zeit in Bergen ist von grundlegender Bedeutung für den Dramatiker Ibsen, hier lernt er auch die Wirkung seiner eigenen Stücke auf der Bühne kennen.

1857 wird Ibsen nach Christiania berufen, um das Nationale Theater zu leiten. 1858 heiratet er Susannah Thoresen, mit der er später einen Sohn hat. Die Ehe ist nicht sonderlich glücklich, da Ibsen sich immer mehr zum Einzelgänger entwickelt. Überhaupt ist die Zeit in Christiania (1857-1864) für ihn nicht einfach: Er befindet sich wirtschaftlich in einer schwierigen Lage, außerdem fehlt es ihm an Anerkennung seiner Dramen.

Das Jahr 1864 bringt eine einschneidende Veränderung. Ibsen war immer ein Verfechter der skandinavischen Einheit gewesen. 1864 findet diese Idee ihr Ende, als Dänemark im Deutsch-Dänischen Krieg die Herzogtümer Schleswig und Holstein an Deutschland verliert, weil ihm Norwegen und Schweden den Beistand versagen. Für Ibsen bricht eine Welt zusammen. Er bezichtigt Regierung, Parlament und Volk der Feigheit und emigriert 1864. Bis 1891 hält er sich in Rom, Dresden und München auf.

Von nun an beeinflusst der "Widerspruch zwischen Wort und Tat" auch sein Schaffen. Sein wichtigstes Anliegen ist es, das Volk zu wecken und es zu lehren, groß zu denken2. Doch im Laufe der Zeit wächst der Zweifel, ob, bevor der geistige Grund und Boden nach jeder Richtung gehörig ausgerodet und gesäubert3 sei, das Dichten überhaupt einen Wert habe.

1891 kehrt Ibsen nach Norwegen zurück und stirbt am 23. Mai 1906 in Christiania.

1.2 Ibsens Verhältnis zur Figur des Dr. Stockmann

Es ist viel darüber diskutiert worden, ob Ibsen sich mit seinen Figuren identifiziert habe. Es gibt Quellen, die dafür sprechen, während andere Quellen diese Annahme in Frage stellen. Ibsen ist außerdem bekannt für seine "Fragezeichen-Schlüsse".

In erster Linie dürfte es in dem naturalistischen Drama Ein Volksfeind jedoch um die naturgetreue und möglichst objektive Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit gehen. Dabei vermeidet Ibsen persönliche Stellungnahmen oder Erläuterungen, die Personen des Stücks offenbaren sich durch ihre eigenen Äußerungen. Gleichzeitig werden die großen Ideologien und pathetischen Reden als Vorwand für persönliche Interessen oder Marotten demaskiert. Die Figuren stellen eher Typen dar als komplexe Charaktere. Dennoch fehlt jede Wertung oder Einteilung in "Gut" und "Böse", denn jede

Person hat ihren persönlichen Hintergrund, der sich auf die jeweilige Lebensgeschichte gründet. Als einzige komplexe Figur, die auch eine persönliche Entwicklung durchmacht, hebt sich der Protagonist, Doktor Stockmann, hervor. Er verteidigt die Position des Individualisten gegenüber der konformistischen und geistig unmündigen Masse.

Ibsen selbst äußerte sich widersprüchlich zu dem Problem der Identifikation mit der Hauptfigur. Folgendes Gespräch mit P. A. Rosenberg vom 3. April 1898 ist uns erhalten geblieben:

Ibsen: "Man spricht hierzulande von meiner Philosophie. Ich habe keine Philosophie. Man nennt mich bisweilen einen Wahrheitsverkünder. Ich bin mir nicht bewußt, eine einzige Wahrheit verkündet zu haben. Oder habe ich das?"

Martinius Nielsen meinte: "Sie haben doch gesagt, ein Mann, der meist allein steht, sei der stärkste."

"Einen Augenblick!" erwiderte Ibsen, "wann habe ich das gesagt?"

"Im Volksfeind !"

"Das sagt doch Stockmann, nicht wahr?"

"Jaa –"

"Ich bin nicht verantwortlich für all das Gewäsch, das er da anbringt."

"Nein, aber man bekommt doch im Lauf der Handlung das deutliche Gefühl, wo Ihre Sympathien stecken." –

"Glauben Sie das zu wissen?" erwiderte er. "Vielleicht irren Sie."4

Im Gegensatz dazu bekräftigte Ibsen in einem Brief an Frederic Hegel vom 9. September 1882:

[...] Doktor Stockmann und ich sind vortrefflich miteinander ausgekommen und in vielen Stücken völlig einig. Aber der Doktor ist unruhiger als ich, außerdem hat er etliche andere Eigenheiten, derentwegen man aus seinem Munde manches dulden wird, was man vielleicht nicht recht akzeptiert hätte, wenn es aus meinem Munde käme.5

Allerdings könnte man auch mutmaßen, dass die Äußerungen gegenüber P. A. Rosenberg dazu dienen mochten, allzu üppigen Spekulationen und damit Schwierigkeiten von Seiten der Presse oder der öffentlichen Meinung vorzubeugen. Immerhin bot das Stück Brisanz genug, um von anarchistischen

Bewegungen, z. B. in Spanien, begeistert aufgenommen zu werden. Doch eine derart überzogen gezeichnete Figur wie Stockmann – einerseits völlig naiv und unschuldig, andererseits fast von Wahnideen besessen – kann es sich erlauben, mit der sprichwörtlichen "Narrenfreiheit" eigentlich ernst gemeinte Dinge ungestraft zu äußern.

Ebenso kurz wie unmissverständlich ist die folgende Äußerung Ibsens, mit Bezug auf sein Stück Die Wildente, über die "freigesinnte, unabhängige Presse" sowie die herrschende Obrigkeit:

Es ist unzulässig, daß Wissenschaftler Tiere zu Tode quälen. Laßt die Ärzte mit Journalisten und Politikern experimentieren.6

2. Aufbau und Hintergrund des Dramas

Das Stück En Folkefiende wurde 1882 fertiggestellt und veröffentlicht. Die Uraufführung fand am 13. Januar 1883 in Christiania statt, es folgten viele weitere Inszenierungen im In- und Ausland. Ibsen schuf mit diesem Fünfakter ein Hauptwerk des europäischen Naturalismus, einer Kunstrichtung, die sich um die naturgetreue, ungeschminkte Darstellung der Wahrheit bemühte, vor allem um die Darstellung des menschlichen Elends und des Banal-Alltäglichen.

Die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten (die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zustände änderten sich im Zuge der Industriellen Revolution dramatisch) war in vielen europäischen Staaten zu einem hochaktuellen Thema geworden, das auf der einen Seite politische Reaktionen bis hin zu Aufständen und Revolutionen zur Folge hatte, auf der anderen Seite aber auch das künstlerische Schaffen beeinflusste. Durch die Verbreitung von Schriften und die Aufführung sozialkritischer Dramen wollte man auf die Situation der verarmten Arbeiterschicht aufmerksam machen. Auch der Volksfeind wurde mancherorts – so zum Beispiel in Spanien – von den revolutionär-anarchistischen Bewegungen aufgenommen und unterstützt. Wie im Folgenden zu sehen sein wird, ist das Drama jedoch vielschichtig interpretierbar.

Wenn dem Stück auch durch die überspitzte Darstellung der Charaktere eine gewisse Komik nicht abzusprechen ist, so besitzt es doch einen tragischen Ausgang und ähnelt in seiner formalen Struktur der klassischen Tragödie (1. Akt: Exposition; 2. Akt: Steigerung des Konfliktes; 3. Akt: Peripetie, Höhepunkt und Wendung im Schicksal des Helden; 4. Akt: Retardation; 5. Akt: Katastrophe).

Ibsen selbst war sich nicht ganz schlüssig, wie er das Stück bezeichnen sollte. So schrieb er am 22. Juni 1882 an Jonas Lie:

Vorgestern habe ich eine neue dramatische Arbeit in fünf Akten abgeschlossen. Ich bin noch nicht sicher, ob ich sie als Lustspiel oder als Schauspiel bezeichnen soll. Sie hat etwas von beidem oder liegt in der Mitte. Das Stück wird im Laufe des Sommers gedruckt, erscheint aber nicht vor dem Spätherbst.7

Vor der Uraufführung in Christiania erteilte der sich zu jener Zeit in Rom aufhaltende Ibsen Ratschläge, die die Inszenierung und die Besetzung des Stücks betrafen: [...] Aber vor allem Naturwahrheit – als ob alles wirklich sei und man etwas sieht, das im Leben vor sich geht. (Brief an Hans Schrøder vom 14. Dezember 1882).8

3. Die Figuren neben Dr. Stockman

Wie bereits erwähnt, ist der Protagonist, Dr. Stockmann, praktisch der einzige komplexe Charakter des Stücks, während die anderen Personen mehr oder weniger Träger typischer Eigenschaften sind. Dennoch wird ihr Verhalten aufgrund ihrer Biografie verständlich gemacht. So verkörpert Stockmanns älterer Bruder, der Stadtrichter Peter Stockmann, die starre Autorität; er ist skrupellos, wenn es um die eigenen Interessen geht. Emil Reich sieht in ihm den Gegenspieler zum Protagonisten, dem Arzt Tomas Stockmann:

In den Brüdern sind sonst zwei sich stets und überall wiederholende Gegensätze vortrefflich kontrastiert. Eine recht gewissenhafte Beamtennatur, die genau ihre Pflicht tut, etwas steif und trocken, ja pedantisch und engherzig, durchdrungen von der Wichtigkeit ihrer Stellung und der Bedeutung ihrer Person, [...]9

Peter vertritt im Stück die konservative Richtung, die herrschenden Gesellschaftsschichten.10

Im Gegensatz zu dem von Leben und Optimismus erfüllten Tomas wirkt Peter erstarrt und verknöchert, ein Mensch von schwächlicher Statur und Gesundheit.

Hovstad, der Redakteur des Volksboten, erscheint als ehrgeiziger Opportunist, dessen Interesse an Stockmanns Ideen nur so lange besteht, wie es seiner Zeitung zugute kommt. Außerdem gilt seine Aufmerksamkeit eher Stockmanns Tochter Petra. Doch wird sein sozialer Hintergrund in einer Regieanweisung von Ibsen selbst beleuchtet:

Hovstad stammt von armen Kätnern ab, er ist in einem ungesunden Heim bei einfacher und unzureichender Kost aufgewachsen, hat gefroren und geschuftet während seiner ganzen Kindheit und später als armer junger Mensch unter vielen Mängeln gelitten. Derartige Lebensbedingungen hinterlassen ihre Spuren nicht bloß in der inneren, sondern auch an der äußeren Persönlichkeit. Heldengestalten des einfachen Volkes kommen in Wirklichkeit nur als Ausnahmen vor. Unter allen Umständen muß Hovstad unter einem Druck leiden, seine Haltung ist eingefallen und gebeugt, etwas unsicher in den Bewegungen. All das selbstverständlich echt und natürlich dargestellt. [...] (aus einem Brief an Hans Schrøder vom 14. Dezember 1882)11

Ibsen unterstreicht mit diesen Worten die Bedeutung einer wertfreien, objektiven Darstellung der Personen. Der Naturalismus schildert den Menschen als Produkt seiner Umgebung (Milieutheorie). Jeder Mensch, sei er noch so schlecht, hat seine Geschichte, aus der heraus sich sein Verhalten erklärt.

Dies mag ebenso auf Billing zutreffen, einen weiteren Mitarbeiter des Volksboten. Billing ist ebenfalls ehrgeizig und opportunistisch: Er bewirbt sich um einen Sekretärsposten beim Magistrat, während er nach außen hin gegen die Obrigkeit kämpft:

[...] dann schlagen wir eben weiter – Schlag auf Schlag, bis die ganze Herrlichkeit der hohen Herren zusammenkracht. Als ich eben da nebenan saß und das da las, da war mir doch wahrhaftig, als hörte ich von weitem die Revolution marschieren.12

Angesichts solcher zwiespältigen Persönlichkeiten wie Hovstad und Billing kann man mutmaßen, wie Ibsen sich den psychologischen Hintergrund eines Revolutionärs vorstellt. Billing selbst scheint eher ein Mitläufer aus Langeweile zu sein, so wie der übrige Mob (vgl. Beginn des 4. Aktes). Auch hegt er Ressentiments gegen die Obrigkeit, die ihm bisher den ersehnten Posten verweigert hat:

[...]


1 Doktor Stockmann ist die Hauptfigur des Dramas Ein Volksfeind – möglicherweise ist dies ein Hinweis auf Ähnlichkeiten zwischen Figur und Autor. Die folgenden biografischen Ausführungen beziehen sich auf: Kramer, Peter: Henrik Ibsen, "Ein Volksfeind" und "Die Wildente". Literaturwissenschaftliche Interpretation und pädagogisch-didaktische Auswertung. Bern/Frankfurt am Main/New York: Peter Lang 1985, S. 21-23.

2 Kramer: Henrik Ibsen, S. 23.

3 Ebda.

4 Hirsch, Rudolf / Vordtriede, Werner (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen, Bd. 10/II: Henrik Ibsen. München: Heimeran 1972, S. 107.

5 Ebda., S. 97.

6 Hirsch / Vordtriede (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen, S. 109.

7 Hirsch / Vordtriede (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen, S. 96.

8 Ebda., S. 102.

9 Reich, Emil: Henrik Ibsens Dramen. Zwanzig Vorlesungen gehalten an der Universität Wien. Dresden: E. Pierson's Verlag 1906, S. 257.

10 Ebda., S. 259.

11 Hirsch / Vordtriede (Hrsg.): Dichter über ihre Dichtungen, S. 101.

12 Ibsen, Henrik: Ein Volksfeind. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1996, S. 47. [In den nachfolgenden Fußnoten bezieht sich "Reclam" auf diese Ausgabe.]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Henrik Ibsen: Ein Volksfeind
Untertitel
Ein Theaterstück und seine Rezeption in Spanien
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
PS "Anarchismus und Literatur: Federico Urales"
Note
2,3
Autor
Jahr
1998
Seiten
22
Katalognummer
V164177
ISBN (eBook)
9783640790647
ISBN (Buch)
9783640790388
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Henrik, Ibsen, Volksfeind, Theaterstück, Rezeption, Spanien
Arbeit zitieren
Ursula Wojciechowski (Autor), 1998, Henrik Ibsen: Ein Volksfeind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/164177

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